Frankfurt am Main 2000.
Tagsüber gab sie sich (mehr oder weniger erfolgreich) Mühe zu glauben, was Tomas sagte, und so fröhlich zu sein wie früher. Aber die am Tage gebändigte Eifersucht brach um so heftiger aus in ihren Träumen, die jedesmal in lautem Schluchzen endeten, und er konnte sie nur beruhigen, indem er sie weckte. Die Träume wiederholten sich wie Themen mit Variationen oder Episoden einer Fernsehserie. Oft kehrten zum Beispiel Träume von Katzen wieder, die ihr ins Gesicht sprangen und ihr die Krallen in die Haut schlugen. Dieser Traum läßt sich ganz einfach erklären: in der tschechischen Umgangssprache ist „Katze“ eine Bezeichnung für eine attraktive Frau. Teresa fühlte sich bedroht von Frauen, von allen Frauen. Alle Frauen waren potentielle Geliebte von Tomas, und sie hatte vor ihnen Angst.
In einem anderen Traumzyklus wurde sie in den Tod geschickt. Als Tomas sie wieder einmal mitten in der
Nacht wecken mußte, weil sie vor Entsetzen schrie, erzählte sie:
„Es war in einem großen Hallenbad. Wir waren ungefähr zwanzig. Nur Frauen. Wir waren alle nackt und
mußten ums Schwimmbecken herummarschieren. Unter dem Dach hing ein Korb, in dem ein Mann stand. Er
trug einen breitkrempigen Hut, der sein Gesicht verdeckte, doch ich wußte, daß du es warst. Du hast uns
Befehle erteilt. Du hast geschrien. Wir mußten beim Marschieren singen und Kniebeugen machen. Wenn eine
Frau es nicht schaffte, hast du mit der Pistole auf sie geschossen, und sie fiel tot ins Bassin. In dem Moment
brachen alle in Lachen aus und sangen noch lauter. Und du hast uns nicht aus den Augen gelassen, und wenn
wieder eine Frau eine falsche Bewegung machte, hast du sie erschossen. Das Schwimmbecken war voller
Leichen, die dicht unter der Wasseroberfläche schwammen. Ich wußte, daß ich keine Kraft mehr hatte für
die nächste Kniebeuge und du mich erschießen würdest!“
Der dritte Traumzyklus erzählte von Teresas Tod. Sie lag in einem Leichenauto, das so groß war wie ein Möbelwagen. Um sie herum lagen lauter tote Frauen. Es waren so viele, daß die hintere Tür offengelassen werden mußte und ein paar Beine herausragten. Teresa schrie:„Ich bin doch nicht tot! Ich spüre ja noch alles!“ „Wir spüren auch alles,“ lachten die Leichen. Sie lachten genauso wie die lebendigen Frauen, die ihr früher schadenfroh gesagt hatten, es sei ganz normal, daß sie schlechte Zähne, kranke Eierstöcke und Runzeln bekommen würde, weil sie selbst auch schlechte Zähne, kranke Eierstöcke und Runzeln hatten. Mit demselben Lachen erklärten sie ihr nun, daß sie tot sei und dies auch seine Ordnung habe! Dann mußte sie plötzlich pinkeln. Sie schrie: „Aber jetzt muß ich pinkeln! Das ist der Beweis, daß ich nicht tot bin!“ Wieder brachen die Frauen in Lachen aus: „Das ist ganz normal, daß du pinkeln mußt! Solche Bedürfnisse hat man noch lange. Wie jemand, dem man eine Hand amputiert hat: Er fühlt sie auch noch lange Zeit. Wir haben keinen Urin mehr und meinen noch immer, wir müßten pissen!“ Teresa schmiegte sich im Bett an Tomas. „Und alle haben mich geduzt, als würden sie mich schon immer kennen, als wären sie Freundinnen, und ich war entsetzt, daß ich für immer bei ihnen bleiben mußte!“
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