Konstantin Bal'mont

Lautlosigkeit

In russischer Landschaft müd zärtlichem Schlummer
Liegt wortloser Schmerz aus verheimlichtem Leiden,
Ein ausweglos, grenzen- und lautloser Kummer
Und Höhen so kalt und die Weiten voll Scheiden.

Komm früh auf den Hügelhang, Ausschau zu halten,
Wie atmet die Kühle vom Fluß unterm Bühle;
Schwarz ragen des Tannichts erstarrte Gewalten –
Und weh sind und unfroh des Herzens Gefühle.

Wie leblos das Schilf. Auch im Riedgras kein Beben.
Die Stille ist tief. Und die Ruh – ohne Laute.
Weit laufen die Wiesen, so eben, stets eben.
Und Müdigkeit ringsum, tiefstumme, vertraute.

Tritt spät in der Dämmrung, als trät'st du in Wellen,
In ländlicher Gärten verwilderte Kühle –
Wie schattig die Bäume dich lautlos umstellen,
Versehnt sind und unfroh des Herzens Gefühle.

Als fleht' um Ersehntes die Seele mit Beben,
Als hätt' man ihr weh getan, weh ungebührlich!
Als hätt' zwar vergeben das Herz starr daneben
Und weine doch, weine und wein' unwillkürlich.

1900

Russische Lyrik. Gedichte aus drei Jahrhunderten.
Ausgewählt und eingeleitet von Efim Etkind.
Serie Piper 1987.
Übertragung: Johannes von Guenther