Novye empiriko-statističeskie medotiki datirovanija drevnich sobytij i priloženija k global'noj chronologii drevnego i srednevekovogo mira. Lib.ru
Übersetzung: Gabi Zöttl
Scaligers Version einer Chronologie war keineswegs die einzige. E. Bikerman spricht allgemein verächtlich vom „Chaos der mittelalterlichen Datierungen“. Zudem zeigt eine Analyse alter Dokumente, daß sich frühere Vorstellungen von der Zeit erheblich von der heutigen unterschieden. „Bis zum 13.-14. Jahrhundert waren Geräte für die Zeitmessung eine Seltenheit, ein Luxus“.
„Die im mittelalterlichen Europa gebräuchlichen Uhren waren Sonnenuhren ... Sanduhren und Klepsydren, Wasseruhren. Doch Sonnenuhren funktionierten nur bei klarem Wetter und Klepsydren wurden selten verwendet“. Am Ende des 9. Jahrhunderts n.Chr. wurde die Zeit weithin mit Kerzen gemessen; König Alfred (England) etwa nahm auf seine Reisen Kerzen gleicher Länge mit und ließ diese nacheinander abbrennen. Dieselbe Art der Zeitmessung war noch im 13. und 14. Jahrhundert üblich und wurde zum Beispiel von Karl V. angewandt.
„Die Mönche orientierten sich daran, wieviele Seiten der heiligen Bücher sie zwischen zwei Beobachtungen des Himmels lesen oder wieviele Psalmen sie in diesem Zeitraum singen konnten“. Dabei erfordern astronomische Beobachtungen doch Uhren mit Sekundenzeiger. Doch „selbst nach der Erfindung und Verbreitung mechanischer Uhren in Europa hatten diese noch sehr lange keinen Minutenzeiger“.
In paradoxem Kontrast zur Ungenauigkeit bei der Messung der tatsächlichen Zeit wurde im Mittelalter eine höchst ausgefeilte chronologische Kabbala entwickelt. Insbesondere erhielten „dieselben Zeiteinheiten, die für die Messung der weltlichen... Zeit verwendet wurden, eine völlig andere Dauer... wenn sie für die Messung biblischer Ereignisse herangezogen wurden... Augustinus setzte jeden Schöpfungstag mit einem Jahrtausend (!) gleich und versuchte die Dauer der Menschheitsgesichte zu bestimmen“.
Für uns ist „ein unabdingbares Merkmal der mittelalterlichen Geschichtsschreibung wichtig: der Anachronismus. Die Vergangenheit wird in denselben Kategorien gezeichnet wie die Gegenwart... Biblische und antike Personen werden in mittelalterlicher Kleidung dargestellt... Kirchentüren, auf denen alttestamentliche Könige und Patriarchen neben antiken Helden und Personen aus den Evangelien dargestellt sind, sind ein hervorragender Beleg für die anachronistische Geschichtsauffassung... DIE KREUZFAHRER DES AUSGEHENDEN 11. JAHRHUNDERTS WAREN ÜBERZEUGT, DAß SIE NICHT DIE NACHFAHREN DER HENKER CHRISTI BESTRAFTEN, SONDERN DIESE HENKER SELBST“.
Heutige, auf der Scaliger-Chronologie beruhende Kommentare gehen davon aus, daß die mittelalterlichen Autoren „aus Unwissenheit“ Altertum, Antike und biblische Zeit mit dem Mittelalter gleichsetzten. Neben der traditionellen Erklärung (einer absonderlichen „Vorliebe für Anachronismen“) ist auch ein anderer Standpunkt möglich: Alle diese Behauptungen der mittelalterlichen Autoren stimmen mit der Wirklichkeit überein, und als „Anachronismen“ betrachten wir sie heute nur deshalb, weil wir eine andere Chronologie zugrunde legen.
Scaligers Chronologie hielt nur eines von mehreren chronologischen Konzepten des Mittelalters fest. Neben der heute akzeptierten Chronologie existierten früher auch andere Versionen.
So glaubte man zum Beispiel, daß das Heilige Römische Reich Deutscher Nation (10.-13. Jhdt. n. Chr.) die UNMITTELBARE FORTSETZUNG des Römischen Reiches war, das (laut heute akzeptierter Version) im 6. Jhdt. n. Chr. zerfiel. Einige Spuren des aus heutiger Sicht eigenartig anmutenden mittalalterlichen Streits: „Petrarca, ... stützte sich angeblich auf eine ganze Reihe philologischer und psychologischer Untersuchen, als er behauptete, die den ÖSTERREICHISCHEN HERZÖGEN von Caesar und Nero (im 13. Jhdt. n. Chr.!) verliehenen Privilegien seien gefälscht. Damals mußte dafür noch der Beweis erbracht werden“.
Für den heutigen Historiker ist die Vorstellung, Caesar und Nero hätten etwas für das österreichische Herzogshaus getan (das erst 1273 n. Chr. zu regieren begann, also 1200 Jahre nach Caesar und Nero), blanker Unsinn. Im 14. Jahrhundert n. Chr. dachten Petrarcas mittelalterliche Gegner anders darüber („damals mußte dafür noch der Beweis erbracht werden“).
Zu denselben berühmten Dokumenten bemerkt E. Prister: „Alle interessierten Personen verstanden sehr wohl, daß es sich um offenkundige und gewissenlose Fälschungen handelte (dies ist auch die heutige Meinung), und dennoch verschlossen sie ‚rücksichtsvoll‘ die Augen vor dieser Tatsache“.
Der Leser ist zum Beispiel an die Vorstellung gewöhnt, daß es die berühmten Gladiatoren ausschließlich in der „fernen antiken Vergangenheit“ gab. Doch das stimmt nicht. Als V. Klassovskij über die Gladiatorenkämpfe im antiken Rom berichtete, fügte er auch hinzu, daß diese Kämpfe im mittelalterlichen Europa des 14. Jahrhunderts n. Chr. fortgesetzt wurden! Er verweist zum Beispiel auf die Gladiatorenkämpfe in Neapel (etwa 1344 n. Chr.). Diese Kämpfe endeten ebenso wie in der Antike MIT DEM TOD EINES GLADIATORS.
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