Bäume leuchtend, Bäume blendend,
Überall das Süße spendend,
In dem Glanze sich bewegend,
Alt und junges Herz erregend -
Solch ein Fest ist uns bescheret,
Mancher Gaben Schmuck verehret;
Staunend schaun wir auf und nieder,
Hin und her und immer wieder.
Aber, Fürst, wenn dir’s begegnet
Und ein Abend so dich segnet,
Daß als Lichter, daß als Flammen
Vor dir glänzten allzusammen
Alles, was du ausgerichtet,
Alle, die sich dir verpflichtet:
Mit erhöhten Geistesblicken
Fühltest herrliches Entzücken.
Das gräfliche Paar strich unproduktiv und in keiner Weise zum Wiederaufbau Deutschlands beitragend die Straßen entlang. Dunkelblaugrau war der Weihnachtsnachmittag, sacht nahm der Beleuchter das Licht aus den Soffitten und verdunkelte langsam die Rampe … Die ersten Lichter in den Stuben zwinkerten.
Die Ausgestoßenen wandelten durch die Straßchen, keiner familienhaften Weihnachtsfeier teilhaftig. Der kalt glitzernde Schnee knirschte unter ihren Schritten, nur wenige Goslarer gingen hastig, bepaketet und festlich zur Eile getrieben, dahin. Durch die Fensterchen funkelten die Lichter der ersten Weihnachtsbäume, man ahnte die Freude, und wenn man genau hinhörte, roch es gebraten und warm.
Da feierten sie. Es feierte der sächsische Industrielle, der sich seine Tarifverhandlungen durch die Reichswehr führen ließ; es feierte der Offizier, der mit der einen Hand für die gefangenen Brüder an der Ruhr focht und mit der andern die Brüder aus Thüringen in die Schutzhaft sperrte, daß es nur so knackte. »Ihnen gilt in erster Linie unser Weihnachtswunsch nach Frieden und Freiheit«, hatte unser Reichskanzler durch den Rundfunk weitergegeben. ›Ihnen‹ – damit meinte er natürlich die in Thüringen und Sachsen. Oder war er auf eine andre Wellenlänge eingestellt? Da umstand den Weihnachtsbaum der Landgerichtsrat, der in Hannover einen kleinen ostgalizischen Devisenschieber zu acht Monaten Gefängnis verurteilt hatte; es zündete an die christlichen Lichter jener Richter, der Kaufleute freigesprochen hatte, weil sie einer Frauensperson aus Köln ob ihres Umgangs mit Franzosen die Zöpfe abgeschnitten hatten: sie alle feierten warm und wohlbehalten Weihnachten. Manche Fenster waren dunkel: vielleicht heulte hinter ihnen in der Kälte eine Frau, deren Mann in einem Gefängnisloch hockte, stumpfsinnig, und von Gott und dem Ausnahmezustand geschlagen, den sein Präsident über ihn verhängt hatte. Hatte sich Christus der Sünder erbarmt – der Wehrkreiskommandeur dachte über diesen Fall anders.
Das gräfliche Paar hob die Köpfe. Gesang? Gesang quoll über die Häuser, zog linde durch die schneidend kalte Luft. Und Orgelklang … Sie gingen ihm nach und kamen an eine Kirche. Graf und Gräfin Koks traten ein. Weihnachten! Das hohe Fest der christlichen Kirche – wie wurde das gefeiert?
In einem steinkalten Raum standen lieblos geputzte Tannenbäume. Man sang recht und schlecht und falsch. Ein fahles Dutzendpublikum füllte die Bänke und machte hoffnungslos stumpfe Gesichter. Auf diesen Gesichtern stand: Brotkarte, Tarif, Wohnungsamt, Abbau, Tarif, schematischer Abbau, Tarifabkommen.
