Giovanni Boccaccio: Das Dekameron. 2 Bände. Berlin 1988.
Übersetzung: Ruth Macchi
Dioneo, der die Geschichte der Königin aufmerksam verfolgt hatte, bemerkte, als sie beendet war, daß ihm allein noch zu erzählen oblag. Er begann daher, ohne eine Aufforderung abzuwarten, lachend zu sprechen:
Meine anmutigen Schönen, ihr habt sicher noch niemals gehört, wie man den Teufel in die Hölle schicken kann. Ich will es euch darum erzählen, ohne mich damit von dem Thema zu entfernen, von dem ihr alle heute gesprochen habt. Wenn ihr recht achtgebt, könnt auch ihr vielleicht einmal eure Seele auf dieselbe Weise retten. Auch werdet ihr aus der Erzählung erkennen, daß Amor, wenngleich er lieber in heiteren Palästen und üppigen Zimmern als in dürftigen Hütten wohnt, es deshalb doch nicht ganz verschmäht, zuweilen auch in schattigen Wäldern oder auf hohen Bergen und selbst in einsamen Höhlen seine Kraft zu erproben; woraus wir ersehen, daß alle Dinge ihm untertan sind.
Doch um zur Sache zu kommen, vernehmet, daß in der Stadt Capsa in der Berberei einmal ein sehr reicher Mann lebte, der außer einigen Söhnen auch eine schöne, edle Tochter namens Alibech besaß. Sie war keine Christin, doch hatte sie von den vielen Christen, die in der Stadt lebten, den christlichen Glauben und Gottesdienst überschwenglich preisen hören. Deshalb fragte sie eines Tages einen der Christen, auf welche Weise man denn Gott am besten und ungestörtesten dienen könne. Der Christ antwortete, daß jene Menschen am besten Gott dienen könnten, die allen weltlichen Dingen ganz und gar entsagt hätten, wie zum Beispiel die frommen Männer, die sich in die Einsamkeit der Wüste von Thebaida zurückgezogen hätten.
Das Mädchen, das vielleicht vierzehn Jahre alt und noch ganz unerfahren war, machte sich am folgenden Morgen, mehr von kindlicher Neugier als von frommem Verlangen getrieben, ohne einen Menschen davon zu verständigen, auf den Weg, wanderte ganz allein auf die Wüste von Thebaida zu und langte, da ihr Verlangen anhielt, auch wirklich einige Tage später in der Einöde an. Als sie in der Ferne eine Hütte entdeckte, ging sie darauf zu und traf vor der Tür derselben einen frommen Einsiedler, der sehr verwundert war, sie hier zu sehen, und sie fragte, was sie hier suche.
Das Mädchen antwortete, daß sie, Gottes Ruf folgend, hergekommen sei, um hier Gott zu dienen, und daß sie auch jemand suche, der sie darin unterweisen möchte. Der gute Mann aber fürchtete sogleich, daß er, wenn er sie bei sich behielte, durch ihre Jugend und Schönheit leicht in des Teufels Fänge geraten könnte. Er lobte daher zwar ihr edles Vorhaben und reichte ihr einige Wurzeln, wilde Äpfel und Datteln sowie etwas Wasser, dann aber sagte er zu ihr: „Meine Tochter, nicht weit von hier lebt ein frommer Mann, der dich in allem, was du suchst, weit besser unterweisen kann als ich. Zu diesem Mann gehe hin!“, und schickte sie fort.
