Margaret Atwood

Texte von Margaret Atwood




Während man – wobei „man“ in diesem Fall alle diejenigen meint, die die Realität lieber nicht allzu genau beobachten – frühere antiutopische Werke wie 1984 oder Brave new world noch als Darstellung zwar theoretisch möglicher, jedoch nicht unmittelbarer Gefahr lesen konnte, ist Atwoods Report der Magd eine Antiutopie, deren Verwirklichung unübersehbar bereits begonnen hat. Von einer alle Staatsorgane durchdringenden Machtgruppe verübte aufsehenerregende Verbrechen im eigenen Land, die dann auf ebenso aufsehenerregende Weise ausländischen Fanatikern zugeschrieben werden, während unter der pathetischen, aus ach so hehren Motiven zusammengestückelten Fassade deutlich die wahren Täter und Motive erkennbar sind, Zensur und Manipulation der Medien und damit der Bevölkerung, Abschaffung von Demokratie und Menschenrechten, mit dem Ziel der alleinigen Herrschaft dieser Machtgruppe und der allumfassenden Durchsetzung ihrer Interessen um jeden Preis. Das alles ist uns allen bestens bekannt, es ist seit Jahren Alltag. Alltag, alltäglich, gewöhnlich, normal. So normal, daß man es nicht mehr zu beachten braucht und wieder bequem den Kopf in den Sand stecken und Think positive-Parolen absondern kann.

Auch Atwoods Magd, die Erzählerin, gehört zu den Personen, die den Kopf in den Sand ihres Privatlebens stecken und die Zeichen an der Wand ignorieren; die völlig perplex sind, wenn das, was sie so lange und entschlossen ignoriert haben, „ganz plötzlich“ ihre Existenz auslöscht. Sie fühlt sich als Opfer, als sie nicht mehr berufstätige Frau, Ehefrau und Mutter ist, sondern rechtlose Gebärmaschine für ein kinderloses Ehepaar nach dem anderen, ständig mit dem Tod vor Augen, falls es ihr nicht gelingt, schwanger zu werden. Nur kurze Nebensätze lassen erkennen, daß ihr unter der Oberfläche durchaus klar ist, daß dieses Regime ohne diejenigen, die bewußt weggeschaut haben, nie möglich gewesen wäre: Ich hielt es für einen Einzelfall, es betraf mich nicht, so etwas passiert nur anderen Leuten ...

Auch in ihrem neuen Leben ändert sie sich nicht. Obwohl sie das Leben als Magd als zutiefst unwürdig ermpfindet, widersetzt sie sich nicht; sie paßt sich an, sie richtet sich ein. Sie träumt davon, ein bißchen Macht über ihre Umgebung zu haben, doch als sie die Gelegenheit dazu bekommt, nutzt sie sie nicht. Sie ist froh, als sich ihre Gefährtin durch Selbstmord der Verhaftung entzieht, nicht weil dieser dadurch viel Leid erspart bleibt, sondern weil sie sich selbst nun außer Gefahr wähnt. Normalität oder etwas, was ihrem Leben den Anschein von Normalität gibt, ist ihr Ziel. Normalität, den Gipfel ihres Strebens nach Aktivität, hat sie erreicht, als sie sich selbst hinlegt, statt gelegt zu werden. Trotz allem, was sie erlebt, empfindet sie ihre Unfreiheit und Rechtlosigkeit schon nach kurzer Zeit als bequem, als Schutz, dem sie nicht mehr wirklich entfliehen möchte. Unterstrichen wird dies dadurch, daß die Magd ihren eigentlichen Namen nie erwähnt. Sie hütet ihn im Geheimen, als Erinnerung, nutzt ihn jedoch nicht zur Selbstbehauptung, als Waffe eines eigenständigen Ich gegen eine Umwelt, die ihr kein Ich zugesteht. Wir erfahren lediglich ihren derzeitigen Namen, Desfred, Freds Magd. Obwohl sie weiß, daß es eine Widerstandsbewegung gibt, und die Möglichkeit zur aktiven Mitarbeit bekommt, glaubt sie nicht wirklich daran. Sie möchte nicht daran glauben, denn das Erkennen einer Alternative ist zugleich immer die Aufforderung zum Erkunden, Entscheiden, aktiven Handeln, und die Möglichkeit einer Alternative bedeutet, daß die Normalität nicht absolut ist. Doch gerade darin sieht sie schon bald keine Chance mehr, sondern eine Gefahr. Selbst als ihr der Tod droht, spielt sie Fluchtmöglichkeiten nur als theoretische Gedankenspiele durch, überläßt ihre tatsächliche Rettung jedoch anderen.

