So wissen wir, daß Jesus Christ
In einem Stall geboren ist
Zu Bethlehem bei kalter Nacht.
Kein Reicher hat nicht aufgemacht.
Die lagen all im weichen Bett.
Daß auf der harten Liegerstätt’
Das Kindlein in der Krippe fror,
Kam ihnen nicht betrübsam vor.
Sie hielten es für gar gering,
Wie daß es kleinen Leuten ging.
Was geht sie heut’ das Wunder an?
Nur Armen ward es kundgetan.
Es war in Damaskus. Am Weihnachtsheiligenabend. Ein gutes Stück hinter dem Vorort es-Salehije. Auf dem Wege, den man damals den »Weg der Aussätzigen« nannte, weil er an der Stätte vorüberführte, welche diesen Unglücklichen damals zum Aufenthalt im Freien angewiesen war. Sie hockten und lagen da in allen möglichen Stadien ihrer entsetzlichen Krankheit an der Erde herum und flehten das Mitleid der Passanten an, von deren Gaben sie lebten. Geld nützte ihnen nichts, da kein Mensch es nach ihnen wieder berührt hätte. Darum konnte man sie nur mit Gebrauchsgegenständen und Nahrungsmitteln unterstützen, und da nur sehr wenige von den Leuten, die diesen Weg passierten, dergleichen Dinge bei sich führten oder übrig hatten, so kann man sich denken, daß diese Gaben sehr spärlich ausfielen und nicht im stande waren, den Hunger dieser armen Geschöpfe zu stillen und ihre Blöße zu bedecken. Dabei war es ihnen bei strenger Strafe verboten, sich Gesunden zu nähern oder gar sie anzurühren. Bis auf zwanzig Schritte durften sie herankommen, weiter nicht. Man warf ihnen aus dieser Entfernung die Gabe zu und hatte sich dann zu entfernen, daß sie sie holen konnten.
Ich war jetzt schon über zwei Wochen lang in Damaskus, mit Hadschi Halef Omar, meinem arabischen Diener, Freund und treuen Reisebegleiter. Alle meine Leser kennen ihn, den lieben, kleinen, prächtigen Kerl, der mich unbedingt zum Islam bekehren wollte, dabei aber einer der vortrefflichsten Christen wurde, die mir im Leben begegnet sind. Er fühlte sich von dem Elende der Aussätzigen tief ergriffen und bat mich, täglich hinausreiten zu dürfen, um ihnen etwas zu bringen. Ganz selbstverständlich gab ich nicht nur meine Erlaubnis, sondern ich ritt auch selber mit. Wir wählten derartige Gaben, die ihnen sonst niemand bot und die also trotz ihrer Billigkeit Delikatessen, überhaupt Luxus für sie waren. Das gewann uns ihre Herzen. Wenn wir kamen, sahen wir schon aus weiter Ferne, wie erwartungsvoll sie nach uns ausschauten. Und sobald sie uns erblickten, brachen sie in Jubel aus. Wenn es Beobachter gab, mußten wir vorsichtig sein; waren wir aber mit ihnen allein, so beachteten wir das Gebot der zwanzig Schritte nicht, sondern gingen ganz zu ihnen hin, um ihnen das, was wir mitgebracht hatten, direkt in die Hände zu geben, doch ohne daß wir die Personen selbst berührten. Man kann sich denken, wie lieb sie uns gewannen, besonders den kleinen Hadschi, der sie durch seine Heiterkeit und seine drolligen Witze auch innerlich beschenkte.
