Märchen

Zariza

Märchen gehören für mich zu den faszinierendsten Literaturformen. Gerade dadurch, daß hier kein Autor eine ausdrückliche Selbstinszenierung betreibt, sagen sie mehr über die Gesellschaft ihrer Entstehungszeit aus als die meisten anderen Werke. Man denke nur an die Märchen der Brüder Grimm mit ihrer außerordentlich restriktiven und patriarchalischen Moral: Es ist völlig in Ordnung, wenn ein Vater seine Kinder aussetzt (zum Beispiel Hänsel und Gretel), aber eine Frau, die sich nicht restlos für Mann und Kinder aufopfert, womöglich sogar einen eigenen Willen hat, ist unbedingt böse. Frauen sind allein durch den Mann definiert – ohne Mann sitzen sie im Turm, liegen im Glassarg, schlafen hinter Rosenhecken, sind taub, stumm oder blind. Häufig bringen sich Brüder durch Unüberlegtheit in die Klemme und die Schwester muß sie durch viele Entbehrungen erlösen (zum Beispiel Die sieben Raben). Im umgekehrten Fall, in dem der Mann die Frau aus Schwierigkeiten rettet, ist die Frau meist erst durch den Mann in eine Lage gebracht worden, in der sie der Rettung bedarf.

Diese zeitbedingte Moral steht nur scheinbar im Widerspruch zu der Tatsache, daß es sich bei diesen Märchen um Volksmärchen handelt (im Gegensatz zum Kunstmärchen, das sich ein Autor ausgedacht hat). Bis ins 19. Jahrhundert wurden die Märchen ausschließlich mündlich weitergegeben – jahrhunderte-, sogar jahrtausendelang. Es kann also gar nicht anders sein, als daß zahllose Versionen dieser Märchen in Umlauf waren; vermutlich wurden sie in jedem Dorf etwas anders erzählt. Wenn man dann noch bedenkt, wie groß die ethnischen, sprachlichen, historischen, ganz allgemein die kulturellen Unterschiede zwischen all den Gebieten waren, die zur Zeit der Märchensammler als deutsch bezeichnet wurden („die Deutschen“ im Norden und Süden, Westen und Osten haben ethnisch mit ihren nicht-deutschen Nachbarn häufig mehr gemein als miteinander), kann man sich gut vorstellen, daß die Märchen von Gegend zu Gegend sehr verschieden erzählt wurden. Die Brüder Grimm und ihre Märchensammlerkollegen waren nun aber immer nur in einem kleinen Teil Deutschlands unterwegs und zeichneten keineswegs alle diese Märchenversionen auf, sondern nur eine. Jeder Märchensammler traf also zwangsläufig eine sehr persönliche Auswahl aus dem vorhandenen Material. Zudem ist heute vielfach nachgewiesen, daß gerade die Brüder Grimm erheblich in ihre Vorlagen eingriffen und sie nach ihren eigenen Vorstellungen interpretierten und umdichteten.

Ebenso faszinierend ist, daß sich die Märchen sehr verschiedener Völker doch immer um dieselben Themen ranken und dieselben Motive verwenden, häufig jedoch auf völlig unterschiedliche Art. Hexen gibt es zum Beispiel in den Märchen fast aller Völker – aber Hexe ist durchaus nicht gleich Hexe. Im russischen Märchen etwa ist neben dem christlichen Stereotyp der bösen Hexe viel stärker als zum Beispiel im deutschen Märchen das ursprüngliche Bild von der mit den Geheimnissen der Natur vertrauten und hilfsbereiten alten Frau bestehen geblieben, die nur diejenigen bestraft, die Unrecht tun.

Die Märchen
Allerleirauh Deutsches Volksmärchen (Grimm)
Auf Hechtes Geheiß Russisches Volksmärchen
Baba-Jaga Russisches Volksmärchen
Brüderchen und Schwesterchen Deutsches Volksmärchen (Grimm)
Chawroschetschka Russisches Volksmärchen
Das Brot Russisches Volksmärchen
Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich Brüder Grimm
Der gestrenge Frost Russisches Volksmärchen
Der Teufel mit den drei goldenen Haaren Brüder Grimm
Die Froschkönigin Russisches Volksmärchen
Die Schwanenfrau Sächsisches Märchen
Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein Deutsches Volksmärchen (Grimm)
Schwesterchen Aljonuschka und Brüderchen Iwanuschka Russisches Volksmärchen
Snegurotschka Russisches Volksmärchen