Madame Leprince de Beaumont, Die Schöne und das Tier. Insel Verlag,
Frankfurt a. M. 1977.
Übersetzung: Maria Dessauer (?)
Es war einmal ein Kaufmann, ein schwerreicher Mann. Er hatte sechs Kinder, drei Knaben und drei Mädchen. Als verständiger Vater sparte er nicht an ihrer Erziehung und gab ihnen Hauslehrer für die verschiedensten Fächer und Fertigkeiten. Seine Töchter waren sehr schön, die Jüngste vornehmlich; sie wurde allenthalten bewundert, von früh auf hatte man sie nur die kleine Schöne genannt. Der Name war ihr geblieben und erweckte den Neid ihrer Schwestern. Die Jüngste aber war nicht nur schöner, sondern auch freundlicher als die Schwestern. Die beiden älteren bildeten sich auf ihren Reichtum viel ein, sie spielten die Damen, wollten die anderen Kaufmannstöchter nicht bei sich empfangen, sondern nur mit Edelleuten verkehren. Tagtäglich besuchten sie Tanzereien und Theateraufführungen, sie ergingen sich auf der Promenade und spotteten über ihre jüngste Schwester, weil sie die meiste Zeit damit verbrachte, gute Bücher zu lesen. Da der Reichtum der Mädchen allgemein bekannt war, machten mehrere wohlhabende Kaufleute ihnen Heiratsanträge. Die bei älteren antworteten jedoch, sie dächten nicht daran, sich zu verheiraten, es sei denn mit einem Herzog oder allermindestens einem Grafen. Die Schöne (denn ich sagte Euch ja, daß dies der Name der Jüngsten war), die Schöne also dankte ihren Freiern recht artig, sagte ihnen aber, sie sei noch zu jung und wolle ihrem Vater noch ein paar Jahre Gesellschaft leisten.
Es war schon zehn Uhr, als er am nächsten Morgen aufstand. Zu seiner Überraschung fand er einen schmucken Anzug anstelle seiner alten Kleider, die ganz verschmutzt und zerrissen gewesen waren. „Ganz gewiß“, sagte er sich, „gehört dieser Palast einer guten Fee, die sich meiner elenden Lage erbarmt hat.“ Er schaute aus dem Fenster und sah keinen Schnee mehr, sondern blühende Laubengänge und Blumenbeete, die das Auge entzückten. Er ging in den großen Saal zurück, in dem er am Vorabend gegessen hatte. Auf einem Tischchen stand heiße Schokolade. „Ich danke Euch, gnädige Frau Fee“, sagte er laut, „dafür, daß Ihr die Güte hattet, auch an mein Frühstück zu denken.“ Nachdem er die Schokolade getrunken hatte, trat der gute Mann hinaus, um sein Pferd zu holen, und als er an einer Rosenhecke vorbeiging, erinnerte er sich an die Bitte der Schönen und brach einen Zweig mit mehreren Blüten ab. Im selben Augenblick hörte er ein mächtiges Getöse und sah ein Ungetüm auf sich zukommen, so fürchterlich anzuschauen, daß ihm fast die Sinne schwanden. „Undankbarer Mensch“, sprach das Ungetüm mit schrecklicher Stimme, „ich habe Euch in meinem Schloß aufgenommen und Euch so das Leben gerettet, und Ihr vergeltet mir meine Mühe, indem Ihr mir meine Rosen raubt, die mir das Liebste auf Erden sind. Ihr müßt Euren Frevel mit dem Tode sühnen, ich gebe Euch eine Viertelstunde für ein letzte Gebet.“ Der Kaufmann warf sich auf die Knie, faltete die Hände und bat das Ungeheuer: „Mein gnädigster Herr, verzeiht mir; ich ahnte nicht, daß ich Euch kränken würde, als ich diese Rose pflückte, um einer meiner Töchter einen Wunsch zu erfüllen.“ „Ich heiße nicht ‚gnädigster Herr‘“, entgegnete das Ungeheuer, „ich heiße das Tier. Ich mag keine Ehrenbezeigungen hören, ich will, daß man sagt, was man denkt. Glaubt also nicht, Ihr könntet mich durch Schmeichelreden besänftigen. Aber Ihr sagt, daß Ihr Töchter habt; ich will Euch verzeihen, unter der Bedingung, daß eine von ihnen freiwillig kommt, um an Eurer Statt zu sterben. Keine Widerrede! Geht, aber schwört zuvor, daß Ihr in drei Monaten zurückkehren werdet, falls Eure Töchter sich weigern, für Euch zu sterben.“ Der gute Mann hatte nicht die Absicht, dem scheußlichen Ungetüm eine seiner Töchter zu opfern. Aber er dachte, wenigstens bleibt mir die Freude, sie noch einmal zu umarmen. Er schwor deshalb zurückzukehren, und das Scheusal bedeutete ihm, er dürfe gehen, sobald er wolle. „Aber“, setzte es hinzu, „ich will Euch nicht mit leeren Händen entlassen. Geht in das Zimmer, in dem Ihr geschlafen habt. Dort werdet Ihr eine große leere Truhe finden. Ihr könnt hineinlegen, was Euch gefällt. Ich werde sie Euch nach Hause tragen lassen.“ Mit diesen Worten entfernte sich das Ungeheuer. Der gute Mann aber sprach bei sich, wenn ich denn sterben muß, so habe ich doch den Trost, meine armen Kinder nicht brotlos zurückzulassen.
