Schwärze: Abend.
Weiß: Schnee fällt.
Wind und Wind!
Keiner, der sich aufrecht hält.
Wind und Wind
Über Gottes weite Welt!
Windsbraut streut
Flockenweiß.
Drunter: Eis.
Gleiten, Fallen: so gehts allen.
Arme Leut!
Eine Schnur, die man spannte.
Dran ein Plakat:
„Alle Macht der Konstituante!“
Kommt ein Mütterchen, das weint,
Weiß nicht, was das alles meint:
Solche Stoffverschwendung
Ausgerechnet jetzt!
Wüßt da bessere Verwendung
Barfuß ist man und zerfetzt ...
Mütterchen, mußt durch den Schnee –
Irgendwie wird es schon gehn.
– Maria-Fürsprech, blick herab!
– Die Bolschewiken bringen mich ins Grab!
Winde, scharfes Hui!
Stein frierts und Bein!
Drüben: der Burschui,
Nas' im Mäntelein.
Und der da drüben? Lange Mähne,
Murmelt was zwischen den Zähnen:
– Verrat!
– Verrat an Rußland, Verrat!
Vermutlich ein Literat ...
Und da! Die Schöße flattern –
Da, da, wo's grade stob!
Warum heut so verdattert,
Genosse Pop?
Weißt noch, wie's gewesen?
Schobst den Bauch heran,
Und von Baucheshöhe
Leuchtets Kreuz uns an ...
Damen. Kommen angestelzt.
Was spricht der Persianerpelz?
– Ach, das Leid, das viele Leid ...
Rutsch! – So lang, so breit ...
Los, lauf,
Hebse auf!
Wind, munter,
Drüberhin, drunter,
Teilt Püffe aus, Stöße,
Zupft an den Schößen.
Passanten – gemäht,
Das Plakat – gebläht,
Das weithin gespannte:
„Alle Macht der Konstituante!“
Worte, herübergeweht:
... 'ne Versammlung abgehalten ...
... ja, da drüben, in dem alten ...
... Diskussion –
und Resolution:
Zehn pro einmal, zwanzig für die Nacht ...
... Na, gut Nacht ...
Späte Stunde.
Menschenleer.
Alter Kunde
Schlurft daher.
Wind macht die Runde.
Frierst wohl – ei, Wenn wir zwei ...?
Brot!
Was wird kommen, was geschehn ?
Weitergehn!
Schwarzer Himmel drüberher.
Haß kocht, schwarz und finster, schwer.
O du schwarzer, heiliger ...
Genösse! Du!
Kein Auge zu!
Schneetanz, Stäuben, Wirbeln, Wehn.
Es gehn die Zwölf, die Zwölfe gehn.
Die Flintenriemen, schwarz und stumm.
Und Flammen-, Flammenschein rundum.
Mütze – zerbeult! Die Kippe – naß!
Stündst schön am Buckel, Karo-As!
Freiheit, Freiheit,
Freiheit sei!
Und kein Kreuz, kein Kreuz dabei!
Trara! Hei!
Kalt, Genossen, bitterkalt!
– Der Wanja ? Führt die Katja aus ...
– Ja, die hat Rubelchen im Haus ...
– Und wo's nun einmal Zaster hat ...
– Da macht man kehrt und wird Soldat!
– Wanja, Burschui und Hurenmist,
Probier mal, wie die Meine küßt!
Freiheit, Freiheit,
Freiheit sei!
Und kein Kreuz, kein Kreuz dabei!
Haben beide was zu tun –
Frag mich bloß, was tun die nun?
Trara! Hei!
Der Flammen-, Flammenschein rundum.
Die Flintenriemen, schwarz und stumm.
Halt Schritt, halt Schritt mit der Revolution!
Glaub nicht, die drüben schlafen schon!
Fester die Kralle, Mensch! Und Mumm!
Jetzt. Mutter Rußland, machts mal bumm!
Bumm, du heilige,
Bumm, du herrlichste,
Bumm, du ärschlichste!
Und kein Kreuz, kein Kreuz dabei!
Gingen unsre Jungens hin,
Wurden Rotgardisten,
Wurden Rotgardisten,
Hieltens tolle Köppchen hin!
O du Gram und Kümmernis,
O du Lebensfreude!
Das Mäntelchen aus Lumpen ist,
Die Knarre stammt vom Feinde!
Allerorten, allerwegen
Wolln, Burschui, wir Brände legen!
Das Blut soll kochen und sich regen –
Herr im Himmel, gib den Segen!
Kutscherschrei und Schneegebraus,
Wanjka, Katjka fahren aus –
He, Laternchen, he, so nobel,
Sitzt dort auf der Deichselgabel,
Will dich mir herunterhaben ...
