Wolfgang Lange, Ein literarisches Lesebuch. München 1992
Seltsam – wohin nur die Residenz Rußlands verschlagen ward – : Bis ans Ende der Welt. Ein merkwürdiges Volk, diese Russen. Einst besaßen sie in Kiew eine Hauptstadt, da war es zu heiß, da war es nicht kalt genug; und so siedelte denn die russische Residenz nach Moskau über – doch nein, auch hier war's noch nicht kalt genug. Herrgott! Also her mit Petersburg! Aber wie wildfremd sind sich dafür auch Mutter und Sohn! Was für eine Landschaft! Was für eine Natur! Die Luft ist mit Nebel erfüllt, die blasse, graugrüne Erde ist mit verkohlten Baumstümpfen, Tannen, Kiefern und kleinen Erdhügeln bedeckt... Noch gut, daß einen die blitzschnell vorüberfliegenden, schnurgeraden Chausseen und die russische Troika mit Sang und Klang wie im Sturmwind an ihnen vorbeitragen. Und welch ein Unterschied – welch ein Unterschied zwischen den beiden. Moskau ist noch bis heute ein langbärtiger russischer Bauer – Petersburg dagegen ist schon ein gewandter Europäer. Wie sich das alte Moskau weit ausgedehnt, wie es in die Breite gewachsen ist! Und wie hat sich dagegen das stutzerhafte Petersburg zusammengezogen und in die Länge gestreckt! Von allen Seiten ist es von Spiegeln umstellt, hier die Newa, dort der Finnische Meerbusen! Wahrhaftig, es fehlt ihm nicht an Gelegenheit, sich selbst anzuschauen, sich zu bespiegeln! Bemerkt es nur das kleinste Stäubchen oder Flöckchen auf seinem Kleide, so wird's sofort entfernt. Moskau ist ein altes Hausmütterchen, es bäckt seine Pfannkuchen, sitzt daheim, sieht sich die Dinge von ferne an und läßt sich, ohne sich vom Sessel zu erheben, erzählen, wie es in der Welt hergeht. Petersburg dagegen ist ein flotter Bursche, der nie zu Hause sitzt, der immter gut angezogen ist, sich für Europa schön macht und den Ausländern zunickt. In Petersburg ist alles in steter Bewegung, vom Keller bis hinauf zur Dachkammer; um Mitternacht fängt man an, französische Brötchen zu backen, die am nächsten Morgen allesamt von der aus den verschiedensten Volksstämmen zusammengesetzten Bevölkerung verzehrt werden; während der Nacht leuchtet bald eins seiner Augen, bald das andre. Während der Nacht liegt ganz Moskau in tiefem Schlaf, am Morgen aber schlägt es ein Kreuz, verneigt sich nach allen vier Himmelsrichtungen und fährt dann mit seinen Kalat-schi auf den Markt. Moskau ist weiblichen, Petersburg männlichen Geschlechts. In Moskau gibt es lauter Bräute, in Petersburg lauter Freier. Petersburg gibt mehr acht auf seine Kleidung, hat die grellen Farben nicht gern, ebensowenig wie alle kühnen Abweichungen von der Mode, Moskau dagegen verlangt, daß, wenn's schon eine Mode geben soll, diese auch nach allen Regeln durchgeführt werde; trägt man lange Taillen – dann müssen sie noch viel länger werden; werden große Frackaufschläge getragen, dann sind sie hier so groß wie das Tor einer Scheune. Petersburg – ist ein Mensch von peinlicher Akkuratesse – ein echter Deutscher, es erwägt alles und rechnet alles nach, und ehe es eine Abendgesellschaft gibt, tut es einen Blick in die Tasche; Moskau – ist ein russischer Edelmann, wenn er sich einmal amüsiert, dann amüsiert er sich so, daß er hinfällt, und kümmert sich nicht darum, ob er mehr ausgibt, als er in der Tasche hat. Moskau liebt die goldene Mittelstraße nicht. Alle Moskauer Zeitschriften bringen am Schluß jeder Nummer, sie mögen einen noch so gelehrten Inhalt haben, immer ein Modebild; die Petersburger Zeitschriften bringen nur selten Illustrationen als Beilage, aber wenn sie einmal eine beifügen, dann kriegt ein Leser, der das nicht gewöhnt ist, einen Schreck. Die Moskauer Zeitschriften reden von Kant, Schelling usw. usf., in den Petersburger Journalen wird nur vom Publikum und über die gute Gesinnung geschrieben... In Moskau halten die Zeitschriften Schritt mit dem Jahrhundert, verspäten sich aber bei Zustellung ihrer Nummern; in Petersburg halten die Journale nicht Schritt mit dem Jahrhundert, dafür erscheinen sie mit großer Pünktlichkeit zur festgesetzten Zeit. In Moskau bringen die Literaten ihr Geld durch, in Petersburg verdienen sie welches. In Moskau fährt alle Welt in dichte Bärenpelze eingehüllt – und meist zu einem Diner; in Petersburg läuft alles in Friesröcken herum, die Hände tief in die Taschen vergraben, und fliegt in höchster Eile zur Börse oder ins Bureau. Moskau amüsiert sich bis 4 Uhr morgens und verläßt am nächsten Tage das Bett nicht vor 2 Uhr. Petersburg amüsiert sich auch bis 4 Uhr morgens, und doch eilt es am ändern Tage, als ob nichts passiert wäre, schon um 9 Uhr in seinem Friesrock in die Kanzlei. Nach