Faust. Erster und zweiter Teil.
München 1986.
| Faust | Ich fühls, du schwebst um mich, erflehter Geist:
Enthülle dich! Ha! wies in meinem Herzen reißt! Zu neuen Gefühlen All meine Sinne sich erwühlen! Ich fühle ganz mein Herz dir hingegeben! Du mußt! du mußt! und kostet' es mein Leben! |
| Geist | Wer ruft mir? |
| Faust | abgewendet: Schreckliches Gesicht! |
| Geist | Du hast mich mächtig angezogen,
An meiner Sphäre lang gesogen, Und nun – |
| Faust | Weh! Ich ertrag dich nicht! |
| Geist | Du flehst eratmend, mich zu schauen,
Meine Stimme zu hören, mein Antlitz zu sehn; Mich neigt dein mächtig Seelenflehn: Da bin ich! - Welch erbärmlich Grauen Faßt Übermenschen dich! Wo ist der Seele Ruf? Wo ist die Brust, die eine Welt in sich erschuf Und trug und hegte? die mit Freudebeben Erschwoll, sich uns, den Geistern, gleichzuheben? Wo bist du, Faust, des Stimme mir erklang, Der sich an mich mit allen Kräften drang? Bist du es, der, von meinem Hauch umwittert, In allen Lebenstiefen zittert, Ein furchtsam weggekrümmter Wurm? |
| Faust | Soll ich dir, Flammenbildung, weichen?
Ich bins, bin Faust, bin deinesgleichen! |
| Geist | In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall ich auf und ab, Wehe hin und her! Geburt und Grab, Ein ewiges Meer, Ein wechselnd Weben, Ein glühend Leben: So schaff ich am sausenden Webstuhl der Zeit Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid. |
| Faust | Der du die weite Welt umschweifst,
Geschäftiger Geist, wie nah fühl ich mich dir! |
| Geist | Du gleichst dem Geist, den du begreifst,
Nicht mir! Verschwindet. |
| Faust | Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
So sei es gleich um mich getan! Kannst du mich schmeichelnd je belügen, Daß ich mir selbst gefallen mag, Kannst du mich mit Genuß betriegen: Dann sei für mich der letzte Tag! Die Wette biet ich! |
| Mephistopheles | Topp! |
| Faust | Und Schlag auf Schlag!
Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, Dann will ich gern zugrunde gehn! Dann mag die Totenglocke schallen, Dann bist du deines Dienstes frei, Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen, Es sei die Zeit für mich vorbei! |
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| Goethe, Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil. Urfaust. | Goethe, Gedichte. Sämtliche Gedichte in zeitlicher Folge. | Goethe, Wilhelm Meister. Die Lehrjahre/Die Wanderjahre. |