Guck: Montur und Equipage!
Wanja, alberne Visage,
Zwirbel deinen Schnurrbart, zwirbel,
Mach 'nen Wirbel,
Mach 'nen Wirbel ...
Bin der Wanja, bin ein Mann!
Bin ein Mann, der reden kann!
Zeigt der Zicke, wie beredt,
Und das Mundwerk geht ...
Laß das Köpfchen schiefer sitzen,
Zeig, wie deine Zähne blitzen –
Katja, Katja, Katjenka,
Eine Schnute hast du da ...
Katja, hast am Hals 'ne Schramme,
Muß von einem Messer stammen;
Auf der Brust 'nen roten Fleck,
Katja, und der will nicht weg!
Komm, komm, schwing das Bein!
Beinchen will geschwungen sein!
Kamst so fein daherspaziert,
So seidenspitzenfein.
Hast mit Leutnants schon poussiert –
Laß dich mit mir ein!
Komm, komm, laß dich ein,
Hab ein Herz, ist nicht von Stein!
Ja, das Messerchen, es traf
Den Herrn Offizier ...
Weißt noch, sakra, wie's ihn traf,
Oder zeig ichs dir?
Oder zeig ichs, zeig ichs dir –
Na? Das Bett steht hier!
Weißt was von Gamaschenstiefeln,
Hast Bonbons gelutscht,
Warst mit deinen Junkern schwiemeln.
Lernst, wie'n Landser knutscht?
Noch 'ne Sünde, eine mehr,
Und das Herz ist fröhlicher!
Der Schlitten, wieder, auf uns zu!
Geknall, Geschrei – ich komm dir, du!
Andrjucha, schnell! Und Ihr da, halt!
Von links, Petrucha! Mach ihn kalt!
Jetzt! Knall und knall und noch mal knall!
Und mit dem Schnee ins Weltenall!
Der Kutscher! Wanja! Was? Davon?
Den Hahn gespannt! Noch 'ne Portion!
Knall, knall und knall! Ich stoß dir mal
Bescheid bezüglich Damenwahl!
Getürmt, der Hund! Getürmt, bevor –
Na wart, ich komm auch morgen vor!
Und Katja? – Da, wie sie da liegt!
Das Köpfchen hat Besuch gekriegt ...
Was? Sie ist froh? – Hurengeschmeiß!
Dich Aas macht auch der Schnee nicht keusch ...
Halt Schritt, halt Schritt mit der Revolution!
Glaub nicht, die drüben schlafen schon!
Und sie gehn, die Zwölf, sie gehen,
Gehn und tragen das Gewehr.
Einer geht, der hat getötet,
Einer zeigts Gesicht nicht her.
Schritt, du bist zu langsam, Füße,
Füße, ihr müßt schneller sein.
Hals, das Tuch um dich sitzt locker,
Hals, ich hüll dich nicht mehr ein ...
– Bist, Genosse, schlechter Laune?
– Siehst ja ganz verbiestert aus!
Läßt ja deine Nase hängen!
Denkst an Katja, altes Haus?
– Ach, ihr Guten, ach, ihr Freunde,
Ach, sie will nicht aus dem Sinn ...
Nächte schwarz und Nächte dunkel,
Nächte bracht ich mit ihr hin ...
– Weil ihr Aug so kühn und keck war,
Weil ein Feuer drin gebrannt,
Weil das Muttermal wie Mohn glüht',
Das auf ihrer Schulter stand –
Darum nur und nur darum
Kam mein Zorn und bracht sie um ...
– So, jetzt einmal Leierkasten!
Einer wird sentimental!
– Wozu gibt es Tränendrüsen?
Nein, Herr, Sie erlauben mal!
– Etwas Selbstkontrolle, bitte!
– Haltung, Petja! Andre Schritte!
– Diese Zeit weiß nichts von Kindern,
Hätschelt nicht und lullt nicht ein!
Eine Last ist noch zu tragen,
Und sie will getragen sein!
Und Petrucha hat begriffen,
Und sein Schritt ist wie ihr Schritt,
Seinen Kopf hat er jetzt oben,
Und sein Mund, er lächelt mit ...
Glaubt mir, glaubt,
Solche Kurzweil ist erlaubt!
Aufgepaßt jetzt in den Villen,
Jemand kommt, den Sack zu füllen!
Dreht die Schlüssel, dreht sie rum –
Habenichtse gehn jetzt um!
O du Gram und Kümmernis,
Öde du, tödliche
Ödigkeit!
Hab ja Zeit und hab Weil,
Bring sie zu, bring sie hin ...
Hab ein Kämmlein zur Hand,
Führ es her, führ es hin ...
