Eric Malpass

Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung

Frankfurt a.M. 1999
Übersetzung: Brigitte Roeseler

Als einziger von allen Betroffenen hatte Gaylord wie ein Murmeltier geschlafen. Er wachte erfrischt und guten Mutes auf. Er würde schon klarkommen. Mummi würde natürlich keine Ruhe geben.
Aber dagegen stand die Gewißheit, daß sein Bericht bemerkenswertes Interesse auslösen würde, und die sehr verlockende Aussicht, in Zukunft den Schulweg in einem Polizeiauto mit Blaulicht zurückzulegen. Er hörte den Wecker bei seinen Eltern rasseln und konnte es kaum erwarten, seine Geschichte loszuwerden. Er brauchte nicht lange zu warten. Schon kamen sie gemeinsam im grauen Morgenlicht, nervös lächelnd, herein und setzten sich zu beiden Seiten auf die Bettkante.
Mummi sah Paps an. Paps ergriff das Wort, räusperte sich und sagte:
„Nun also, alter Junge, was haben wir da alles über dich zu hören bekommen?“ Gaylord antwortete: „Es gehört Willie, und irgendwer hat es geklaut, und Willi dachte, ich wär's, aber ich war's nicht, und Bert hat gesagt, er macht mich fertig, wenn ich's nicht zurückgebe, und dann hat Sammy Breen es an David Snow verkauft, und ich wollte mir's borgen, damit Bert mich nicht fertigmacht.“
Er machte eine Pause, in der Paps erst einmal versuchte, dieses Knäuel zu entwirren, und Mummi, wie es zu erwarten war, sagte: „Ich dachte, ich hätte dir strikt verboten, mit Willie zu reden? Das kommt davon, wenn man Heimlichkeiten hat, Gaylord.“
„Ich hab mit ihm ... kaum geredet.“
„Soso. Aber doch offenbar genug, um dich in eine Lage zu bringen, in der du gezwungen warst, etwas zu stehlen.“
„Wer ist eigentlich Bert?“ fragte Paps.
„Ach, Jocelyn! Stell doch nicht so törichte Fragen. Das weißt du doch genau. Das ist dieser grobschlächtige Bruder von Willie.“ Angst und Erleichterung ließen Mummi an diesem grauen Morgen richtig giftig werden.
„Ach, du meine Güte, der“, sagte Paps. „Womit hat er dir denn gedroht, Gaylord?“
„Mit einem Messer. Er hat mir die Spitze hier rangehalten.“
Er zeigte auf seinen zarten Hals. „Und dann hat er gesagt:Wenn du Willie sein Ding nicht zurückgibst, flutscht das Messer da rein!“ Höchst befriedigt legte er sich auf sein Kissen zurück.
Es bestand kein Zweifel darüber, daß er immerhin die Hälfte seiner Zuhörerschaft gefesselt hatte.
Aber nicht Mummi. „Gaylord“, sagte sie, „bist du auch ganz sicher, daß du das nicht alles erfunden hast?“
Gaylord schoß in die Höhe. „Mummi. Er hat's getan. Er hat mir das Messer hier hingehalten.“ Man hätte einem so kleinen Kerl ein solches Maß an Entrüstung gar nicht zugetraut.
Paps sagte: „Deine Mutter hat ganz recht, Gaylord. Das ist nicht zum Spaßen. Wir müssen absolut sicher sein können, daß du uns auch wirklich die Wahrheit sagst.“
„Natürlich sag ich die Wahrheit.“
„Da gibt's kein ‚natürlich‘“, fuhr in Mummi an. „Man hat dich beim Stehlen erwischt, und du könntest dir das Ganze ebensogut nur als Ausrede ausgedacht haben, aber das kann ich nicht glauben“, sagte sie gefaßt.
„Hab ich auch nicht“, sagte er immer noch voller Entrüstung. Im übrigen fand er, daß Mummi doch gar nicht so übel war.
Paps stand auf und vergrub die Hände in den Taschen seines Morgenrocks. „Also gut, alter Knabe, wir glauben dir. Du bleibst jedenfalls heute besser zu Hause, und ich schreibe deiner Lehrerin ein paar Zeilen.“
Gaylord legte sich noch einmal in die Kissen. „Fahre ich jetzt mit einem Polizeiauto zur Schule?“ fragte er.
