Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2002.
Jo ist die tollste Frau, die ich kenne, und steckt damit exakt in demselben Dilemma wie Sharon Stone, die sagt: „Mein größtes Problem ist es, einen normalen Mann zu finden.“
Und Jo findet nicht nur keinen normalen Mann. Sie findet noch nicht mal einen passenden Therapeuten. Sogar die haben Angst vor ihr. Jo hat seit einem Jahr eine Therapeutin und lebt in erotischer Diaspora. Sie wird fast immer nur von muskulösen Volltrotteln angesprochen, die nicht bemerken, daß sie bei ihr an der falschen Adresse sind.
Jo braucht einen intelligenten, souveränen Mann.
Die sind
a) selten und
b) meistens schon mit ihrer Sekretärin verheiratet.
Es ist ein Trauerspiel. Jo und ich haben darüber eine interessante Theorie entwickelt, die meines Wissens noch in keiner Frauenzeitschrift erörtert wurde:
Männer suchen sich Frauen, die zu ihren Zielen passen. Ein ambitionierter Banklehrling wird eine Frau heiraten, die auch die Gemahlin eines Vorstandsvorsitzenden werden kann. Die teuer aussieht und gerne auch einen exquisiten Beruf haben dar, den sie dann aber für die Familie und seine Karriere aufgeben kann.
Die meisten Männer haben ein Problem damit, wenn Frauen Ziele verfolgen, die nicht zu ihren eigenen passen. Das Resultat ist, daß Frauen häufig ihre Ziele ändern. Sie verzichten auf ihren Beruf, um die Kinder großzuziehen. Sie verzichten auf ihre Beförderung, weil er für seinen Job in eine andere Stadt umziehen muß.
Frauen wechseln das Ziel. Männer wechseln die Frau. So einfach ist das.
Jo hat nie ihr Ziel aus den Augen verloren, aber so manchen Mann. Ihr letzter Freund, wir nennen ihn heute nur noch Ben den Beschränkten, ging nach Süddeutschland. Er war Lehrer und wollte sich dort zum Computerfachmann umschulen lassen. „Du siehst aus wie eine Frau. Aber in Wahrheit bist du ein Mann“, hatte er ihr tief gekränkt gesagt, als sie sich weigerte, ihre Stellung aufzugeben, um mit ihm nach Oberbayern zu gehen. Er ging – sie war unglücklich.
Hatte Jo in ihrer Naivität doch geglaubt, es hätte ihm nichts ausgemacht, daß sie das Fünffache seines Gehaltes verdiente. Seien wir ehrlich. Was das angeht, leben wir immer noch in der Steinzeit. Er will die Mammuts nach Hause schleppen. Sie darf daraus einen schmackhaften Eintopf kochen. Jo will ihre Mammuts selbst erlegen. Das macht sie zum Problem.
Habe gerade Jo verabschiedet. Um halb neun war sie einfach vorbeigekommen, hatte resolut den Fernseher ausgemacht und gesagt: „Wir werden jetzt Spaß haben, ob du willst oder nicht.“ Dann hatte sie Spaghetti aufgesetzt und die mitgebrachte Champagnerflasche entkorkt.
Ach, ich liebe meine Freundin. Es gelingt ihr immer wieder, mir den Eindruck zu vermitteln, ich sei in Ordnung, so wie ich bin. Wir haben Udo Jürgens gehört.
„Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei, einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh'n.“
Wir waren in der Laune, uns an eine schicke Hotelbar zu setzen und dort elf Vertreter für Bettpfannen zu unterhalten und auf dem Tresen tanzen zu lassen. Leider muß Jo morgen früh raus. Also beschränkten wir uns darauf, Paare zu bedauern und uns zu gut für die Männer zu finden.
„Was erwartest du?“ sagte Jo. „Wenn du einem Biertrinker zehn verschiedene Sorten Champagner vorsetzt. Was glaubst du, für welchen er sich entscheidet?“
„Weiß nich.“
„Für den, bei dem der Korken am leichtesten aufgeht.“ Jo lachte sich kaputt. Ich lachte mich auch kaputt.
„Die meisten Paare sind doch bloß deshalb zusammen, weil sie die Hoffnung aufgegeben haben, jemand Besseres zu finden. Oder sie überbrücken zu zweit die Zeit, bis einer von beiden jemand Besseres kennenlernt.“
Ich nickte getröstet. Das tat gut. Obschon es wahrscheinlich nicht die vollkommene Wahrheit war.
„Und die anderen, Cora, seien wir ehrlich, befinden sich in einer permanenten Beziehungskrise. Und halten das auch noch für ein Zeichen von Stabilität.“
Es ist immer wieder interessant, die Frage zu erörtern, welche Daseinsform einem eigentlich mehr Probleme bereitet, die der gebundenen oder die der ungebundenen Frau.
„Wenn du einen hast, dann mußt du zumindest keinen mehr suchen“, sagte ich weise.
„Vorausgesetzt, du hast den Richtigen. Aber selbst mit dem Richtigen wird es nach ein paar Jahren so langweilig, daß du wieder anfängst, dich umzuschauen. Dann hast du wieder dasselbe Problem, als wärest du Single, bloß daß du eben nicht mehr Single bist. Also hast du ein Problem mehr.“
„Ich möchte mich aber lieber zu zweit langweilen als alleine. Außerdem ist langweilig das falsche Wort. Vertraut gefällt mir besser. Und mit jemandem vertraut zu sein ist wunderschön.“
„Nein, sich jemanden vertraut zu machen ist wunderschön. Jemanden zu entdecken ist wunderschön, sich von jemandem entdecken zu lassen ist wunderschön.“
„Nicht mehr zu entdecken ist auch wunderschön. Dann ist man wenigstens vor unliebsamen Überraschungen sicher. Du kennst seine kleinen Macken, du machst nicht mehr die Tür zu, wenn du dir im Bad die Zähne mit Zahnseide reinigst ...“
„Ja, und irgendwann geht ihr zusammen aufs Klo, und du drückst ihm die Pickel auf dem Rücken aus. Und von da aus ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis du ihn ‚Vatti‘ nennst und ihm das Schnitzel in mundgerechte Teile schneidest. Cora, ich sage dir, Vertrauen ist gut, Selbstkontrolle ist besser. Wenn es irgendwann so weit gekommen ist, daß er dir die Fußnägel schneidet, ist das der Anfang vom Ende.“
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