Hab ein Kernlein im Mund,
Beiß es auf, beiß hinein ...
Hab ein Messerlein fein,
Klapp es auf, fahr drein!
Flieg, Burschui, flieg –
Die Kugel da holt dich zurück.
Flieg, Vögelchen, steige –
Dein Blut, ich trinks bis zur Neige.
Trink es, mußts mir geben:
Mädchen ging fort aus dem Leben ...
Gib, Herr, der Seele deines Knechts die Ruh und den
Frieden ...
Ödigkeit!
Die Stadt liegt still, der Schlaf hat sie im Arm,
Der Newaturm dort: stumm seht ihr ihn stehn.
Die Straßen – leer, und nirgends ein Gendarm.
Der Schnaps ist alle, Kinder – tanzt trotzdem!
Seht dort den Bürger stehn, am Kreuzweg, er
Hat seine Nase tief im Kragen, und
Da ist noch jemand, zottig, dicht daneben – wer?
Ein Hund, der sich an ihn schmiegt, räudig – ja, ein Hund.
So steht der Bürger, hungrig, hündisch, hält
Sich wie ein Fragezeichen, Sprache ist ihm fremd.
Und hinter ihm, daneben, hockt die alte Welt:
Ein Köter, herrenlos. Der Schwanz ist eingeklemmt.
Woher schneit es, wenns so schneit?
Alles weht es zu.
Keiner keinem sichtbar! Weit
Noch das nächste Du!
Schneetrichter, Schneesäulen, Schnee ...
– Herr, dies Blasen und dies Schnein!
– Petja, laß die Scherze sein!
Kommst uns jetzt mit dem Ikönchen,
's fromme Söhnchen!
Bist nicht ganz bei Trost, vergißt,
Wo jetzt Rat zu holen ist –
Oder sind die Händchen dein
Vom vergossenen Blut schon rein?
– Halt Schritt mit der Revolution!
Glaub nicht, die drüben schlafen schon!
Volk der Arbeit, bleib nicht stehn.
Weiter mußt du, weitergehn!
... Und es gehn die Namenlosen,
Und die Zwölfe gehn.
Alles tun, an nichts sich stoßen,
Nichts verdient zu stehn ...
Blank und stählern die Gewehre:
Feind – wo mag er sein?
Gassen – alle führn ins Leere,
Schnein und Schnein und Schnein ...
Flockenwüsten, Flockenmeere –
Kriegst den Fuß nicht frei ...
Rote Fahne.
Wie sie klirrt.
Gleichschritt, hallend:
Feind marschiert.
Feind ist da, hat sich geregt –
Auf die Bestie angelegt!
Schneewind bläst die Augen blind,
Tagwind, Nachtwind,
Morgenwind.
Volk der Arbeit, bleib nicht stehn,
Weiter mußt du, weitergehn!
Gehn und schreiten, ziehn die Bahnen...
– Ist da wer? Wenn ja, komm raus!
Wind ists und die rote Fahne –
Rote Fahne, vorn, voraus ...
Vorne, kalt, der Schnee, ein Haufen.
– Steckt da einer? Ist da wer?
Hungerköter, kann nicht laufen,
Hinkt nun hinter ihnen her ...
– Marsch, du Aas, bist nichts wie Krätze –
Bajonett kann kitzeln – schau!
Alte Welt, zum allerletzten Mal jetzt:
Fort mit dir! – Ich hau!
... Bleckt den Zahn, das Biest, er hungert –
Zieht den Schwanz ein, will nicht fort –
Hungerköter, streunst und lungerst ...
– Heda! Wer da? Losungswort!
– Fahnenschwenken, rot – ein Zeichen? –
Ist das eine Finsternis!
– Du, ich seh da einen schleichen,
Bei den Häusern, ganz gewiß!
– Willst nicht stehn, na schön, was tut es ...
Schon dein Leben, schon es bloß!
– Du, hör zu, jetzt kommt nichts Gutes,
Du, jetzt geht das Schießen los!
Trach-tach-tach jetzt! Knall und Schall.
In den Häusern: Widerhall.
Und noch einmal, gleich darauf:
Schneesturm schlug 'ne Lache auf.
Trach-tach-tach!
Trach-tach-tach!
... Gehn und schreiten, schreiten, gehen –
Hungerhund prescht hinterher.
Vorn die Fahne, blutig, wehend,
Und, unsichtbar – denn es schneit –
Einer noch, der ist gefeit,
Sturmfern, sanft, so schreitet er,
Schneeglanz, perlend, um sich her,
Rosenweiß sein Kränzlein ist –
Vorne gehet Jesus Christ.
1918
Wolfgang Lange, Petersburger Träume.
Ein literarisches Lesebuch. München, Zürich 1992.