Sie hatten unter sich einen Anführer gewählt, dem sie unbedingt gehorchten. Man nannte ihn den »Scheik der Aussätzigen«. Er war ein langer, starker Mann mit sehr entstelltem Gesicht und nur einer Hand; die andere hatte ihm der Aussatz weggefressen. Früher im deutschen Asyl für Aussätzige in Jerusalem untergebracht gewesen, hatte er die echte Humanität des Christentums von der erzwungenen Wohltätigkeit des Islam unterscheiden gelernt und sich einige Kenntnisse angeeignet, die ihn befähigten, hier in Damaskus im Namen seiner Leidensgenossen mit der Behörde zu verkehren. Er stand gerade jetzt mit ihr in einem außerordentlich erbitterten Konflikt. Man wollte die Aussätzigen nicht mehr an ihrer jetzigen Stelle lassen. Man warf ihnen vor, daß sie die Luft verpesteten. Die noch leidlich Aussehenden sollten in ein dicht verschlossenes Haus gesteckt werden und die Freiheit nie wieder zu sehen bekommen; die anderen aber wollte man nach einer Ruine in der Wüste bringen, wo sie von Soldaten streng zu bewachen waren, bis sie vollends starben. Daß beides einem Todesurteile gleichzunehmen war, verstand sich ganz von selbst. Daher die große Aufregung, die unter den Aussätzigen hierüber herrschte. Sie wollten ihre freie Luft, ihren Sonnenschein und den Anblick des Himmels nicht hergeben. Sie wollten sich weder einsperren, noch in die Wüste schaffen lassen. Sie behaupteten, daß man es in beiden Fällen darauf abgesehen habe, sie schnell verhungern und verschmachten zu lassen; dann sei man sie los. Der Pascha aber achtete auf ihre Einwendungen und Wünsche nicht. Er ließ ihnen befehlen, sich bereit zu halten, da es bei seinen Bestimmungen bleibe. Sie waren hierüber derart ergrimmt, daß sie nun nicht mehr auf Abwehr, sondern nur noch auf Rache sannen und diese konnte eine außergewöhnliche und fürchterliche werden.
Das erfuhren wir nicht nur von ihnen selbst, sondern auch von unserem Gastfreunde, dem reichen Kauf- und Handelsherrn Jacub Afarah, bei dem wir wohnten. Meine Leser haben ihn in dem Bande »Von Bagdad nach Stambul« sehr genau kennen gelernt. Er war ein überaus menschenfreundlich denkender Herr und hatte sich, was hier ganz besonders zu erwähnen ist, den Pascha zur Dankbarkeit verpflichtet. Daß die Aussätzigen vernichtet werden sollten, war Stadt- und Tagesgespräch. Jacub Afarah bemitleidete sie. Er wußte, daß ich mit Halef täglich zu ihnen hinausritt, um sie zu beschenken, und fügte an jedem Morgen zu dem, was wir aus unseren armen Mitteln spenden konnten, auch seine reichlicher bemessenen Gaben bei. Nun fügte es sich, daß mein Halef, der innerliche Christ und äußerliche Mohammedaner, auf den Gedanken gekommen war, am heutigen heiligen Weihnachtsabende bei den Aussätzigen eine Christbescherung zu veranstalten. Wie das anzufangen sei, das wußte er sehr genau. Ich hatte es ihm oft beschrieben und dann später einmal am Lagerplatz seiner Haddedihn-Araber einen großen, weithin leuchtenden Christbaum angebrannt. Als Jacub Afarah von diesem Plane hörte, erklärte er, daß er sich beteiligen werde. Die Geschenke seien von ihm, die Bäume aber von uns zu liefern. Er bitte aber um Verschwiegenheit, damit niemand die einzig seltene Feier störe. Nur einigen seiner vornehmen Freunde und ihren Frauen dürfe gestattet sein, an ihr teilzunehmen.
So war ich denn gestern mit Halef hinauf in das Wadi Methelun geritten, wo wir vier sehr gut passende Tannen fanden. Von da zurückgekehrt, erfuhren wir, daß die geladenen vornehmen Freunde und ihre Frauen bereits in allen Basaren herumgekrochen seien, um auch ihrerseits Geschenke einzukaufen. Wir freuten uns herzlich, daß die von uns ursprünglich so bescheiden geplante Bescherung jetzt einen so splendiden Charakter bekam, und verwendeten den heutigen Vormittag darauf, für gute Lichte und die reichliche Anzahl von Dillen zu sorgen. Als es zu dunkeln begann, waren wir bereit. Der große Wunsch Halefs, daß kein Wind die Weihnachtsflammen verlöschen möge, wurde gewährt. Es regte sich, solange die Bäume dann brannten, auch nicht ein einziges Lüftchen.
Es war bestimmt worden, daß die einzelnen Parteien zur Stunde des Abendgebetes aufbrechen und sich am Ende von Salehije zusammenfinden sollten. Das geschah. Dann ging es auf dem »Weg der Aussätzigen« weiter. Voran Halef hoch zu Roß, zwischen zwei Kamelen mit je zwei Tannenbäumen, hierauf Jacub Afarah mit seinen Freunden. Hinter ihnen die Frauen in Ochsenwagen, die mit Geschenken derart gefüllt waren, daß gar nichts mehr hineinging. Zuletzt ritt ich allein. Ich wollte mir diese Stunde nicht durch die Rücksicht auf andere aus dem Herzen stehlen lassen.
