München 1987.
„
Eine einzelne Nation, der es gelingt, die Moral, die Qualität des Menschen
auf fast der gesamten Erdoberfläche in die Tiefe stürzen zu lassen, das hat es
nicht gegeben, seit der Globus existiert. Ich klage die Vereinigten Staaten an,
im ständigen Zustand des Verbrechens gegen die Menschheit zu sein.
(Montherlant)“
Ursprünglich hatten die Weißen einmal eine „Aufgabe“ gestellt bekommen, sie sollten die Nordwestpassage zum Stillen Ozean finden. Die Passage gab es nicht, und nun bliebt als ihre einzige Aufgabe, dort zu leben und zu sterben. Letzteres erfüllten sie in reichem Maße.
Indes – nach Art des perpetuum mobile – karrten die Schiffe immer neue Menschen heran. In einem Sommer allein (1578) überquerten hunderfünfzig französische Karavellen den Ozean. Die Männer konnten gar nicht so schnell sterben, wie die Siedlungen wuchsen. Was sollte ereicht werden? Ich kann es Ihnen leider nicht sagen. Entschuldigen Sie, daß ich immer wieder die Frage nach dem Sinn stelle, es liegt daran, daß mein Gehirn noch nicht aus dem Supermarkt stammt. Der französische König pflegte zu antworten, daß er die reichen Fischgründe vor dem Lorenzstrom ausnutzen wollte. Gewiß, gewiß.
In dieser Zeit, im 16. Jahrhundert, trat eine verhängnisvolle Wende ein: Die Indianer, denen man Schritt für Schritt in der Umgebung der Siedlungen die Jagdgründe kahlzuschießen begann, lernten die Weißen hassen. Das besiegelte später ihren Untergang, während sie sich sonst sehr leicht als Schuhputzer oder Liftboys in unsere Zeit hinübergerettet haben würden. Aber nein; anstatt die verlorengegangenen Gebiete liberal sausen zu lassen, anstatt realistisch zu denken und zu entspannen, taten sie das, was den Mächtigen der Welt gegenüber tödlich ist: Sie glaubten an ihr Recht! Stellen Sie sich das mal vor!
Das Pionierleben war dafür [Anm: eine neue „Geistes“haltung] günstig; es öffnete die Augen für Persönlichkeiten (die in Old England verkümmerten) und für Individualisten (die in England eingeebnet wurden), für die Schärfung der Sinne auf der untersten Ebene des Überlebens, und es öffnete die Augen dafür, wie wenig „ewige sittliche Wahrheiten“ hier in der Wildnis galten. Der geistige Nährboden für dieses Selbstvertrauen war schon vorbereitet durch die berühmten „Pilgrimsväter“. Die Pilgrimsväter waren jene Schiffsladung Menschen, die vor Generationen aus England gekommen waren, das drei Kreuze hinter ihnen machte. Sie hatten sich in der alten Heimat nicht mehr wohlgefühlt, was verständlich ist, denn ihr arrograntes Auserwählten-Bewußtsein und ihr puritanischer Glaubenseifer müssen unerträglich gewesen sein. Kaum in Amerika gelandet und mit „Halleluja“ in die Knie gesunken, infizierten sie die ganze Luft mit ihrer verheuchelten Rechtschaffenheit und der Überzeugung, Gott zahle mit Erfolg und klingender Münze aus. Sie wirkten wie die Hefe in einem Teig: er gärt.
Es war der Fanatismus der Pilgrimsväter, der später den Kampf gegen die französischen Siedler erst richtig in Schwung brachte, denn bei ihnen gesellte sich zu allem anderen noch der Religionshaß gegen die Katholiken hinzu. Rätselhaft, wie die Pilgrimsväter es fertig gebracht haben, für sich und ihre Abkömmlinge einen nicht totzukriegenden Ruhm zu schaffen. Damals müssen sie eine wahre Pest gewesen sein.
Zählen Sie alle diese Dinge zusammen, so haben Sie als Summe das, worüber man sich heute so oft den Kopf zerbricht: die Wurzeln des Amerikanismus.
Menschen, die sich den Luxus leisten, auch heute noch nachzudenken, sind alle zu der Erkenntnis gekommen, daß „Staat“ keine Form ist, die die Natur verlangt, sondern eine „Erfindung“, etwas Künstliches, was vielleicht einmal „Bündnisaufgaben“ hatte (Recht, Fürsorge, Schutz), aber längst ein selbstherrlicher, allmächtiger Homunkulus geworden ist. Carl Burckhardt hat den Staat „ein schönes, aber unheimliches, dem Einzelnen innerlich fremdes Ungeheuer“ genannt. Meinecke sprach ihm einen höheren übergeordneten Sinn völlig ab. Es gibt nichts, was nicht die kleine Gemeinschaft lösen könnte und in Wahrheit auch löst und trägt. Nichts – außer dem Krieg.
