Zürich 1985.
| Romulus | Was hast du mir zu sagen? |
| Rea | Rom ist in Gefahr, mein Vater. |
| Romulus | Es ist merkwürdig, daß alle ausgerechnet in dieser Nacht politische Gespräche mit mir führen wollen. Dazu ist doch der Mittagstisch da. |
| Rea | Wovon soll ich denn reden? |
| Romulus | Von dem, was man zu seinem Vater in nächtlicher Stunde redet. Von dem, was dir am nächsten liegt, mein Kind. |
| Rea | Rom liegt mir am nächsten. |
| Romulus | So liebst du Ämilian nicht mehr, auf den du gewartet hast? |
| Rea | Doch, mein Vater. |
| Romulus | Aber nicht mehr so heiß wie früher, nicht mehr so, wie du ihn einst geliebt hast. |
| Rea | Ich liebe ihn mehr als mein Leben |
| Romulus | So erzähle mir von Ämilian. Wenn du ihn liebst, ist er wichtiger als so ein verlottertes Imperium. |
| Schweigen. | |
| Rea | Mein Vater, laß mich den Cäsar Rupf heiraten. |
| Romulus | Der Rupf, meine Tochter, ist mir zwar sympathisch, weil er Geld hat, aber er stellt unannehmbare Bedingungen. |
| Rea | Er wird Rom retten. |
| Romulus | Das ist es eben, was mir diesen Mann unheimlich macht. Ein Hosenfabrikant, der den römischen Staat retten will, muß wahnsinnig sein. |
| Rea | Es gibt keinen anderen Weg, das Vaterland zu retten. |
| Romulus | Das gebe ich zu, es gibt keinen anderen Weg. Das Vaterland kann nur noch mit Geld gerettet werden, oder es ist verloren. Wir müssen zwischen einem katastrophalen Kapitalismus und einer kapitalen Katastrophe wählen. Aber du kannst diesen Cäsar Rupf nicht heiraten, mein Kind, du liebst Ämilian. |
| Schweigen. | |
| Rea | Ich muß ihn verlassen, um meinem Vaterland zu dienen. |
| Romulus | Das ist leicht gesagt. |
| Rea | Das Vaterland geht über alles. |
| Romulus | Siehst du, du hast doch zu viel in den Tragödien studiert. |
| Rea | Soll man denn nicht das Vaterland mehr lieben als alles in der Welt? |
| Romulus | Nein, man soll es weniger lieben als einen Menschen. Man soll vor allem gegen sein Vaterland mißtrauisch sein. Es wird niemand leichter zum Mörder als ein Vaterland. |
| Rea | Vater! |
| Romulus | Meine Tochter? |
| Rea | Ich kann doch das Vaterland unmöglich im Stich lassen. |
| Romulus | Du mußt es im Stich lassen. |
| Rea | Ich kann nicht leben ohne Vaterland! |
| Romulus | Kannst du ohne den Geliebten leben? Es ist viel größer und schwerer, einem Menschen die Treue zu halten als einem Staat. |
| Rea | Es geht um das Vaterland, nicht um einen Staat. |
| Romulus | Vaterland nennt sich der Staat immer dann, wenn er sich anschickt, auf Menschenmord auszugehen. |
| Rea | Unsere unbedingte Liebe zum Vaterland hat Rom groß gemacht. |
| Romulus | Aber unsere Liebe hat Rom nicht gut gemacht. Wir haben mit unseren Tugenden eine Bestie gemästet. Wir haben uns an der Größe des Vaterlandes wie mit Wein berauscht, aber nun ist Wermut geworden, was wir liebten. |
| Rea | Du bist undankbar gegen das Vaterland. |
| Romulus | Nein, ich bin nur nicht wie einer jener Heldenväter in den Trauerspielen, die dem Staat noch einen guten Appetit wünschen, wenn er ihre Kinder fressen will. Geh, heirate Ämilian. |
| Ämilian | Du bist angeklagt, dein Reich verraten zu haben. |
| Romulus | Nicht ich habe mein Reich verraten, Rom hat sich selbst verraten. Es kannte die Wahrheit, aber es wählte die Gewalt, es kannte die Menschlichkeit, aber es wählte die Tyrannei. Es hat sich doppelt erniedrigt: vor sich selbst und vor den anderen Völkern, die in seine Macht gegeben waren. Du stehst vor einem unsichtbaren Thron, Ämilian, vor dem Thron der römischen Kaiser, deren letzter ich bin. Soll ich deine Augen berühren, daß du diesen Thron siehst, diesen Berg aufgeschichteter Schädel, diese Ströme von Blut, die auf seinen Stufen dampfen, die ewigen Katarakte der römischen Macht? Was erwartest du für eine Antwort von der Spitze des Riesenbaus der römischen Geschichte herab? Was soll der Kaiser zu deinen Wunden sagen, thronend über den Kadavern der eigenen und der fremden Söhne, über Hekatomben von Opfern, die Kriege zu Roms Ehre und wilde Tiere zu Roms Vergnügen vor seine Füße schwemmten? Rom ist schwach geworden, eine taumelnde Greisin, doch seine Schuld ist nicht abgetragen, und seine Verbrechen sind nicht getilgt. Über Nacht ist die Zeit angebrochen. Die Flüche seiner Opfer haben sich erfüllt. Der unnütze Baum wird gefällt. Die Axt ist an den Stamm gelegt. Die Germanen kommen. Wir haben fremdes Blut vergossen, nun müssen wir mit eigenem zurückzahlen. Wende dich nicht ab, Ämilian. Weiche nicht vor meiner Majestät zurück, die sich vor dir erhebt, mit der uralten Schuld unserer Geschichte übergossen, schrecklicher noch als dein Leib. Es geht um die Gerechtigkeit, auf die wir getrunken haben. Gib Antwort auf meine Frage: Haben wir noch das Recht, uns zu wehren? Haben wir noch das Recht, mehr zu sein als ein Opfer? |
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