Ein Gloria singend geht die Winternacht
durch Schneegefilde; keines Sternbilds Pracht
schaut aus den schwarzverhüllten Himmeln nieder, –
durch eisbereifte Fenster aber bricht
ins Straßendunkel eine Flut von Licht
und eine Woge kindhaft süßer Lieder.
In Bethlems Tälern nicht, – nicht weltenfern
und himmelhoch glänzt heut der Weihnacht Stern,
nach dessen Strahl die Brust sich sehnend weitet:
die Zeit ist nah, wo licht und hüllenlos,
wo neugeboren aus der Menschheit Schoß
die Liebe durch des Elends Nächte schreitet.
Die Zeit ist nah, wo jede Klage schweigt,
wo jedem Flehn ein menschlich Herz sich neigt,
Das Bruder heißt den Irrenden und Armen, –
wo sich der Keim aus brauner Scholle drängt
und Licht und Wärme als sein Recht empfängt
und nicht als Bettelgabe – aus Erbarmen!
Die Zeit ist nah: schon blüht ein bleiches Rot
im Osten auf, – schon zuckt in heißer Not
ein letztes Wehe durch der Menschheit Glieder;
sie ruft und ringt – der Dämmerung Schleier fällt:
erlösungsfreudig steigt zur dunklen Welt
das Himmelskind, die goldne Liebe, nieder.
Endlich, herzliebste Mutter! kann ich einmal wieder schreiben. Wir haben Nacht und Tag auf die Weihnacht gearbeitet. Dafür ists aber auch eine Freude geworden, wie ich in meinem Leben nicht gesehen habe.
Die Frau Präsidentin macht es recht klug. Alles, was die Kinder das ganze Jahr durch nöthig haben, spart sie auf die Weihnacht. Sie hätten – sagt sie – tausendmal mehr Freude daran, und hielten es viel werther.
Der Herr Präsident ist ein vortrefflicher Herr; aber doch ein bischen sehr ernsthaft, und meint, die Frau Präsidentin mache gar zu viel aus dem Feste, und für die ältesten Kinder sey das ganze Wesen nicht mehr passend. Die Frau Präsidentin aber meint, man könne gar nicht genug aus dem Feste machen. Es sey die traurigste Zeit im ganzen Jahre, und ein wahres Glück für Groß und Klein, daß das Fest gerade in diese Zeit falle. Was den Kindern an Spielen in freier Luft abgehe, ersetze die Freude vor und nach Weihnacht. Sie halte ihren Geist munter, und stärke sie gegen vielerlei Unarten, und mit dem wildesten Buben sey im ganzen Jahre nicht so gut auszukommen.
Das giebt dann der Herr Präsident für die Kleinen wohl zu; spricht aber doch immer von der Unschicklichkeit für die Grossen. Die Grossen, sagt aber die Frau Präsidentin, seyen eben die Hauptsache. Sie wissen Alles, was die Kleinen bekommen, helfen es mit herbeischaffen und zubereiten, und freuen sich tausendmal vorher über die Freude der Kleinen. Sie geben sich auch um diese Zeit ein viel weniger gelehrtes Ansehen gegen sie, schlichten mancherlei Streitigkeiten, eben weil sie Freude im Sinne hätten, mit Güte, und gestern haben sie ihnen noch zugerufen – sie habe es im Nebenzimmer gehört – ach wer will sich denn streiten! hört ihr denn nicht die Glocken? es geht ja auf Weihnacht!
Nun immerhin! – sagte der Herr Präsident, und lachte doch wieder recht freundlich – aber das sag’ ich dir! in meiner Nähe kann ich den Spectakel nicht mehr dulden. Meine Geschäfte leiden darunter.
Der Saal – meinte die Frau Präsidentin – sey ja noch zwei Zimmer von dem seinigen entfernt.
Nichts! nichts! – rief aber der Herr Präsident – der ganze Troß läuft dann von Morgen bis Abend auf und ab, und des Thürzuschlagens wird kein Ende.
So blieb uns dann nichts übrig, als Herrn Stephani’s Vorzimmer; denn im Wohn- und Eßzimmer ist man keinen Augenblick sicher vor den Kleinen. Seit Rosamundens Krankheit war auch Herr Stephani noch keinen Abend zu Hause; sondern entweder bei ihr, oder bei dem Fürsten.
So schaften wir dann in der Dämmerung den grossen Tisch mit allem Zubehör herein, und putzten so prächtig auf, daß die ältesten Kinder vor Freude auf den Stühlen herumsprangen, und die Frau Präsidentin genug zu wehren hatte.
