Anna Andreevna Achmatova lebte von 1889 bis 1966. Von 1910 bis 1918 war sie mit dem Dichter Gumilëv verheiratet. Die Gedichte dieser frühen Zeit sind fast ein Tagebuch mit der Liebe als Hauptthema – von Achmatova stammen einige der schönsten russischen Liebesgedichte. Auch die Berufung des Dichters und religiöse Themen spielen in diesen Jahren eine zentrale Rolle in ihrem Werk. Später dominieren andere Themen: dDas unglückliche Schicksal des sowjetischen Rußland, Abschied und Trauer, denn trotz der Repressalien, denen sie ausgesetzt war, verließ Achmatova Rußland nicht und mußte sich von vielen emigrierenden Freunden trennen. Heute ist ihr bekanntestes Werk wahrscheinlich Requiem, ein Zyklus von zwölf Gedichten um ihren inhaftierten Sohn. Es ist ein literarisches Denkmal für die Opfer des Stalinterrors, wobei Achmatova eindrücklich zeigt, daß zu den Opfern nicht nur die Millionen Inhaftierten, Verschollenen, Ermorderten gehören, sondern genauso auch deren Angehörige und Freunde. Statt eines Vorworts schreibt sie:
In den schrecklichen Jahren des Justizterrors unter Ežov
habe ich siebzehn Monate mit Schlangestehen in den Gefängnissen
von Leningrad verbracht. Auf irgendeine Weise »erkannte« mich einmal
jemand. Da erwachte die hinter mir stehende Frau,
die meinen Namen natürlich niemals gehört hatte, aus jener Erstarrung,
die uns allen eigen war, und flüsterte mir ins Ohr die Frage
(dort sprachen alle im Flüsterton):
»Und das alles können Sie beschreiben?«
Und ich sagte:
»Ja.«
Da glitt etwas wie ein Lächeln über das, was einmal
ihr Gesicht gewesen war.
Anna Achmatova ist neben Osip Mandel’štam die wichtigste Vertreterin des Akmeismus, einer Gruppe von Dichtern des silbernen Zeitalters, die sich 1911 in ausdrücklicher Ablehnung des Symbolismus zusammenschlossen. Für die Akmeisten stand das Alltägliche, das Akzeptieren der Wirklichkeit im Mittelpunkt, und so zeichnen sich ihre Gedichte vor allem durch Details des Alltagslebens, freien Vers und genaue Wortbedeutung aus. Der Symbolik der Symbolisten, zu deren Entschlüsselung man oft genug Symbolismus-Wörterbücher zu Rate ziehen muß, setzten sie eine natürliche und klare Sprache entgegen.
Am 07.10.2000 erschien in der Berliner Zeitung eine Besprechung einer Neuübersetzung von Gedichten Anna Achmatovas (Ich lebe aus dem Mond, du aus der Sonne. Hundert Gedichte über die Liebe. Edition Suhrkamp, 2000). Die Kritik fiel teilweise sehr negativ aus und das sogar zurecht: In der Tat droht der Übersetzer durch seine Formulierungen aus einer modernen Autorin, deren Gedichte gerade durch ihre völlig unpathetische und einfache Sprache so nachdrücklich wirken, eine pathetische Dichterin des 19. Jahrhunderts zu machen. Die Schlußfolgerung dieser Besprechung lautet dann allerdings: »Wer Achmatowa in deutscher Übersetzung lesen will, der greife zu der von Efim Etkind zusammengestellten Gedicht-Auswahl ›Im Spiegelland‹ oder zu den von Ilma Rakusa edierten Übersetzungen in der Bibliothek Suhrkamp. Beide Herausgeber haben sich in ihrer Auswahl nicht vom Original, sondern von der Qualität der deutschen Übertragungen leiten lassen.«
Selbstverständlich muß die Qualität der Übertragung bei der Werkauswahl eine Rolle spielen. Allerdings muß auch definiert werden, was diese Qualität ausmacht, und diese Erklärung bleibt uns der Rezensent schuldig. Jedenfalls was Ludolf Müllers Übertragung von Requiem betrifft, kann ich der Einschätzung des Rezensenten hinsichtlich der qualitätsorientierten Auswahl für Im Spiegelland nicht folgen.
Da keine anderen Übersetzungen zur Verfügung stehen, habe ich für diese Seiten ebenfalls diese von der Berliner Zeitung so geschätze Übersetzung ausgewählt. Sehr widerwillig. Denn meiner Meinung nach kann man diesen Text bestenfalls noch als sehr freie Nacherzählung des allgemeinen Inhalts von Requiem bezeichnen, keinesfalls aber als Übersetzung oder Übertragung. Dieser Text beweist höchstens, daß der Autor mehr Respekt vor der eigenen Reimeschmiederei als vor der Kunst und dem Werk eines Autors hat. Und daß Kunst für ihn wohl nur das Übermitteln einer allgemeinen Botschaft ist, wobei es nicht darauf ankommt, was diese Botschaft genau besagt und wie ihr Schöpfer sie zu übermitteln versucht. Selbst der wenig gedichterfahrene Leser kann schon an der Zeilenzahl und -verteilung sehen, daß dem Nachdichter die Gestaltung des Originals gleichgültig war. Daß dieser Text ausgerechnet von einem anerkannten Literaturwissenschaftler wie Ludolf Müller stammt, dem die Bedeutung des Wortes in der Lyrik doch hinlänglich bekannt sein sollte, ist besonders erstaunlich.
Man mißverstehe mich hier nicht: Ich lehne Nachdichtungen keineswegs ab; sie haben genau wie alle Literaturarten ihre Berechtigung. Doch eine Nachdichtung sollte auch als solche auftreten und sich nicht als Übersetzung ausgeben.
Um wenigstens eine gewisse Vorstellung davon zu vermitteln, was in Achmatovas Gedicht tatsächlich steht, habe ich Müllers Text eine wörtliche Übertragung gegenübergestellt. Eine stilistische Annäherung an den russischen Text möchte gar nicht erst versuchen; mir geht es ausschließlich um den Wortlaut.
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| Anna Achmatova, Poem ohne Held. Späte Gedichte. | Anna Achmatova, Vor den Fenstern Frost. Gedichte und Prosa. | Anna Achmatova, Ich lebe aus dem Mond, du aus der Sonne. |