Als sie sich abends zu Tisch setzen wollte, vernahm sie das Geräusch des Tiers und begann zu beben. „Schöne“, sprach das Ungeheuer zu ihr, „ist es Euch gefällig, daß ich Euch beim Abendessen zusehe?“ „Ihr seid der Herr hier“, antwortete die Schöne zitternd. „Nein“, sagte das Tier, „die alleinige Herrin hier seid Ihr. Befehlt, daß ich gehe, wenn ich Euch lästig bin, und ich gehe auf der Stelle. Sagt, findet Ihr, daß ich sehr häßlich bin?“ „Es ist wahr“, sagte die Schöne, „denn ich kann Euch nicht belügen, aber ich glaube, Ihr seid sehr gut.“ „Ihr mögt recht haben“, sagte das Ungetüm, „aber ich bin nicht nur häßlich, ich bin auch dumm; ich weiß wohl, daß ich bloß ein Tier bin.“ „Man ist nicht dumm“, erwiderte die Schöne, „wenn man glaubt, man sei nicht klug. Ein Dummkopf käme nie auf den Gedanken.“ „Greift zu, Schöne“, sagte das Tier, „und versucht, Euch in Eurem Hause nicht zu langweilen. Denn alles hier gehört Euch. Ich wäre untröstlich, wenn es Euch hier an etwas fehlte.“ „Ihr seid sehr gütig“, sagte die Schöne. „Wenn ich an Euer gutes Herz denke, scheint Ihr mir gar nicht mehr so häßlich zu sein.“ „Sapristi, was Ihr nicht sagt“, antwortete das Tier, „ein gutes Herz habe ich ja wohl, aber ich bin doch ein Scheusal.“ „Es gibt manche Menschen, die sind ärgere Scheusale als Ihr“, sagte die Schöne, „und Ihr mit Eurer Gestalt seid mir lieber als jene, die hinter ihrer Menschengestalt ein falsches, verdorbenes, undankbares Herz verbergen.“ „Wenn ich geistreich wäre“, sagte darauf das Tier, „so würde ich Euch mit artigen Komplimenten danken, aber ich bin ein Dummkopf, und alles, was ich Euch sagen kann, ist, ich danke Euch sehr.“
Die Schöne aß mit gutem Appetit. Sie fürchtete sich fast gar nicht mehr vor dem Ungeheuer. Aber dann starb sie beinahe vor Entsetzen, als es unvermittelt fragte: „Schöne, wollte Ihr meine Frau werden?“ Zuerst verschlug er ihr die Sprache, sie hatte Angst, durch eine Ablehnung den Zorn des Ungetüms zu erregen. Dennoch antwortete sie ihm zitternd: „Nein, Tier.“ Das arme Ungeheuer seufzte schwer, und sein Gebrüll war so gewaltig, daß es im ganzen Palast klirrte. Aber die Schöne beruhigte sich bald wieder, denn nachdem es trübselig: „dann lebt wohl, Schöne“ gesagt hatte, trottete es aus dem Saal, wobei es sich nur von Zeit zu Zeit umdrehte, um sie noch einmal zu betrachten. Als die Schöne sich wieder allein sah, erfaßte sie tiefes Mitleid mit dem armen Tier. „Ach“, sagte sie, „wie schade doch, daß es so abscheulicht aussieht, denn es ist so gut.“
Sie machte sich jedoch Vorwürfe, ihrem armen Tier Kummer zu bereiten. Sie hatte es von Herzen gern und vermißte seine Gesellschaft. In der zehnten Nacht, die sie zu Hause verbrachte, hatte sie einen Traum. Sie träumte, sie sei im Schloßgarten und im Gras liege das Tier im Sterben und gebe ihr die Schuld an seinem Tode. Die Schöne fuhr aus dem Schlaf und vergoß heiße Tränen. „Wie schlecht bin ich doch“, sagte sie, „ein Tier, das mir so viel Gutes getan hat, zu betrüben. Was kann es dafür, daß es häßlich ist und wenig Geist hat? Es ist gütig, und das ist mehr wert als alles andere. Warum habe ich es nicht heiraten wollen? Mit ihm würde ich gewiß besser leben als meine Schwestern mit ihren Männern. Weder die Schönheit noch der Geist eines Mannes bürgen für das Glück einer Frau. Der Charakter, die Tugend, die Zuvorkommenheit bürgen dafür; und das Ungeheuer hat alle diese guten Eigenschaften. Ich empfinde zwar keine Liebe, aber Achtung, Freundschaft und Dankbarkeit. Wohlan denn, ich will ihm nicht wehetun, mein ganzes Leben lang müßte ich mir sonst Vorwürfe machen.