Da nun aber Alles fertig war, umringten sie sie mit einemmale und riefen: ach du allerweltssüsseste Mutter! – so nennen sie sie immer, wenn sie recht bitten wollen – nun thue uns aber noch einen einzigen Gefallen! mach’ es nun einmal ganz so, wie die andern Leute, und laß auch ein Christkind dabei kommen! Sieh! Gretchen kann das Christkind seyn. Gieb ihr dein silberflornes Kleid! Wir haben schon eine Krone von dem Stück Goldstoff, was du uns schenktest, gemacht, und vom Hofgärtner einen Palmzweig dazu bekommen. Wir haben die Krone schon vor acht Tagen gemacht, mochten sie dir aber nicht zeigen. Sonst hättest du es dem Vater gesagt, und der hätt’ es nicht gelitten. Nun aber, wenn es so mit einemmale kommt, wird er sich prächtig darüber freuen. Du weißt es ja! wenn er auch manchmal etwas nicht leiden will, freuet er sich doch nachher darüber, und sagt dann: so, ja so wäre es ganz anders, als er gedacht hätte. Und es macht ja auch gar keine Unruhe, und Gretchen zerreißt dir auch nichts an dem Kleide. O allerweltssüsseste Mutter! thue es nur! Und so liessen sie nicht nach, bis sie endlich Ja nickte.
Nun wurde ich geschwind in der Frau Präsidentin Kammer gezogen, bekam das silberflorne Kleid an, den Palmzweig in die Hand, und die goldene Krone dazu auf. Meine Haare wurden ganz lang herunter gekämmt, und da sie sich ein wenig locken, paßte es recht gut dazu.
Aber es war spät über dem Allen geworden, beinahe wären die Kleinen eingeschlafen; da sie aber das gewöhnliche Zeichen mit der Glocke hörten, wurden sie Alle wieder munter, und stürmten nun mit einemmale herein.
Aber, mein Gott! wie wurde mir! als Herr Stephani, der Fürst und der Herr Präsident hinter ihnen her kamen. Ich stand oben am Tische, und sollte mich gar nicht rühren; hätte aber vor Zittern bald den Palmzweig fallen lassen. Nun wurden mich auch erst die Kinder recht gewahr, und riefen mit einemmale: ach Gretchen! Gretchen ist das Christkind!
Ich hätte in die Erde sinken mögen, so schämte ich mich. Nun trat aber noch Herr Stephani hinzu, und betrachtete mich so erstaunt, als hielte er mich für ein wirkliches Christkind. Darüber kamen mir dann vor Verlegenheit die Thränen in die Augen, und ich wurde so bestürzt und betäubt, daß ich gar nicht mehr wußte, was ich anfangen sollte.
Die Kinder hatten sich indessen an die Spielsachen gemacht; aber Herr Stephani stand noch immer unbeweglich und staunte mich an. Ach Gott! hätte mir ein Mensch von meinem Putze geholfen, ich hätte ihm Alles zu Gefallen gethan. Vor Angst bekam ich entsetzliche Kopfschmerzen, die vielen Lichter blendeten mich auch, und ohne mehr recht zu wissen, was ich that, nahm ich die Krone ab, und gab sie mit dem Palmzweige Herrn Stephani.
Ich wollte nun geschwind hinauslaufen; aber die Knie zitterten mir so schrecklich, daß ich kaum die paar Schritte zur Thüre machen konnte. Das war aber gewiß ein grosses Glück; denn sonst hätt’ ich vor Angst das ganze Kleid zerrissen. Die Frau Präsidentin kam gleich hinter mir her, und sagte, der Herr Präsident habe befohlen, ich solle den Abend mit an ihrem Tische essen. Das war nun gewiß eine grosse Ehre; konnte sie aber doch nicht annehmen; sondern mußte zu Hause gehen, und mich geschwind zu Bette legen. Mir war, als hätt’ ich ein Fieber; fiel aber doch bald in Schlaf, und wachte den andern Morgen, beim herrlichen Glockengeläute, frisch und munter wieder auf.