Moskau kommt Rußland mit vollen Taschen und kehrt erleichtert wieder zurück. Nach Petersburg kommen die Leute mit leerem Beutel und fahren mit einem hübschen Kapital nach allen Himmelsgegenden auseinander. Nach Moskau kommt Rußland in Winterschlitten auf holperigen Winterwegen gefahren, um zu kaufen und zu verkaufen; in Petersburg läuft das russische Volk im Sommer zu Fuß, um bei einem Bau Beschäftigung zu finden und um zu arbeiten. Moskau – ist die große Vorratskammer, hier türmt sich Ballen über Ballen, und den kleinen Händler beachtet es kaum. Petersburg ist ganz in kleine Stücke zersplittert, hat sich in lauter Läden und Kaufhäuser aufgelöst und macht Jagd auf die ärmeren Käufer. Moskau sagt: „Wenn der Käufer mich braucht – wird er mich schon finden!“ Petersburg fährt Ihnen mit seinen Aushängeschildern direkt unter die Nase, verkriecht sich mit seinem „Weinausschank“ bis unter den Fußboden Ihrer Wohnung und bringt seine Droschkenhaltestellen geradewegs in Ihrem Haustor unter. Moskau sieht über seine eigenen Einwohner hinweg und sendet seine Waren nach ganz Rußland; Petersburg verkauft seine Krawatten und seine Handschuhe an seine eigenen Beamten. Moskau ist eine große Markthalle; Petersburg – ein heller Kaufladen. Moskau ist für Rußland eine Notwendigkeit. Rußland ist eine Notwendigkeit für Petersburg. In Moskau begegnet man nur selten einem Frack mit Uniformknöpfen, in Petersburg hat jeder Frack solche Knöpfe. Petersburg macht sich gern über die Unbeholfenheit und Geschmacklosigkeit Moskaus lustig. Moskau spottet über Petersburg, weil hier nicht gut russisch gesprochen wird. In Petersburg spazieren um 2 Uhr auf dem Newsky-Prospekt Leute, von denen man meinen könnte, sie seien aus den Modebeilagen der Journale, die in den Schaufenstern ausliegen, entsprungen; sogar ganz alte Damen haben hier so dünne Taillen, daß man lachen muß; in Moskau trifft man stets inmitten der Masse modern gekleideter Spaziergänger eine alte Frau mit einem Kopftuch, die keine Spur von Taille hat. Ich könnte noch mancherlei sagen, allein es ist – „Ein Abstand von ganz ungeheurer Größe!...“
Es ist schwer, die allgemeine Physiognomie von Petersburg zu schildern. Es hat etwas, das an eine amerikanische Kolonie in Europa erinnert: ebensowenig ursprüngliche Nationalität und ebensoviel fremdländische Mischlinge, die sich noch nicht zu einer festen Masse zusammengefügt haben. Soviel verschiedene Nationen sich hier zusammenfinden, ebensoviel Gesellschaftsschichten gibt es hier. Diese Kreise sind streng voneinander geschieden: Aristokraten, Beamte im Dienste, Handwerker, Engländer, Deutsche, Kaufleute – sie alle bilden Kreise, die sich nur ganz selten miteinander vereinigen, gewöhnlich aber für sich leben und sich unterhalten, ohne daß einer von dem ändern etwas weiß.
Jeder von diesen Kreisen besteht, wenn man genauer zusieht, wieder aus einer Menge kleiner Kreise, die gleichfalls nicht miteinander zusammenhängen. Nehmen wir z.B. die Beamten. Die jungen Gehilfen der Tischvorsteher bilden ihren eigenen Kreis, und nie wird der Abteilungschef zu ihnen herabsteigen. In Gegenwart eines Kanzleibeamten hebt wiederum der Tischvorsteher seinen Kopf um ein paar Zoll höher. Die deutschen Handwerker und die deutschen Beamten bilden auch ihren besonderen Kreis. Die Lehrer bilden einen Kreis, die Schauspieler einen, ja sogar die Literaten, die noch immer recht zweideutige und zweifelhafte Persönlichkeiten darstellen, stehen abseits für sich da. Mit einem Wort, es ist fast so, wie wenn eine riesengroße Postkutsche bei einem Gasthause vorgefahren wäre, in der alle Gäste während der Fahrt in ihre Mäntel gehüllt dagesessen hätten, und nur darum zusammen in den allgemeinen Saal träten, weil eben kein anderer Raum vorhanden ist. Der Versuch, öffentliche Vereine zu gründen, hat bis jetzt keinen Erfolg gehabt. Der Petersburger besucht auch den Klub nur, um dort Mittag zu essen, und nicht, um seine Zeit dort zu verbringen. Daß Petersburg noch nicht zu einem Gasthaus geworden ist, das liegt allein an einer inneren Naturanlage des Russen, der, trotzdem er sich beständig an den Fremden abschleift, sich immer noch eine gewisse Originalität bewahrt hat. Um von jedem dieser einzelnen Kreise erzählen zu können, um ihr Leben, das in Genüssen und Vergnügen, Hoffnungen und Schmerzen dahinfließt, zu studieren, müßte man zu den Leuten gehören, die gar nicht schreiben, weil diese Leute – dies ist der Lohn für ihre Tätigkeit – absolut keine Zeit haben. Also lassen wir die Bälle und Soireen beiseite. Ich will mich den Vergnügungen zuwenden, die eine längere Erinnerung an sich zurücklassen