Nachdem Sergej Esenin (geboren 1895) sein Heimatdorf verlassen und einige Zeit in Moskau gelebt hat, findet er ab 1915 in Petrograd Anschluß an die literarische Kreise, in denen er für seine Beschreibungen der Natur und des einfachen Lebens auf dem Lande bewundert wird.
Esenins Dichtung ist stark von der Volkspoesie und den religiösen Gedichten beeinflußt, die sein altgläubiger Großvater ihm in der Kindheit vorlas. Er steht den Sozialrevolutionären nahe, da er davon überzeugt ist, daß die Bauern in der zukünftigen Gesellschaft die wichtigste Rolle spielen werden. Verstärkt wird diese Überzeugung durch seine Freundschaft mit Nikolaj Kluev, der eine umfassende Theorie über Rußlands Zukunft entwickelt, die sich auch Esenin zueigen macht. Kluev zufolge ist Rußland ein Land der Bauern, und diese sind Träger religiöser und sozialer Ideen. Da sie derzeit von den anderen Klassen unterdrückt werden, müssen diese anderen Klassen verschwinden. Die Bauern als Quelle der Wahrheit und der Gerechtigkeit werden dann eine neue Gesellschaft errichten, mit echten Naturgesetzen und einer Kirche der Wälder und des Bodens. Als sich Rußland nach der Revolution stattdessen in eine zunehmend urbanistische und proletarische Gesellschaft verwandelt, wendet sich Kluev entschieden gegen die Revolution; 1937 stirbt er in einem Lager.
Bereits vor 1917 gilt Esenin als einer der talentiertesten Dichter der jüngeren Generation. Seine Lyrik ist kontemplativ, von christlicher Terminologie durchzogen, seine Bilder sind jedoch pantheistisch. Sein Gott ist der der Bauern – ein gutmütiger alter Mann, der öfter 'mal auf einem Esel über die Erde reitet, und in einem dörflich anmutenden Paradies lebt. Auch die Revolution interpretiert Esenin religiös, als Beginn der Herrschaft Gottes auf Erden. Allerdings ist er entsetzt über die Passivität der Bauern, die die neue Regierung zwar hinnehmen, aber nicht erkennen, daß sie nun die Führungsrolle zu übernehmen haben. Verantwortlich macht er dafür die christliche Religion, die den Bauern die Kraft genommen und sie zu fatalistischer Ergebenheit erzogen hat. Sein 1918 erschienenes Inonija (Andersland) ist daher auch blasphemisch, fordert Gott heraus, fordert zur Bekämpfung der Industrialisierung auf und versucht den Bauern ihre eigene Kraft zu vermitteln.
Ende 1918 begründet Esenin gemeinsam mit Anatolij Mariengof und Vadim Šeršenevič die imaginistische Schule. Sie lehnen Futurismus und Symbolismus ab, da einzig das Bild Fundament der Poesie sein könne. Allerdings bleibt Šeršenevič der einzige Imaginist, der diese Theorie mit letzter Konsquenz umsetzt. Für ihn sind Thema und Inhalt vollkommen unwichtig; allein das Bild zählt. Den Imaginisten zufolge muß der Dichter das in jedem Wort enthaltene, aber von der alltäglichen Bedeutung überdeckte Bild wiederfinden. In den imaginistischen Gedichten ist Esenins früherer Optimismus bereits verschwunden. Sie beschreiben ein bis zur Unkenntlichkeit verändertes Land, in dem einzig Elend und Leiden herrschen.
1921 heiratet Esenin die amerikanische Tänzerin Isadora Duncan und begleitet sie auf einer Tournee durch Westeuropa und Amerika. 1923 ist die Ehe bereits endgültig gescheitert, was vor allem auch daran liegt, daß Esenin das Leben fern von Rußland nicht erträgt. Er kehrt in die Heimat zurück, die jedoch auch nicht mehr „sein“ Rußland ist. Seine Verzweiflung spiegelt sich in der 1924 veröffentlichten Sammlung Moskva kabačkaja (Moskau der Schenken) wider, in der er sein zügelloses Leben in Gesellschaft von Trinkern, Prostituierten und Drogenabhängigen beschreibt. In Rus' Sovetskaja (Sowjetisches Rußland), Rus' bezprijutnaja (Obdachloses Rußland) und Rus' uchodjaščaja (Verschwindendes Rußland) versucht er, das neue Leben zu verstehen und seinen Standpunkt zu finden. In einigen Gedichten bemüht sich Esenin krampfhaft, die Neuerungen positiv zu sehen, doch der überwiegende Teil der Dichtung dieser Zeit ist von Verzweiflung geprägt.
1925 begeht Esenin in einem Leningrader Hotel Selbstmord; sein letztes Gedicht schreibt er mit seinem eigenen Blut. Seine revolutionsfeindlichen Gedichte sprechen diejenigen an, die der Meinung sind, Rußland sei einen falschen, unrussischen Weg gegangen, und seine Gedichte über ein ausschweifendes Leben als Bohèmien – verstärkt durch eine früh einsetzende Legendenbildung – finden bei der Jugend großen Anklang. Infolgedessen wird Esenin als unerwünschter Autur aus der russischen Literatur gestrichen und sein Werk wird erst Ende der 60er Jahre wieder veröffentlicht.
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