Ein Gehaltsempfänger in schwarzem Behang schritt auf die Kanzel und sagte auf, wozu er verpflichtet war. Aber getragen vorgebrachte Papiersätze sind noch kein Pathos, und so wurde auch dies keines. Nicht ein Wort, das einen anging, nicht ein Wort, aus dem die geistige Not dieser Zeit sprach – nicht ein Wort davon, daß so vieles zerbrochen, so vieles neu, aber unvollkommen geboren ward … Zitate aus der (inzwischen verfilmten) Bibel zierten die Ansprache, und was darüber war, bewegte sich auf dem Niveau einer Weihnachtsbetrachtung des ›Berliner Lokal-Anzeigers‹. Die Masse saß starr und stumpf; der einzige natürliche Laut in diesem Raum war das selbstvergessene Lallen eines Kindes, das, mit dem Finger im Mund, selig in die flimmernden Kerzen guckte und von Gott und diesen seinen Vertretern noch nichts wußte. Der sorgsame Küster hatte die Tür abgeschlossen, die gräflichen Besucher konnten nicht herausgelangen und hingen nun mit gekreuzten Beinen an den Lippen des verehrten Redners. Er sprach die angenehme und klare Mundart der niedersächsischen Gegend, die einen der saubersten Dialekte Deutschlands hat. Aber was er sagte, mußte selbst den jammern, in dessen Namen er zu sprechen vorgab … Es war zum Gotterbarmen.
Das gräfliche Paar begab sich elastischen Schrittes auf den Heimweg. Oben, auf dem Turm der . . . kirche stand ein Bläserchor und tat das Seine. Die kuppelüberdachte Plattform, die aussah wie die Spitze eines Baumkuchens, war schwach erhellt, weihevoll und erschröcklich schief drangen die Töne von »O du fröhlicheee« herunter in das Weltgewühl von mindestens zweiundvierzig Passanten. Das war hübsch. Welch ein Anachronismus, dieses Weihnachten! Man denke sich in den irren Lärm der drei berliner Börsensäle ein Weihnachtslied gespielt – es paßte nicht ganz dorthin. Aber man denke sich dort: ›Yes, we have no bananas!‹ – Rhythmus, Melodie und Text würden nur noch aufreizender, noch aufregender, noch bejahender wirken. Fatal, daß so viele Leute nur Weihnachten feiern, weil so viele Leute Weihnachten feiern.
Das Paar ging zur Ruhe. Gute Nacht.
Die einen sagen »Weihnachtsbaum«, die anderen »Christbaum«. Streng genommen bezieht sich »Christbaum« lediglich auf die christliche Tradition, »Weihnachtsbaum« hingegen auf das ins Altertum zurückreichende Fest der Weihnacht (mehr dazu am Tag der Weihnacht, also der Wintersonnwende).
Immergrüne Bäume und Sträucher waren von altersher ein Symbol der Fruchtbarkeit, da sie scheinbar nicht dem Kreislauf von Werden und Sterben unterlagen. Dieser Eigenschaft wegen galten sie auch als Mittel zur Abwehr allerlei Unheils, von Blitzen, Dämonen und Hexen. Sie spielten bei allen Ritualen, die eines besonderen Schutzes bedurften, eine Rolle und sind zum Beispiel in Form des Maibaums und Firstbaums bis heute erhalten geblieben. Eine ganz besondere Rolle kam ihnen jedoch in allen Winterfesten zu, bei denen sie mit Äpfeln, dem Symbol der Unsterblichkeit, geschmückt wurden, die als Gaben an den Baum gedacht waren. Möglicherweise rührt daher der moderne Brauch, die Geschenke unter den Baum zu legen. In Nordeuropa stellte der immergrüne Baum auch die Verbindung zum mythologischen »Baum des Lebens« her. Insbesondere in den kälteren Breiten wurde der immergrüne Baum in der Gefahr des Winters zum Symbol der Gewißheit, daß das Frühjahr den Winter überwinden wird. Im Süden Europas wurden die Häuser und Ställe mehr mit einzelnen Zweigen als mit ganzen Bäumen geschmückt, doch die Symbolik war dieselbe: immergrüne Efeu-, Stechpalmen- oder Mistelzweige zu Ehren der Götter, die die Wiedergeburt der Natur gewährleisten (Saturn, Mithras).
Nach Erfindung des Christentums bemühten sich die christlichen Kirchenmänner auch bei diesem »heidnischen« Brauch ebenso entschlossen wie erfolglos um Ausrottung. Der Glaube an die segenbringende Kraft des Lebensbaumes bzw. der Lebensrute war zu tief verwurzelt. Einig sind sich alle Quellen darin, daß der christliche Weihnachtsbaum aus Deutschland stammt. Dabei werden im wesentlichen zwei Entwicklungswege gezeichnet: Die trotz aller Verbote beibehaltene vorchristliche Tradition des immergrünen Schmuckes, der den Segen der Götter sichern soll, und die Umdeutung des Lebensbaumes der nordischen Mythologie zum christlichen Paradiesbaum.
