Titel
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Der Pelzemärtel

von Franz Graf von Pocci (1807–1876)

Die Winde sausen um das Haus,
Es stürmt daher der Winter,
Nun schaut Pelzmärtel Nikolaus
Nach euch sich um, ihr Kinder.
Da will ich sehen, was er sagt,
Wenn er nun Vater und Mutter fragt,
Ob ihr auch brav gewesen.

Horch! Kommt er nicht die Trepp’ herauf?
Hört ihr nicht poltern und schnaufen?
Ja wohl, er ist’s! – Die Tür geht auf –
Ihr braucht nicht fortzulaufen,
Und dürft auch nicht erschrecken
Vor Ruten und vor Stecken,
Sieht er auch gleich zum Fürchten aus!

Nun schaut er rings die Kleinen an
Und spricht: »Ihr frommen Kinder,
Ihr sollt mir alles Gute ha’n!
Ich bring’ euch für den Winter
Hier Äpfel und Birnen und Mandelkern’,
Lebkuchen und Nüsse und Zuckerstern’;
Da, füllt euch Kappen und Taschen!«

Die Kinder klauben und freuen sich sehr;
Doch finster brummt der Alte:
»Nun gebt mir die bösen Buben her,
Die trag’ ich mit fort zum Walde!«
Der Vater spricht: »Sie sind alle brav
Und brauchen weder Zank noch Straf«;
Sie folgen und lernen mit Freuden!«

Da sagt der Märtel: »’s freut mich doch,
Daß wir euch Freude machten;
Seid nur recht brav, dann gibt’s auch noch
Gar fröhliche Weihnachten!
Ade, ihr Kinder! Bleibt nur hier!« –
Nun schlurft er wieder hinaus zur Tür
Und stolpert die Stiege hinunter.

Doch horch! wie schrein im Nachbarhaus
Die bösen Knaben und Mädchen!
Ha, sieh! der Nikolaus kommt heraus,
Im Sack den Fritz und das Gretchen.
Nun hilft kein gutes, kein böses Wort:
Der Pelzemärtel trägt sie fort
Zu den Wölfen und Bären im Walde.

Das Niklasschiff

von Paul Keller (1873–1932)

Zu mir kam der Nikolaus nie. Dagegen in jedem Jahr zu unserem Nachbarssohne, dem reichen Mühl-Karl. In der Schule zeigte er mir dann an jedem 6. Dezember die schönen Sachen, die er geschenkt bekommen hatte.

Ich muß sagen, daß ich einen Groll auf den Nikolaus hatte. Auch dann noch, als mir meine kluge Tante sagte:

»Siehst du, wir haben so ein kleines Haus, da ist es schon leicht möglich, daß es der Nikolaus übersieht. Denn er ist nun doch einmal ein alter Mann.«

Das ließ ich mir eine Reihe von Jahren gefallen, als ich aber zehnjährig war, beschloß ich, mich an den Weg zu stellen, dem Nikolaus aufzulauern und ihn auf unser kleines Haus aufmerksam zu machen.

Um halb acht käme er immer, hatte mir der Karl verraten. Gut, um halb acht Uhr stand ich auf der Straße vor der Mühle und paßte auf.

»Herr Nikolaus«, wollte ich sagen, »bitte schön, ich wohne dort drüben! Dort in dem kleinen Haus, wo der Kastanienbaum davorsteht! Wenn Sie bis an den Kastanienbaum herangehen, werden Sie das Haus schon sehen. Ich kann den Katechismus besser als der Karl, und ich hab bei der Schulprüfung eine Prämie gekriegt, und er nicht!« So wollte ich sagen. Ich hatte lange nachgedacht über diese Ansprache und konnte sie sehr gut auswendig.

Ach, es war eine von den vielen schönen Reden, die nicht gehalten werden. Denn als der Nikolaus wirklich kam, ein großer Mann mit einem wilden, langen Bart, mit einem umgedrehten Zottelpelz und einem Strohseilgurt, da verließ mich der Mut, und ich wäre hinter dem Lattenzaun, wo ich steckte, fast gestorben vor Angst, als er vorbeiging.