Wir waren heute noch nicht bei den Unglücklichen gewesen. Sie hatten uns vergeblich erwartet und sich enttäuscht zur schlaflosen Ruhe hingelegt. Der Himmel stand voller Sterne, doch Mondschein gab es nicht. Es herrschte tiefes Schweigen. Da erscholl Halefs laute Stimme, die sie alle kannten. Sofort erhoben sich Freudenrufe und dann, als er ihnen sagte, was geschehen solle, jubelnde Stimmen, die Allahs und der Menschen Güte priesen. Ich hatte ihn genau instruiert. Er dirigierte das ganze Werk, von den Kutschern und Kameltreibern unterstützt. Die Bäume wurden in die Erde befestigt und die Geschenke vor ihnen ausgebreitet. Hierauf gruppierten sich die Aussätzigen im Halbkreise, die Augen nach den Bäumen gerichtet. Zwanzig Schritte hinter ihnen die bescherenden Männer und Frauen. Ich hielt mich abseits, um nicht gestört zu werden. Da sah ich, noch weiterhin entfernt, eine Gruppe von vier oder fünf Männern stehen, die nicht zu uns gehörten. Das waren jedenfalls Neugierige, die zufällig vorübergekommen und, als sie uns bemerkten, stehengeblieben waren. Ich achtete nicht auf sie, zumal Halef mit seinen Gehilfen jetzt die Lichter anzubrennen begann.
Noch nie hatte man hier einen brennenden Lichterbaum gesehen! Und nun gar mehrere! An dieser Stelle des berühmten Dschebel Kasiun! Unter diesem unbeschreiblichen, heilig flammenden Sternenhimmel! Hilflos, flehend, wie nach Schutz und Rettung suchend, flackerte das irdische, vergängliche Licht zu dem ewigen Lichte des Firmamentes empor, und ein langer, tiefer, hörbarer Atemzug entrang sich den Herzen all der Unglückseligen, die hier im Staube lagen! Einige begannen zu weinen, erst leise, dann laut und lauter. Das war die einfache, die unmittelbare Wirkung der strahlenden Bäume, das ganze Geheimnis der natürlichen Weihnachtsqual und Weihnachtsfreude!
»Maschallah! Weihnachtsbescherung, wirklich Weihnachtsbescherung!« hörte ich einen jener Männer sagen, die ich nicht kannte.
Da sah ich die hohe Gestalt des »Scheiks der Aussätzigen«, der zu den Bäumen trat. Er war natürlich der erste, dem Halef gesagt hatte, daß heute Weihnacht sei. Er kannte von Jerusalem aus die Bedeutung dieses Wortes und wußte wohl auch, in welcher Weise der Christ dieses Geburtsfest seines Erlösers zu feiern pflegt. Er sah mich nicht und erhob seine Stimme zu der Frage:
»Wo ist der deutsche Effendi? Er sage es!«
»Hier bin ich!« antwortete ich ebenso laut.
»Dürfen wir singen zu dieser Stunde der Menschenfreundlichkeit?«
»Ja. Ich bitte darum!«
»Und darf ich euch und den Gefährten meines Unglücks sagen, was mir Allah jetzt auf meine Zunge legt?«
»Du darfst – – du sollst – – ja, du mußt es sogar tun!«
»Ich danke dir! Ich habe dich verstanden und du auch mich!«
Er ging von Gruppe zu Gruppe seiner Leute, um ihnen zu sagen, was er wünsche. Dann kehrte er nach seinem Platz vor den Bäumen zurück und gab das Zeichen, mit dem Gesange anzuheben.