Zu jedem Unrechtsregime gehören neben den Machtlosen selbstverständlich die Machthabenden. Gewissermaßen der Gegenpol zur Magd ist ihr derzeitiger Kommandant. Er ist einer der Männer, die dieses System geplant und umgesetzt haben, und einer der mächtigsten Männer im Staat – und dennoch ist seine Situation der seiner Magd nicht unähnlich. Auch er ist für die Rechtfertigung seines Verhaltens auf ständigen Selbstbetrug angewiesen. Er hat sich im alten System mit seiner Wahlfreiheit und der Verantwortung für die eigenen Entscheidungen nicht wohlgefühlt. Er hat aktiv an dem System mitgewirkt, das die Umwelt (und damit die Gesundheit und Fortpflanzungsfähigkeit der Menschen) ebenso zerstört hat wie das Sozialgefüge. Er hat nie geliebt und eine egozentrische Frau geheiratet, bei der das Sein weit hinter dem Schein zurückbleibt. Also denkt er sich zusammen mit seinesgleichen ein neues System aus, in dem die Frauen in drei Gruppen eingeteilt sind: Ehefrauen, Martas (Dienstmägde) und Mägde (Gebärmaschinen). Trotz ihres unterschiedlichen Status sind diese Frauen letztlich alle streng bewachte Dienerinnen des Mannes, rechtlos, zu Demut und Schweigen verpflichtet, hinsichtlich ihrer Unterhaltung auf Geburten, Gebete und Hinrichtungen beschränkt. Alles, was auch nur im entferntesten als „eitel“ oder „sündhaft“ interpretiert werden kann oder ihnen einen Hauch von Eigenständigkeit den Männern gegenüber geben könnte, ist ihnen verboten. Die als ideologisch makellos anerkannten Personen leben in städtischen Enklaven, die von „Kolonien“ umgeben sind, den zahlreichen von Kernkraft und Chemie verseuchten Gebieten und den wenigen landwirtschaftlichen Gebieten, die die Versorgung der Städte sichern. Wer in irgendeiner Weise nicht in das ideologische Bild paßt oder die ihm zugewiesene Aufgabe aus Alters- oder Gesundheitsgründen nicht mehr erfüllen kann, wird zu Aufräumungsarbeiten in die verseuchten Gebiete (und damit in den sicheren Tod) oder, wenn er Glück hat, zur Landarbeit deportiert. Ebenso wie die Magd für das Ignorieren aller Vorzeichen gute Gründe hat, hat der Kommandant sie für die Abschaffung des alten Systems: Wir wollten alles besser machen, sie haben sich immer beklagt, jetzt können sie ihrer biologischen Bestimmung in Ruhe nachkommen ...

Ebensowenig wie die Magd ändert sich der Kommandant in der neuen Welt. Nach wie vor ist auch er darauf angewiesen, die Augen vor sich selbst und der Realität zu verschließen.

Obwohl den Frauen Lesen und Schreiben verboten sind, spielt der Kommandant heimlich mit der Magd Scrabble und gibt ihr alte, inzwischen verbotene Bücher und Frauenzeitschriften zu lesen. Er möchte ihr das Leben angenehmer machen, nicht damit sie zufrieden ist, sondern weil er sie dann für zufrieden halten kann und die Zufriedenheit der Magd einer Rechtfertigung des Systems gleichkommt. Um der Magd ein Stückchen Welt außerhalb ihres Käfigs zu zeigen, nimmt er sie in ein Bordell mit, obgleich die Prostitution selbstverständlich abgeschafft wurde. Auch hier entgeht ihm wieder, daß die Magd das, was er ihr zeigt, völlig anders wahrnimmt als er selbst. Daß die Prostituierten diese Aufgabe nur erfüllen, um dem Tod zu entgehen, daß die Magd nur mit ihm liest, spielt und ausgeht, weil sie sich ihm nicht widersetzen darf, daß ihr, sollten sie erwischt werden, die Todesstrafe droht, daß genau dieses Treiben seine vorherige Magd das Leben gekostet hat, daß der Magd der Tod droht, wenn sie aufgrund seiner Sterilität nicht schwanger wird – das alles möchte er lieber nicht sehen. Viel lieber sieht er sich in der Rolle des Wohltäters, der das ganze Land von der beschwerlichen Last der Entscheidungsfreiheit und Selbstbestimmung befreit hat und seiner Magd ein angenehmes Leben bietet. Er gibt dem gefangenen Affen Zucker und glaubt, diesen dadurch für sein früheres freies Leben, das doch ohnehin bei weitem nicht so schön war wie der Käfig, vollauf zu entschädigen.