Solange ich zurückdenken kann, ist auch für mich „der Staat“ imme rein fremdes Ungeheuer gewesen. Politik, Hunger, Politik, Krieg, Inflation, Vertreibung, Politik, Krieg, Verrohung, Verarmung, verlorene Jahre, gestohlene Jugend – „der Staat“ hat mich nie gekannt, nie angesehen; ich habe ihn nur kennengelernt, wenn er wie ein von der Sauftour heimkehrender Vater mich entdeckte und prügelte.
Ich erschrecke Sie, meine Dame? Jetzt schon? Sie sind wütend, mein Herr, zornbebend? Reißen Sie sich zusammen, befreien Sie sich von der Illusion, daß irgend jemand auf der Welt allein durch den Staat in Frieden und Glück leben kann. Fallen Sie nicht auf die Lüge herein, daß Vaterland gleich Staat sei.
Darf ich jetzt weitersprechen?
Nach dem Kriege las ich Rousseau und Locke. Ich erfuhr, daß sie den Staat einen „Vertrag“ nannten und die Entstehung des Staates als „freiwillige, vertragsmäßige Unterwerfung des Bürgers unter eine Staatsgewalt“ zurückführten. Und hier gingen mir die Augen auf.
Hat der moderne Mensch wirklich den Wunsch, sich zu „unterwerfen“ für ein bißchen Schutz, ein bißchen einheitliches Recht und ein bißchen breiter fundierte Wohlfahrt? Ja? Dann ist das Ducken, das Kriechen in einen Staat die Bankrotterklärung des Menschen als soziales Individuum.
Merken Sie sich: In den Vereinigten Staaten muß immer die Rechnung stimmen; die Moral kommt später und von selbst. Eine böse Bemerkung! Ich werde Ihnen auch sagen, warum ich sie so wichtig nehme und hingeschrieben habe: Hamilton hatte damals bewußt den Gedanken, das Geldwesen zum Fundament der Vereinigten Staaten und der Macht der Zentralregierung zu machen. Das war der Hebel, der ihm zur Verfügung stand, und er setzte ihn an, er war ihm adäquat, er war seines Geistes. „Vom Geld her in Gang setzen“, das ist seitdem tief verwurzelt im amerikanischen Menschen, es ist der Stern von Bethlehem, der ihnen einst erschien und an den zu glabuen sie bis heute verdammt sind. Das Bankkonto ist der Adelsbrief Amerikas geworden. Ein schäbiger, aber ein beweiskräftiger für einen Calvinisten, denn Gott ist mit den Reichen.
Ist er wirklich so schäbig? Haben diese Männer nicht den Staat gerettet? Haben Sie nicht das Land als Dank und Ausweis dafür bekommen? Hat nicht auch Otto von Wittelsbach für Barbarossa dasselbe getan? Hat nicht auch er als Dank und Ausweis dafür das Land Bayern bekommen? Sollte das eine wie das andere keinen Schuß Pulver wert sein? Sie fragen mich?
Der eine hat mit seinem Leben den König gerettet, ohne auf Dank zu warten; aus Treue. Der andere hat die Finanzen des Landes mit seinen Kröten saniert. Wer diesen Unterschied nicht begreift, ist eine Krämerseele.
Der Weidegründe beraubt, der Büffelherden beraubt, vertrieben waren die Shawnee nordwestwärts gewandert, immer weiter gehetzt, immer in Sorge um die Nahrung, immer auf der Flucht vor den Gewehren der Weißen. Jetzt, unter Tecumseh, waren sie am oberen Ohio angelangt. Tausen Kilometer zurück lag ihre alte Heimat.
Es genügte nicht. Die Weißen kamen nach. Sie konnten das Land zwar gar nicht füllen, aber sie wollten es haben. Wem gehörte es? Später hat der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten einmal das Urteil gesprochen, dass ein Indianer durch Abstammung und von Geburt fremdrassig ist und grundsätzlich kein Staatsangehöriger der USA sein kann.
Die Amerikaner sind nicht kompliziert.
Sie vereinfachen gern. Die Besiegten sind böse, und alle, die von diesen bösen Besiegen niedergehalten wurden,
sind gut. War es nciht auch 1945 überall so, wohin sie kamen? Ihr Bild von der Welt ist schwarz-weiß, da
wird nicht lange gefackelt. Sie lieben es auch, zu „delegieren“. Sie richten gern „Stellen“ ein, Büros, Fonds, Organisationen, die ihnen die Verantwortung abnehmen; sie sind sie los. Und sie wollen partout nicht glauben, daß es sich wie mit einem schlechten Wechsel verhält: Er läuft zum Aussteller zurück. Auch in der Geschichte.
