Paul Léautaud

Erste Liebe

Übersetzung: Alexander Bergengruen

Die Liebe ist etwas Körperliches. Sie ist die fleischliche Anziehung, die empfangende und gespendete Lust, das wechselseitige Genießen, die Vereinigung von zwei Wesen, die im Sexuellen füreinander geschaffen sind. Alles übrige – die Tiraden, Seufzer, die „Aufschwünge der Seele“ – ist Spielerei. Geschwätz für alberne Leute, Träumereien von impotenten Schöngeistern. Leidenschaft ist das Feuer, das in uns durch diese Lust entzündet wird. Gefühl ist Bindung an diese Lust. Man könnte sagen, es ist etwas wie Dankbarkeit (wenn dies Wort in der Liebe anwendbar wäre). Die Eifersucht, das Selbstzerfleischende, das sie im Gefolge hat, und das manchmal bis zum Mord geht, ist etwas Körperliches: Man stellt sich vor, daß dasjenige Wesen, an dem man um der Lust willen hängt, diese Lust einem anderen gewährt. Wenn eine Geliebte stirbt, kann man sie betrauern; eifersüchtig ist man nicht. Wenn sie uns verläßt, um ins Kloster zu gehen, kann man untröstlich sein; eifersüchtig wäre man nicht. Die Eifersucht, der wirklich zerfleischende Zustand, der zu Tragödien, Morden usw. führt, das ist für eine Frau das Geschlecht des Mannes, an dem sie hängt und das eine andere genießen wird, für einen Mann das Geschlecht der Frau, an dem er hängt und das ein anderer besitzen wird, wobei die Phantasie rege wird und die Bilder der genossenen Lust unabhlässig zurückruft. Nehmen wir als Beispiel eine Ehe, in der der Mann bedeutend älter ist als die Frau. Sie ist gerade in dem Alter, wo die geheimen Wünsche erwachsen; er steht an dessen Ende und ist nur noch dem Gesetz nach der Ehemann. Nun, er wird alles andere sein, nur nicht eifersüchtig. Wo nichts Erotisches mehr ist, gibt es auch keine Eifersucht, und selbst die menschlichen Beziehungen werden hier von Grund auf verändert. Nehmen wir ein anderes Beispiel, seitens des Mannes wie seitens der Frau: Zwei Menschen lernen sich kennen, gefallen einander, verständigen sich über alles, glauben, ohne einander nicht sein zu können. Die körperliche Vereinigung findet statt. Da treten Ungleichheiten auf, Gegensätze in den Naturen, im Genuß, in der Art zu genießen, der eine empfindet den anderen als zu kalt, der andere den einen als zu hitzig, der eine ist enttäuscht, der andere schockiert, als Ursache genügt ein Nichts, eine Einzelheit des Körperlichen oder der Sinnlichkeit. Jetzt ist es aus, Lust ist unmöglich. Wenn sie frei sind, gehen sie auseinander. In der Ehe aber wird es lastend; geheime Feindseligkeit erwächst. Umgekehrt mag es bei zwei Wesen alle äußeren Anlässe geben, daß sie sich entfremden, im Menschlichen uneins werden, daß zwischen ihnen jede Verständigung unmöglich wird: Sie bleiben doch aneinander hängen, sind unfähig abzubrechen, verlassen einander nur, um sich wiederzufinden; denn jeder besitzt im andern den Partner für seine Lust, der er nicht entraten kann, die er auch bei einem andern nicht finden könnte. Die Liebe ist etwas Körperliches. Und La Rochfoucauld hat dies vergessen: Sie ist eine andere Art Egoismus. Man liebt im andern nur sich selbst, man liebt die eigene Lust, und wenn man auch diejenige liebt, die man gewährt, so ist es dennoch in anderer Form die eigene.

Jeder hat seinen Herzensschatz, jeder findet, sie sei die Allerschönste, jeder erzählt von seinem Glück. Jeder ist überzeugt, in ihr ein unvergleichliches Objekt seiner Lust zu haben, und jeder erblickt in seiner Liebe die Ewigkeit. Der Weise sagt mit gewisser Einschränkung, daß es sicher etwas für sich habe, zu lieben – auch geliebt zu werden oder jedenfalls in diesem Glauben zu leben –, daß es aber, wenn es nun nicht die oder der gewesen wäre, die er liebt, oder die ihn liebt, geradesogut jene andere hätte sein können, und daß man sich also nicht aufzuregen, nicht Himmel oder Hölle zu beschwören braucht, daß man sein Glück oder Unglück nicht übertreiben muß, sondern daß man sich an der Musik freuen soll, solange sie spielt, und solange man selbst noch zu spielen vermag.
   Die Liebe der Spießer (der Sauertöpfe), der Lauwarmen, Faden, Zurückhaltenden und Gehemmten ist keine Liebe.
   Die Liebe, die wahre Liebe, die vollständige und einzige, die zählt: das ist die schamlos genossene. Die sinnliche des Fleisches und der Worte, die im höchsten Grad intensive, insofern auch immer neue.
   Wunderbarer Schmelz der Jugend, den die Lust der Liebe im gewissen Augenblick den Gesichern der Liebenden zurückgibt, die selbst nicht mehr jung sind.
   Die Liebe ist heiter, lebhaft, vorbehaltlos. Sie glitzert während der Lust, und sie lacht, wenn diese Lust beendet ist. Die Liebenden aus Stein, die Stummen, die Düsteren, die Geronnenen, die Steifen! Unglücklicher Partner eines solchen Menschen.
   Wenn man um eine Frau wirbt, deren Gesicht berückt, dann sollte man mehr tun, als nur ihr Gesicht zu betrachten. Man sollte ihre Haut ansehen, welchen Farbton sie hat und welche Empfindung sie beim Berühren auslöst. Man sollte ihren Geruch kennen, ihre behaarten Teile – seidig oder rauh? –, die Beschaffenheit ihres Geschlechtsteils: mager oder fleischig, üppig oder gespannt, leicht zu entflammen oder langsam und fühllos. Die ganze Lust – und im Gefolge auch die Liebe – kann, je nach den Wunschrichtungen, von einer dieser Einzelheiten abhängen.
   Ich bin nicht für Wechsel, nicht für Neues. Ich brauche Vertrautheit, brauche körperliche Freizügigkeit in größtmöglichem Umfang. Im Gegensatz zu vielen andern ist bei mir Gewohnheit Voraussetzung meiner Lust. Je mehr Erinnerungen ich habe, Phantasiebilder meiner vergangenen Freuden, um so größer ist der augenblickliche Genuß.
   Ich habe nicht Geschmack an der flüchtigen Liebe gefunden, noch habe ich je den Fuß in ein B... gesetzt.
   Die Gegenwart des Todes – eine zweideutige Handlung, die man gemeinsam begangen hat – eine Gefahr, der man soeben entronnen ist – die unmittelbare Nähe dessen, den man betrügt, sofern es der Fall ist – all dies kann zur Lust anregen.

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Paul Léautaud, In memoriam.