Erst als er weit weg war, kriegte ich all meine Courage wieder und schrie nun wie besessen:

»Herr Niklas! Herr Niklas! Ich wohne dort drüben – dort in dem kleinen Hause — bei dem Linden-, nein, bei dem Kastanienbaume, hören Sie, bei dem Kasta-nien-baume!« Er wandte sich nicht um, er verschwand in der Mühle.

Ich zitterte am ganzen Leibe, und zornige Tränen kamen mir in die Augen. Ich würde auch dieses Jahr nichts kriegen. Das war klar! Denn der Niklas hatte die Ohren verbunden gehabt.

Außerdem — die zwei wichtigsten Dinge, Katechismus und Schulprämie, hatte ich vergessen.

In dieser Nacht lag ich eine qualvolle, lange Viertelstunde schlaflos wach im Bette. Ich wußte, daß ich nie wieder glücklich sein würde im Leben. Aber dann kam der große Tröster, der so wonnig zu lügen versteht, der Schlaf. Er löschte meine Leiden aus und stellte ein holdes Glück an ihre Stelle. Er erzählte mir, ich hätte zwei Bleisoldaten vom Nikolaus erhalten, einen blauen und einen roten.

Am anderen Tag hatte richtig der Mühl-Karl wieder eine Menge Sachen mit in der Schule. Ich wollte anfangs nichts davon ansehen, als er aber ein kleines Holzschiffchen auf die Schulbank stellte, war es aus mit meiner Selbstbeherrschung.

Ach, es war ein süßes, süßes Schiffchen! Es hatte einen Mastbaum und zwei Segel, ja sogar einen kleinen, eisernen Anker. An der Seite stand der Name des Schiffes: „St. Niklas“.

Das weiß ich heute noch, wie ich damals plötzlich den Kopf auf die Schulbank legte und bitterlich zu weinen anfing. Die anderen Kinder lachten anfangs, dann redeten sie auf mich ein; zuletzt lief einer nach dem Lehrer, der drüben in seiner Wohnstube frühstückte.

Denn es war eine Dorfschule, und der Unterricht hatte noch nicht begonnen. Ich sagte auch dem Lehrer den Grund meiner Tränen nicht. Aber ich hörte auf zu weinen. Ein wilder Trotz überkam mich. An diesem Tage ließ ich den Mühl-Karl die Rechenaufgaben nicht abschreiben, und als er Hiebe bekam, freute ich mich. Hiebe! Da hatte er es nun mit seinem Schiff. Da hätte nur mal jetzt der Niklas zum Fenster reingucken sollen, wie sein geliebter Mühl-Karl über dem Stuhl lag und ich so stolz in der Bank saß und eine Tafel hatte, auf der alles richtig herauskam!

Oh, ich war auf dem Wege, ein schlechter Kerl zu werden! Ich bekam nicht einmal Gewissensbisse, als mich auf dem Heimweg der Karl trotz allem, was vorangegangen war, freundlich einlud, mit ihm am Nachmittag das Schiffchen auf dem Mühlbach schwimmen zu lassen.

Nein, ich schlug es grob ab. Ja, ich setzte etwas hinzu, was mir nur in der tiefen Verbitterung meines Herzens einfallen konnte:

»Überhaupt sind wir mit euch verfeindet! Denn mein Großvater hat mit deinem Vater einen Prozeß wegen des Brunnens gehabt, und da hat mein Großvater alles unschuldig bezahlen müssen.«

So wurde aus der Feindschaft der Alten auch eine Feindschaft der Kinder. Das mit dem Prozeß stimmte. Denn wir hatten mit den Müllersleuten einen gemeinsamen Brunnen, und wo ein gemeinsamer Brunnen ist, muß auch ein Prozeß sein.

Es vergingen fast zwei Wochen. Der Mühl-Karl bekam öfter Prügel in der Schule. Der Lehrer fand, daß er nicht nur im Rechnen, sondern auch namentlich im Aufsatz sehr zurückgegangen sei. Du lieber Gott! Der Lehrer hatte 110 Schüler in vier verschiedenen Klassen; der konnte wirklich hinter die Schliche solcher Intriganten, wie ich einer war, nicht kommen.