und die von allen Gesellschaftsklassen mitgemacht werden. Die Theater und Konzerte – das sind die Punkte, wo alle Klassen der Petersburger Gesellschaft zusammenstoßen, wo sie genug Muße haben, sich aneinander sattzusehen. Das Ballett und die Oper – sind der König und die Königin der Petersburger Theater. Sie waren noch prächtiger, rauschender, hinreißender als in den früheren Jahren, und die entzückten Zuschauer hatten völlig vergessen, daß es auch noch eine gewaltige Tragödie gibt, die den gleichgestimmten Herzen der stumm lauschenden Menge unwillkürlich die erhabensten Gefühle einhaucht, daß es eine Komödie gibt, die das getreue Abbild der sich vor uns hin und her bewegenden Gesellschaft ist: eine tief durchdachte Komödie, die durch die Tiefe ihrer Ironie uns zum Lachen reizt; nicht zu jenem Lachen, das durch einen oberflächlichen Eindruck, durch einen flüchtigen Witz oder durch einen Kalauer hervorgerufen wird, auch nicht zu jenem Lachen, das die rohe Menge in unserer Gesellschaft bewegt, die nach Verrenkungen und fratzenhaften Verzerrungen der Natur verlangt, sondern zu jenem elektrisierenden, belebenden Lachen, das, durch den blendenden Gedankenblitz erschüttert, unwillkürlich, frei, ungewollt, unmittelbar aus der Seele hervorströmt, das aus dem ruhigen Genuß geboren wird und nur durch einen hohen Verstand hervorgerufen werden kann.
Die Zuschauer hatten recht, wenn sie von dem Ballett und der Oper entzückt waren... Auf der dramatischen Bühne gab es Melodramen und Possen und zugereiste Gäste, die sich auf der französischen Bühne zu Hause fühlten, aber auf der russischen eine recht merkwürdige Rolle spielten. Es ist ja eine längst anerkannte Tatsache, daß die russischen Schauspieler sich recht seltsam ausnehmen, wenn sie Marquis, Vicomtes und Barone spielen, ebenso wie die französischen Schauspieler wahrscheinlich recht komisch wären, wenn sie versuchen wollten, russische Bauern darzustellen. Und wie machen sich Bälle, Abendgesellschaften und moderne Routs, die in den russischen Stücken vorkommen, auf der Bühne? Und die Possen? Die Posse hat sich schon längst die russische Bühne erobert und bildet die Unterhaltung der Mittelklassen, denn diese Leute wollen eben lachen. Wer hätte gedacht, daß wir nicht nur Übersetzungen, sondern auch Originalpossen auf der russischen Bühne zu sehen bekommen würden? Eine russische Posse! Es ist wirklich sehr merkwürdig, und zwar deshalb, weil dieses leichte, farblose Spiel nur bei den Franzosen entstehen konnte, bei einer Nation, deren Charakter keine tiefen, unwandelbaren Züge besitzt; aber wenn man den immer noch etwas schwerfälligen und rauhen russischen Charakter zwingt, sich als „petit maitre“ zu bewegen, dann kommt es mir immer so vor, wie wenn einer von unseren wohlbeleibten, pfiffigen und langbärtigen Kaufleuten, der bis dahin nichts anderes als schwere Stulpenstiefel getragen hat, statt dieser den einen Fuß mit einem schmalen Schuh und Strümpfen a jour bekleiden wollte, während der andere noch im Stiefel steckt, und dann in diesem Aufzuge im ersten Paar der Franchise erscheinen wollte.
Es sind schon fünf Jahre, seit sich das Melodrama und die Posse alle Theater der Welt erobert haben. Welch eine Nachäfferei! Sogar die Deutschen.... wer hätte das gedacht, daß selbst die Deutschen, dieses gediegene, zu tiefen, ästhetischen Genüssen geneigte Volk, daß die Deutschen jetzt Possen schreiben und spielen und geschwollene, kalte Melodramen zusammenkleistern und für die Bühne bearbeiten. Ja, wenn dieses Miasma noch auf den Wink eines mächtigen Genies hergetragen worden wäre! Als alle Welt der Leier Byrons nachahmte, war dies keineswegs lächerlich; im Gegenteil, in diesem Streben lag etwas Tröstliches. Aber daß Dumas, Dulange und andere – universale Gesetzgeber werden konnten!... Ich möchte schwören, das XIX. Jahrhundert wird sich dieser fünf Jahre schämen! O Moliere! großer Moliere! du, der du deine Charaktere so großzügig ausstattetest, mit einer solchen Vollkommenheit entwickeltest, der du ihre Schatten so eingehend studiert hast, und du strenger, umsichtiger Lessing, und du edel glühender Schiller, der du die Menschenwürde in so poetisch verklärtem Lichte dargestellt hast! schaut hin, was jetzt nach euch auf eurer Bühne geschieht, seht, was für ein seltsames Ungeheuer sich unter dem Namen des Melodramas unter uns eingeschlichen hat! Wo ist denn unser Leben? Wo bleiben wir mit all unseren heutigen Leidenschaften und Seltsamkeiten? Wenn wir doch nur einen schwachen Widerschein davon in unseren Melodramen erblicken könnten! Aber unser Melodrama lügt in der schamlosesten Weise....
