Nikolaj Gumilev

Der verirrte Trambahnwagen

In fremde Straßenfluchten verschlagen,
Vernahm ich auf einmal ein Rabengekrächz.
Es klingelt schrill. Und ein Trambahnwagen
Flog rasch vor mir her mit Gekreisch und Geächz.

Wie jählings auf seine Plattform mich zu schwingen
Gelungen mir war – ich weiß es nicht.
Ich sah seine Feuerspur spiegelnd sich schlingen
Am Himmel im hellen Tageslicht.

Er saust, von geflügeltem Sturme getragen,
Im Abgrund der Zeiten verirrt zu vergehn.
Halt inne, rasender Führer, im Jagen,
Und bringe den Wagen im Laufe zum Stehn.

Zu spät. Schon bogen wir um die Mauer.
Wir gleiten durch Palmenalleen wie im Spiel
Und donnern auf Brücken mit rasselndem Schauer
Hin über die Newa, die Seine, den Nil.

Wo bin ich? Mein Herz pocht die Antwort beklommen.
Ein ferner Bahnhof funkelt und gleißt.
Vielleicht kann den Fahrschein ich dort noch bekommen
Zur Reise nach Indien im Heiligen Geist.

Vorbei. Plakate. Mit blutigen Zeichen
Verkünden dem Volke sie neues Heil:
Statt Kohlköpfen bietet man Köpfe von Leichen
Auf offenem Markte zum Kaufe feil.

Auch mir schlug schon lange mit gierigem Hasten
Der rote Henker vom Rumpfe das Haupt;
Nun ruht es in einem klebrigen Kasten
Mit allen andern, verschmiert und bestaubt.

Doch dort, hinterm Zaun an der Straßenecke,
Ist ein Haus mit verhangnen drei Fenstern zu sehn,
Halt inne auf deiner verhexten Strecke,
Bring, rasender Führer, den Wagen zum Stehn.

Mascha! Hier hast du gelebt und gesungen
Und hast mir den Hochzeitsteppich gewebt.
Wohin hat dein Leib sich emporgeschwungen?
Wohin ist im Tod deine Stimme entschwebt?

Jäh weiß ich es jetzt: nur aus himmlischer Ferne
Bricht schimmernd der Glanz unsrer Freiheit hervor.
Und stumm vor dem Tierpark der Wandelsterne
Stehn Menschen und Schatten am Eingangstor.

Ein süßer Windhauch umspielt meine Glieder,
Die Brücke erdröhnt vor dem alten Schloß,
Der Reiter sprengt erzen behandschuht mir wieder
Entgegen auf feurig sich bäumendem Roß.

Der Isaaksdom ragt in den Himmel geschnitten,
Die Veste des Glaubens, von Strahlen umflammt:
Dort will für die Seele von Mascha ich bitten,
Dort halt' ich mir selber mein Totenamt.

Für immer ist Freude dem Herzen entschwunden,
Das Atmen ist schwer und qualvoll das Sein:
O Mascha – so tief hab' noch nie ich empfunden
Des Liebens und Leidens unendliche Pein.

1921

Wolfgang Lange, Petersburger Träume.
Ein literarisches Lesebuch.
München, Zürich 1992.