Erwartungsgemäß hat er dabei jedoch noch ein anderes Ziel, das er sich selbst allerdings nicht eingestehen kann, ist er doch einer der Erfinder des Systems. Nachdem sie ein ganz ihren Männerträumen entsprechendes System errichtet haben, stellen die Männer fest, daß ihnen nun doch etwas fehlt in der schönen neuen Welt. Obwohl der Kommandant von Frauen umgeben ist, fehlt ihm weibliche Gesellschaft. Für diesen Zweck benutzt er nun die Magd. Sie leistet ihm Gesellschaft, hört ihm zu, küßt ihn, „als ob es von Herzen käme“, er führt sie seinen Freunden vor, brüstet sich vor und mit ihr. Er findet alle möglichen Ausreden dafür, daß er die Gesetze, die er selbst mit eingeführt hat, nun bricht („natürliches Bedürfnis des Mannes nach Vielfalt“). Er verschließt die Augen davor, daß sie lediglich seinen Befehlen gehorcht – und ist enttäuscht, daß sie ihm nach allem, was er für sie tut, keinerlei Leidenschaft entgegenbringt.

Neben den Beherrschern und Beherrschten braucht ein Unrechtssystem als drittes Element noch eine Ideologie – im Gegensatz zum Ideal, auf dem ein um Gerechtigkeit bemühter Staat aufgebaut werden kann. Als Ideologie eignen sich insbesondere monotheistische Religionen, da diese ihrer Natur nach diktatorisch sind, also absolut, dogmatisch, intolerant und hervorragend als Ausrede für Fanatismus und Grausamkeit geeignet. Es erstaunt nicht, daß viele der „Glaubenssätze“ des neuen Systems auf Paulus zurückgehen, der bekanntlich vor nichts größere Angst hatte als vor den Frauen, die christliche Lehre durch die Lehre des Frauenhasses ersetzt und damit ein ausgezeichnetes Fundament für diesen kleingeistigen Altmännerverein, die römisch-katholische Kirche, geschaffen hat. Das neue System gibt vor, zutiefst christlich zu sein, pickt sich aus den christlichen Schriften jedoch nur die Stellen heraus, die seinen Zwecken dienen – Entrechtung und Mißbrauch der Frauen, Intoleranz, Verfolgung aller Abweichler, drakonische Strafen, als Errettung zelebrierte Hinrichtungen.

In welchem Land sich das alles abspielt? Das fragen Sie noch? Wenn Sie die weltpolitischen Ereignisse der letzten Jahre verfolgt hätten, statt den Kopf in den Sand zu stecken, wüßten Sie die Antwort. Margaret Atwood hat den Kopf jedenfalls nicht in den Sand gesteckt; sie hat die Zeichen an der Wand gesehen. Sie hat sehr genau gesehen, was kommt – was inzwischen bereits eingetreten ist und wohin es führen wird. Sie hat gesehen, daß niemand auf die warnenden Stimmen hören wird, daß niemand die Wahrheit sehen möchte, weil es so viel bequemer ist, „die schönen Seiten des Lebens zu sehen“ und alles unangenehme, alles, was Denken und Handeln erfordert, zu ignorieren. Sie hat auch gesehen, daß das neue System nur von einem durch und durch bigotten, von der Gier nach Macht besessenen Land ausgehen kann, dessen Bewohner es als vollkommen normal empfinden, daß ihr gesamtes Leben computergesteuert und -überwacht ist und das über keinerlei kulturelle oder demokratische Traditionen verfügt.

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