Sergej Esenin

* * *

Nicht Winde in den Wäldern wühlen,
nicht Herbst vergoldet Blatt und Halm.
Aus blauem Zelt der Himmelskühle
verströmt der goldnen Sterne Psalm.

Wo leichtbeschwingt die Wolken wehen,
seh ich in bläulichem Gewand
die vielgeliebte Mutter gehen,
den Sohn, den heiligen, an der Hand.

Den Auferstandnen neu erleiden
heißt sie für unsere Welt das Kreuz:
„Geh hin, mein Sohn, leb ohne Bleibe,
zur Nacht gelagert ins Gesträuch.“

In kummervoller Sorge frage
ich, kommt ein Wandersmann vorbei,
ob, der da stapft am Birkenstabe,
nicht der von Gott Gesalbte sei.

Vielleicht verkenn ich einst das Wunder
seh nicht, im dunklen Tann versteckt,
des Cherubs Flügel und darunter
den Heiland, hungernd hingestreckt.

1914

Quelle: Sergej Jessenin, Ein Rest von Freude. Gedichte.
Sammlung Luchterhand: München, 2001.
Übertragung: Walter Fischer

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cover
Sergej Esenin, Gegen die Seßhaftigkeit des Herzens.