Stuttgart und Berlin: Cotta'sche Buchhandlung, 1926.
Achter Auftritt
| Cyrano. Le Bret. Die Kadetten (welche sich rechts und links an die Tische gesetzt haben und früstücken). | |
| Cyrano | (spöttisch zu den Kavalieren, welche ihn beim Hinausgehn nicht zu grüßen wagen). Empfehle mich den Herrn ... |
| Le Bret | (nach vorn kommend, schlägt verzweifelt die Hände überm Kopf zusammen). Das ist zu bunt! |
| Cyrano | Nun brummst du wieder! |
| Le Bret | Wenn's dir endlich glückt, Jagdst du Fortuna fort wie einen Hund. Das ist ja Wahnsinn. |
| Cyrano | Gut, ich bin verrückt. |
| Le Bret | . . . |
| Cyrano | Doch als Exempel und Prinzip Erscheint mir dies Verrücktsein sehr vernünftig. |
| Le Bret | Nur deine tolle Händelsucht vertrieb Bisher den Ruhm ... |
| Cyrano | Wie soll ich's halten künftig? Mir einen mächtigen Patron entdecken Und als gemeines Schlinggewächs dem Schaft, An dem ich aufwärts will, die Rinde lecken? Durch List empor mich ranken, nicht durch Kraft? Nein, niemals! Oder soll ich, wie so viele, Ein Loblied singen auf gefüllte Taschen, Soll eines Hofmanns Lächeln mir erhaschen, Indem ich seinen Narren spiele? Nein, niemals! Oder soll ich Kröten schlucken, Auf allen vieren kriechen, gleich dem Vieh, Durch Rutschen wund mir scheuern meine Knie', Kreuzschmerzen leiden durch beständ'ges Ducken? Nein, niemals! Soll ich einem Schäfchen gleichen, Um selbst mir eins in Trockene zu bringen? Soll Honig streun, um Zucker einzustreichen, Und unermüdlich Weihrauchfässer schwingen? Niemals! Soll ich als lust'ger Zeitvertreiber Nach großem Ruhm in kleinem Kreise spähn, Damit sich von den Seufzern alter Weiber Des Dichterschiffleins schlaffe Segel blähn? Niemals! Für meine Verse dem Verleger, Der sie mir druckt, bezahlen runde Summen? Niemals! In der Verbrüderung der Dummen Gefeiert werden als der Bannerträger? Ein einziges Sonett wie ein Hausierer Vorzeigen, statt noch andre zu verfassen? Niemand talentvoll nennen als die Schmierer? Vor jedem Litteratenklatsch erblassen Und eifrig forschen: Werd' ich anerkannt? Hat der und jener lobend mich genannt? Niemals! Stets rechnen, stets Besorgnis zeigen, Lieber Besuche machen als Gedichte, Bittschriften schreiben, Hintertreppen steigen? Nein, niemals, niemals, niemals! – Doch im Lichte Der Freiheit schwärmen, durch die Wälder laufen, Mit fester Stimme, klarem Falkenblick, Den Schlapphut übermütig im Genick, Und je nach Laune reimen oder raufen! Nur singen, wenn Gesang im Herzen wohnt, Nicht achtend Geld und Ruhm, mit flottem Schwunge Arbeiten an der Reise nach dem Mond Und insgeheim sich sagen: Lieber Junge, Freu' dich an Blumen, Früchten, selbst an Blättern, Die du von deinem eignen Beet gepflückt! Wenn dann vielleicht bescheidner Sieg dir glückt, Dann mußt du nicht ihn teilen mit den Vettern; Dann darfst du König sein in deinem Reiche, Statt zu schmarotzen, und dein Schicksal sei, Wenn du der Buche nachstehst und der Eiche, Nicht hoch zu wachsen, aber schlank und frei. |
| Le Bret | Frei; doch warum nicht friedlich? Wüßt' ich nur, Wodurch der Teufelstrieb ins Herz dir fuhr, Alltäglich, stündlich Feinde dir zu machen! |
| Cyrano | Weil ich mit ansah, was euch Freunde gelten, Und wie ihr sie verhöhnt mit einem Lachen, Das falsch und fratzenhaft sich selbst verneint! Man soll mich herzlich grüßen, aber selten; Drum ruf' ich froh: Gottlob, ein neuer Feind! |
| Le Bret | Thörichter Trotz! |
| Cyrano | Ja, dies ist meine Schwäche. Gehaßtsein ist mein Glück. Ich will mißfallen! Mich freut's, wenn in ein Wespennest ich steche, Wenn rings aus Feindesaugen Pfeile prallen! Stolz merk' ich an den Flecken meines Kleides Der Feigheit Geifer und die Gischt des Neides! – All eurer Freundschaft süßliches Gekos Gleicht jenen italien'schen Spitzenkragen, Durch die der Hals verweichlicht. Sie zu tragen, Ist zwar bequem, doch macht es würdelos; Denn schlotternd ohne Zwang und Stütze fällt Das Haupt nach vorn. Ich aber bin geborgen: Der Haß, mein Duzfreund, stärkt mir jeden Morgen Die Krause, die den Nacken steif erhält, Und Feindschaft schnürt und zwängt ohn' Unterlaß, Bis schwerer ich und – stolzer Atem hole: Der spanischen Krause gleichend, ist der Haß Ein Schraubenstock und eine Gloriole. |
| Le Bret | (nach einer Pause, den Arm unter den Cyranos schieben). Ruf' laut, welch bittrer Stolz dein Herz umgiebt, Doch leis gesteh' mir, daß sie dich nicht liebt. |
| Cyrano | (heftig). Schweig! |
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