Die christliche Legende (nicht die später im Sinne der Machthaber sorgfältig zensierte und editierte kanonisierte Bibel) übernahm den mythologischen Baum des Lebens als Baum der Erkenntnis ins Paradies. Im Gegensatz zur byzantinischen Kirche, die Adam und Eva zu den Gerechten zählte und am 1. Advent feierte, deutete die römische Kirche die Geschichte schon bald um: Da Eva schlecht wegkommen und für alles Elend der Welt verantwortlich gemacht werden sollte, mußte auch Adam abgewertet werden. Dem irdischen Adam wurde der göttliche Jesus gegenübergestellt, die menschliche Eva im unbefleckten »Ave (Maria)« gespiegelt und das sinnenfrohe Paar gemeinsam zum Inbegriff der Vertreibung aus dem Paradies gestempelt. Man gedachte des Paares zwar noch, aber nur noch im Zusammenhang mit dem Sündenfall, und sein Feiertag stand nicht mehr eröffnend am Anfang des Advents, sondern wurde zu einer untergeordneten Rolle am 24. Dezember degradiert. Auch diese lebensfeindliche römische Doktrin wurde in die Geschichte des Lebensbaumes integriert: Als Eva eine Frucht pflückte, schranken Blätter und Früchte des Baumes zu Nadeln zusammen, und seither blüht der Baum nur noch in der Christnacht.
Am 24. Dezember, an dem die Katholiken der Vertreibung aus dem Paradies infolge des Sündenfalls gedachten, kamen im Mittelalter die Paradiesspiele auf, die die Schöpfung der Welt, den Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies inszenierten und an deren Ende das Kommen des Erlösers prophezeit wurde. Im Mittelpunkt dieser Paradiesspiele stand der Paradiesbaum, ein mit Äpfeln behängter Nadelbaum. Im Rahmen der Paradiesspiele, die sich später zu den Krippenspielen weiterentwickelten, erhielt der Lebens-Paradiesbaum sozusagen eine inoffizielle kirchliche Sanktion.
Trotzdem ließ sich der Glaube an den immergrünen Baum der »heidnischen« Weihnacht nie ganz ausrotten. So blieb zum Beispiel in vielen Gegenden der Brauch erhalten, die Bäume zum Jahreswechsel (zu Beginn oder Ende der Mittwinterfeiern) zu beschenken, und in den Häusern wurden weiterhin die mit Lichtern, Obst und anderen symbolhaften Gegenständen geschmückten immergrünen Zweige aufgestellt. Bereits 1419 verschmolz die Freiburger Bruderschaft der Bäckerknechte den vorchristlichen mit dem christlichen Brauch und schmückte einen Baum mit Äpfeln, Birnen, Oblaten, Lebkuchen, Nüssen und Zierat. Zu Neujahr schüttelte der Altknecht den Baum, und die Armen erhielten die Lebensmittel. Trotz der vehementen Ablehnung durch die katholische Kirche übernahmen in den folgenden Jahrhunderten immer mehr Zünfte diesen Brauch. Auch in immer mehr adligen Häusern wurde nun ein mit Gaben und Schmuck behängter Christbaum aufgestellt. Weit über die deutschen Grenzen hinaus bekannt wurde der Christbaum 1815 durch die zum Wiener Kongreß angereisten deutschen Familien.
Als der Druck des Bismarckschen Bespitzelungsstaates zu einem Rückzug der Menschen ins Private führte und das häuslich orientierte Bürgertum immer stärker wurde, hielt der Christbaum ab 1830 auch Einzug in bürgerliche Familien. Leisten konnten sich ihn aber weitem nicht alle, und daran hat sich bis heute nichts geändert.
Über alle diese Entwicklungsstufen vom Lebensbaum der Urzeit bis zum mit allerlei Tand behängten Christbaum von heute wurden jedoch die uralten Farben beibehalten: das Immergrün des Baumes als Symbol für die Wiedergeburt, die roten Äpfel und Schleifen als Symbol des Lebens und das Gold der Kerzen als Symbol des Lichtes.
Puer nobis nascitur
rector angelorum
in hoc mundo pascitur
Dominus dominorum
In praesepe ponitur
sub foeno asinorum
cognoverunt Dominum
Christum regem coelorum
Hinc Herodes timuit
magna cum dolore
et pueros occidit
infantes cum livore
Qui natus de virgine
die hodierna
ducat nos cum gratia
ad gaudia superna.
O et A et A et O
cum cantibus in choro
cum canticis et organov
benedicamus Domino
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