Osip Mandel'štam

Petersburger Strophen

Für Nikolaj Gumiljow

Über dem Gelb der staatlichen Gebäude –
Ein dunkler Schneesturm, kreisend, voller Wut;
Ein Advokat, in seinen Schlitten steigend,
Schlägt kräftig seinen Mantel zu.
Die Dampfer überwintern. Kleine Feuer
Wirft nun die Sonne ins Kajütenglas.
Ein Panzerschiff im Dock – gleich ungeheuer
Schläft Rußland seinen schweren Schlaf.
Der Fluß – darauf die Häuser der Gesandten,
Die Admiralität, die Stille: brennt!
Der ganze Staat, sein steifer Purpurmantel –
Ein armes härenes Büßerhemd.
Auf unsern Snobs lastet ein schweres Erbe –
Onegins Schwermut, überkommen, alt;
Auf dem Senatsplatz – Schnee, schon ganze Berge,
Ein Rauch, ein Bajonett da: kalt...
Die Jollen schöpfen Wasser, Meeresmöwen
Besuchen fröhlich einen Stapel Hanf,
Wo einzig Opernbauern gehn und hökern
Mit Semmeln oder Honigtee, der dampft.
Motorenschlangen fliegen in den Nebel;
Ein Fußgänger, empfindlich, heimgesucht:
Der Sonderling Jewgenij – mausarm und verlegen,
Schimpft auf sein Los, atmet Benzingeruch!

Osip Mandel'stam, Der Stein, Frühe Gedichte
1908-1915
, Zürich 1988.

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