Ich war wohl eigentlich nicht krank; sondern nur von dem vielen Nähen bis tief in die Nacht, und von dem Schrecken, sehr angegriffen. Nach der Kirche ging ich aber doch gleich wieder zu der Frau Präsidentin. Lieber Gott! was hatt’ ich aber da wieder für ein freudiges Schrecken! In der Frau Präsidentin Stube war für mich beschert. Ich wollt’ es Anfangs gar nicht glauben, daß das Alles für mich seyn sollte. Aber die Kinder riefen immer: ja, Gretchen, es ist Alles für dich! Nimm’s nur! nimm’s nur! es ist Alles für dich! Sieh, das prächtige Clavier und die Harfe, und die Kiste mit lauter feinen weissen Kleidern hat dir der Fürst, das schöne Stück Leinwand und die hübsche Nählade die Mutter, und das Gesangbuch mit Silber beschlagen der Vater, und wir haben dir Alle von unserm Honigkuchen, Zuckergebackenen, Aepfeln und Nüssen dazu beschert. Nimm! nimm! – riefen die Kleinen darein – schmeckt gut, und sollst doch, wenn wir auch unsers aufgegessen haben, Alles behalten, und wollen nichts wieder von dir fordern!
Nun entstand mit einemmale im Nebenzimmer ein Gelächter. Es ist der Fürst und Herr Stephani und der Vater! – flüsterten die Aeltesten – sie haben sich versteckt und zugesehen, wie du erschrocken bist, und dich gefreut hast, und du wirst jetzt eine ordentliche vornehme Dame, und sollst Clavier und Harfe spielen, und Singen und Zeichnen lernen, und gar nicht mehr für die Leute nähen.
Was schwatzt ihr denn da? – sagte endlich die Frau Präsidentin – Laßt doch das arme Mädchen zu sich selbst kommen! Und nun zeigte sie mir Alles und sagte: es sey wirklich für mich, und der Fürst wolle mich Alles lernen lassen, und wenn es die Mutter und der Herr Vetter zufrieden wären, wolle sie mich ganz zu sich ins Haus nehmen. Ich solle es ihr heute gleich schreiben und bitten, daß sie es überlege, und mir bald Antwort gäbe. Es sey ja Alles zu meinem wahren Glücke; denn zu etwas Anderem werde sie nimmermehr rathen.
Das sagte sie auch zu dem Herrn Vetter. Der wurde aber ganz betrübt, und sagte: er werde es nicht verschmerzen, und werde ihm kein Essen mehr schmecken.
Da hieß mich aber die Frau Präsidentin hinausgehen, und sagte, sie wolle mit dem Herrn Vetter allein sprechen. Sie muß ihm gewiß recht zugeredet haben, denn als er zu Hause kam, sagte er: packe zusammen Gretchen, und mache, daß du aus dem Hause kommst. Aber thue’s heimlich, sprich mir nichts von Abschied, und wenn du mich alten Mann nicht kränken willst, so sieh des Tages wenigstens einmal nach mir. Hoffärtig wirst du nicht werden, das weiß ich schon, und so gehe mit Gott! Ich will in die Werkstätte und will’s verarbeiten.
Ich hielt’ ihn aber fest bei der Hand, und sagte: liebster Herr Vetter! sey er doch nicht gar zu betrübt! sonst kann ich nicht aus dem Hause, und was hilft mir all mein Glück, wenn er es nicht ertragen kann?
Ich will’s ertragen – sagte er wischte sich aber die Thränen ab – und jetzt laß mich gehen! Ich will dir ein Andenken machen, das sollen mir die jungen, neumodischen Bursche ungehudelt lassen, und soll Jedermann Respect dafür haben.
Ich aber konnte nun auch das Weinen nicht mehr lassen, und hätte beinahe gewünscht, es mögte ganz anders gekommen seyn. Als ich mich aber recht ausgeweint hatte, wurde ich mit einemmale wieder heiter, und dachte: wie, wenn du nun aber dem Vetter in der einen Stunde, wo du etwa kommen kannst, mehr Freude machtest, als sonst am ganzen Tage? – Kannst ja immer vorher daran denken, kannst ihm ein Gericht, was er gern ißt, oder sonst etwas Angenehmes bereiten, kannst dir die Zeitungen anschaffen, und ihm gleich, ehe er es noch sonst wo erfährt, das Neueste daraus erzählen. Den Mägden kannst du auch immer etwas mitbringen, daß sie besser arbeiten und mit der Frau Base nicht uneinig werden, und wenn sie’s geworden sind, läßt sich auch in einer Stunde viel wieder gut machen.
So dacht’ ich, und packte meine Sachen zusammen. Als ich nun aber Alles ausgeleert hatte, wurde mir doch wieder ganz wehmüthig, und als ich mich endlich in der Dämmerung fortschlich, kam ich doch mit ganz rothgeweinten Augen zu der Frau Präsidentin.