Zu meiner Ehre kann ich wahrheitsgetreu angeben, daß ich mich nach und nach über die Prügel, die der Mühl-Karl bekam, nicht mehr freute. Wenigstens nicht mehr so heftig wie am 6. Dezember.

Am 20. Dezember trat der Karl auf dem Heimweg abermals an mich heran: »Komm doch heute mit mir Schiffel fahren!« sagte er.

Ich sehe noch jetzt, wie bittend ihm die braunen Augen aus dem roten robusten Gesichte leuchteten. Einen Augenblick schwankte ich. Aber der Groll siegte. »Gelt, daß ich dich dafür morgen abschreiben laß! Ich werde mich schön hüten!« Und ich wandte ihm den Rücken.

Es war eine schwere Schuld, die ich auf mich lud.

Am selben Tag, kurz ehe die Dämmerung hereinbrach, sah ich die Müllerin schreiend über den Hof laufen, gleich hinterher rannte der Müller, dann die Dienstboten, zuletzt humpelte sogar die lahme Mühlgroßmutter bis vors Tor. Und ein bißchen später brachte der stärkste Knecht aus der Mühle den Karl getragen.

Er hatte mit seinem Schiffchen gespielt und war in den eiskalten Mühlgraben gefallen.

Zuerst war alles in mir stumpf und still. Eine Schadenfreude überkam mich nicht; dafür war ich zu sehr erschrocken. Bloß die Neugierde war in mir, was jetzt werden würde.

Aber dann, als es finster wurde, immer finsterer, als immer noch nicht unsere Lampe angezündet wurde, wurde ich so unruhig, so schwer unruhig.

Der Großvater war still, die Tante sagte kein Wort. Und kein Licht – kein Licht! Der Sturm fing an zu gehen. Vor dem Sturme am Abend, dem finsteren Sturme, hatte ich immer Angst.

Ich rückte zum Feuer. Aber unser Hund knurrte mich an, weil ich ihn verscheuchte.

Ein Wagen rumpelte draußen. Wir gingen alle ans Fenster. Es war des Müllers Glaswagen mit zwei Laternen.

»Sie bringen den Doktor«, sagte der Großvater. Und die Tante sagte: »Wer weiß!«

Da packte mich etwas an der Kehle, und als ich die Tante fragen wollte, was sie gemeint habe, brachte ich kein Wort heraus. Wenn er sterben müßte!

Oh, ich war ein kleines, dummes Büblein, hatte keine verfeinerte Seele, aber ein nacktes, blutzartes Herz, das von einem jähen Angstweh durchschnitten wurde, als ihm Tod und Schuld so nahe traten.

Ich bekam keine Luft; ich schlich hinaus, dann rannte ich über die Höfe hinüber zum Müllerhaus. Ich stand eine Weile frierend vor der Tür, dann kam eine Magd, die ich fragen wollte.

Der Doktor könne nichts versprechen, sagte sie, und der Karl läge mit offenen Augen, aber er könne nicht reden und auch nicht hören.

Langsam kehrte ich um. Ich lehnte lange an Müllers Gartenmauer; ich setzte mich endlich auf unsere Haustürschwelle und starrte hinüber nach den beleuchteten Fenstern.

So fand mich die Tante und brachte mich zu Bett.

Ich dachte unausgesetzt an Karl. Einen einzigen Trost hatte ich – daß er die Augen offen hatte. Wenn sie nur nicht zufielen! Ich streckte meine Hände aus auf der Bettdecke und stellte mir vor, daß ich Mühl-Karls Augendeckel offenhalten könnte.

Ja, ich mußte sie offenhalten – mußte! Wäre ich mit ihm gegangen, dann wäre er nicht ins Wasser gefallen. Nun durften die Augen nicht zufallen! Nein, nein, sie durften nicht zufallen!

Und ich hielt zwischen Daumen und Mittelfinger je ein Stückchen Bettzeug und dachte immer, es seien Karls Augendeckel.