Er begann. Es war eines jener Lieder des arabischen Dichters Kadar, deren Klang die Tränen zwingt, aus der tiefsten Tiefe in die Augen emporzusteigen. Als es zu Ende war, weinten die Aussätzigen alle, nur ihr Scheik nicht. Er, der Moslem, begann seine Weihnachtsrede. Er sprach von der Qual des Menschenlebens im allgemeinen und von der Qual der Aussätzigen und Ausgesetzten im besondern, die beide kein Ende nehmen. Er sprach von der Grausamkeit der menschlichen Gesetze und von der Erbarmungslosigkeit derer, die Liebe geben sollen und doch keine haben. Er sprach in so überzeugender und so hinreißender Weise, daß es alle Anwesenden ergriff und selbst auch mich erschütterte und durchschauerte. Zuletzt rief er:
»Und wenn die Not am allergrößten ist, wenn nirgends Hilfe, nirgends Rettung winkt, wenn wir vergeblich uns an Mohammed und auch erfolglos uns an Allah wenden, so kommt der Christ mit seinem Stern von Bethlehem, mit seiner heiligen Weihnachtskunde, mit seiner Liebe, seiner Herzensgüte und rettet uns aus aller – – –«
Er kam nicht weiter; er wurde unterbrochen. Nämlich derselbe Mann in der seitwärts stehenden Gruppe, der schon einmal gesprochen hatte, sprang plötzlich jetzt herbei, zwischen den Aussätzigen hindurch, blieb vor ihm stehen und schrie zornig an:
»Schweig, Hallunke! Du hast mich gerührt mit deinen Bäumen, deinen Lichtern, deinen Klagen. Auch wir sind Menschen. Wir brauchen keine Weihnachten – –«
»Aber wir!« unterbrach ihn der Scheik, ohne sich einschüchtern zu lassen.
»Auch ihr nicht! Denn ich nehme meinen Befehl zurück. Ihr werdet nicht eingesperrt und nicht in die Wüste geschafft. Es bleibt so, wie es war und wie es ist!«
Das geschah so plötzlich und so schnell, daß man erst rundum den Ruf der Überraschung hörte: »Der Pascha – der Pascha – der Pascha ist es selbst!«
»Ja, ich bin es selbst!« antwortete er, sehr befriedigt von dem Schreck, den er verbreitete. Und sich an unseren Jacub Afarah wendend, fuhr er fort: »Die Aussätzigen wurden bewacht; ich traute ihnen nicht! Auch deinem Deutschen nicht, der bei dir wohnt und täglich mit ihnen redet. So erfuhr ich von eurer Bescherung und kam in eigener Person hieher, um euch zu beobachten. Danke Allah, daß meine Seele dir nicht übel will! Diese aussätzigen Schurken wagten, sich gegen meine Befehle zu empören. Es hätte mich nur einen Wink gekostet, sie zu vernichten, aber um diesem Christen dort, deinem Gast, zu beweisen, daß – –«
Jetzt war er es, der nicht weitersprechen konnte, weil er vom Scheik unterbrochen wurde.
»Schweig!« rief dieser ihm sein eigenes Wort entgegen. »Du bist der Pascha von Damaskus, weiter nichts. Ich aber bin der Scheik der Aussätzigen. Wer ist mächtiger, du oder ich?«
Er streckte den Arm, an dem die Hand fehlte, nach ihm aus. Da wich der Pascha erschrocken zurück.
»Rühre mich nicht an!« schrie er voller Angst und wollte sich entfernen, konnte aber nicht, weil die Aussätzigen alle aufgesprungen waren und ihn umringten. Er schrie um Hilfe. Er rief seine Begleiter herbei, die Offiziere waren, sich aber sehr hüteten, ihm zu gehorchen.
»Nun, wo ist deine Macht?« fragte der Scheik. »Siehst du die Lumpen, Lappen und Fetzen liegen, dort hinter den brennenden Bäumen? Die waren für dich aufgestapelt! Unsere Waffen gegen dich und deine Macht! Solche Waffen gibt es nicht wieder, so weit die Erde reicht! Wenn ich will, so rühre ich dich an und deine Glieder werden zerfressen werden wie die meinigen. Schicke deine Soldaten her, uns von hier fortzuschaffen. Wir gehen durch ihre Schar hindurch und keiner von ihnen wagt es, uns auch nur anzutasten! Hättest du uns von hier verjagt und in den Tod geschickt, so waren diese von unserem Speichel und Eiter durchtränkten Fetzen bestimmt, in deinem Hause und in den Wohnungen deiner Anhänger verteilt zu werden. Was euer Schicksal gewesen wäre, das weißt du wohl! Kennst du nun meine Macht? Ich darf dir wohl widerstehen, doch du nicht mir!«
Er trat noch näher an den Pascha heran, so daß dieser vor Entsetzen ganz in sich zusammenbrach, und raunte ihm halblaut, aber im drohendsten Tone zu:
»Du magst diesen Deutschen, diesen Christen nicht; aber glaube mir, er hat heute dich und viele andere aus großer Gefahr gerettet. Und nun höre, was ich dir sage: Du hast deinen Befehl zurückgenommen, aber ich traue dir nicht. Ich gebe dir genau einen Monat Zeit. Wenn du dann noch Pascha bist und Damaskus nicht verlassen hast, so bist du mir, dem Scheik der Aussätzigen, für immer verfallen. Jetzt fort mit dir!«
Der Kreis der Aussätzigen öffnete sich; zugleich stellte sich der Scheik, als ob er nach dem Pascha fassen wolle; da tat dieser einen Schreckenssprung, der ihn aus der unmittelbaren Nähe der Gefahr brachte, eilte schleunigst davon und wurde nicht mehr gesehen.
