Ich fürcht' nicht Gespenster,
Keine Hexen und Fee'n,
Und lieb's, in ihre tiefen
Glühaugen zu seh'n.
Am Wald, in dem grünen
Unheimlichen See,
Da wohnet ein Nachtweib,
Das ist weiß wie der Schnee.
Es haßt meiner Schönheit
Unschuldige Zier;
Wenn ich nächtlich vorbeigeh',
So zankt es mit mir.
Doch der Schein meiner Augen
Und das Rot von meinem Mund
Verscheuchen das Spukweib
Alsbald auf den Grund.
Jüngst, als ich im Mondschein
Am Waldwasser stand,
Fuhr sie auf ohne Schleier,
Ohne alles Gewand.
Es schwammen ihre Glieder
In der taghellen Nacht;
Der Himmel war trunken
Von der höllischen Pracht.
Aber ich hab' entblößet
Meine lebendige Brust;
Da hat sie mit Schande
Versinken gemußt!
Gottfried Keller, Gedichte. Band 1.
Deutscher Klassiker Verlag 1995.
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