Kurz vor der Jahrtausendwende wurde in der deutschen Medienwelt erstmals vernehmlich über Wissenschaftler berichtet, die die Richtigkeit unserer Geschichtsschreibung prinzipiell bezweifeln. Meist wurde dies kurz zusammengefaßt als „die Historiker haben sich um 1000 Jahre geirrt“.
Die Kritik an der in der christlichen Welt üblichen Chronologie ist keineswegs neu; bereits seit mehreren Jahrhunderten wurde ihre Richtigkeit immer wieder von namhaften Wissenschaftlern bezweifelt. Allerdings wurden deren Untersuchungen durchweg als Hirngespinste oder Ketzerei abgetan, denn – das darf man nie vergessen – die Geschichte, wie wir sie heute kennen, wurde von im Dienste der Kirche stehenden Männern geschrieben. Vielleicht gelingt es daher jetzt, da wir uns endlich von einem rein von Behauptungen der christlichen Kirchen bestimmten Weltbild zu lösen beginnen, erstmals einem Wissenschaftler, mit seinen Thesen eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen.
Anatolij Fomenko leitet das Projekt „Neue Chronologie“ an der Moskauer Lomonosov-Universität. Ihm fielen in wissenschaftlichen Arbeiten astronomische Paradoxa auf, er ging der Sache nach und stellte fest, daß sich diese Ungereimtheiten durch eine Verschiebung der Zeitachse auflösen ließen. Anders ausgedrückt: Die offizielle Geschichtsschreibung datierte astronomische Ereignisse falsch, und zwar nicht einfach willkürlich, sondern sie verschob sie immer um dieselben Zeiträume. Fomenko stellte nun umfangreiche historische Untersuchungen an und kam zu dem Ergebnis, daß die falsche Geschichtsschreibung im 16. Jahrhundert begann, als Joseph Scaliger im Auftrag der Kirche erstmals die gesamte bekannte Menschheitsgeschichte mit Christi Geburt als Ausgangspunkt zu einer einzigen Chronik zusammenfaßte, die im wesentlichen bis heute als gültig angesehen wird. Bereits Zeitgenossen wie Isaac Newton bezweifelten die Richtigkeit dieser Chronik jedoch, da sie viel zu lang sei. Im Laufe seiner Forschungsarbeit stellte Fomenko fest, daß es in Scaligers Chronologie zahlreiche Duplikate gibt, also ein und dasselbe Ereignis in zwei oder mehr unterschiedlichen Epochen stattfand. Letztlich kam er zu dem Schluß, daß die gesamte Scaliger-Chronologie aus sechs Zeitblöcken besteht, die mehrmals wiederholt werden.
Seine These, Scaliger habe die Geburt Christi vom 11. ins 1. Jahrhundert zurückverlegt, begründet Fomenko zum Beispiel damit, daß die Kirchenhistoriker des 16. Jahrhunderts bereits vergessen hatten, daß das „X“ in Jahresangaben nicht die lateinische Zahl 10 repräsentierte, sondern das griechische Wort Christos (X ist die Schreibweise des Buchstabens „Chi“). X.III bedeutete demnach nicht, wie sie fälschlich annahmen, 1300, sondern 300 Jahre nach Christus. Eingängig ist auch seine Erklärung dafür, daß Scaliger viele Herrscher mehrmals leben ließ: Von verschiedenen Historikern und in verschiedenen Sprachen wurden den Herrschern immer verschiedene Beinamen gegeben, die Scaliger nicht als alternative Namen eines Herrschers erkannte, so daß er – kurz gesagt – pro Name einen Herrscher in seine Chronik einfügte.
Fomenko belegt seine Forschungsergebnisse ausführlich mit zahlreichen Quellenangaben. Außerdem sind seine Bücher klar und für den Laien verständlich geschrieben, ohne dadurch zu Populärschmökern zu werden. Eine wichtige Verständnishilfe sind die zahlreichen und gut dargestellten Beispiele.
Ob Fomenko „recht hat“ oder nicht, kann ich natürlich nicht sagen. Recht zu haben ist auch nicht Sinn und Zweck wissenschaftlicher Arbeit. Beeindruckend an seiner Arbeit ist, daß er die Tatsachen, die er aufspürt, nicht solange verbiegt und zurechtstutzt, bis sie in ein kanonisiertes System passen, sondern klar sagt: Wenn die Tatsachen der Schlußfolgerung widersprechen, dann kann die Schlußfolgerung nicht stimmen.
Das ist zweifellos verunsichernd und häufig beunruhigend, letztlich aber doch wesentlich befriedigender, als sich von allgemein anerkannten Denkmauern am Über-sich-selbst-Hinausdenken hindern zu lassen.
Hinweis zum Text:
Um die Lektüre der kurzen Textbeispiele zu vereinfachen, habe ich die Quellenangaben im Text hier weggelassen.
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