Ich war natürlich nicht auf der Straße stehen geblieben, sondern herbeigekommen. Jetzt stand ich unmittelbar neben dem Scheik. Ich sah den großen Haufen infizierter Lumpen liegen. Mich schauerte bei seinem Anblicke und bei dem Gedanken an den Zweck, dem er hatte dienen sollen. Er sah es, lächelte und sprach:
»Effendi, wir hatten teuflische Gedanken, weil wir teuflisch verhandelt werden sollten. Schenke mir einen einzigen deiner Weihnachtsbäume! Er genügt, uns alle von dieser Sünde zu erlösen. Willst du?«
Ich nickte. Da wurde einer der Bäume zur Seite geschafft und mit all den ekelhaften Fetzen behangen. Sie wurden von dem Talg der Weihnachtslichter durchtränkt und von den Flammen ergriffen. Ihre Lohe stieg hoch empor, sank aber bald wieder nieder. Der Gestank, den sie verbreiteten, verflog. Die letzten Reste der überwundenen Unmenschlichkeit wurden von den letzten hin- und herperlenden Fünkchen verzehrt; dann brach und floß alles in Asche in nichts zusammen. Als dies geschehen war, rief der Scheik mit weithin schallender Stimme:
»Wir sind erlöst! Der Pascha ist besiegt, mit ihm auch unsere Rache! Er sagte zwar, daß wir keine Weihnacht brauchen, doch wäre er heute nicht zu uns gekommen, so hätten wir uns wohl rächen, nicht aber retten können. Die Rettung aber steht hoch über der Rache, so weit die Erde und so weit der Himmel reicht. Der Gestank, den die Vernichtung unserer Gedanken hier verbreitete, hat sich verzogen. Wir atmen wieder den reinen, heiligen Duft der Weihnachtsbäume. Die Liebe darf nun geben und die Dankbarkeit darf nehmen. Kommt her zu mir und freut euch an den Gaben, die man uns bringt, weil man uns liebt, nicht aber, weil der Koran es befiehlt. Die Bescherung kann beginnen!«
Einen Monat später war der Pascha versetzt und sein Nachfolger bereits nach Damaskus unterwegs.
Nach dem frühchristlichen römischen Kalender war der 24. Dezember der Tag der Wintersonnwende – der Jul- oder Weihnacht. Ab dem 4. Jahrhundert übernahm auch die römische Welt nach und nach die Zeitrechnung der Alexandriner, nach der Mittwinter auf den 21. Dezember fiel. Schließlich wurden die Daten mit dem Wechsel zum Gregorianischen Kalender noch einmal um acht Tage nach hinten verschoben, weshalb das Fest der Lichterheiligen Lucia auf den 13. Dezember gelegt wurde.
Von alters her beginnen mit der Weihnacht die zwölf Rauhnächte, die Tage zwischen dem Ende des alten (Wintersonnwende) und dem Anfang des neuen Jahres, an denen die Erde stillzustehen scheint. Das Neujahrsfest fällt also auf den 6. Januar (zwölf Tage nach dem römischen Mittwinter), den die Kirchenmänner prompt zu Epiphania, dem Fest der Menschwerdung Christi, erklärten. Später erfanden sie, um auch wirklich alle »heidnischen« Traditionen aufzufangen, zusätzlich noch die Heiligen Drei Könige, die an diesem Tag Bethlehem erreicht haben sollen (was die historische Astronomie längst widerlegt hat).
