Boris Pasternak

Doktor Živago

Frankfurt am Main 1992.
Übersetzung: Thomas Reschke

Kehren wir zu unserem Thema zurück. Ich sagte, man müsse Christus treu sein. Das erkläre ich Ihnen. Sie begreifen eines nicht: Man kann Atheist sein und möglicherweise nicht wissen, ob es einen Gott gibt und wozu, aber man kann dennoch wissen, daß der Mensch nicht in der Natur lebt, sondern in der Geschichte, die aus heutiger Sicht von Christus begründet wurde, mit dem Evangelium als Grundlage. Und was ist die Geschichte? Sie ist die Festschreibung jahrhundertelanger Bemühungen um die fortschreitende Enträtselung des Todes und seine künftige Überwindung. Zu diesem Zweck werden die mathematische Unendlichkeit und elektromagnetische Wellen entdeckt, werden Symphonien geschrieben. In dieser Richtung voranzukommen geht nicht ohne einen gewissen Enthusiasmus. Für solche Entdeckungen bedarf es geistigen Rüstzeugs. Grundlagen dafür finden sich im Evangelium. Hier sind sie. Da ist erstens die Nächstenliebe, diese höchste Form von Lebensenergie, die das menschliche Herz erfüllt und nach Hingabe und Verschwendung verlangt. Da sind ferner die Grundkomponenten des modernen Menschen, ohne die er nicht denkbar ist, nämlich die Idee von der freien Persönlichkeit und die Idee vom Leben als Opfer. Bedenken Sie, daß das noch immer ungewöhnlich neu ist. In diesem Sinne hatte das Altertum keine Geschichte. Es gab die sanguinische Gemeinheit der grausamen, pockennarbigen Caligulas, die nicht ahnten, wie unfähig jeder Unterdrücker ist. Es gab die prahlerische tote Ewigkeit der Bronzedenkmäler und der Marmorsäulen. Erst die Jahrhunderte und Generationen nach Christus konnten frei atmen. Erst nach ihm begann das Leben in den Nachkommen, und der Mensch stirbt nicht mehr in der Gosse, sondern bei sich in der Geschichte, mitten in der Arbeit, die der Überwindung des Todes gewidmet ist, er stirbt und ist selber diesem Thema gewidmet. Uff, bin ich in Eifer geraten! Dabei ist alles in den Wind geredet.
(1:5)

Wieder wurde ihm bewußt, daß er sich die Geschichte, das, was man den Lauf der Geschichte nennt, anders als üblich vorstellte, nämlich so ähnlich wie das Leben der Pflanzenwelt. Im Winter sehen die kahlen Zweige des Laubwaldes im Schnee dürr und jämmerlich aus wie Haare auf der Warze eines Greises. Im Frühjahr verwandelt sich der Wald in wenigen Tagen, steigt bis zu den Wolken auf, und in seinem Dickicht aus Laub kann man sich verlieren und verstecken. Diese Verwandlung geschieht durch eine Bewegung, die an Schnelligkeit die Bewegungen der Tiere übertrifft, denn ein Tier wächst nicht so schnell wie eine Pflanze, und es ist eine Bewegung, die man niemals beobachten kann. Der Wald rührt sich nicht von der Stelle, wir können ihn bei keiner Ortsveränderung ertappen. Sie sehen ihn immer nur in Reglosigkeit. In der gleichen Reglosigkeit sehen wir das ewig wachsende, ewig sich verändernde, in seinen Verwandlungen nicht beobachtbare Leben der Gesellschaft, die Geschichte.

Tolstoj hat seinen Gedanken nicht zu Ende geführt, als er Napoleon, Regenten, Feldherren die Bahnbrecherrolle absprach. Er dachte so, sprach es aber nicht mit letzter Klarheit aus. Die Geschichte wird von niemandem gemacht, sie ist ebensowenig zu sehen wie das Wachsen des Grases. Kriege, Revolutionen, Zaren, Robespierres sind ihre organischen Erreger, ihre Gärhefe. Revolutionen werden von aktiven, einseitigen Fanatikern gemacht, von Genies der Selbstbeschränkung. Diese stürzen in wenigen Stunden oder Tagen eine alte Ordnung um. Solche Umschwünge dauern Wochen oder Jahre, und hinterher verbeugt man sich jahrzehnte-, jahrhundertelang vor dem Geist der Beschränkung, der den Umschwung herbeigeführt hat, wie vor einem Heiligtum.

In seinen Klageliedern um Lara beweinte er auch den fernen Sommer in Meljuseev, in dem die Revolution noch der vom Himmel auf die Erde herabgestiegene Gott war, der Gott jenes Sommers, in dem jeder auf seine Weise verrückt war und das Leben jedes Menschen für sich selbst existierte, nicht aber als Erläuterung, Illustration und Rechtfertigung der hohen Politik.
(14:14)

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