Mummi warf ihm einen mißtrauischen Blick zu. Aber Paps sagte: „Weißt du, die haben sehr viel zu tun. Ich glaube, die können keine weiteren Fälle übernehmen.“
Sie gingen in ihr Schlafzimmer zurück. Mummi schloß gewissenhaft die Tür. Dann klammerte sie sich an ihren Mann und weinte, wie sie seit vielen, vielen Jahren nicht mehr geweint hatte. Als sie schließlich wieder sprechen konnte: „Es ist ungeheuerlich, ungeheuerlich. Ein solcher Riesenkerl macht einem kleinen Jungen angst. Mit einem Messer noch dazu.“ Sie umfaßt ihn noch fester. „O Jocelyn. Er hätte ... er hätte ihn töten können. Wenn ich daran denke, was das arme Kerlchen alles hat durchmachen müssen, und wir haben nicht das geringste unternommen.“
Paps drückte ihren Kopf an seine Schulter. Ehrlich gesagt, brauchte er Zeit, um nachzudenken. Um sieben Uhr morgens war, wie allgemein bekannt, sein Verstand nicht gerade der wachste, und es war ihm auch noch nicht ganz klar, was sich überhaupt abgespielt hatte. Noch weniger wußte er, was er nun zu unternehmen hatte. Also wartete er geduldig, voller Hoffnung, daß Mummi es ihm sagen würde.
Da brauchte er nicht lange zu warten. Mummi hob ihr verweintes Gesicht und sagte: „Du mußt unbedingt zu Mrs. Foggerty gehen.“
Paps traute sich nicht zu fragen: Wer ist Mrs. Foggerty? Er wollte nicht riskieren, daß ihm der Kopf wieder abgerissen wurde. Er tat so, als dächte er ernsthaft nach, und sagte dann: „Wie wär's denn mit der Polizei?“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich glaube, im Augenblick hat das noch keinen Sinn. Sicher hat Gaylord die Wahrheit gesagt, aber ... nun ja, er hat vielleicht übertrieben. Ich glaube, du solltest erst einmal mit Willies Mutter sprechen.“
Jetzt hatte sich wenigstens herausgestellt, wer Mrs. Foggerty war. Der Gedanke, diese Dame aufsuchen zu müssen, war für Paps nicht besonders erquickend, zumal es so aussah, als ob Mummi nicht mitkommen würde. Aber er wollte sich auch nicht vor seinen Pflichten drücken. Zwei Stunden später war er auf dem Weg zu den Foggertys.
Irgend jemand war auf die Idee gekommen, eine Reihe armseliger, städtisch aussehender Häuser mitten auf eine Wiese zu stellen; dort wohnten die Foggertys. Mit einer Beherztheit, die in diesem Augenblick keineswegs echt war, klopfte Paps an die Haustür. Mrs. Foggerty selbst öffnete und betrachtete ihn mit äußerstem Mißtrauen. Als sie sich vergewissert hatte, daß er weder wegen der Miete noch wegen der Versicherungs- oder Fernseherrate gekommen war, preßten ihre Lippen die Zigarette noch fester zusammen: „Kommen Sie herein.“
„Vielen Dank“, sagte Paps, nahm seinen Hut ab und trat ein. Mrs. Foggerty verfolgte seinen Auftritt mit einer Überraschung und einer Anerkennung, die sie nicht zu verbergen suchte. Es kam selten vor, daß sie Besucher empfing, die ihren Hut abnahmen und „Danke“ sagten. „Sie sind doch Mr. Pentecost, nicht wahr?“ sagte sie. „Ich hab schon Sachen von Ihnen im Radio gehört.“
„Tatsächlich?“ Paps sah dankbar aus.
Mrs. Foggertys Bemühung, ihre Zigarette nicht zu verlieren, verlieh ihrer Aussprache etwas Verwischtes, etwa wie bei einem drittklassigen Bauchredner. „Man muß wohl ganz schön schlau sein, um so was schreiben zu können.“
Paps sah, wenn möglich, noch dankbarer aus. Ein Jammer, daß einige Mitglieder seiner Familie diese Meinung nicht teilten. „Wie Sie sich solche Sachen ausdenken können, ist mir ein Rätsel“, sagte Mrs. Foggerty.
„So? Nun ...“ sagte Paps. Aber er war ja nicht hierhergekommen, um die Quellen der schöpferischen Impulse zu diskutieren, obwohl er das viel lieber getan hätte. „Sie haben doch einen Sohn, Bert“, sagte er.
„Ja, da sitzt er“, sagte Mrs. Foggerty, und zum erstenmal nahm Jocelyn seine Umgebung wahr, ein wirres Durcheinander, in dem es hauptsächlich nach nasser Wäsche, Eintopf und Heizöl roch, und das einzige menschliche Wesen war ein Junge, der in Hemdsärmeln und Hosenträgern am Küchentisch saß. Bert hatte eine alte Nummer des Mirror vor sich und durchsuchte sie, offensichtlich mit wenig Erfolg, nach Neuigkeiten.
„Mein kleiner Sohn sagt, daß Bert ihn mit einem Messer bedroht hat“, sagte Jocelyn.
„He! Bert!“ Mrs. Foggerty versuchte, die Aufmerksamkeit ihres Sohnes zu erregen, indem sie ihm kräftig vors Schienbein trat. „Hast du Mr. Pentecosts kleinen Sohn mit dem Messer bedroht?“
Bert sah auf. „Nein“, sagte er und las weiter.
Mrs. Foggerty wandte sich ihrem Besucher wieder zu.
„Na also“, sagte sie. „Haben Sie gehört?“ Sie hatte ihre Schuldigkeit getan. Die Sache war für sie erledigt.
