Aleksandr Sergeevič Puškin lebte von 1799 bis 1837. Er verfaßte zahlreiche bissig-witzige Epigramme auf Zeitgenossen, vor allem auf konservative Schriftsteller. Als er auch über Arakčeev, einen Günstling des Zaren Aleksandr I., herzog, wurde er 1820 aus Petersburg verbannt. Er lebte in mehreren südlichen Regionen, bis ihm 1826 Nikolaj I. die Rückkehr in die Hauptstadt erlaubte. Allerdings war diese Rückkehr an die Auflage gebunden, daß der Zar selbst alles, was Puškin schrieb, vor der Veröffentlichung zu sehen bekam. Dies bedeutete, daß Puškin bis zu seinem Lebensende von der 3. Abteilung, der gefürchteten zaristischen Geheimpolizei, kontrolliert wurde.
Puškins Zeit ist die Übergangszeit von der Romantik zum Realismus, und er ist mit Sicherheit der wichtigste Autor dieser Periode. Er begann als romantischer Dichter. So wird zum Beispiel in den in der Verbannung entstandenen „südlichen Gedichten“ der romantische Protest gegen eine ungerechte Gesellschaft immer durch die Antithese Zivilisation – Natur ausgedrückt. Puškins Hauptwerk ist der Versroman Evgenij Onegin, in dem er den Urtyp einer Figur schafft, die in der realistischen russischen Literatur eine zentrale Rolle spielen sollte: den überflüssigen Menschen (lišnij čelovek). Dieser ist ein Mensch, der von seinem
oberflächlichen Milieu verdorben ist und trotz seiner Begabungen keine Möglichkeit findet, ein sinnvolles Leben zu führen; stattdessen langweilt er sich in seiner Untätigkeit und verachtet die Welt. Eindeutig nicht romantisch sind Puškins Erzählungen und seine Dramen, in denen er vor allem historische Themen aufgreift. Zu seinen wichtigsten Verfahren gehört es, romantische und sentimentalistische Schablonen so zu verwenden, daß sie bloßgelegt und bloßgestellt werden.
Eine Ursache für die bis
heute anhaltende Beliebtheit Puškins ist sicher die teils feine, teils bissige Ironie, die alle seine Werke durchzieht.
Außerhalb des russischen Sprachraums ist zwar Puškins Name recht bekannt, nicht aber seine Werke. Der Grund hierfür ist wahrscheinlich, daß vor allem seine Lyrik kaum so zu übersetzen oder nachzudichten ist, daß sie an das Original heranreicht. Für den Anfänger zu einfach, für den Könner zu schwierig ... Puškins Sprache ist leicht verständlich und er verwendet meist vierhebige Jamben mit Kreuzreim. Doch seine Stilmittel sind einzigartig: vielschichtig und meist verdeckt. An diesen Stilmitteln ist schon so mancher Literaturwissenschaftler gescheitert, und für einen Nachdichter stellen sie eine kaum zu überwindende Hürde dar. In wenigen Worten setzt er einen Bedeutungs- und Konnotationsreichtum frei, der in einer Übersetzung kaum wiederzugeben ist. Daher gilt Puškin bis heute als die Sonne der russischen Dichtung; und daher klingen seine Gedichte in der Übersetzung häufig entweder albern oder grobschlächtig.
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