Welch unbegreifliche Erscheinung: nur das große, tiefe, ungewöhnliche Talent bemerkt und entdeckt das, was uns alltäglich umgibt, was unzertrennlich mit uns verwachsen ist, das Gewöhnliche; das dagegen, was nur selten geschieht, was eine Ausnahme bildet, was uns durch seine Häßlichkeit, durch seine Unförmlichkeit inmitten der Ordnung in Erstaunen setzt, ist gerade das, wonach die Mittelmäßigkeit mit beiden Händen greift. Und so fließt das Leben eines großen Talents wie ein großer breiter Strom in voller Regelmäßigkeit, rein wie ein Spiegel, dahin und reflektiert mit derselben Klarheit die dunklen und die hellen Wolken: bei der Mittelmäßigkeit dagegen fließt es hin wie eine trübe und schmutzige Welle und spiegelt weder die Helligkeit noch die Finsternis.
Das Seltsame ist der Gegenstand des heutigen Dramas geworden. Es kommt vor allem darauf an, eine Begebenheit darzustellen, die unbedingt neu, unbedingt merkwürdig, noch nie dagewesen und ganz unerhört sein muß: ein Mord, eine Feuersbrunst, die allerwildesten Leidenschaften, an die man in der modernen Gesellschaft gar nicht einmal denkt! Wie wenn die Söhne des glühenden Afrika europäische Fräcke angezogen hätten; Henker und Gift – nichts als Effekt, dieser ewige unvermeidliche Effekt, und doch weckt keine Gestalt unsere Teilnahme. Noch nie hat ein Zuschauer das Theater gerührt und tränenden Auges verlassen, im Gegenteil, er setzt sich eilig und in einer seltsamen Erregung in den Wagen, und es dauert lange, bis er seine Gedanken sammeln und sich klar über sie werden kann. Solch ein Schauspiel bietet man unserer verfeinerten, gebildeten Gesellschaft! Unwillkürlich steigen die blutigen Wettkämpfe, zu denen ganz Rom während der Epoche höchster Macht und stumpfer Übersättigung zusammenströmte, vor einem auf. Aber, Gott sei Dank, wir sind noch keine Römer und stehen nicht vor dem Untergang unseres Daseins, sondern im Morgenrot des Lebens! Wenn man alle Melodramen, die in unserer Zeit gegeben worden sind, zusammennimmt, so könnte man glauben, in ein Museum geraten zu sein, in dem absichtlich alle Mißgeburten und Auswüchse der Natur vereinigt sind, oder besser gesagt – man glaubt einen Kalender vor sich zu haben, in dem mit kalendermäßiger Kaltblütigkeit alle merkwürdigen Ereignisse eingetragen sind, und wo unter jedem Datum zu lesen steht: heute geschah an dem und dem Orte folgender Spitzbubenstreich; heute wurde der Räuber und Brandstifter Soundso geköpft; dann und dann hat der Handwerker X. seine Frau umgebracht.... und dergleichen mehr. Ich kann mir das Staunen eines unserer Nachkommen vorstellen, der das Leben unserer Gesellschaft aus unseren Melodramen studieren wollte.
Da ist es denn nicht zu verwundern, daß das Ballett und die Oper noch eine erfreuliche Erscheinung sind und einem eine gewisse Erholung bieten: hier findet man doch noch einen ruhigen Genuß. Die Oper wird bei uns mit einem gierigen Enthusiasmus aufgenommen. Bis heute noch ist die Begeisterung nicht vorüber, mit der sich ganz Petersburg auf die lebendige, feurige Musik der „Fenella“ und die wilde, von höllischen Genüssen erfüllte Musik „Robert des Teufels“ stürzte. – „Semiramis“, die noch vor fünf Jahren vom Publikum sehr kühl aufgenommen wurde, versetzt heute, wo die Musik Rossinis fast einen Anachronismus bildet, dasselbe Publikum in Verzückung. Über den Enthusiasmus, den die Oper „Das Leben für den Zaren“ hervorgerufen hat, will ich gar nicht erst reden: er ist begreiflich und ganz Rußland bekannt. Über diese Oper müßte man entweder sehr viel oder gar nichts sagen.