Die Wintersonnwende wird im europäischen Kulturkreis gefeiert, seit die Menschen das Feiern gelernt haben. Im alten Rom zum Beispiel dauerte das große Winterfest vom 17. Dezember bis zum Neujahrstag und wurde zu Ehren Saturns, des Gottes des Ackerbaus, begangen. Man beschenkte Freunde und Kinder, wobei Glücksbringer, Honig, Kuchen und Gold beliebte Geschenke waren. Die Häuser wurden mit Efeu, Stechpalmen- und Mistelzweigen geschmückt und jegliche Arbeit war verboten.
Die meisten vorchristlichen Kulturen Europas feiern das Julfest, die Wintersonnwende, als Tod des alten und Geburt des neuen Jahres. Nach dem kürzesten Tag des Jahres wird die Kraft der Sonne wieder stärker, die Tage werden länger. In der Regel ist die Wintersonnwende der Geburtstag des Sonnengottes, doch wird an diesem Tag vor allem die Große Göttin gefeiert, die den Sonnengott gebiert. Bei den Angelsachsen hieß dieser Tag zum Beispiel »Modranect«, bei den Römern »matrum noctem«, was beides »Nacht der Mutter« bedeutet.
Für die Herkunft des Wortes »Jul« gibt es genug Erklärungen, um ein Buch zu füllen. Jedenfalls stammt es genauso wie das Wort »Weihnacht« aus weit vorchristlicher Zeit und bezeichnet nicht nur diesen einen Tag, sondern die zwölf Tage zwischen dem Ende des alten und dem Beginn des neuen Jahres. Mit der Julnacht sind viele Heils- und Hoffnungssymbole verbunden: Der Gott Baldur fand durch eine Mistel den Tod und wird in dieser Nacht wiedergeboren, so daß die Mistel zu einem Bild des Heils wurde. Der Lichterbaum ist der immergrüne Weltbaum. Der skandinavische Julbock aus Stroh gilt als Symbol der kommenden Fruchtbarkeit und des Schutzes durch den Gott Thor, dessen heiliges Tier der Bock ist. Die erste Nacht des Julfestes ist ein Fest der Familie, an dem auch die verstorbenen Ahnen teilnehmen und geehrt werden. Kurz gesagt: Es ist das wichtigste Fest des Jahres.
Aus dem Mittwinterfest ist das Geburtsfest des Sonnengottes der Christen hervorgegangen, wobei in den germanischen Gebieten jedoch der vorchristliche Name der Heiligen Nacht, Weihnacht oder Jul, beibehalten wurde. Aus der Geburt des neuen Jahres als Erlösung aus dem alten hat die christliche Kirche die Geburt Jesu als Erlöser der Christen gemacht. (Schließlich haben sich die Erfinder der christlichen Kirche ja auch sonst nichts Neues einfallen lassen … von der Vertreibung aus dem Paradies bis zur Dreifaltigkeit stammen alle »christlichen« Ideen aus den ältesten Mythologien. Die Kirchenväter hatten einfach die besseren Werbefachleute und die schärferen Schwerter.) Nicht nur die Personifizierung des neuen Jahres durch einen neugeborenen Gott stammt aus dem Altertum, auch das Entzünden von Kerzen, die das Licht herbeiholen sollen, die Kerzenkronen der Mädchen am Luciafest, die Kerzen am Christbaum und der Christbaum selbst sind vorchristliche Riten und Symbole.
Die christliche Kirche hatte mit ihren Zeremonien beträchtliche Schwierigkeiten, gegen diese ausschweifenden Feste und den Mithraskult (Mithras ist identisch mit dem römischen Sonnengott Sol und dem griechischen Helios) anzukommen. Deshalb ergriff sie eine geschickte Maßnahme: Das ursrpünglich im Früjahr gefeierte Fest der Geburt Christi wurde auf den 25. Dezember gelegt, da die zu diesem Datum gefeierte Sonnwende das größte Fest des mithraischen Jahres war. Dadurch konnten die Leute weiter ihre ausgelassenen Feste feiern und die Kirche in Rom war’s zufrieden, weil sie so tun konnte, als fänden diese Feste zu Ehren Christi statt.