Nicht wahr, ich brauche nicht zu wiederholen, daß die Wallstreet den Krieg geführt, gesiegt und den Süden zerstört hat?
Schlözer hatte recht. Es war so weit, daß die Regierung des Regierens überhoben war. („Wir haben nicht mehr eine Regierung durch und für das Volk, sondern eine Regierung durch Unternehmen für Unternehmen.“ US-Außenminister Hay). Die Wallstreet hatte ganz offen die USA übernommen. Amerika führte damals der Alten Welt eine ganz neue Oligarchie vor, den Kapitalismus. Denn Kapitalismus in des Wortes wahrer Bedeutung ist nicht, wie man Schwachköpfen einpaukt, die Ansammlung von Reichtum bei wenigen oder die Ausnutzung der Armen durch die Reichen oder die Trennung von Unternehmen und Arbeit. Das sind verwaschene Ideen, die aus dem Bauch kommen. Es gibt nur eine gültige Definition von Kapitalismus: Kapitalismus ist keine Wirtschafts- oder Gesellschaftsstruktur, Kapitalismus ist die Übernahme der Regierung durch die Hochfinanz. Er ist zugleich immer das Ende der reinen Politik.
Superreiche und Bettelarme hat es stets gegeben. Das kann an der Charakterschwäche des Menschen liegen, an mangelndem Rechtsempfinden, eventuell auch an zu rapidem Gefälle der Intelligenz. Den Reichen „Kapitalismus“ vorzuwerfen, ist der landläufige Irrtum. Reichtum, der in Form von Brillianten im Safe liegt, ist harmlos, wenn auch vielleicht verächtlich. Ist aber der Superreichtum im Sozialprodukt verankert, das heißt, ist das Volk in die Zwangslage manövriert worden, für den Superreichtum in einem Circulus vitiosus zu arbeiten, so ist das Stadium erreicht, in dem der Superreichtum aus Selbsterhaltungstrieb die Staatssouveränität selbst verkörpern und das Regieren übernehmen muß, um die Politik mit seinen Interessen gleichzuschalten. Dann werden Kabinette zu Schattenkabinetten und die Wirtschaftspolitik zur alleinigen Politik. Im Kapitalismus ist das Geld nicht mehr Gutschein, sondern Schuldschein der Masse an den Superreichtum. Die (auf der Straße nicht kursierende) Währung des Superreichen ist die Aktie.
Nun ging Cuba die Amerikaner eigentlich nichts an. Aber – so lese ich bei mehreren Historikern – ein Volk muß, „wenn es sich nicht untreu werden will, die Straße weitergehen, die es beschritten hat“. In diesem Fall heißt das: Amerika mußte Pionier bleiben und seine Segnungen in andere Länder bringen. Das sei – so höre ich – weder ein kriegerischer Instinkt noch Kolonisation.
Nun wissen Sie es.
McKinley bot sich erst einmal als Vermittler zwischen Spanien und den Cubanern an, aber Madrid lehnte die Einmischung ab.
Nun war guter Rat teuer. Und zwar kostete er ein Schiff und zweihundertsechzig Tote. Das amerikanische
Kriegsschiff „Maine“ flog eines Tages im Hafen von Havanna in die Luft und mit ihm die ganze Besatzung.
Amerika war empört über dieses „Attentat“ – der Kongreß beschloß den Krieg.
Wir wollen rekapitulieren. Im Hafen von Havanna, das bekanntlich die Hauptstadt des unter spanischer
Hoheit stehenden Cubas ist, liegt ein amerikanisches Schiff. Nicht ein beliebiges Schiffchen, sondern ein
Kriegsschiff. Es fliegt aus unerklärlichen Gründen in die Luft. Ein Schiff kann aus drei Ursachen in die Luft
fliegen; es kann durch ein Geschoß oder eine Mine explodieren (das war die von der amerikanischen Presse
verbreitete Version), es kann sich die eigene Munition durch einen Zufall entzünden (das vermutete man, als der
Krieg und die Erregung vorüber waren), und das Schiff kann absichtlich in die Luft gejagt worden sein, um,
ohne Rücksicht auf die Toten, den Kriegsgrund zu schaffen.
(Und das glaube nach dem 7. Mai 1915 ich).
Sind Sie empört? Über?
Über meinen Verdacht?
Dann tut es mir leid, Sie in Ihrem Mittagsschlaf gestört zu haben.
