Michail Afanas'evič Bulgakov lebte von 1891 bis 1940. Er schrieb zahlreiche satirische Erzählungen, in denen er meist bestimmte Aspekte der Sowjetideologie zur Zielscheibe machte. In Hundeherz (Sobač'e serdce) zum Beispiel die von den Bolschewisten propagierte Erschaffung eines gänzlich neuen Menschen durch den Kommunismus. Bulgakov verfaßte auch einige nichtsatirische Werke, in denen er allerdings ebenfalls immer Kritik an Aspekten der Sowjetherrschaft übte. In Das Leben des Herrn de Molière (Žizn' gospodina de Mol'era) thematisierte er den Konflikt zwischen dem Schriftsteller Molière und dem absolutistischen Staat. Die weiße Garde (Belaja gvardija) war das erste russische Werk, in dem die Weißen (also die Gegner der Bolschewiki im Bürgerkrieg) nicht als blutrünstige Verbrecher dargestellt wurden. Von einigen Erzählungen fertigte Bulgakov auch Bühnenfassungen an. Viele seiner Werke wurden zwar veröffentlicht, allerdings nur in stark zensierten Fassungen; die Originale wurden erst in der Zeit der Glasnost' publiziert und aufgeführt. Angesichts seiner bissigen Satiren auf die unmenschliche Seite der Sowjetherrschaft und absurde Aspekte der sowjetischen Ideologie kann es durchaus erstaunen, daß Bulgakov nicht nur überlebte, sondern sogar in Freiheit überlebte. Zu verdanken war dies der persönlichen Protektion Stalins.
Der Meister und Margarita
Im stalinistischen Moskau der dreißiger Jahre treffen ein Lyriker und ein Redakteur in einem Park auf einen Ausländer, der sie in ein Gespräch über Religion zieht. Als linientreue Kommunisten leugnen beide die Existenz nichtmaterieller Wesen und spotten über die Jesus-Verehrung aller christlichen Religionen. Hocherfreut stimmt der Fremde diesem Spott zu, besteht allerdings auf der Authentizität von Christus' Leben und Tod: Er sei selbst dabei gewesen und könne dafür bürgen. Er erzählt daraufhin die Geschichte von Jeshua Hanosri, der in Jerusalem vor Pontius Pilatus angeklagt und zum Tod verurteilt wurde. Den beiden Literaten, die ihn auslachen, prophezeit er nebenbei eine triste Zukunft: schnellen Tod dem einen und Geisteskrankheit dem anderen. Als kurz darauf der eine der beiden unter die Straßenbahn gerät, packt den anderen das nackte Grauen, und als er im Schock der Polizei alles haargenau erzählt, landet er in einer psychiatrischen Klinik.
Der mit seinen kulturellen Wurzeln vertraute Leser merkt natürlich schnell, daß es der Teufel persönlich ist, der da mit den beiden Männern spricht, und ist nicht weiter erstaunt, wenn dieser bald darauf ganz Moskau auf den Kopf stellt. Zusammen mit seinem märchenhaften Gefolge hält er die Vertreter der Bürokratie zum Narren, erschüttert ihr Leben, ruiniert ihre Karriere. Vor allem trifft es die Vertreter des Literatur- und Kunstbetriebs, die nichts Immaterielles mehr anerkennen, nur an materiellen Vorteilen und sexuellen Ausschweifungen interessiert sind. Während der Teufel in Moskau sein Spiel treibt, landen immer mehr Menschen in der Irrenanstalt, weil sie die Wahrheit über die Ereignisse sagen, behaupten, es gebe mehr als nur das logisch Erklärbare, oder einfach nur, weil sie den materiellen Zielen anderer im Wege stehen.
Parallel zu den Moskauer Geschehnissen wird die Geschichte der letzten Tage des Mannes Jesus erzählt, nüchtern, ohne religiöse Vernebelung, als die Geschichte eines in seiner Naivität unbequemen Menschen, dem gegen seinen Willen irgendwelche Menschen nachlaufen, die seine Handlungen aufschreiben und dabei eine Deutung hineinfabulieren, die nur ihren eigenen Zwecken dient. Jesus muß aus den gleichen Gründen sterben, aus denen die Moskauer in psychiatrische Kliniken eingewiesen werden. Diese Geschichte ist auch die des unfreiwilligen Henkers Pilatus, der Jesus wider besseres Wissen und Wollen aus politischen Gründen hinrichten läßt und seither zu ewiger Schlaflosigkeit verurteilt ist.
Am Ende kommt natürlich alles wieder irgendwie ins Lot, der Meister und Margarita dürfen aus der mythologisch-asketischen Vernebelung treten und finden endlich zusammen, Pilatus wird erlöst und der Teufel verläßt Moskau.
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