“ Mit diesen Worten stand die Schöne auf, legte ihren Ring auf den Tisch und ging wieder zu Bett. Sie schlief sofort ein, und als sie am nächsten Morgen erwachte, sah sie zu ihrer Freude, daß sie wieder im Palast des Tieres war. Ihm zu gefallen, zog sie prächtige Kleider an und langweilte sich den ganzen Tag in Erwartung der neunten Abendstunde. Aber die Uhr schlug, und das Ungeheuer zeigte sich nicht. Da fürchtete die Schöne, seinen Tod verursacht zu haben. Sie hastete durch alle Säle des Schlosses und rief verzweifelt nach dem Tier. Als sie überall vergeblich gesucht hatte, erinnerte sie sich an die Bilder ihres Traumes und eilte in den Garten zu dem Wasserlauf, wo sie es im Schlaf gesehen hatte. Und dort lag das arme Tier bewußtlos im Grase ausgestreckt, so daß die Schöne nicht anders dachte, als daß es tot sei. Sie warf sich über es, ohne sich vor ihm zu entsetzen, und da sie spürte, daß sein Herz noch schlug, schöpfte sie Wasser aus dem Fluß und goß es ihm über den Kopf. Das Tier schlug die Augen auf und sprach. „Ihr habt Euer Versprechen nicht eingehalten. Aus Kummer über Euren Verlust habe ich beschlossen, Hungers zu sterben, aber ich sterbe zufrieden, weil ich die Freude habe, Euch noch einmal zu sehen.“ „Nein, mein liebes Tier, Ihr dürft nicht sterben“, sagte die Schöne, „Ihr sollt leben und mein Gemahl sein, in diesem Augenblick gebe ich Euch meine Hand und schwöre, daß ich nur noch Euch gehören werde. Ich glaubte bisher, ich empfände nur Freundschaft für Euch, aber mein Schmerz zeigt mir, daß ich ohne Euch nicht leben kann.“ Kaum hatte die Schöne diese Worte ausgesprochen, als sie das Schloß in hellem Glanz erstrahlen sah. Feuerwerk, Musik, alles deutete auf ein Fest. Doch sie achtete nicht darauf, sie wandte sich gleich wieder ihrem lieben Tier zu, um dessen Leben sie bangte. Doch welche Überraschung! Das Tier war verschwunden und zu ihren Füßen erblickte sie einen Prinzen, schön wie Amor, der ihr dafür dankte, daß sie ihn aus seiner Verzauberung erlöst habe. Obwohl dieser Prinz ihre ganze Aufmerksamkeit wohl verdiente, fragte sie ihn, wo das Tier sei. „Seht es zu Euren Füßen“, sagte er. „Eine böse Fee hatte mich dazu verflucht, in ein Tier verwandelt zu bleiben, bis ein schönes Mädchen einwilligen würde, mich zu heiraten. Sie hatte mir auch verboten, Geist und Witz zu verraten. Ihr allein auf der ganzen Welt wart gütig genug, Euch von meiner Güte rühren zu lassen, nehmt zum Dank dafür meine Krone!“ Aufs angenehmste überrascht gab die Schöne dem Prinzen die Hand, damit er auifstehe. Zusammen gingen sie zum Schloß, wo zur Freude der Schönen im großen Saal schon ihr Vater und ihre ganze Familie warteten. Die Dame, die ihr im Traum erschienen war, hatte sie hierher versetzt. „Schöne“, sprach diese Dame, die eine mächtige Fee war, zu ihr, „empfange nun die Belohnung für deine gute Wahl: du hast die Tugend der Schönheit und dem Geist vorgezogen, du verdienst es, alle diese Eigenschaften in einer Person vereint zu finden. Du sollst über ein großes Reich herrschen. Was aber euch betrifft, meine Damen“, sprach die Fee zu den beiden Schwestern der Schönen, „so kenne ich eure Herzen und all ihre Bosheit. Ihr sollt von nun an zwei Statuen sein, aber unter dem Stein, der euch umhüllt, euren Verstand bewahren. Vor dem Portal des Schlosses eurer Schwester sollt ihr künftig stehen, und keine andere Strafe verhänge ich über euch, als die, eure Schwester glücklich zu sehen. Erst wenn ihr eure Fehler erkennt, dürft ihr in eure ursprüngliche Gestalt zurückkehren. Aber ich fürchte, ihr werdet immer versteinert bleiben. Stolz, Zorn, Genußsucht und Faulheit lassen sich überwinden, aber nur durch ein Wunder wandelt sich ein arges und mißgünstiges Herz.“
Im selben Augenblick bewegte die Fee ihren Zauberstab, und alle Anwesenden wurden in das Reich des Prinzen versetzt. Seine Untertanen jubelten, und er heiratete die Schöne, und sie lebten viele Jahre immerdar glücklich miteinander.
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