Margaret Atwood, Der Report der Magd. Claassen Verlag, Hildesheim, 1998.
Übersetzung: Helga Pfetsch
Meine Arbeit bestand darin, Bücher auf Computerdisketten zu übertragen, um Lager- und Widerbeschaffungskosten
zu senken, hieß es. Diskettierer nannten wir uns. Die Bibliothek nannten wir Diskothek – einer unserer
Witze. Nachdem die Bücher übertragen worden waren, sollten sie eigentlich in den Reißwolf wandern, aber
manchmal nahm ich welche mit nach Hause. Mir gefiel, wie sie sich anfühlten und wie sie aussahen. Luke
sagte, ich hätte das Zeug zu einem Antiquar. Ihm gefiel das, er selber mochte auch alte Dinge gern.
Jetzt ist es merkwürdig, daran zu denken, wie es war, Arbeit zu haben, zur Arbeit, ins Büro, ins Geschäft
zu gehen. Geschäft – ein komischer Ausdruck. Geschäftsmann, Geschäftemacherei. Mach dein Geschäftchen,
sagte man früher zu Kindern, wenn sie zur Sauberkeit erzogen wurden. Oder von Hunden: Er hat sein
Geschäft auf dem Teppich gemacht. Dann sollte man ihnen mit einer zusammengerollten Zeitung einen
Klaps geben, sagte meine Mutter. Ich kann mich an die Zeit erinnern, als es Zeitungen gab, aber einen
Hund habe ich nie gehabt, nur Katzen.
Geschäftsunfähig.
All die Frauen, die ins Geschäft gingen – wie schwer, sich das heute vorzustellen. Und doch:
Tausende gingen arbeiten, Millionen. Es wurde als völlig normal angesehen. Jetzt ist es wie eine
Erinnerung an die Zeit, als es noch Papiergeld gab. Meine Mutter hob ein paaar Scheine auf, klebte
sie mit frühen Fotos in ein Album. Damals war das Papiergeld schon veraltet, man konnte nichts mehr
damit kaufen. Wertloses Papier, das sich weich und fettig anfühlte, grün, mit Bildern auf beiden Seiten,
einem alten Mann mit einer Perücke und auf der anderen Seite eine Pyramide mit einem Auge darüber.
Und mit den Worten: Auf Gott vertrauen wir. Meine Mutter erzählte, manche Leute hätten neben
ihrer Ladenkasse ein Schild gehabt, als Witz: Auf Gott vertrauen wir, alle anderen zahlen bar.
Das wäre heutzutage Blasphemie.
Man mußte solche Papierfetzen mitnehmen, wenn man einkaufen ging, obwohl zu der Zeit, als ich neun
oder zehn war, die meisten Leute schon Plastikkarten benutzten. Allerdings nicht für Lebensmittel,
das kam später. Es wirkt so primitiv, geradezu totemistisch, wie Muschelgeld. Ich muß diese Art Geld
auch noch benutzt haben, eine Zeitlang, bevor alles von der Compubank eingezogen wurde.
So, nur so, nehme ich an, konnten sie es überhaupt durchführen, ganz plötzlich, ohne daß jemand
vorher davon wußte. Hätte es noch bares Geld gegeben, wäre es schwieriger gewesen.
Es war nach der Katastrophe, als der Präsident erschossen und der ganze Kongreß mit Maschinengewehren
niedergemäht wurde und die Armee den Notstand erklärte. Die Schuld wurde damals den islamischen
Fanatikern zugeschoben.
Ruhe bewahren, hieß es im Fernsehen. Alles ist unter Kontrolle.
Ich war wie betäubt. Allen ging es so, das weiß ich noch. Es war kaum zu fassen. Die ganze
Regierung, einfach so weggefegt. Wie sind die nur reingekommen, wie ist es passiert?
Und dann wurde die Verfassung aufgehoben. Es hieß, das sei nur eine vorübergehende Maßnahme.
Und es gab nicht einmal Aufstände. Die Leute blieben abends zu Hause, sahen fern, suchten nach
einer neuen Richtung. Es gab nicht einmal einen Feind, auf den man mit dem Finger zeigen konnte.
Paß auf, sagte Moira zu mir am Telefon. Jetzt kommt's.
Was kommt jetzt? fragte ich.
Wart's nur ab, sagte sie. Die haben das ganz systematisch geplant. Du und ich, wir stehen jetzt
mit dem Rücken an der Wand, Baby. Sie zitierte einen Ausspruch meiner Mutter, aber sie hatte
nicht die Absicht, komisch zu sein.
Die Lage blieb mehrere Wochen in diesem Schwebezustand, in dem das Leben stillzustehen schien,
obwohl einiges geschah. Die Zeitungen wurden zensiert, und einige mußten ihr Erscheinen einstellen,
aus Sicherheitsgründen, wie es hieß. Die ersten Straßensperren waren plötzlich da, und die
Identipässe wurden eingeführt. Alle hielten das für sinnvoll, da es offenkundig war, daß man
gar nicht vorsichtig genug sein konnte. Es hieß, es würden Neuwahlen abgehalten werden, aber die
Vorbereitungen würden noch einige Zeit dauern. Das, worauf es jetzt ankomme, hieß es, sei,
so weiterzumachen wie gewöhnlich.