Noch wesentlich größere Schwierigkeiten hatten die Kirchenmänner jedoch mit den älteren matriarchalischen Traditionen beziehungsweise mit der naturgegebenen Tatsache, daß die Geburt eines Kindes eine Leistung der Mutter ist, nicht des Vaters oder des Kindes: Eine Göttin, noch dazu eine, die in der Hierarchie über dem männlichen Gott steht, den sie gebiert, war für die Kirchenmänner natürlich ein Greuel. (Mal ehrlich: Männer, die sich nur dadurch als wertvoll manifestieren können, daß sie die Frauen in eine untergeordnete Rolle zwingen, müssen die Frauen wirklich für unerreichbar überlegene Wesen halten.) Man konnte die Göttin nicht einfach ignorieren, wenn man sich nicht zum Gespött machen wollte, und so erfand man die »Gottesmutter«. Die Wortkonstruktion zeigt bereits, wer hier im Vordergrund stehen sollte. Da einer der Hauptnamen der Großen Göttin Mari lautete, nannte man diese neue Figur Maria. Für die Alten war es ganz normal, daß die Göttin zugleich Jungfrau und Mutter, Liebhaberin und weise Greisin war; sie symbolisierte die Frau in allen Lebensphasen. Das war für die Kirchenmänner natürlich zu viel Eigenständigkeit, und so sprachen sie Maria alle eigene Beteiligung an der Zeugung Christi ab (wie sie der Medizin überhaupt lange das Dogma aufzwangen, das Erbgut der Kinder stamme allein aus dem Samen des Mannes, während die Frau lediglich die große Ehre habe, als passiver Behälter für diesen Samen dienen zu dürfen), ließen sie vom Heiligen Geist befruchten und erklärten sie zur ewigen Jungfrau, für die Gottvater nur ’mal kurz als demütige Gebärmaschine Verwendung hatte, die sonst aber völlig ohne Bedeutung ist. Verständlicherweise hat es Jahrhunderte gedauert, bis irgendjemand außer den Kirchenmännern selbst diesen hanebüchenen Unsinn glaubte; gerade hinsichtlich der Umstände der Geburt Jesu setzte sich die christliche Mythologie nur sehr langsam durch. Wie lange dieser Prozeß dauerte, läßt sich daran ablesen, daß erst den reformistischen Kirchen nach Luther die Beseitigung zahlreicher »heidnischer« Elemente des Christentums, also der nächste Schritt von der Natur zum Dogma, gelang, wobei sie zum Beispiel an Maria gerichtete Gebete zur Sünde erklärten.
Zu den vielen Bräuchen der Mittwinterfeiern gehörten auch der Mummenschanz und aus dem Stegreif aufgeführte Schauspiele, die die Kirche zunächst zu verbieten versuchte (was ihr natürlich nicht gelang) und denen sie dann Schauspiele mit christlichem Inhalt entgegensetzte. So sind die Krippenspiele entstanden.
Thomas war der Apostel, der an der Auferstehung Christi zweifelte und erst daran glaubte, als er die Hand in Christi Wunden legen durfte. Ihm sollen die längste Nacht und der kürzeste Tag des Jahres zugeteilt worden sein, weil er am längsten an Christus zweifelte, also am längsten in der Dunkelheit des Unglaubens verharrte.
Neben Lucia ist Thomas in Süddeutschland und Österreich eine der grausigsten Gestalten der Weihnachtszeit. Ebenso wie die blutige Lucia konzentriert sich auch der blutige Thomas in seiner blutverschmierten Schürze und mit dem donnernden Hammer in der Hand (»Thammerl mit dem blutigen Hammerl«) auf unfolgsame Kinder.
1969 wurde der Thomastag offiziell auf den 3. Juli verlegt, da die Kirchenmänner der Meinung waren, sein Festtag liege zu nahe an Weihnachten. Das mag etwas unlogisch erscheinen, da Thomas schließlich nicht der einzige Heilige ist, dessen Festtag in diese Zeit fällt, und andere, der Stephanstag etwa, sogar noch dichter am Weihnachtstag liegen. Verständlich (zumindest aus Kirchensicht) wird dieses Argument jedoch, wenn man die Herkunft dieses Heiligen bedenkt. An den Thomasbräuchen am 21. Dezember hat sich durch diese Terminverlegung naturgemäß nichts geändert.