Das amerikanische Produktionsvolumen überstieg seit langem die Bedürfnisse. Darin lag der Keim der Krise. Man hatte daher als neue revolutionäre Erkenntnis die Maxime aufgestellt, daß nicht die Nachfrage das Angebot zu regeln hat, sondern das Angebot die Nachfrage. Auf gut deutsch: Die Wirtschaft hatte nicht nur Waren zu produzieren, sondern auch Käufer. Die Bürger, diese Hammelherde, mußten verführt werden, ihr Geld für Dinge auszugeben, deren sie nicht bedurften. Der verführte Professor Unrat im „Blauen Engel“ hat wenigstens die Entschuldigung der Natur; der Konsumsklave hat gar keine. Natürlich sagte man das nicht offen, es hätte stutzig gemacht. Man sagte es kurz und zugleich nebulös-bedeutend: Geld muß umlaufen.
Das ist ein Satz, er alle flotten, modernen Menschen besticht. Würde er stimmen, so müßte es möglich sein, nach einer Suppe einen Fisch, nach einem Fisch ein Täubchen, nach einem Täubchen einen Schweinebraten, nach einem Schweinebraten einen zweiten, nach einem zweiten einen Rehrücken, nach einem Rehrücken ein Kompott, nach einem Kompott einen Kuchen, nach einem Kuchen – (Werden Sie nicht ungeduldig, für die Wirtschaft ist das Musik!) – einen Schokoladenpudding, nach einem Pudding ein Fürst-Pückler-Eis, nach dem Eis noch Cartersche Erdnüsse zu verkraten, während die Küche immer weiter auf Hochtouren läuft und dampft. Der undelikate Schluß: Der Zeitpunkt, sich zu übergeben, ist gekommen.
Ist das so schwer einzusehen? Sind Wirtschaftler dumm? Im echten Sinne nicht unbedingt. Es gibt die liebe, naive Dummheit (die echte) und eine von ihrer Klugheit überzeugte, immer „gut informierte“ kämpferische Dummheit. Um zu wissen, um welche es sich handelt, brauchen Sie einen Dummen nur geistig zu provozieren: Der echte schweigt, der andere legt los.
Sind Wirtschaftler dumm?
Auf jeden Fall sind Vollblut-Wirtschaftler „high“. Sie ähneln Trunkenen, die in jedem Nüchternen einen trübseligen Armleuchter sehen.
Für die Amerikaner zerfällt die Welt heute in zwei Teile. Da gibt es die schlechten Völker, die erzogen werden müssen, und es gibt die anderen, die „so gut sein wollen wie wir“ – um es wörtlich zu zitieren.
Seit dreißig Jahren sehen wir Amerika: als Schlichter, als Gouvernante der Völker, als guten Hirten, als Verführer, als Anstifter und Kriegsächter, als Entspanner und größten Waffenlieferanten der Welt, als Heilsapostel der Rassen und Rassenhasser im eigenen Land, als Erfinder der „Lebensqualität“ und als Erfinder der tödlichsten Waffen, als Erfinder des Salk-Serums und des Napalm, als Erfinder der Jeans als Gesinnung und der Sterbehilfe für sieben Dollar fünfzig die Stunde, des Instant-Kaffees und der Instant-Historie, als Menschenrechtler mit erhobenem Zeigefinger und als Marschierer durch My Lay mit erhobener Maschinenpistole, als Kornkammer Rußlands und Verfechter von Sanktionen gegen Rhodesien, als lästigen Vater der Bürger und verzeihende Mutter der Verbrecher, als Retter der Menschheit und Ausplündereer der Erde. „Amerika ist zum Albtraum der Welt geworden“ (Toynbee).
Was sollen wir tun? Zu spät! Die Welt ist hypnotisiert, die Lemminge rennen auf das Ende zu, sie sind nicht aufzuhalten.
Was wollen wir auch retten? Was denn? Was wollen wir bewahren? Unser Vaterland? Was ist das?
Die Erde? Der Acker? Die Städte? Die Fabriken? Die Banken? Die Atommeiler? Die Partei-Silos?
Was ist des Deutschen Vaterland?
Ach, meine verratenen Freunde, ich glaube, es war unsere Seele. Die ist es, die sie zerstört haben.
„Ich liebe die großen Verachtenden, weil sie die großen Verehrenden sind und Pfeile der Sehnsucht sind nach dem anderen Ufer“, hat Nietzsche bekannt, „ich liebe alle die, welche wie einzelne schwere Tropfen sind, fallend aus der dunklen Wolke, die über den Menschen hängt: Sie verkünden, daß der Blitz kommt, und werden wohl als Verkünder zugrunde gehn.“
Darum verliert kein Mitleid! Ich sage: Haßt! Haßt, was da über uns kommt! Wenn ich das sage, mache ich nicht in Wahrheit Platz für die Liebe? Ja, wer liebt, muß zugleich verwerfen.
Deshalb, aus Liebe zu dem, wonach wir hungern und was man kaputtgemacht hat, deshalb sage ich: Haßt! Die Liebe ist machtlos geworden. Dort drüben, jenseits des Ozeans, steht der Schuldige.
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