Salman Rushdie wurde 1947 in Bombay geboren. Mit 14 Jahren wanderte er nach England aus, und erhielt drei Jahre später die britische Staatsbürgerschaft. Seinen literarischen Durchbruch schaffte er 1981 mit dem Roman Midnight's Children. Nach der Veröffentlichung der Satanic Verses (1988) rief Ajatollah Khomeini 1989 zur Tötung Rushdies und aller an der Verbreitung des Romans beteiligten Personen auf. Über zehn Jahre lang lebte Rushdie daraufhin versteckt in England, mittlerweile wohnt er New York.
Sowohl die gewaltigen Gegensätze zwischen arm und reich, die er in seiner Kindheit in Indien erlebte, als auch die inneren Gegensätze seiner eigenen indisch-englischen Identität sind Themen, die Rushdies gesamtes Werk durchziehen. Sein Stil wird oft als magisch-realistisch beschrieben, da er auf bemerkenswerte Art Mythisches, Mystisches, Märchenhaftes und Realistisches verbindet; bei Rushdie sind dies keine nebeneinanderstehenden Welten, sondern sie bedingen sich gegenseitig und bilden eine unauflösliche Einheit. So ist auch Harun und das Meer der Geschichten einerseits ein Märchen, das durchaus für Kinder geeignet ist. Andererseits ist es aber auch eine Selbstdarstellung eines Erzählers, der von seinen Quellen abgeschnitten ist, ein Buch über die tödliche Grausamkeit von Zensur und eine Erzählung über die Bedeutung und Macht des Wortes.
Übrigens: Die Fatwa legt den Gedanken nahe, die Satanischen Verse müßten wohl ein schwieriges und schweres, tiefgründiges Buch sein, von dem man besser die Finger lasse. Im Vordergrund steht die Geschichte des wahnsinnigen Erzengels Gabriel, der vor allem den Propheten, letztlich aber alle Überbringer absolut gültiger „göttlicher Botschaften“ als Personen entlarvt, die ihre eigenen Vorurteile Göttern und Engeln in den Mund legen, für die ihr Gott nur ein Mittel zur Erlangung ihrer persönlichen Ziele ist, die durch die Kraft, mit der sie sich selbst von ihren Lügen überzeugen, auch andere mitreißen, die andere für ihre Botschaften in den Tod schicken, selbst aber immer auf ihre Sicherheit bedacht sind usw. usw. Natürlich mußten die Mullahs daraufhin die Fatwa aussprechen – welcher „geistliche“ Führer, sei er muslimisch, christlich oder jüdisch, kann schon akzeptieren, daß man die Wahrheit über ihn sagt. Aber die satanischen Verse gehen weit über diesen monotheistischen Wahnsinn hinaus. Sie sind auch ein Roman über das heutige Großbritannien, das mit den Folgen seines Imperialismus nicht fertig wird, insbesondere mit den „Kindern des Weltreiches“ im eigenen Land. Sie sind ein Buch über das moderne Indien mit seiner zwischen eigener und Kolonialkultur zerrissenen Identität, dessen Menschen sich, vom Staat ausgeschlossen, den verschiedensten Religionen zuwenden, von deren Führern aber – siehe oben – genauso mißbraucht werden wie von denen des Staates („Allah ist gegen die Zahlung von Alimenten“). Sie sind ein Buch über Gut und Böse, über Mythen und Realität, über's Erwachsenwerden und Identitätsfindung. Und auf jeden Fall sind die satanischen Verse eine regelrechte Achterbahnfahrt der Phantasie, die den Leser unwiderstehlich mit sich zieht; ein Lesegenuß, den man sich nicht vorenthalten sollte.
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