Auch Thomas ist, wie nicht anders zu erwarten, die christliche Umdeutung eines vorchristlichen Heiligen, nämlich des sumerischen Hirtengottes Tammus. Dieser wird von wilden Tieren zerrissen und steigt in die Unterwelt hinab. Dort verbringt er einige Zeit, während der die Erde verödet. Erst als Tammus wiederaufersteht, wird die Erde wieder fruchtbar und das Leben erblüht von neuem – bis Tammus erneut von wilden Tieren zerrissen wird und der Zyklus von vorne beginnt. Tammus symbolisiert also den Jahreskreislauf und ist damit bestens geeignet für den Tag der Wintersonnwende.
Der sprachliche Ursprung des Namens Thomas ist das aramäische Wort »teoma«, »Zwilling«. Der christlichen Mythologie zufolge soll der Apostel Thomas dieselben Gesichtszüge wie Jesus gehabt haben. Und er ist im wahren Sinne des Wortes Jesus’ Zwilling: Er ist der vorchristliche Auferstehungsgott, dem nun mit Jesus ein neuer christlicher Auferstehungsgott entgegengestellt wurde. Aus dieser Rivalität rührt auch die Verbindung des Thomas mit Unglauben her.
Die Bräuche des Thomastages sind wesentlich älter als das Christentum. Grundlage aller Bräuche ist natürlich die Verbindung des Thomasfestes mit der Wintersonnwende, also dem letzten Tag des alten Jahres.
Heiratslustige Mädchen bleiben bis Mitternacht auf. Wenn sie dann ins Wasser oder in den Spiegel blicken, sehen sie das Gesicht ihres Zukünftigen.
Ein weiterer Brauch besteht darin, daß man spätestens an diesem Tag Geliehenes zurückgeben soll, damit man wirklich für ein neues Jahr bereit ist.
Auch als wichtiger Backtermin ist dieser Tag zu beachten: In der Thomasnacht werden die letzten Kletzenbrote (Früchtebrot, das traditionelle Weihnachtsgebäck) gebacken, damit die Frauen an ihren bemehlten Händen nicht Reste vom Obst des letzten Jahres ins neue Jahr hinübertragen; das gäbe eine schlechte Ernte.
Auch das Thomasorakel hat Tradition: Man streut Gerstenkörner in einen Blumentopf mit Erde und stellt diesen Topf ins warme Zimmer. Nach Weihnachten kann man an der Gerste ablesen, wie das Wetter im nächsten Jahr wird. Jeder Tag nach Weihnachten entspricht dabei einem Monat im Jahr. So kann man Feuchtigkeit, Trockenheit, starkes Wachstum, frühes Gilben usw. an der Gerste ablesen.
»Wer klopfet an?«
»O zwei gar arme Leut!«
»Was wollt ihr dann?«
»O gebt uns Herberg heut!
O, durch Gottes Lieb’ wir bitten,
öffnet uns doch eure Hütten!«
»O nein, nein, nein!«
»O lasset uns doch ein!«
»Es kann nicht sein.«
»Wir wollen dankbar sein!«
»Nein, nein, nein, es kann nicht sein,
Da geht nur fort, ihr kommt nicht ’rein.«
»Wer vor der Tür?«
»Ein Weib mit ihrem Mann.«
»Was wollt ihr dann?«
»Hört unser Bitten an!
Lasset heut bei Euch uns wohnen,
Gott wird Euch schon alles lohnen!«
»Was zahlt ihr mir?«
»Kein Geld besitzen wir!«
»Dann geht von hier!«
»O öffnet uns die Tür!«
»Ei, macht mir kein Ungestüm,
da packt euch, geht woanders hin!«
»Was weinet ihr?«
»Vor Kält’ erstarren wir.«
»Wer kann dafür?«
»O gebt uns doch Quartier!
Überall sind wir verstoßen,
jedes Tor ist uns verschlossen!«
»So bleibt halt drauß!«
»O öffnet uns das Haus!«
»Da wird nichts draus.«
»Zeigt uns ein andres Haus.«
»Dort geht hin zur nächsten Tür!
Ich hab nicht Platz, geht nur von hier!«
»Da geht nur fort!«
»O Freund, wohin? Wo aus?«
»Ein Viehstall dort!«
»Geh, Joseph, nur hinaus!
O mein Kind, nach Gottes Willen
mußt du schon die Armut fühlen.«
»Jetzt packt euch fort!«
»O, dies sind harte Wort’!«
»Zum Viehstall dort!«
»O, wohl ein schlechter Ort!«
»Ei, der Ort ist gut für euch;
ihr braucht nicht viel. Da geht nur gleich!«
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