Ol'ga Berggol'c

* * *

Nein, nicht aus unsern armen Büchern,
erinnernd an den Bettelsack,
erfahrt ihr, daß wir, immer siecher,
ein Leben führten schwer und matt.

Daß in der Liebe, rauh und bitter,
wir keine Ehrlichkeit gewagt,
daß bei Verhören, wütend, zitternd,
wir uns vom Eignen losgesagt.

Doch tagelang, in enger Kammer,
da gingen schlaflos wir herum
und flüsterten in unserm Jammer:
o Volk... o Heimat... sagt, warum?

Wir fanden schließlich auch noch Gründe
für unsrer Mutter Grausamkeit,
verziehen ihr die schwere Sünde:
der besten Söhne Todesleid.

O dieser Schande schwere Wunde –
durchlitten wir nicht einmal da
der Menschen Trauer bis zum Grunde:
im Bergwerstod von Kolyma?

Und wer entkam dem großen Leiden,
den traf ein ärgeres Geschick:
des Kleinmuts jämmerliches Schweigen,
der Freunde zweifelnd-schiefer Blick.

Und schweigend, nur geheim noch klagend,
so lebten wir dann irgendwie...
Denn anders konnten wir's nicht wagen,
zu weinen, atmen – anders nie.

Und jeden Tag, zu allen Stunden,
die Angst vor der Gefängnishaft...
Jedoch war neuer Mut gefunden,
wir brachen gar der Ängste Macht.

Doch unsre Ketten zu besingen,
das wurde niemals uns erlaubt...
Wie falsch all unsere Bücher klingen,
da sie des Kämpfermuts beraubt.

Doch wenn, gebeugt von Schmerz und Schande,
ihr diese Verse einst entdeckt,
so wie, verbrannt am Waldesrande,
die Feuerstelle, staubbedeckt,

und seht das Brennen unsrer Schwären
und kalten Rauch herüberwehn,
so mögt ihr uns mit Schweigen ehren,
wie wir euch schweigend übergehn.

Russische Lyrik. Gedichte aus drei Jahrhunderten.
München 1981