Jane Austen

Stolz und Vorurteil

Übersetzung: Gabi Zöttl

Es ist eine allgemein anerkannte Tatsache, daß ein Junggeselle mit einem ansehnlichen Vermögen nichts dringender benötigt als eine Ehefrau. Zwar sind die Gefühle oder Ansichten des betreffenden Mannes bei seinem Zuzug in eine neue Gegend meist nicht bekannt, doch so fest ist diese Tatsache in den Köpfen der ansässigen Familien verankert, daß er sofort als das rechtmäßige Eigentum der einen oder anderen ihrer Töchter angesehen wird.
„Mein lieber Mr. Bennet“, sagte dessen Gemahlin eines Tages zu ihm, „hast du schon gehört, daß Netherfield Park endlich vermietet ist?“
Das habe er nicht, antwortete Mr. Bennet.
„Doch, doch“, erwiderte sie, „Mrs. Long war gerade hier und hat es mir lausführlich erzählt.“
Mr. Bennet gab keine Antwort.
„Willst du denn gar nicht wissen, an wen?“ rief seine Frau ungeduldig.
„Du willst es mir erzählen, und ich habe nichts dagegen, es mir anzuhören.“
Einer weiteren Ermutigung bedurfte es nicht.
„Stell dir vor, mein Lieber, Mrs. Long sagt, ein junger Mann aus dem Norden mit großem Vermögen habe Netherfield gemietet. Am Montag ist er in einem Vierspänner gekommen, um sich den Besitz anzusehen, und war so angetan, daß er mit Mr. Morris sofort einig geworden ist; angeblich möchte er noch vor Oktober einziehen, und ein Teil seiner Dienerschaft soll schon Ende nächster Woche kommen.“
„Wie heißt er?“
„Bingley.“
„Ist er verheiratet oder ledig?“
„Na, ledig natürlich! Ein Junggeselle mit großem Vermögen; vier- oder fünftausend pro Jahr. Ist das nicht wunderbar für unsere Mädchen?“
„Wieso? Was hat das mit ihnen zu tun?“
„Mein lieber Mr. Bennet“, erwiderte seine Frau. „Wie kannst du nur so schwerfällig sein! Du mußt dir doch denken können, daß er eine von ihnen heiraten soll.“
„Zieht er deshalb hierher?“
„Deshalb! Unsinn, wie kannst du nur so etwas sagen! Aber es ist doch durchaus möglich, daß er sich in eine von ihnen verliebt, und darum mußt du ihm einen Antrittsbesuch machen, sobald er kommt.“
„Dazu sehe ich keinerlei Veranlassung. Warum gehst du nicht mit den Mädchen hin, oder besser noch, schick' sie allein, sonst wirft Mr. Bingley noch ein Auge auf dich; so hübsch wie die Mädchen bist du allemal.“
„Du schmeichelst mir, mein Lieber. Früher war ich zweifellos schön zu nennen, aber heute möchte ich mich nicht mehr als etwas besonderes bezeichnen. Wenn eine Frau fünf erwachsene Töchter hat, sollte sie nicht mehr ständig an ihre eigene Schönheit denken.“
„In solchen Fällen ist ihre Schönheit meist auch nicht mehr nennenswert.“
„Trotzdem, mein Lieber, du mußt Mr. Bingley unbedingt besuchen, wenn er eingezogen ist.“
„Das ist mit Sicherheit mehr, als ich versprechen möchte.“
„Aber denke an deine Töchter. Was für eine Partie wäre das für eine von ihnen. Sogar Sir William und Lady Lucas wollen bei ihm vorsprechen, und zwar nur aus diesem Grund, denn im allgemeinen machen sie neuen Nachbarn ja keine Besuche. Du mußt einfach hingehen. Wie könnten wir ihn anderenfalls besuchen?“
„Du hast zu viele Skrupel. Ich bin überzeugt, Mr. Bingley freut sich über euren Besuch. Ich gebe dir ein paar Zeilen mit meiner herzlichen Zustimmung mit, diejenige meiner Töchter zu heiraten, die ihm am besten gefällt. Allerdings muß ich ein gutes Wort für meine kleine Lizzy einlegen.“
„Du wirst nichts dergleichen tun. Lizzy ist keinen Deut besser als die anderen; wenn du mich fragst, ist sie bei weitem nicht so hübsch wie Jane und nicht annähernd so lebhaft wie Lydia. Aber immer ziehst du sie vor.“
„Keine von ihnen ist besonders empfehlenswert“, antwortete er, „sie sind genauso albern und unwissend wie andere Mädchen. Aber Lizzy hat eine etwas bessere Auffassungsgabe als die übrigen.“
„Mr. Bennet, wie kannst du nur über deine eigenen Kinder derart abfällig sprechen! Es macht dir Spaß, mich zu ärgern. Mit meinen armen Nerven hast du wohl überhaupt kein Mitleid.“
„Du mißverstehst mich, meine Liebe. Ich habe den größten Respekt vor deinen Nerven. Sie und ich sind alte Freunde. Seit mindestens zwanzig Jahren höre ich dich von ihnen mit großer Besorgnis sprechen.“
„Oh, du ahnst nicht, was ich durchmache.“
„Ich hoffe, du wirst es überleben und noch viele junge Männer mit viertausend im Jahr hierherziehen sehen.“
„Da du sie nicht besuchen willst, werden uns auch zwanzig nicht retten“
„Du kannst sicher sein, meine Liebe, wenn zwanzig da sind, besuche ich sie alle.“

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