Nikolaus Lenau

Scheiden

Dahin sind Blüthen jetzt und Nachtigallen,
Und durch den kahlen, sangverlaßnen Strauch
Weht nun des Herbstes einsam kühler Hauch;
Mein Glück ist mit dem Laube abgefallen!

Das ist der Hain, wo ich mit dir oft weilte,
Das ist der Büsche wonnigliche Haft,
Wo uns am Flehen süßer Leidenschaft
Unfesselbar die Zeit vorübereilte.

Du wanderst fort, du willst die Welt durchmessen;
Hier ist der Pfad, so schlangenkrumm und kalt,
Der dich, Geliebter, locket mit Gewalt
Und fortführt in die Fremde, in's Vergessen! –

„Das Schiff bewegt mit seinem Reisedrange
Und stört empor die See aus glatter Ruh;
Doch ist es fort, schließt sich die Welle zu,
Gleichgültig wallt sie fort im alten Gange.

Siehst du von jenem Baum den Vogel fliegen?
Von seinem Fortschwung wankt und bebt der Ast
Ein Weilchen noch, und kehrt zur alten Rast;
Und deine Klagen werden bald versiegen!“

1833

Nikolaus Lenau, Gedichte.
Insel Verlag: Frankfurt und Leipzig, 1998.

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