Das Ganze war sehr schwierig. Noch nie in seinem Leben hatte Jocelyn jemanden einen Lügner genannt. Sehr sorgfältig seine Worte setzend, sagte er: „Aber mein Sohn sagt, daß er es getan hat. Und natürlich glaube ich meinem eigenen Sohn.“
„Und ich meinem, guter Mann“, sagte Mrs. Foggerty und steckte sich an dem alten Zigarettenstummel eine neue Zigarette an. Jocelyn überhörte das. Er sagte: „Ihr Sohn hat Gaylord beschuldigt, Willies Briefbeschwerer gestohlen zu haben. Dann hat er ein Messer an seinen Hals gehalten und gesagt, er würde zustoßen, wenn er ihn nicht zurückgibt.“
„Na schön und gut. Schließlich aber steht die Behauptung Ihres Sohnes gegen die Worte von Bert, oder etwa nicht?“ Der Zigarettenrauch schwebte ihr um Nase und Augen. „Ich meine, daß Ihr Sohn ja auch lügen kann, stimmt's?“
„Das könnte er. Aber er tut es nicht.“
„Also“, sagte sie, die Achsel zuckend, „wenn Sie mir so kommen.“ Sie schien eher bekümmert als ärgerlich. „Mein Sohn war in der Besserungsanstalt, und Ihrer geht nach Eton, also hat Ihr Sohn recht. Sie spielen sich hier ganz schön auf, Mr. Pentecost.“
„Hören Sie doch. Wo ist Willie? Fragen Sie ihn doch, ob er einen Briefbeschwerer besessen hat.“
„Hat keinen Zweck, ihn zu fragen. Er kann sich doch an nichts erinnern.“ Sie sah Jocelyn traurig an.
„Mr. Pentecost, haben Sie nichts Besseres zu tun, als eine arme Witwe zu belästigen, die sich abrackert, um die Familie durchzubringen und einen Schwachkopf zu pflegen?“
Noch niemals in seinem Leben war Paps sich so schuftig vorgekommen. Er hatte nur noch das Bedürfnis, sich zu entschuldigen, der armen Seele fünf Shilling in die Hand zu drücken, damit sie ihre Familie durchbringen konnte, und Fersengeld zu geben.
Aber plötzlich fiel ihm Gaylord ein, der bis zum heutigen Morgen ganz allein seine Angst hatte mit sich herumtragen müssen. Er erinnerte sich an die Tränen seiner Frau. In einem blenden Blitz der Erkenntnis wurde ihm plötzlich klar, daß es diese Gewalttätigkeit war, diese bittere, finstere Gewalttätigkeit, mit der die Menschen zu seinen Lebzeiten die süße Welt in eine einzige riesige Hölle für Millionen verwandelt hatten. Und diese Geschichte hjier, das war dasselbe im kleinen. Wenn er sich damit zufriedengab, verdiente er selbst nichts anderes, als in der Hölle zu landen. Er ging zurück ins Zimmer und hieb beide Fäuste auf den Tisch. „Also, nun hören Sie mal, Sie“, sagte er.
Er blickte in Augen, deren umheimlicher Ausdruck ihn vor Entsetzen schaudern ließ. Hier klaffte ein Abgrund, den niemand – kein Priester, Arzt oder Henker – überbrücken konnte. Weder Liebe noch Freundschaft, weder Haß noch Strafe würden diesen Augen jemals irgendeine Reaktion entlocken.
Jocelyn sagte: „Sie haben meinem Jungen gedroht. Und jetzt warne ich Sie. Wenn Sie ihm noch einmal zu nahe treten, hetze ich Ihnen die Polizei auf den Hals – und dann geht's Ihnen an den Kragen.“
Seine Stimme bebte. Er atmete erregt. Tränen der Wut stiegen ihm in die Augen. Und dabei haßte er nichts mehr, als die Selbstbeherrschung zu verlieren. Aber immer noch stand er, beide Hände auf den Tisch gepreßt, vorgebeugt da. und immer noch starrten ihn diese ausdruckslosen Augen an. Dann verzerrten sich die bleichen, ungesunden Lippen höhnisch. „Ach, Sie können mich mal“, sagte Bert Foggerty und wandte sich wieder der Lektüre der wochenalten Zeitung zu.
Jocelyn richtete sich auf. „Ich habe Sie gewarnt“, sagte er, „und ich mache Ernst...“ Er blieb noch einen Augenblick stehen, um seine Fassung wiederzugewinnen. Dann ging er auf die Tür zu. Mrs. Foggerty öffnete sie ihm. Die Sache war offenbar damit für sie erledigt. „Haben Sie schon mal was im Fernsehen gehabt, Mr. Pentecost?“ fragte sie im Plauderton.
„Nein.“
„Na, vielleicht schaffen Sie's, wenn Sie sich ordentlich anstrengen“, sagte sie aufmunternd. „Im Radio kommt ja doch 'ne Menge von Ihnen, nicht wahr?“

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