Ich rede jedoch nicht gern über die Musik oder über den Gesang. Mir scheint, alle musikalischen Traktate und Rezensionen müssen die Musiker von Fach langweilen; in der Musik ist das allermeiste unaussprechlich und beruht auf einer unbewußten Wirkung. Die Leidenschaften der Musiker – sind keine irdischen Leidenschaften; die Musik ist nur hin und wieder der Ausdruck unserer Leidenschaften oder besser gesagt: sie ahmt ihre Stimme nach, um auf sie gestützt, sich wie ein perlender, singender Springquell gänzlich anderer Leidenschaften in eine andere Sphäre emporzuschwingen. Ich will nur noch bemerken, daß sich die Melomanie immer mehr verbreitet. Leute, denen man gar keine musikalische Denkart zutrauen würde, sitzen beständig in dem „Leben für den Zaren“, im „Robert“, in der „Norma“, in „Fenella“ und in „Semiramis“. Beinahe zweimal in jeder Woche wird eine Oper aufgeführt; jede von ihnen erlebt unzählige Aufführungen, und trotzdem ist es häufig schwer, ein Billett zu bekommen. Ist das nicht eine Folge unserer slawischen zum Gesang neigenden Natur? Und ist es nicht eine Rückkehr zu unserer alten Zeit, nach einer Reise durch das fremde Land der europäischen Kultur, wo alles um uns herum eine fremde Sprache sprach und wo sich lauter fremde Menschen um uns drängten – eine Rückfahrt in einem russischen Dreigespann mit seinen klingenden Glocken – ist es nicht so, als erhöben wir uns von unserem Sitz, und als riefen wir, unsere Mützen schwenkend, aus: „In der Fremde ist es schön – aber zu Hause ist's doch noch besser.“
Was für eine herrliche Oper könnte man nach unseren nationalen Motiven komponieren! Zeigt mir ein Volk, das mehr Lieder hätte! Unsere Ukraine hallt wider von Liedern. Auf der Wolga, von ihrer Quelle bis zum Meere, ertönen – die ganze Reihe der dahintreibenden Barken entlang – die Lieder der Schiffsknechte. Unter Gesang werden in ganz Rußland aus Balken von Fichtenholz die Hütten gezimmert. Mit Gesang fliegen die Ziegel von Hand zu Hand und wachsen Städte wie Pilze empor. Alte Frauen singen, wenn der kleine Russe in Windeln gewickelt wird, wenn er sich verheiratet und wenn er begraben wird. Alles, was reist, Adlige und Bürgerliche, fliegen beim Gesang des Kutschers dahin. Am Schwarzen Meer singt der bartlose braune Kosak mit dem pechschwarzen Schnurrbart, während er seine Flinte ladet, ein altes Lied; und dort am anderen Ende Rußlands erlegt der russische Händler rittlings auf einer Eisscholle sitzend, den Walfisch mit seiner Harpune und singt ein Lied dazu. Und da sollte es uns an Stoff zu einer nationalen Oper fehlen! Die Oper Glinkas ist nur ein schöner Anfang. Er hat es mit viel Glück verstanden, in seinem Werk zwei slawische Tonsprachen zu vereinigen; man hört es deutlich, wo der Russe und wo der Pole spricht; aus dem Gesang des einen hört man die freie, weite Melodie des russischen Liedes heraus, aus den des anderen den kecken, schnellen Rhythmus der polnischen Mazurka.
Das Petersburger Ballett ist hervorragend. Bei dieser Gelgenheit muß ich ein paar Worte über das Ballett überhaupt sagen. Die Ballettaufführungen in Paris, Petersburg und Berlin haben eine hohe Vollendung erreicht; aber man muß gestehen, daß der Fortschritt nur in der wachsenden Pracht der Kostüme und der Dekorationen besteht, das eigentliche Wesen des Balletts, jedoch, die Erfindung hält nicht Schritt mit der Ausstattung, die Ballettschreiber bringen nur wenig Neues in den Tänzen. Bisher fehlt es noch an dem eigentlich Charakteristischen. Sehen wir einmal zu: an allen Enden der Welt gibt es überall Nationaltänze; der Spanier tanzt ganz anders als der Schweizer, der Schotte wiederum anders als der Deutsche (bei Teniers), der Russe anders als der Franzose und der Asiate. Selbst in den verschiedenen Provinzen desselben Staates wechseln die Tänze. Der Russe des Nordens tanzt nicht so wie der Kleinrusse, wie der Südslawe, der Pole oder Finne; der Tanz des einen ist ausdrucksvoll, der des ändern gefühllos, der eine ist wild und rasend, der andere ruhig, der eine gewaltsam und schwerfällig, der andere leicht und ätherisch. Woher stammt diese Mannigfaltigkeit der Tänze? Sie stammt aus dem Charakter der Völker, aus ihrer Lebensweise und der Art ihrer Beschäftigung. Ein Volk, das ein stolzes, kriegerisches Leben führt, bringt diesen Stolz auch in seinem Tanz zum Ausdruck; bei einem sorglosen, freien Volk spiegelt sich auch in den Tänzen eine grenzenlose Freiheit und eine poetische Selbstvergessenheit; ein Volk, das in einem heißen Klima lebt, läßt auch in seinen Nationaltänzen Glut, Leidenschaft und Eifersucht spüren. Der Schöpfer eines Balletts kann zur Charakterisierung seiner tanzenden Helden, wenn er sich nur von einem feinen Geschmack leiten läßt, aus diesem reichen Stoffe wählen, soviel er will. Es versteht sich von selbst, daß er, wenn er erst einmal den Grundcharakter erfaßt hat, ihn noch weiter entwickeln und sich weit über sein Original emporschwingen kann, so wie ein musikalisches Genie aus einem einfachen Liede, das es auf der Straße hört, ein ganzes Gedicht macht. Wenigstens wird der Tanz erst dann einen tieferen Sinn erhalten, und so kann diese leichte, luftige und feurige Sprache, die bis jetzt immer noch etwas beengt und beschränkt erscheint, sich zu höherer Form und Plastik entwickelnDie Petersburger sind große Freunde des Theaters. Wenn Sie einmal an einem frischen, kalten Morgen, während der rosig goldene Himmel von durchsichtigen Rauchwolken, die aus den Schornsteinen aufsteigen, durchzogen wird, auf dem Newsky-Prospekt spazieren sollten, dann treten Sie um diese Zeit ins Foyer des Alexandra-Theaters: Sie werden erstaunt sein über die hartnäckige Geduld, mit der die hier versammelte Volksmenge m dichten Haufen den Billettverkäufer belagert, der seine Hand aus dem Kassenfenster herausstreckt. Wieviel Lakaien aller Art drängen sich hier, der eine im grauen Mantel mit einer bunten seidenen Krawatte, aber ohne Mütze, und ein anderer, bei dem der dreistöckige Kragen der Livree einem bunten Tintenwisch aus Tuch in Gestalt eines Schmetterlings gleicht. Hier drängen sich auch jene Beamten, die sich die Stiefel von ihren Köchinnen putzen lassen, und die niemand haben, den sie nach einem Theaterbillett schicken können. Hier können Sie auch sehen, wie ein echtrussischer Held plötzlich die Geduld verliert, auf den Schultern der ganzen Menge bis zur Kasse vordringt und sein Billett empfängt. Dann erst wird Ihnen klar werden, wie sich bei uns die Liebe zum Theater bemerkbar macht. Und was wird auf unseren Bühnen gegeben? – Melodramen und Vaudevilles!... Ich hasse diese Melodramen und Vaudevilles.