Einmal fiel mir ein, wenn der Karl stürbe, hätten wir einen Tag keine Schule und könnten das schöne Lied »Wo findet die Seele die Heimat« singen.

Aber der Gedanke, der mich sonst bei Todesfällen im Dorf immer begeistert hatte, erfror diesmal an einem inneren Frost, der mir die Glieder schüttelte. Und Daumen und Mittelfinger preßten sich fester zusammen.

Zuletzt wollte ich beten. Und in seiner großen Angst demütigte sich mein Herzlein, und ich betete zum Nikolaus, dem einzigen Heiligen, von dem ich glaubte, ich sei mit ihm verfeindet. Ich stellte ihm gar inständig vor, daß er ja sehr recht täte, wenn er mir nie etwas schenke, weil ich doch so schlecht sei; aber über den Karl möge er sich erbarmen und ihn gesund werden lassen, denn dem Karl sei er doch von jeher sehr gut gewesen.

Drei Tage vergingen. Am Brunnen hatte ich täglich der Marie, des Müllers Magd, aufgelauert.

Ja, er hätte immer noch die Augen offen, hatte sie mir gesagt.

Wenn die Augen so lange offenstehen, wird er schon gesund werden, tröstete ich mich. Aber die Sorge, sie möchten zufallen, verließ mich nicht, und ich grübelte auch immer schmerzlich darüber nach, warum denn der Karl nichts sehen könne, wenn er doch die Augen offen habe. Ich versuchte es eifrig, mit offenen Augen nichts zu sehen, aber es gelang nicht. Ich sah sogar am Abend und in der Nacht. Endlich hielt ich’s nicht länger aus und befragte meine freundliche, kluge Tante. Sie besann sich eine Weile, dann sagte sie:

»Weißt du, der Karl hat jetzt keine Seele.«

Das war am 23. Dezember gewesen. Es war gut, daß wir schon keine Schule mehr hatten, denn ich hätte nicht ein einziges bißchen lernen und aufpassen können. Ich dachte jetzt immerfort daran, daß der Karl keine Seele mehr hatte.

Wo die Seele hin sei, darüber zersann ich mir den Kopf Stunde um Stunde. Daß sie nicht im Himmel sein konnte, wußte ich, da der Karl noch nicht gestorben war.

Wo war die Seele hin?

In der Nacht auf den 24. lag ich lange wach. Das kleine Herz schlug schnell und laut, die Hände irrten auf dem Deckbett hin und her, der Kopf brannte. Es war so heiß in der Kammer.

Und da fiel mir’s plötzlich ein.

Wie der Karl ins Wasser gefallen ist, ist die Seele herausgegangen aus seinem Munde und im Bach ertrunken.

Mit einem Ruck saß ich aufrecht im Bette. Ich fror zum Erbarmen, und doch lief mir der Schweiß über das Gesicht.

Die Seele! Karls Seele! Ins Wasser gefallen! Ertrunken! Hilflos ertrunken! O Gott!

So eine Seele ist etwas Zartes, Feines, etwas in einem dünnen, weißen Hemdchen. Wenn das in den eisigen Mühlbach fiel und darin ertrank und erfror!

Es ist mein bitterer Ernst, wenn ich sage, daß ich nie wieder im Leben so heiß und hoffnungslos gelitten habe wie damals, da sich die Krallenfinger der Angst und Reue zum erstenmal in mein wehrloses Herz eingruben.

Damals hörte ich das erstemal die Mitternachtsstunde schlagen.

Nach langer Zeit war ich so erschöpft, daß ich halb betäubt ins Bettchen zurücksank. Und in der schweren Müdigkeit kam dem kleinen Kämpfer endlich ein milder Trostgedanke.

Das Schifflein! Das Schifflein war ja auch im Wasser gewesen. Vielleicht hatte sich Karls Seele an das Schifflein angeklammert!

Am Heiligabendtage ging ich frühzeitig zum Brunnen. Ich mußte lange warten, dann kam die Müllermagd.

