Michail Bulgakov

Der Meister und Margarita

Übersetzung: Gabi Zöttl

Später, als es, offen gesagt, bereits zu spät war, veröffentlichten verschiedene Behörden ihre Berichte zur Beschreibung dieser Person. Man kann nur staunen, wie sehr sich diese Berichte glichen. So besagt der erste, es handele sich um eine Person von kleinem Wuchs, mit Goldzähnen, die auf dem rechten Bein hinke. Im zweiten heißt es, die Person sei von riesenhafter Größe, ihre Zähne seien mit Platin überkront und sie hinke auf dem linken Bein. Der dritte stellt lakonisch fest, die Person verfüge über keinerlei besondere Merkmale. Leider muß gesagt werden, daß keiner dieser Berichte etwas taugt. Zuerst einmal: Der Beschriebene hinkte auf keinem Bein und war weder riesig noch klein, sondern einfach hochgewachsen. Was seine Zähne betrifft, so hatte er links Platin- und rechts Goldkronen. Er trug einen teuren grauen Anzug und ausländische Schuhe in der gleichen Farbe. Das grüne Barett saß verwegen über einem Ohr und unter dem Arm trug er einen Stock, dessen Knauf die Form eines Pudelkopfs hatte. Dem Aussehen nach war er etwas über vierzig. Der Mund irgendwie schief. Glattrasiert. Brünett. Das rechte Auge war schwarz, das linke aus irgendeinem Grund grün. Auch die Brauen waren schwarz, aber die eine saß etwas höher als die andere. Mit einem Wort: ein Ausländer.

Hier wandte sich Stepa vom Telefon ab und erblickte im von der faulen Grunja schon lange nicht mehr geputzten Spiegel im Flur deutlich irgendein merkwürdiges Subjekt – einen Kerl, lang wie eine Bohnenstange, und mit Kneifer (ach, wäre doch Ivan Nikolaevič dagewesen, er hätte dieses Subjekt sofort erkannt!). Dieser Kerl spiegelte sich kurz wider und war sogleich verschwunden. Voller Unruhe blickte Stepa den Flur entlang, und wieder schüttelte es ihn, da im Spiegel ein riesiger schwarzer Karter vorüberging und ebenfalls verschwand. Stepa stockte das Herz, er taumelte. „Was ist das nur?“ dachte er. „Werde ich denn verrückt? Woher kommen diese Spiegelbilder?!“ Er blickte den Flur entlang und schrie angstvoll: „Grunja! Was ist das für ein Kater, der hier bei uns herumschleicht? Wo kommt der her? Er und noch irgendjemand?!“
„Beunruhigen Sie sich nicht, Stepan Bogdanovič“, antwortete eine Stimme, allerdings nicht die Stimme Grunjas, sondern die des Gastes aus dem Schlafzimmer. „Der Kater gehört mir. Seien Sie doch nicht so nervös. Und Grunja ist nicht hier, ich habe sie nach Voronež geschickt. Sie beklagte sich, daß Sie ihr keinen Urlaub zugestehen.“
Diese Worte kamen so unerwartet und waren so unsinnig, daß Stepa entschied, er müsse sich verhört haben. Völlig verwirrt trabte er zum Schlafzimmer zurück, und erstarrte auf der Schwelle. Seine Haare sträubten sich und seine Stirn bedeckte sich mit leichten Schweißperlen.
Sein Besucher war nicht mehr allein im Schlafzimmer, er hatte Gesellschaft.
Im zweiten Sessel saß genau jener Kerl, der im Flur aufgetaucht war. Jetzt war er allerdings deutlich zu sehen: ein Schnurrbart wie aus Hahnenfedern, das eine Glas des Kneifers blinkt, das andere fehlt. Aber noch Schlimmeres befand sich im Schlafzimmer: Auf dem gepolsterten Schemel der Juwelierswitwe flegelte in allzu frecher Haltung irgendein Dritter – nämlich der gruselig große Kater, der in der einen Pfote ein Glas Wodka hielt und in der anderen eine Gabel, mit der er einen marinierten Pilz aufzuspießen versuchte. Das Licht, das im Schlafzimmer ohnehin schwach war, begann in Stepas Augen vollends zu verlöschen. „So ist das also,“ dachte er, „wenn man verrückt wird“ und hielt sich am Türstock fest.
„Wie ich sehe, sind Sie ein wenig erstaunt, hochverehrter Stepan Bogdanovič?“ sagte Voland zu dem mit den Zähnen klappernden Stepa. „Und dabei gibt es überhaupt keinen Anlaß zu Verwunderung. Dies hier ist mein Gefolge.“
In dem Moment kippte der Kater den Wodka und Stepas Hand glitt am Türstock nach unten.
„Und dieses Gefolge braucht Platz,“ fuhrt Voland fort, „weshalb einer von uns in dieser Wohnung überflüssig ist. Und wie mir scheint, sind dieser Überflüssige Sie.“

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Michail Bulgakov, Gesammelte Werke, 13 Bde. in 15 Tl.-Bdn., Bd.3, Der Meister und Margarita. Michail Bulgakov, Hundeherz. Michail Bulgakov, Gesammelte Werke, 13 Bde. in 15 Tl.-Bdn., Bd.1, Die weiße Garde.