Die Lage der russischen Schauspieler ist sehr traurig. Vor ihnen zittert und brodelt ein aufnahmefähiges Publikum, und sie müssen Leute darstellen, die sie noch nie gesehen haben. Was sollen sie mit diesen seltsamen Helden anfangen, die weder Franzosen noch Deutsche sind, sondern halbverrückte Leute, die weder eine bestimmte Leidenschaft noch eine charakteristische Physiognomie haben? Wie soll man da zeigen, was man kann, wie sollen sich unter solchen Verhältnissen Talente entwickeln. Gebt uns um Gottes willen wahrhaft russische Charaktere, gebt uns uns selber, unsere Gauner und unsere Querköpfe! herauf mit ihnen auf die Bühne und gebt sie dem Gelächter aller preis! Das Lachen – ist etwas wahrhaft Großes, es raubt uns weder das Leben, noch unser Eigentum, und doch steht der Schuldige da wie ein Hase, dem man die Beine zusammengebunden hat. Wir haben uns so sehr an die farblosen französischen Stücke gewöhnt, daß wir uns beinahe fürchten, unsere eigenen zu 'sehen. Wenn man uns einen lebendigen Charakter vorführt, so glauben wir gleich, das sei eine persönliche Anspielung, weil die dargestellte Person weder einem Paysan, einem Theater-Tyrannen, einem Reimschmied, einem Richter oder dergleichen verbrauchten Typen gleicht, die von zahnlosen Autoren förmlich in ihre Stücke geschleppt werden, so wie man etwa einen jener unvermeidlichen Figuranten auf die Bühne schleppt, die vor dem Publikum mit dem gleichen stereotypen Lächeln ihre im Laufe von vierzig Jahren bis zur Virtuosität einstudierten „Pas“ herunterholzen. Wenn man z. B. sagt, daß es in einer Stadt einen nicht ganz nüchternen Hofrat gibt, so fühlen sich gleich alle Hofräte beleidigt, und manch ein anderer „Rat“ sagt wohl gar: „Wie ist das nur möglich, ich habe einen Verwandten, der ist Hof rat: ein vortrefflicher Mensch! wie kann man denn sagen, daß es einen betrunkenen Hofrat gibt!“ Als ob ein einziger einen ganzen Stand um seine Ehre bringen könnte! Und solch eine Empfindlichkeit ist bei uns tatsächlich in allen Gesellschaftsklassen verbreitet. Braucht es etwa noch der Beispiele? Man denke nur an den „Revisor“.
Es ist wirklich peinlich. Es wäre doch wirklich höchste Zeit, einzusehen, daß nur eine getreue Darstellung von Charakteren – nicht m ihren längst bekannten immer aufs neue wiederholten allgemeinen Zügen – sondern in einer Form von wahrhaft nationalem Gepräge, die uns durch ihre Lebendigkeit überrascht, so daß wir ausrufen: „Ja aber, mir scheint, das ist doch ein Bekannter von mir!“ – daß nur solch eine Darstellung einen wesentlichen Nutzen bringt. Wir haben aus dem Theater ein Spielzeug in der Art jener Rasselchen gemacht, womit man Kinder herbeilockt, wir haben vergessen, daß das Theater ein Katheder ist, von dem aus man einer ganzen großen Menge eine lebendige Lehre vorträgt, auf ein Beispiel hinweist, wo uns beim festlichen Lichterglanz, beim Lärm der Musik, unter einstimmigem Gelächter, ein weitbekanntes, verstecktes Laster gezeigt wird, und wo, begleitet von der geheimen Stimme der allgemeinen Teilnahme, ein allbekanntes, sich ängstlich verbergendes, edles Gefühl ans Licht gezogen wird.