»Hat er die Augen noch offen?«

»Nein, seit gestern abend hat er sie zu!«

»Ist er – gestorben?«

»Jetzt ist er noch nicht gestorben.«

Sie füllte ihre Kannen und ging. Unbeweglich schaute ich ihr nach, wie jemandem, der die letzte Hoffnung fortträgt. Er war noch nicht gestorben! Aber er hatte die Augen schon zu! Es schien mir der Augenblick der höchsten Gefahr.

Die Seele mußte ich suchen – die Seele!

Ich eilte durchs Hoftürchen hinaus aufs Feld, über einen Ackerweg, auf den Mühlbach zu. Die Glieder bebten mir in eisiger Angst, aber ich ging. Ach, ganz fertig brachte ich es doch nicht! Abseits vom Bache rannte ich flußaufwärts. Ich spähte sehnsüchtig verlangend hinüber, aber die Füße blieben mir in den Löchern des Sturzackers gefangen.

Dort war die große Esche. Dort war er hineingefallen. Noch einmal überkam mein Kinderherz eine heiße Todesangst. Dann aber sah ich den Karl vor mir liegen mit geschlossenen Augen, und laut aufweinend vor Furcht und Sorge rannte ich hin zur Esche.

In der Nacht war ein milder Frost gekommen, der hatte eine dünne Eisdecke über den Bach gespannt. Spiegelglatt lag die glitzernde Fläche vor mir. Eine lächelnde tote Fläche!

Gefroren! Nun war sie nicht mehr zu finden! Nun steckte sie unter dem Eise! Langsam schlich ich den Bach hinab. Einmal schrak ich zusammen, als ich etwas Weißes im Eise sah. Aber es war nur eine Luftblase.

Da gab ich alle Hoffnungen auf. Der Kopf schmerzte mich, die Füße strauchelten oft und glitten aus. Und eine schneidende Todeskälte stieg vom Bache herauf.

Es war eine traurige Wanderung für ein Kind am Heiligen Abend.

Und da traf mich das Wunder! –

Eingefroren, nicht weit vom Ufer weg, stand Karls kleines, süßes Holzschifflein. »St. Niklas« stand daran, und der Wind spielte leicht mit den kleinen Segeln.

Drinnen aber im Schiff lag etwas Weißes.

Mit glühenden, weiten Augen starrte ich hin.

Zuerst fiel mir ein, es möge ein verwehtes Blatt sein, das der Reif so weiß gemacht habe. Aber bald kam mir eine viel, viel bessere Erkenntnis.

In dem Schiffe war Karls Seele.

Ein bißchen zusammengefroren, ein bißchen bereift in den kalten Winternächten – aber doch Karls kleine, weiße Seele.

Sie hatte sich gerettet! O – alleluja – gerettet! –

Ich rutschte auf den Knien den Bachrand hinab, ich ergriff einen dünnen Erlenzweig und beugte mich weit über das Wasser. Einen Augenblick schwebte ich so zwischen Tod und Leben, dann hielt ich das Schifflein in den Händen.

Keinen Blick warf ich mehr hinein. Nein, das wagte ich nicht. Aber mit hocherhobenen Händen, so wie ein Priester einen heiligen Kelch trägt, so trug ich in dem Holzschiffe Karls Seele heim.

Als der Wind übers weiße Feld fuhr, als mir die großen, schwarzen Vögel über dem Haupte flogen, drückte ich das Schifflein an meine Brust.

Als aber die goldene Sonne durch die Wolken schien, trug ich es wieder hoch in den Händen und ging langsam, glücklich, zuversichtlich Schritt für Schritt.

An des Müllers Tür war eine Klingel. Mit erstarrter Hand riß ich an dem Zuge, daß die Glocke schrill durchs Haus gellte.

Der Müller kam scheltend herausgesprungen. Ich aber stand ruhig und ernst da und sagte so feierlich, als ob ich ein Gebet spräche:

»Ich bringe Karls Schiff! In dem Schiff ist seine weiße Seele!«

Der Müller starrte mich an. Als ich ihm aber so gläubig in die Augen sah, sagte er kein Wort, nahm mir das Schifflein ab und trug es ins Haus.

