Michail Lermontov

Einem Kinde

Durch Jugendträume, die in der Erinnrung leben,
Heimliche Freude spürend, heimliches Erbeben,
Schau ich, bezaubernd schönes Kind, dich an ...
O wüßtest du, wie lieb ich dich gewann!
Wie teuer ist dein junges Lächeln mir,
Die flinken Augen und der Locken Zier,
Die süße Stimme . . . Ist's nicht so? Es heißt sogar,
Daß du ihr ähnlich seist ... Dahin fliegt Jahr um Jahr:
Früh, viel zu früh hat sie verändert all ihr Leid;
Ein treuer Traum hat dieses Bild vergangner Zeit
In mir bewahrt, und auch noch heute spüre ich
Den Blick voll Feuer. – Aber du, sag, liebst du mich?
Langweilt dich nicht der unerbetnen Zärtlichkeiten Spiel,
Sind mein Küsse auf die Äuglein dir nicht allzuviel?
Brennt deine Wange nicht von meiner Träne Leid? –
Hör zu, sprich nicht zu ihr von meiner Traurigkeit
Und nie von mir ... Warum? Der kindliche Bericht
Könnt sie erzürnen oder schrecken; sag es nicht ...

Mir aber kannst du glauben. Wenn die Nacht sich naht,
Wenn sie, verneigend sich, vor die Ikone trat,
Ans Bett, das kindliche Gebet zu flüstern, kam,
Und deine Hand, damit du dich bekreuzigst, nahm;
Und nannte die vertrauten, lieben Namen sie,
Die du ihr nachsprachst, sag mir, hat sie dabei nie
Für einen andern dich gelehrt zu beten? Sprach
Den Namen sie erblassend aus, den du danach
Vergessen hast ... Geschah dies je? Ach, so erinnere dich nicht.
Was ist ein Name? Schall und Rauch, nichts von Gewicht!
Geb Gott, daß er verborgen bliebe immerdar ...
Doch wird er dir durch Zufall einmal offenbar –
Dann ruf die Kindertage, die vergangen sind,
Wieder zurück und ach, verwünsch ihn nicht, mein Kind!

Michail Lermontow, Gedichte und Poeme.
Rütten & Loening Berlin 1987.
Übertragung: Uwe Grüning

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