Aber genug vom Theater. Ich habe zuviel davon geredet. Der Winterkarneval schließt mit einer lauten und lärmenden Woche ab; dann fliegt die eine Hälfte der Petersburger auf Schaukeln durch die Luft oder saust wie der Wirbelwind die Rodelbahn hinunter, während sich die andere Hälfte in eine lange Kette von Wagen verwandelt, die sich kaum vorwärtsbewegt, immer wieder aufgehalten von dem für Ordnung sorgenden Gendarmen; da gibt's den ganzen Tag über und am Abend alle möglichen Vorstellungen, und der ganze Admiralitätsplatz ist mit Nußschalen bedeckt...
Still und finster ist die Zeit der großen Fasten. Es ist einem, als vernehme man eine Stimme, die einem zuruft: „Halt ein, Christenmensch: sieh zu, wie du lebst.“ Die Straßen sind leer. Man sieht keine Wagen. Ein sinnender Zug liegt auf den Gesichtern der Vorübergehenden. Ich liebe dich, du Zeit der Nachdenklichkeit und des Gebets! Freier und mit mehr Überlegung werden meine Gedanken dahinfließen, und diese ganze seichte, eitle Gesellschaft wird sicherlich müde und verschlafen daliegen und vergessen, zu mir zu kommen und mich mit ihrem trivialen Gerede über Whist, Literatur, Auszeichnungen und Theater zu plagen.
Die Fastenzeit in Petersburg ist das Fest der Musik. Um diese Zeit kommen hier Musiker aus allen Teilen Europas zusammen. Das Monstre-Konzert zum Besten der Invaliden hat immer etwas Gewaltiges; vierhundert Musiker! das macht einen mächtigen Eindruck! Wenn der harmonische Zusammenklang von vierhundert Tönen unter dem dröhnenden Gewölbe emporhallt, dann muß, wie mir scheint, auch die Seele jedes Zuhörers, und wäre sie noch so armselig, von einer ganz ungewöhnlichen Erschütterung durchzittert werden.
Während der Fastenzeit fällt dann und wann ein Sonnenstrahl in die Petersburger Atmosphäre. Der westliche Teil, der dem Meere zugewandt ist, wird heller. Der Norden blickt von der Wiborger Seite weniger finster herüber. Immer häufiger halten die Wagen auf der Straße, und die Insassen steigen aus, um auf dem Trottoir spazierenzugehen. Seit dem Jahre 1836 ist der Newsky-Prospekt, dieser laute, ewig bewegte, emsige, vorwärtsdrängende Newsky-Prospekt ganz heruntergekommen: der Treffpunkt der vornehmen Welt ist an den Englischen Kai verlegt worden. Der verstorbene Kaiser liebte den Englischen Kai. Er ist auch wirklich wundervoll. Aber jetzt, wo der Korso dahin verlegt worden ist, habe ich erst bemerkt, daß der Kai etwas zu kurz ist. Die Spaziergänger sind trotzdem noch im Vorteil, denn die Hälfte des Newsky-Prospekts war immer von Handwerkern und Beamten besetzt, und man hatte hier die Aussicht, dreimal soviel Püffe zu bekommen, wie an irgendeinem anderen OrtWarum eilt nur unsere Zeit, die durch nichts zu ersetzen ist, so schnell dahin? Wer ruft sie zu sich? Was bilden doch die großen Fasten für einen ruhigen, stillen Zeitabschnitt! Was kann man in diesen sieben Wochen nicht alles vollbringen? Jetzt will ich mich endlich ernstlich an meine Arbeit machen. Jetzt werde ich endlich vollenden, was mich der Lärm und die allgemeine Unruhe nicht vollenden ließen. Aber ach, die erste Woche geht schon zu Ende! Ich habe noch nicht angefangen und schon kommt die zweite hinter ihr hergejagt, schon ist die erste Hälfte der dritten vorüber, schon kommt die vierte heran, schon beginnt der große Jahrmarkt im Gostinij Dwor, und eine ganze Galerie von jungen Weidenruten mit wächsernen Früchten und Blumen blüht unter den dunklen Hallen auf. Als ich an dieser bunten Allee, in deren Dunkel eine Menge von roh geschnitztem Kinderspielzeug aufgetürmt war, vorüberging, wurde mir recht peinlich zumute. Ich ärgerte mich über die rotwangigen Kinderfrauen, die sich hier in ganzen Trupps herumtrieben, über die Kinder, die ganz glücklich vor diesem Haufen eines ihnen so viel Vergnügen bereitenden Plunders stehenblieben, und über den schwarzen untersetzten Griechen mit dem großen Schnurrbart, der sich moldauischer Konditor titulierte und allerhand zweifelhafte und undefinierbare Leckereien feilbot. Die auf den Tisch ausgebreiteten Stiefelbürsten, bleiernen Äffchen, Gabeln und Messer, Honigkuchen und kleinen Spiegel widerten mich an. Die bunte Menge aber drängt sich und schiebt sich immerfort weiter, überall begegnet man demselben Ausdruck in den Zügen; mit derselben Neugierde wie im vorigen Jahr, wie vor zwei und drei und mehr Jahren, blickt man auf all die Dinge; ich aber und jeder einzelne Mensch von diesem Volk sind schon nicht mehr dieselben, es sind andere Gefühle, die es heute bewegen, nicht die, die es im vergangenen Jahr bewegten, die Gedanken sind finsterer geworden, von den Lippen strahlt uns kein so heiteres Seelenlächeln entgegen wie ehedem, und jeden Tag verliert es etwas von seiner früheren Lebhaftigkeit!