Und noch ehe die Lichter meines kleinen Christbaumes angezündet wurden, trat der Müller in unsere Stube. Er entschuldigte verlegen sein Kommen und sagte, er freue sich so, denn der Doktor sei eben wieder dagewesen und habe gesagt, der Karl werde nun bestimmt wieder gesund werden. Das komme er sagen, weil wir doch öfter hätten nachfragen lassen.

Der Großvater und die Tante waren freundlich zum Müller. Ich sagte kein Wort. Auch dann wich das andächtige Schweigen der Freude nicht von mir, als der Müller fortfuhr:

»Gerade als euer Paul das Holzschiffchen brachte und so sehr mit unserer Klingel läutete, ist der Karl aufgewacht aus seinem Schlafe und hat die Besinnung wiedergehabt. Und uns sind allen die Augen übergegangen, weil doch euer Paul meinte, in dem Schiff bringe er Karls Seele.«

Nikolaus – die Legende

Der Heilige Nikolaus war Bischof von Myra (heute türkische Mittelmeerküste) und starb der Legende nach am 6. Dezember 345. In seinem Schaffensgebiet wurde er schon früh wegen der Erinnerung an seine Güte verehrt. Im 6. Jahrhundert wurde er zum bekanntesten Heiligen des byzantinischen Reiches und der orthodoxen Kirche. Aus dieser langen Tradition heraus ist er bis heute der beliebteste Heilige Rußlands, wo er als Schutzpatron der Alten und Armen, der Seefahrer und Reisenden gilt.

Zwei Jahrhunderte später war der Nikolauskult dann auch in Rom verbreitet. Die große Beliebtheit in den westlichen Ländern verdankt er allerdings der byzantinischen Kaisertochter Thephanou, die 972 Kaiser Otto II. heiratete und damit die Nikolausverehrung in das Heilige Römische Reich Deutscher Nation einführte. Nur wenige Jahre später wurden die ersten Nikolauskirchen gebaut.

Wie alle christlichen Heiligen ist auch der Nikolaus eine heidnisch-christlich-volkstümliche Mischung, die bei einer solchen universellen Symbolfigur des Guten allerdings schwer auseinanderzusortieren ist. So zeigt der Nikolaus zum Beispiel zeigt Züge des Wunscherfüllers Wotan, seine Fruchtbarkeitswunder sind typisch für Thor und so weiter. Auch die Dreieinigkeit, die sich in vielen Nikolauslegenden findet, stammt aus weit vorchristlicher Zeit. Andererseits ist Nikolaus von Myra (abzüglich der Wunder) einer der wenigen christlichen Heiligen, die tatsächlich eindeutig historisch belegt sind. Dem wiederum steht gegenüber, daß die Kirche Heilige im allgemeinen erfand, um bestimmte nichtchristliche Glaubenspraktiken (Götter, Feste, Brauchtum) aufzufangen und so die Menschen zum Christentum zu verlocken. Eindeutig nichtchristlich ist Nikolausens Rute, die auf der germanischen Lebensrute beruht: Das sanfte Schlagen mit der Rute ist an sich keine Bestrafung, sondern soll alte Sünden vertreiben. Zugleich soll die Berührung mit den lebenden Trieben deren frische Lebenskraft auf den Menschen übertragen.

Luther hielt die Nikolausverehrung (wie so oft irrtümlich) für eine katholische Tradition und wollte sie abschaffen. Aber die Bräuche waren bereits zu fest verwurzelt und vor allem zu beliebt, um sich einfach streichen zu lassen. Wegen seiner allgemeingültigen positiven Eigenschaften haben viele Gruppen den Nikolaus zu ihrem Schutzpatron erkoren … von den Bergarbeitern über die Notare bis zu den Reisenden.

Den Legenden entsprechend wird Nikolaus als Bischof mit drei Goldkugeln, Brot und Schiffen dargestellt.

Die bekanntesten Legenden in aller Kürze:
Das Kornwunder: Nikolaus veranlaßte, daß ein kaiserlicher Kapitän das Korn, mit dem sein Schiff beladen war, an die Hungernden von Myra verteilen ließ, ohne daß die Ladung des Schiffes schrumpfte.

