s war einmal eine Stiefmutter, die hatte nicht nur eine Stieftochter, sondern auch eine eigene. Die eigene konnte machen, was sie wollte, alle streichelten ihr den Kopf und lobten sie als ein „kluges Mädchen“. Die Stieftochter aber konnte sich noch so sehr bemühen, es der Stiefmutter recht zu machen, nie gelang es ihr. Alles was sie machte, war falsch, alles war schlecht. Dabei war das Mädchen ein wahres Goldkind, klug und sch#246;n, und in der richtigen Familie hätte sie wie eine Prinzessin gelebt. Bei der Stiefmutter litt sie nur und weinte jeden Tag.
Doch da war nichts zu machen. Ein Sturm tobt und legt sich wieder, wenn er sich ausgetobt hat. Doch wenn ein altes Weib erst einmal ins Wüten kommt, ist es nicht zu bremsen und denkt sich in seiner Bosheit alles mögliche aus. Und so kam die Stiefmutter auf die Idee, die Stieftochter vom Hof zu jagen. „Alter Knauser“, sagt sie zu ihrem Mann, „fahr sie weg, bring sie, wohin du willst, auf daß meine Augen sie nie mehr sehen, meine Ohren nie mehr etwas von ihr hören müssen. Aber bring sie nicht zu deinen Verwandten in eine warme Hütte, sondern setz sie auf's offene Feld, in den klirrenden Frost!“
Der alte Mann grämte sich und weinte; doch er setzte die Tochter in den Schlitten. Er wollte sie mit einer Pferdedecke zudecken, doch da bekam er es mit der Angst vor seiner Frau. Er brachte die verstoßene Tochter auf's offene Feld, häufte eine Schneewehe auf, bekreuzigte sie und fuhr selbst rasch nach Hause, um den Tod der Tochter nicht mitansehen zu müssen. Das arme Mädchen blieb allein zurück, zitterte und betete leise. Da kam der Frost, springend und hüpfend, um das schöne Mädchen zu betrachten: „Mädchen, Mädchen, ich bin der Frost!“ „Sei gegrüßt, Frost! Sicher hat Gott dich meiner sündigen Seele geschickt.“ Der Frost wollte das Mädchen berühren und erstarren lassen, doch seine klugen Reden gefielen ihm und es tat ihm leid! Er warf ihm einen Pelzmantel zu.
Das Mädchen zog den Mantel an, schlug die Beine unter und blieb ruhig sitzen. Wieder kam der Frost, springend und hüpfend, um das schöne Mädchen zu betrachten. „Mädchen, Mädchen, ich bin der Frost!“ „Sei gegrüßt, Frost!Sicher hat Gott dich meiner sündigen Seele geschickt.“ Dem Frost wurde ganz anders zumute, er brachte dem Mädchen eine große und schwere Truhe, die war bis oben vollgepackt mit einer reichen Aussteuer.
Das Mädchen setzte sich in seinem Pelz auf die Truhe. So fröhlich war es, so schön! Wieder kam der Frost, springend und hüpfend, um das schöne Mädchen zu betrachten. Es grüßte ihn und er schenkte ihm ein Kleid, das mit Silber und Gold genäht war. Das Mädchen zog das Kleid an und war nun unfaßbar schön und elegant! Es saß da und sang Lieder.
Die Stiefmutter aber richtet ihm unterdessen schon das Totenmahl. Sie buk Plinsen und rief ihrem Mann zu: „Los, Mann, hol deine Tochter, daß man sie beerdigt.“ Der Alte fuhr los. Aber das Hündchen unter dem Tisch kläffte: „Wau, wuff! In Gold und Silber kommt des Mannes Tochter heim, um des Weibes Tochter aber will keiner frein!“ – „Schweig, Dummkopf! Da, nimm einen Plinsen, und sag: Des Weibes Tochter holt ein Freier heim, des Mannes Tochter ist nur noch Gebein!“ Das Hündchen fraß den Plinsen und sagte wieder: „Wau, wuff! In Gold und Silber kommt des Mannes Tochter heim, um des Weibes Tochter aber will keiner frein!“ Die Stiefmutter gab dem Hund Plinsen, sie schlug ihn, doch er blieb dabei: „Wau, wuff! In Gold und Silber kommt des Mannes Tochter heim, um des Weibes Tochter aber will keiner frein!“
Das Tor knarrte, die Tür ging auf, die große, schwere Truhe wurde hereingetragen und die Stieftochter trat ein, strahlend wie eine Fürstin. Die Alte blickte auf und schlug die Hände über dem Kopf zusammen: „Alter Knauser, spann schnell ein frisches Pferd an und bring gleich meine Tochter weg! Setze sie auf demselben Feld ab, an derselben Stelle.“
Der Alte fuhr auf dasselbe Feld, setzte die Tochter an derselben Stelle ab. Und wieder kam der Frost, betrachtete seinen Gast, hüpfte und sprang. Er erkannte gleich, daß schöne Reden von diesem Mädchen nicht zu erwarten waren. Da wurde er zornig, ergriff das Mädchen und tötete es.
„Alter Knauser, bring meine Tochter zurück, spann die schnellsten Pferde an, wirf den Schlitten nicht um und verlier die Truhe nicht!“ Doch das Hündchen unter dem Tisch sprach: „Des Mannes Tochter holt ein Freier heim, des Weibes Tochter ist nur noch Gebein!“ – „Lüg nicht! Da, nimm eine Pirogge und sag: In Gold und Silber kommt des Weibes Tochter heim!“
Das Tor wurde geöffnet, die Alte eilte hinaus, um die Tochter zu begrüßen, doch an ihrer Stelle umarmte sie einen toten Körper. Sie heulte, sie schrie, doch es war zu spät!
Übersetzung: Gabi Zöttl
Russischer Quelltext: Morozko. In: Dobroe Slovo. Narodnye russkie skazki. Iz sobranija A. N. Afanas'eva. Moskau 1998.
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