Aleksandr Puškin

Das Zehnte Gebot

„Begehre nicht des Nächsten Gut!“ –
Heischt dein Gebot. Doch, Herr, bescheiden
Ist meiner Kräfte Maß, und leiden
Muß wehrlos ich des Herzens Glut!
Nicht nach des Nächsten Erbe steh' ich,
Nicht reizt sein Dorf, sein Feld, sein Stier
In mir des Neides schnöde Gier –
Auf alles kalten Blutes seh' ich;
Nicht wird die Habsucht in mir wach
Beim Anblick seines Viehs und Knechts –
Doch wenn die Magd, ein reizvoll echtes
Naturkind ... Vater, ich bin schwach!
Und ist sein Weib ein junger Engel
Von Fleisch und Blut, so hold und lieb –
O Herr, vergib mir dann, vergib
Den Neid: ich bin ein Mensch voll Mängel
Wer zähmt das Herz in seiner Brust,
Wenn Leidenschaften es durchgären?
Wer wird die Schönheit nicht begehren,
Erstreben nicht des Himmels Lust?
Ich leide, seufze unter Tränen,
Doch heilig gilt mir meine Pflicht:
Den Wänschen leih' ich Ausdruck nicht,
Verzehrt von heimlich glühem Sehnen!

Alexander Sergejewitsch Puschkin,
Gedichte, Poeme, Eugen Onegin.
SWA Verlag, Berlin 1947.

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