Die Seenot: Einige Schiffer kamen auf hoher See durch große Stürme in Seenot. Nikolaus erschien ihnen und geleitete sie sicher in den Hafen.

Stratelaten: Nikolaus rettete drei unschuldig zum Tode Verurteilte sowie drei irrtümlich angeklagte Feldherren vor dem Galgen, indem er dem Kaiser im Traum erschien und die Sache aufklärte.

Mitgift: Nikolaus schenkte einem Vater dreier Mädchen die Mitgift, damit alle drei ehrbar verheiratet werden konnten.

Nikolaus – Brauchtum

Als Gabenbringer der Kinder ist der Nikolaus seit 1555 schriftlich belegt, als der evangelische Theologe Kirchmeyer schrieb: »Vor dem St.  Nikolaustag legen Mütter für ihre Kinder Geschenke und eine Rute bereit. Die Kinder freuen sich darauf und legen ihre Kerbhölzer, in die sie ihre guten Taten einkerben, für Nikolaus bereit, sowie Futter für sein Reittier!« Nikolaus’ Gaben waren Nüsse, Kletzenbrot und Dörrobst, aber auch Kleidung oder andere nützliche Dinge.

Im Mittelalter wählten Klosterschüler am Vorabend des Nikolausfestes einen »Kinderbischof«. Dieser zog die Gewänder eines Bischofs an und besuchte die Klosterschule, um die Schüler zu bestrafen und zu belohnen. Ab dem 17. Jahrhundert kam der Nikolaus dann selbst mit einem Begleiter zu den Kindern, um sie zu beschenken oder zu tadeln. Aufgrund der Ablehnung des Nikolaus durch Luther und mit dem Wechsel vom Nikolaustag zur Weihnacht als Tag des Schenkens begann allmählich auch der Wandel vom Nikolaus zum Weihnachtsmann.

Im 19. Jahrhundert setzte die Verweltlichung des Nikolaus ein: Er kam nun auch zu nichtchristlichen Kindern und wurde zunehmend vermarktet. Da gleichzeitig auch Weihnachten ein immer weltlicheres Fest wurde und das Christkind für Marketingzwecke ungeeignet war, trat in allem, was mit Geschäftemacherei zu tun hat, immer mehr der »Weihnachtsmann« in den Vordergrund. Ihm fehlt natürlich aller Zauber von Nikolaus und Christkind, aber da er so traditions- und bedeutungslos ist, läßt er sich eben besser finanziell ausschlachten. Gleichzeitig erhielt der Nikolaus im 19. Jahrhundert vom Maler Moritz von Schwind sein heutiges Aussehen mit rotem Mantel, Bischofsmütze und langem weißen Bart. Die Verschmelzung von Nikolaus, Knecht Ruprecht und Weihnachtsmann kommt in vielen Weihnachtsgedichten des 19. Jahrhunderts zum Ausdruck, in denen Nikolaus oder Knecht Ruprecht die Weihnachtsgeschenke bringt.

Auch der heute allgegenwärtige Santa Claus (der auf typisch amerikanische Art ausgezogen ist, die ganze Welt seinem Kommerz untertan zu machen, und somit überhaupt nichts erfreuliches mehr an sich hat) stammt erst aus dieser Zeit. Einen eher drahtigen St. Nicolaus, der den Kindern Gaben brachte, hatte man schon aus Europa mitgebracht, doch die füllige Figur und die Verbindung mit Weihnachten kamen erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Weltweite Verbreitung fand dieser Pseudonikolaus, als Coca Cola ihn um die Jahrhundertwende für eine globale Werbekampagne in den Firmenfarben mißbrauchte.

Auch in Rußland ist der Nikolaus in dieser Form als Ded Moroz, Väterchen Frost, eher eine neue Erscheinung. Auch Väterchen Frost trat erstmals im 19. Jahrhundert auf. Nach der Oktoberrevolution wurde das christliche Weihnachten (da die orthodoxe Kirche nach dem alten Kalender rechnet, fällt Weihnachten auf den 7. Januar) zusammen mit dem Julianischen Kalender abgeschafft und stattdessen das neue Neujahrsfest am Abend des 31. Dezember mit vermischten Weihnachts- und Silvesterbräuchen eingeführt: Tanne, Ded Moroz und dessen Begleiter Schneeflocke (Mädchen) und Neujahr (Junge).