Nun lebe sie wohl, herzliebste Mutter! Ich hoffe doch, daß sie nicht böse darüber wird, daß ich ihre Erlaubniß nicht abgewartet habe. Der Herr Vetter hatte aber keine Ruhe mehr, und sagte: was geschehen müsse, solle gleich geschehen, denn das Aufschieben könne er vollends nicht aushalten, und er wolle es schon bei ihr verantworten. Nun lebe sie nochmals wohl, herzliebste Mutter! Ich wünsche ihr ein fröliches neues Jahr, und bitte Gott, daß er sie auf all ihren Wegen begleite.
Oh ja, auch die Weihnachtsgans ist ein Brauch aus der vorchristlichen Zeit. Die Gans ist das älteste bekannte Haustier des Menschen; schon die alten Ägypter züchteten Hausgänse. Heute gibt es alle Lebensmittel rund um den Jahreskalender – Tomaten im Winter, Orangen im Sommer und Fleisch zu jeder Jahreszeit. Aber es gab auch einmal eine Zeit, in der die Natur noch natürlich war und der Mensch in Einklang mit ihr lebte, statt sie ebenso zu pervertieren und zu zerstören, wie er alles zerstört, was er anfaßt. In dieser Zeit wurde das Vieh nach dem Herbst bis auf die notwendigen Zucht- und Milchtiere geschlachtet und das Fleisch für den Winter haltbar gemacht. Mit der Mast der Tiere wurde Mitte August begonnen, und sie waren um den 11. November schlachtreif. Das große Schlachten läutete den Winter ein. Dann brachten die Germanen den Göttern Gänse als Opfer dar, weil sie befürchteten, in der Ernte könnten sich Dämonen eingenistet haben. Diese Furcht ist leicht zu verstehen, wenn man bedenkt, wie leicht der Getreide- und Fleischvorrat zum Beispiel von Bakterien oder Schädlingen vernichtet werden konnte, was für die Menschen bedeutete, daß sie im Winter hungern mußten und ihn vermutlich nicht überleben würden.
Die Kirchenmänner hatten also guten Grund, den Martinitag ausgerechnet auf den Tag des großen Schlachtens zu legen. Mit dem Wandel hin zur Feudalgesellschaft wurde Martini zudem der Tag, an dem das Pachtjahr endete, an dem also die jährliche Pacht fällig war. Denn die Ernte war eingefahren, das Vieh geschlachtet – nur zu diesem Zeitpunkt war der Bauer in der Lage, eine Pacht zu bezahlen. Zu den am häufigsten genannten Pachtzinsen gehört dabei die seit Bartholomä gemästete Gans.
Bei Wintereinbruch gehörte es also zu den normalen Arbeiten, Gänse zu schlachten, zu rupfen und die Federn zu spleißen, also die Federn vom Kiel zu lösen; eine langwierige und mühsame Arbeit. Doch sie lohnte sich, denn das Ergebnis waren frisch gestopfte Federbetten und ein schöner, fetter Gänsebraten. Diesen Festschmaus gab es eben nur zu dieser Zeit und sonst nie. Heute kommen die Frauen nicht mehr zusammen, um gemeinsam Federn zu spleißen, doch die damit verbundenen Bilder sind uns erhalten geblieben, etwa im Märchen von Frau Holle, in dem die Feder sowohl den Winter als auch den Hausfrauenfleiß symbolisiert. Und obwohl die bratfertigen Gänse heute zu jeder Jahreszeit in den Kühltruhen der Geschäfte liegen, schmecken sie doch nie so gut wie im Winter.
Wie die Martinsgans zur Weihnachtsgans wurde, ist offensichtlich. Martini als Schlachttag ist ebenso in Vergessen geraten wie die Tatsache, daß Heiligabend für Christen eigentlich ein Fasttag ist. Da es also keinen Grund mehr für die Martinsgans gibt und Weihnachten zum Fest des Schlemmens geworden ist, hat man die Gans einfach umgewidmet.
Still, still, still,
Weil’s Kindlein schlafen will.
Die Englein tun schön jubilieren,
Bei dem Kripplein musizieren.
Still, still, still,
Weil’s Kindlein schlafen will.
Schlaf, schlaf, schlaf,
Mein liebes Kindlein schlaf!
Maria tut dich niedersingen
Und ihr treues Herz darbringen.
Schlaf, schlaf, schlaf,
Mein liebes Kindlein schlaf!
Groß, groß, groß,
Die Lieb’ ist übergroß.
Gott hat den Himmelsthron verlassen
Und muß reisen auf der Straßen.
Groß, groß, groß,
Die Lieb’ ist übergroß.
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