Die Pornozentren wurden allerdings geschlossen; es kreisten auch keine Sexmobile und Häschen
auf Rädern mehr auf dem Square. Sehr traurig war ich nicht, als sie verschwanden. Wir wußten
alle, war für eine Landplage sie gewesen waren.
Es ist höchste Zeit, daß mal jemand etwas unternimmt, sagte die Verkäuferin in dem Laden, in dem
ich normalerweise meine Zigaretten kaufte. Es war an der Ecke, ein Kiosk, der zu einer Kette
gehörte: Zeitungen, Süßigkeiten, Zigaretten. Die Frau war älter und hatte graues Haar – die
Generation meiner Mutter.
Haben sie sie einfach nur geschlossen, oder was? fragte ich.
Sie zuckte mit den Schultern. Wer weiß, und wen interessiert das auch, sagte sie. Vielleicht
haben sie sie nur irgendwoandershin gebracht. Zu versuchen, sie ganz loszuwerden, ist doch,
als wollte man versuchen, die Mäuse auszurotten, verstehen Sie? Sie gab meine Compunummer
in den Kassenautomaten, fast ohne hinzuschauen: ich war inzwischen Stammkundin. Es haben
sich Leute beschwert, sagte sie.
Am nächsten Morgen ging ich auf meinem morgendlichen Weg zur Bibliothek in dasselbe Geschäft,
um eine neue Packung Zigaretten zu kaufen, denn ich hatte keine mehr. Ich rauchte damals mehr,
es war die Spannung, man spürte sie wie ein unterirdisches Summen, obwohl alles so ruhig
schien. Ich trank auch mehr Kaffee als sonst und hatte Schlafschwierigkeiten. Alle waren
kribbelig. Im Radio gab es sehr viel mehr Musik als sonst und weniger Textbeiträge.
Das war zu der Zeit, als wir schon verheiratet waren, schon jahrelang, wie es mir damals
vorkam. Sie war drei oder vier und tagsüber im Kinderhort.
Wir waren alle wie gewöhnlich aufgestanden und hatten gefrühstückt, Granola-Flocken,
erinnere ich mich, und Luke hatte sie zum Kindergarten gefahren in ihrem kleinen Anzug,
den ich ihr erst vor wenigen Wochen gekauft hatte, gestreifte Latzhose und blaues T-Shirt.
Welcher Monat war es? Es muß September gewesen sein. Es gab einen Fahrdienst, von dem die
Kinder abgeholt werden sollten, aber aus irgendeinem Grund wollte ich, daß Luke sie
hinfuhr, ich machte mir allmählich sogar Sorgen wegen des Fahrdienstes. Kein Kind ging
mehr zu Fuß zur Schule, es hatte zu viele Vermißtenanzeigen gegeben.
Als ich zu dem Eckgeschäft kam, war die übliche Frau nicht da. Statt dessen stand ein Mann
hinter dem Ladentisch, ein junger Mann, der nicht viel älter sein konnte als zwanzig.
Ist sie krank? fragte ich, als ich ihm meine Karte gab.
Wer? fragte er, in aggressivem Ton, wie mir schien.
Die Frau, die sonst hier ist, sagte ich.
Woher soll ich das wissen, sagte er. Er tippte meine Nummer ein, wobei er jede einzelne
Zahl genau studierte und mit einem Finger eintippte. Offenbar hatte er das noch nie getan.
Ich trommelte mit den Fingern auf den Ladentisch, ungeduldig nach einer Zigarette, und überlegte,
ob ihm wohl schon einmal jemand gesagt hatte, daß man gegen die Pickel an seinem Hals etwas
tun konnte. Ich erinnere mich sehr deutlich daran, wie er aussah: groß, ein wenig krumm,
dunkles, kurz geschnittenes Haar, braune Augen, die einen Punkt zwei Zentimeter hinter meinem
Nasenrücken zu fixieren schienen, und diese Akne. Wahrscheinlich hängt es mit dem, was er
als nächstes sagte, zusammen, daß ich mich so deutlich an ihn erinnere.
Tut mir leid, sagte er. Diese Nummer ist nicht gültig.
Das ist lächerlich, sagte ich. Sie muß gültig sein, ich habe Tausende auf meinem Konto.
Gerade vor zwei Tagen habe ich den Auszug bekommen. Versuchen Sie es noch einmal.
Sie ist ungültig, wiederholte er halsstarrig. Sehen Sie das rote Licht? Es bedeutet: ungültig.
Sie müssen einen Fehler gemacht haben, sagte ich. Versuchen Sie's noch einmal.