Nikolausens Begleiter

Im Süden heißt er Krampus, im Norden Knecht Ruprecht. Eigentlich ist er die Zusammenfassung älterer finsterer Wintergestalten in einer einzigen Figur, und so haben sich in manchen Gegenden auch andere Namen erhalten. Im Südwesten zum Beispiel Hans Trab oder Trapp nach einem Hofmarschall des Kurfürsten von der Pfalz, der seine Bauern im 16. Jahrhundert so drangsalierte, daß er zum Kinderschreck wurde.

Der nördliche Knecht Ruprecht ist eigentlich kein Begleiter, sondern eine Verschmelzung des strafenden Krampus und des gabenbringenden Nikolaus. Er trägt pelzbesetzte Kleidung, für die bösen Kinder eine Rute und über der Schulter einen Sack voller Geschenke für die braven Kinder.

Traditionell ist der Krampus aber eine Art Teufel, der den Nikolaus begleitet, um die Bösen zu bestrafen – für die braven Kinder bringt der Nikolaus Geschenke, die bösen steckt der Krampus in seinen Sack. Er ist jedoch erheblich älter als die christliche Tradition und gehört zu den Gestalten und Bräuchen, die den Menschen nicht abzugewöhnen waren und die daher in veränderter Form in die christliche Tradition übernommen wurden. Die Mittwinterzeit ist schließlich von jeher die Zeit, in der alle möglichen Geister und Dämonen ihr Unwesen treiben, und die Einführung des Christentums änderte nichts daran, daß die dunkelste Jahreszeit für die Menschen finster und bedrohlich war. Diese Bedrohung wurde in Form verschiedenster Schreckgestalten ausgedrückt, die sich von Gegend zu Gegend stark unterschieden. Im Alpenraum gibt es zum Beispiel die schon seit der Antike bekannte Percht, die Schicksalsfrau und Seelenbegleiterin, die auf die Einhaltung der sozialen Ordnung achtet und Verstöße bestraft. Anderswo gibt es den Erbsbär, der ein Zottelgewand aus Erbsenstroh trägt. Er symbolisiert den Kampf zwischen Sommer und Winter und ist von einem Engel und einem Teufel begleitet.

Nachdem der Nikolaustag heute ebenso wie Weihnachten fast ganz auf den Kommerz beschränkt ist, hat der Krampus keine Funktion mehr und bleibt frustriert zuhause. Nur in ländlichen Gegenden bekommen die Kinder in der Zeit vor dem Nikolaustag noch zu hören: »Wenn du nicht brav bist, holt dich der Krampus.«

Das heutige Lied

Zu Bethlehem geboren

Zu Bethlehem geboren
ist uns ein Kindelein,
das hab ich auserkoren,
sein eigen will ich sein.
Eja, eja, sein eigen will ich sein.

In seine Lieb versenken
will ich mich ganz hinab,
mein Herz will ich ihm schenken
und alles, was ich hab.
Eja, eja, und alles was ich hab.

O Kindelein, von Herzen
dich dich will ich lieben sehr,
in Freuden und in Schmerzen,
je länger mehr und mehr.
Eja, eja, je länger mehr und mehr.

Dazu dein Gnad mir gebe,
bitt ich aus Herzensgrund,
daß ich allein dir lebe,
jetzt und zu aller Stund.
Eja, eja, jetzt und zu aller Stund.

Dich, wahren Gott, ich finde
in unserm Fleisch und Blut;
darum ich mich dann binde
an dich mein höchstes Gut,
eie, eia, an dich, mein höchstes Gut.

Laß mich von dir nicht scheiden,
knüpf zu, knüpf zu das Band
der Liebe zwischen beiden;
nimm hin mein Herz zum Pfand,
eia, eia, nimm hin mein Herz zum Pfand!

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