Gottfried Keller

* * *

Es wandert eine schöne Sage,
Wie Veilchenduft, auf Erden um,
Wie sehnsuchtsvolle Liebesklage
In lauer Frühlingsnacht herum.

Das ist das Lied vom Völkerfrieden
Und von dem letzten Menschenglück,
Von goldner Zeit, die einst hienieden
In ew'ger Klahrheit kehrt zurück;

Wo einig alle Völker beten
Zum Einen König, Gott und Hirt:
Von jenem Tag, wo den Propheten
Ihr ehern Recht gesprochen wird.

Dann wird's nur Eine Schmach noch geben,
Nur Eine Sünde auf der Welt:
Das ist: das neid'ge Widerstreben,
Das es für Traum und Wahnsinn hält.

Wer jene Hoffnung gab verloren
Und böslich sie verloren gab:
Er wäre besser ungeboren
Und ihm gebührt kein Menschengrab

Gottfried Keller, Gedichte. Band 1.
Deutscher Klassiker Verlag 1995.

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