Er zuckte die Achseln und warf mir ein überdrüssiges Lächeln zu, aber er versuchte es
tatsächlich noch einmal. Diesmal beobachtete ich seine Finger bei jeder Ziffer und prüfte
die Zahlen, die im Fenster erschienen. Es war wirklich meine Nummer, aber wieder kam
das rote Licht.
Sehen Sie? sagte er wieder, immer noch mit diesem Lächeln, als wüßte er einen unanständigen
Witz, den er mir aber nicht erzählen würde.
Ich werde vom Büro aus anrufen, sagte ich. Das System hatte schon gelegentlich verrückt
gespielt, aber ein paar Anrufe brachten normalerweise alles ins reine. Trotzdem war ich
ärgerlich, so, als wäre ich zu Unrecht einer Sache angeklagt, von der ich nichts wußte.
Als hätte ich selbst den Fehler gemacht.
Tun Sie das, sagte er gleichgültig. Ich ließ die Zigaretten auf dem Ladentisch liegen,
da ich sie nicht bezahlt hatte. Ich nahm an, daß ich mir bei der Arbeit ein paar
ausleihen könnte.
Ich rief vom Büro aus an, aber ich bekam nur ein Tonband zu hören. Die Leitungen
seien überbeansprucht, hieß es auf dem Tonband. Ob ich freundlicherweise später
anrufen könnte.
Die Leitungen bleiben den ganzen Vormittag überbeansprucht, soweit ich feststellen
konnte. Ich rief noch mehrere Male an, hatte aber kein Glück. Doch auch das war noch
nicht ungewöhnlich.
Gegen zwei Uhr, nach dem Mittagessen, kam der Direktor in den Diskettenraum.
Ich muß Ihnen etwas mitteilen, sagte er. Er sah erschreckend aus, das Haar zerzaust,
die Augen gerötet und unstet, als hätte er getrunken.
Wir schauten alle hoch, stellten unsere Computer ab. Wir müssen zu acht oder zehnt
in dem Raum gewesen sein.
Es tut mir leid, sagte er, aber es ist gesetzliche Vorschrift. Es tut mir
wirklich leid.
Was denn? fragte jemand.
Ich muß Sie gehen lassen, sagte er. Es ist gesetzlich vorgeschrieben, ich muß
es tun. Ich muß Sie alle gehen lassen. Er sagte es fast sanft, als wären wir
Tiere aus der freien Natur, Frösche, die er gefangen hatte, in einem Glas,
so als verhielte er sich nun besonders menschlich.
Wir werden gefeuert? fragte ich und stand auf. Warum denn?
Nicht gefeuert, sagte er. Wir lassen Sie gehen. Sie dürfen hier nicht mehr
arbeiten, das ist gesetzliche Vorschrift. Er fuhr sich mit den Händen
durchs Haar, und ich dachte, er wäre verrückt geworden. Der Streß sei zuviel
für ihn gewesen und ihm seien die Sicherungen durchgebrannt.
Sie können das nicht einfach so machen, sagte die Frau, die neben mir saß.
Es klang falsch, unwahrscheinlich, wie etwas, was man im Fernsehen sagen würde.
Es liegt nicht an mir, sagte er. Sie verstehen mich nicht. Bitte gehen Sie jetzt.
Seine Stimme wurde lauter. Ich will keinen Ärger. Wenn es Schwierigkeiten gibt,
gehen womöglich die Bücher verloren, oder irgend etwas geht kaputt...
Er blickte über seine Schulter. Sie sind draußen, sagte er, in meinem Büro.
Wenn Sie jetzt nicht gehen, werden sie selber kommen. Sie haben mir zehn Minuten
Zeit gegeben. Er hörte sich jetzt noch verrückter an als zuvor.
Der Mann ist durchgedreht, sagte jemand laut. Es war das, was wir wohl alle dachten.
Aber ich konnte in den Flur hinausschauen, und dort standen zwei Männer, in Uniform,
mit Maschinengewehren. Es war zu theatralisch, um wahr zu sein, und doch standen
sie dort: unerwartete Erscheinungen, wie Marsmenschen. Sie hatten etwas Traumartiges
an sich; sie waren zu grell, zu sehr im Kontrast mit ihrer Umgebung.
Lassen Sie die Computer nur stehen, sagte er, während wir unsere Sachen zusammenpackten
und der Reihe nach hinausgingen. Als hätten wir sie mitnehmen können.
Wir standen in einer Traube draußen auf den Stufen vor der Bibliothek. Wir wußten nicht,
was wir zu einander sagen sollten. Da keine von uns begriff, was geschehen war, gab es
nicht viel zu sagen. Wir sahen einander ins Gesicht und sahen Bestürzung und eine gewisse
Beschämung, als wären wir bei etwas ertappt worden, was wir nicht durften.
Es ist empörend, sagte eine Frau, doch ohne Überzeugung. Was an der Sache vermittelte uns
das Gefühl, daß wir es verdienten?
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