Auf der Newa gab es früh Eisgang. Ohne von den Winden beunruhigt zu werden, taute das Eis noch beinahe vor dem eigentlichen Eisgang auf und war so locker, daß es sich, während es von der Strömung fortgetragen wurde, von selbst auflöste. Bei nahezu gleicher Zeit sandte auch der Ladoga-See seine Eismassen hinunter. Die Hauptstadt war plötzlich wie verwandelt. Die Spitze des Glockenturms der Peter-Pauls-Kirche, die Festung, die Wilhelmsinsel, die Wiborger Seite und der Englische Kai – alles nahm ein malerisches Aussehen an. Rauchwolken ausstoßend, kam der erste Dampfer herangeflogen! Von Wassilij Ostrow und nach ihm hin fuhren die ersten, mit Beamten, Soldaten, alten Kinderfrauen und englischen Kanzleibeamten besetzten Kähne über die Newa. Ich kann mich nicht erinnern, daß wir in jüngster Zeit so ein stilles, heiteres Wetter gehabt haben. Es war am Abend vor Ostersonntag, als ich den Boulevard der Admiralität betrat und auf ihm bis zum Landungsplatz der Dampfer schritt, von dem einem zwei Jaspis-Vasen entgegenleuchten; da lag mit einem Male die Newa offen vor mir, auf der Wiborger Seite schimmerte das helle Rot des Himmels durch einen blauen Nebel hindurch, die Häuser der Petersburger Seite waren in ein beinahe violettes Licht getaucht, das ihr unschönes Äußere verhüllte, die Kirchen, über deren gewölbte Flächen der Nebel seine monotone Decke breitete, schienen wie auf einen Hintergrund von hellrosa Stoff gemalt oder aufgeklebt, und in dieser violetten und hellblauen Finsternis blitzte allein die Turmspitze der Peter-Pauls-Kirche auf und spiegelte sich im unendlichen Wasserspiegel der Newa – da schien mir's, als sei ich gar nicht in Petersburg, sondern als wäre ich in eine andere Stadt versetzt, in der ich schon einmal gewesen war, wo ich alles kenne und wo es das gibt, was Petersburg nicht hat... Da war auch der bekannte Ruderknecht, den ich schon mehr als ein halbes Jahr nicht gesehen hatte, er machte sich am Ufer mit seinem Kahn zu schaffen, vertraute Reden klangen an mein Ohr; und dann das Wasser und der Sommer, die es in Petersburg nicht gab.
Ich liebe den Frühling außerordentlich. Sogar hier in diesem rauhen Norden ist er meine liebste Jahreszeit. Mir scheint, kein Mensch in der ganzen Welt liebt ihn so wie ich. Mit ihm kehrt meine Jugend zu mir zurück; im Frühling ist meine Vergangenheit mehr als eine bloße Erinnerung – sie liegt vor meinem Blick und treibt mir Tränen in die Augen. Ich war durch die hellen, klaren Tage des Ostersonntags so berauscht, daß ich den großen Jahrmarkt auf dem Admiralitätsplatz gar nicht bemerkte. Nur ganz von ferne sah ich, wie eine Schaukel einen jungen Burschen, Arm in Arm mit einer Dame in elegantem Hut, hoch in die Luft trug, und an einer Ecke streifte mein Auge das große Schild einer Schaubude, auf dem ein ungeheurer roter Teufel mit einer Axt in der Hand abgebildet war. Sonst habe ich nichts mehr gesehen.
Es ist fast, als ob das Leben der Residenz mit dem Ostersonntag seinen Abschluß findet, und es scheint, als mache sich hierauf alles, was wir auf der Straße sehen, auf die Reise. Die Vorstellungen und die Bälle nach Ostern sind nichts als die Reste von denen, die vor der Fastenzeit stattfanden, oder besser gesagt – sie sind die letzten Gäste, die später aufbrechen als die anderen, am Kamin noch einige Worte wechseln, und die Hand vor den Mund legen, um ihr Gähnen zu verbergen. Die Stadt trocknet ganz aus, auch die Trottoirs sind trocken. Die Petersburger Gentlemen spazieren im bloßen Rock, jeder mit einem ändern Spazierstock herum; statt der schweren Kutschen sieht man halbgedeckte Droschken und Kabrioletts über das glatte Straßenpflaster rollen. Jetzt werden auch viel weniger Bücher gelesen. Schon sieht man in den Schaufenstern statt der wollenen Strümpfe Sommermützen und Reitpeitschen ausliegen. Mit einem Wort, während des ganzen Monats April scheint ganz Petersburg im Aufbruch begriffen. Es ist so angenehm, die sitzende, seßhafte Lebensweise aufzugeben und von einem weiten Weg unter einen ändern Himmel nach den grünen Hainen des Südens, nach Ländern, in denen eine neue Luft weht, zu träumen. Der hat es gut, dem am Ende einer Petersburger Straße die in die Wolken ragenden Berge des Kaukasus, die Seen der Schweiz, das mit Lorbeeren und Anemonen geschmückte Italien oder das trotz seiner Öde noch herrliche Griechenland winkt. ... Aber halt ein, mein Gedanke: noch türmen sich zu meinen beiden Seiten die Häuser Petersburgs empor...
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| Nikolaj Gogol', Petersburger Novellen. | Nikolaj Gogol', Die toten Seelen. | Nikolaj Gogol', Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen. |