Sie gelangte auch bald zu dem zweiten Einsiedler, doch hörte sie von ihm dieselben Worte und wanderte darum noch tiefer in die Wüste hinein, bis sie schließlich an die Klause eines jungen Einsiedlers kam, der ein demütiger, guter Mann war und Rustico hieß. Sie stellte ihm die gleichen Fragen wie den beiden anderen Einsiedlern, und da er sich selbst eine Probe seiner Standhaftigkeit erbringen wollte, schickte er sie nicht fort oder weiter, wie die anderen, sondern behielt sie bei sich in seiner Klause. Als es Nacht wurde, bereitete er ihr auf der einen Seite der Zelle ein dürftiges Lager aus Palmwedeln und bat sie, sich darauf zur Ruhe niederzulegen. Aber als dies geschehen war, dauerte es gar nicht lange, so begann die Versuchung einen harten Kampf gegen die Widerstandskraft des Einsiedlers zu führen. Dieser, der sich bald von letzterer im Sich gelassen sah, wandte ihr nach wenigen Angriffen kurzerhand den Rücken und erklärte sich für besiegt. Sodann schob er alle frommen Gedanken, Gebete und Bußübungen beiseite, rief sich dafür die Jugend und Schönheit des Mädchens ins Gedächtnis zurück und überlegte außerdem, auf welchem Wege und mit welchen Mitteln er es bei ihr versuchen sollte, damit sie nicht dahinterkäme, daß er, von sündigem Verlangen getrieben, das forderte, was er begehrte. Er forschte sie darum vorerst mit allerlei Fragen aus und stellte fest, daß sie noch keinen Mann erkannt hatte und so unschuldig war, wie sie aussah. Darauf beschloß er, sie unter dem Vorwand einer Art Gottesdienstes seinen Gelüsten dienstbar zu machen und setzte ihr zu diesem Zweck als erstes mit vielen Worten auseinander, daß der Teufel der Feind des Herrgotts sei. Dann gab er ihr zu verstehen, daß der Dienst, der Gott am meisten wohlgefiele, kein andrer sei, als den Teufel in die Hölle zu schicken, in die der Herrgott ihn verbannt habe. Das Mädchen fragte ihn darauf, wie man das mache, und Rustico antwortete: „Das sollst du gleich erfahren. Tue nur alles, was du mich tun siehst!“ Damit begann er, seine wenigen Kleidungsstücke abzulegen, bis er nackt vor ihr stand. Das Mädchen tat es ihm nach. Dann kniete er wie zum Gebet nieder und gebot ihr, sich ihm gegenüber ebenfalls niederzuknien. In dieser Stellung wurde Rustico beim Anblick ihrer Schönheit heftiger als je von seiner Begierte gepackt, und die Auferstehung des Fleisches kam sogleich über ihn. Als Alibech das sah, fragte sie neugierig: „Rustico, was für ein Ding sehe ich da bei dir sich vordrängen, das ich nicht besitze?“ – „Ach, meine Tochter“, entgegnete Rustico, „das ist ja der Teufel, von dem ich dir erzählt habe. Siehst du, gerade jetzt quält und martert er mich so sehr, daß ich es kaum ertragen kann.“ Da sagte das Mädchen: „Gelobt sei Gott! Ich sehe, daß es mir besser geht als dir, denn ich habe keinen solchen Teufel.“
Rustico sprach: „Da hast du wohl recht, doch hast du an Stelle meines Teufels etwas anderes, was ich nicht habe.“ Alibech fragte: „Und was habe ich?“ Und Rustico entgegnete: „Du hast die Hölle, und ich gestehe dir, ich glaube, daß der Herrgott dich zur Rettung meiner Seele hergeschickt hat. Denn wenn du so barmherzig sein willst, zu dulden, daß ich meinen Teufel, immer wenn er mich fortan quält, in die Hölle schicken darf, so würdest du mich damit sehr trösten und dem Herrgott auf eine ihm besonders wohlgefällige Art dienen, wozu du doch hergekommen bist, wie du sagst.“ Das Mädchen antwortete treuherzig: „Oh, mein Vater, wenn ich wirklich die Hölle habe, so geschehe es, wann immer Ihr es wünscht.“ – „Gesegnet seist du, meine Tochter!“ rief Rustico. „So wollen wir ihn denn hineinschicken, damit er mich in Ruhe lasse!“ Nach diesen Worten führte er das Mädchen auf eins der Lager und brachte ihr bei, wie man es anfangen müsse, um jenen Gottverdammten einzukerkern.
Das Mädchen, das noch niemals den Teufel in die Hölle geschickt hatte, fühlte bei dem erstenmal einen kleinen Schmerz und sagte darum zu Rustico: „Mein Vater, dieser Teufel muß wirklich ein böser Kerl und ein wahrer Feind unsres Herrgotts sein, denn er tut sogar, won anderm ganz zu schweigen, der Hölle weh, wenn er hineingeschickt wird.“ Darauf sagte Rustico: „Das wird nicht immer so bleiben, meine Tochter.“ Und um zu erreichen, daß es nicht so bliebe, schickten sie auf ihrem Lager den Teufel wohl an die sechsmal in die Hölle, so daß sie ihm für diesmal seine Hoffart völlig austrieben und er willig Ruhe gab. Zwar zeigte sich diese Hoffart in der nächsten Zeit noch unzählige Male, doch das Mädchen zeigte sich stets bereit, ihm dieselbe auszutreiben. So kam es, daß sie bald großes Vergnügen an diesem Spiel zu finden begann und zu Rustico sagte: „Jetzt sehe ich ein, daß die braven Christen in Capsa die Wahrheit sprachen, wenn sie behaupteten, daß es süß sei, Gott zu dienen. Ich weiß ganz genau, daß ich noch niemals ein größeres Vergnügen gekannt habe, als den Teufel in die Hölle zu schicken. Und ich behaupte darum, daß alle Menschen, die Gott nicht dienen wollen, dumm sind.“ Fortan kam sie zu diesem Zweck oftmals zu Rustico und sagte:
„Mein Vater, ich bin hergekommen, um Gott zu dienen, und nicht, um hier müßig herumzusitzen. Laßt uns den Teufel in die Hölle schicken!“ Und sagte auch zuweilen, wenn sie eben dabei waren, zu ihm: „Rustico, ich weiß nicht, warum der Teufel immer wieder aus der Hölle flieht. Wenn er so gerne darinnen wäre, wie die Hölle ihn empfängt und hält, würde er niemals wieder herausgehen!“ Während das Mädchen nun den jungen Rustico auf solche Weise häufig ermunterte und zum Gottesdienst antrieb, zog sie ihm bald derart das Mark aus den Knochen, daß er zu frieren begann, wo jeder andre in Hitze geraten wäre. Er machte ihr darum schleunigst klar, daß der Teufel nur dann bestraft und in die Hölle gejagt werden müsse, wenn er sein Haupt verwegen erhöbe. „Wir aber haben ihn, Gott sei Dank, so gedemütigt, daß er froh ist, wenn man ihn in Frieden läßt!“ Damit brachte er Alibech eine Weile zur Ruhe. Als sie aber feststellte, daß Rustico sie gar nicht mehr aufforderte, den Teufel in die Hölle zu schicken, sagte sie eines Tages zu ihm: „Rustico, wenn dein Teufel auch gezähmt ist und dich nicht mehr quält, so läßt mich die Hölle deshalb doch nicht in Ruhe. Du tätest gut daran, mit mit deinem Teufel zu Hilfe zu eilen, um den Aufruhr in meiner Hölle niederzuschlagen, ebenso wie auch ich dir mit der Hölle geholfen habe, die Aufsässigkeit deines Teufels zu bekämpfen.“
Rustico, der nur von wilden Wurzeln und Wasser lebte, vermochte nur schlecht dieser Aufforderung nachzukommen und antwortete, daß viele Teufel nötig seien, um eine Hölle zu bändigen, doch wolle er alles tun, was in seinen Kräften stehe. Er stellte sie denn auch noch hin und wieder zufrieden, doch geschah es so selten, daß es nicht mehr ausmachte, als ob man eine Bohne in den Rachen eines Löwen würfe, worauf das Mädchen, das nun ihren Gottesdienst nicht so ausüben konnte, wie sie es wünschte, heftig zu murren begann.
Während nun zwischen dem Teufel des Rustico und der Hölle Alibechs des heftigen Verlangens und geringen Könnens wegen der Krieg noch andauerte, brach zu Capsa eine große Feuersbrunst aus, der auch Alibechs Vater mit seinen Söhnen und der ganzen Familie im eigenen Hause zum Opfer fiel, so daß nur Alibech als Erbin seines großen Vermögens übrigblieb. Ein Jüngling namens Neerbal, der seinen Reichtum im Leichtsinn vertan hatte, hörte, daß das Mädchen noch am Leben sei. Er machte sich auf, sie zu suchen, und fand sie auch gerade noch so rechtzeitig, daß die Güter des angeblich ohne Erben verstorbenen Vaters von der Beschlagnahme duch den Hof verschont blieben. Er holte Alibech zur großen Erleichterung Rusticos und gegen ihren eigenen Willen nach Capsa zurück, wo er sie zu seiner Gattin machte und dadurch mit ihr zusammen Erbe des kostbaren Nachlasses wurde.
Als Alibech dort, noch bevor sie mit Neerbal geschlafen hatte, von anderen Frauen gefragt wurde, wie man denn in der Wüste Gott dienen könne, antwortete sie, daß sie ihm damit gedient habe, den Teufel in die Hölle zu schicken, und daß Neerbal eine große Sünde auf sich geladen habe, als er sie von diesem Gottesdienst weggeholt habe. Die Frauen fragten darauf: „Und wie schickt man den Teufel in die Hölle?“ Das Mädchen gab ihnen dies teils mit Worten, teils mit Gebärden zu verstehen, worauf die Frauen in ein so tolles Gelächter ausbrachen, daß sie bis heute noch nicht imstande gewesen sind, sich wieder zu beruhigen. „Ach!“ schrien sie, „laß es dir nicht leid tun, Kleine! Das kannst du auch hier! Neerbal wird mit dir zusammen dem Herrgott noch manchen Dienst leisten!“ Dann aber erzählte eine diesen Spaß der anderen, so daß er bald die ganze Stadt durchlief. Und so wurde es denn zum Sprichwort, der fröhlichste Dienst, den man dem Herrgott erweisen könne, sei, den Teufel in die Hölle zu schicken. Und das Sprichwort überquerte die Meere und wird noch heute gebraucht.
Darum ihr jungen Frauen, die ihr alle die Gnade Gottes nötig habt, lernt, den Teufel in die Hölle zu schicken! Das ist ein Gott gar wohlgefälliges Werk, an dem alle Beteiligten ihre Freude haben. Manches Gute kann aus ihm entstehen und erwachsen.
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