Übersetzung: Gabi Zöttl
„Wie möchtest du genannt werden?“ fragte Candy.
Wir saßen in ihrem Büro. Sie nippte an einem Espresso und ich drückte meine Hände zusammen, damit
sie nicht sah, wie sie zitterten.
„Hat jede Telefontherapeutin ein Pseudonym?“ frage ich. Candy bejahte das. „Zum einen, um sich zu schützen,
aber auch, weil einige von uns es dadurch einfacher finden, sich aufzuspalten und am Telefon eine andere Person zu sein.“
„Alice“, antwortete ich und war überrascht, wie problemlos ich den Namen gewählt hatte. Alice. Ich konnte
sie vor mir sehen. Alice war meine Doktorandin. Die das Wunder in dieser neuen Welt sehen konnte. Alice, die intelligent,
mutig und gerade schlimm genug war, um all dies genießen zu können. Während der nächsten zwanzig
Minuten bereitete mich Candy auf meinen ersten Anrufer vor. „Bill und seine Frau waren mehrere Jahre lang Patienten“,
erklärte sie. „Er ist ein extrem großer Mann und für seine Frau war der Verkehr mit ihm schmerzhaft.
Nach vielen Jahren der Zurückweisung entwickelte er Potenzprobleme und sie wandten sich an uns. Neben anderen
Therapien nutzten wir bei Bill auch die Telefontherapie, um sein Selbstvertrauen wieder aufzubauen. Er ist mittlerweile
kein Patient mehr, sondern ein Kunde.“
Ich wollte mehr über den Fall wissen, aber Candy sagte, alles andere sei vertraulich, sofern Sam nichts anderes
bestimmte. „Denke einfach daran, daß Bill sich in einer Phase befindet, in der er seine Phantasien gerne lenkt.
Deine Aufgabe besteht darin, zu akzeptieren und zu geben. Er ist ein besonderer Mensch, Julia. Also keine Sorge. Alles
wird gutgehen“, sagte sie, als sie mich in denselben Raum hinaufschickte, in dem ich die Telefonate geprobt hatte. Ich
lehnte mich in dem großen Sessel zurück, das Telefon direkt vor mir. Aus Lautsprechern an der Decke
dämpfte sanfte klassische Musik die Stille. Und dann, einige Minuten, nachdem Candy die Tür hinter sich
geschlossen hatte, läutete das Telefon.
„Hallo“, sagte ich, krächzte das Wort heraus.
Der Mann am anderen Ende antwortete mit einem Hallo.
„Bill?“ fragte ich und versuchte, nicht zu krächzen.
„Ja. Bist du Alice?“ und mit geschlossenen Augen und dem Telefon in meiner Hand war ich es tatsächlich.
„Ja, hier spricht Alice.“
„Du bist also neu?“ fragte Bill.
„Hm, ja. Woher weißt du das?“
„Candy hat mir von dir erzählt. Bist du nervös?“ Seine Stimme war voll und melodiös.
Ich lachte. „Oh Mann, und wie nervös ich bin. Kannst du mein Herz nicht durch das Telefon klopfen hören?“
„Bei mir brauchst du aber nicht nervös zu sein. Weißt du, du hast eine sehr sanfte Stimme.“
„Danke“.
„Mein Rücken war der Tür zugewandt, als du hereinkamst, da ich mit einem anderen Geschworenen sprach.
Deshalb habe ich dich nicht gesehen, aber ich hörte dich fragen, ob dies der Gerichtssaal zwei sei. Deine Stimme
war der Grund, weshalb ich mich umdrehte. Ich war wirklich froh, als du dich auf den leeren Platz neben mir gesetzt hast. Du warst noch nie Geschworene, oder?“
„Nein.“ Aus dem, was ich in meiner Vorbereitung gelernt hatte, schloß ich, daß er mich in eine Phantasie
einführte, die er bereits begonnen hatte. Ich brauchte nur aufmerksam zu sein und meine Stichworte aufzunehmen.
„Du wußtest also nicht, daß du den Platz, den du einmal eingenommen hast, den ganzen Monat lang behalten
mußt?“
„Nein. Aber... als ich dich neben mir sah, war ich froh.“
„Warum?“ fragte Bill.
„Wegen... wegen deines wunderbaren Geruchs. Ich habe ihn immer wieder eingesogen und gehofft, daß du es nicht
bemerkst.“
„Ich wünschte, du hättest es mir gesagt. Bist du deshalb während der Pause geblieben und hast dich mit
mir unterhalten?“ fragte er.
„Ja. Ich wollte diesem Duft näherkommen.“
„Ich hoffe, ich störe dich nicht, wenn ich dich so einfach zuhause anrufe. Immerhin habe ich mir deine Nummer
ja eigentlich erschlichen. Indem ich dir weisgemacht habe, jeder Geschworene sollte die Nummer eines anderen Geschworenen
haben, falls er nicht zum Gericht kommen kann.“
„Rufst du nicht deshalb an? Um mir zu sagen, daß wir morgen nicht zum Gericht zu kommen brauchen, oder etwas
ähnliches?“
„Nein. Ist es in Ordnung, daß ich angerufen habe?“ fragte er.
„Ja.“
„Dein Freund ist doch nicht da, oder?“
„Nein, er ist verreist.“
„Er verreist oft, nicht wahr?“
Ich zögerte. „Ja.“ Es verwirrte mich, daß er von meinem Freund sprach.
„Und du bist dann einsam?“
„Ja, ich bin einsam ohne ihn“, antwortete ich.
„Was machst du die ganze Zeit, während er weg ist?“
„Ich sehe mir jede Menge alter Filme an.“
Ich antwortete, bevor mir bewußt war, daß ich genau das jetzt machte, seit Paul so häufig
spät arbeitete und verreiste.
„Weinst du am Ende?“ fragte er.
„Immer.“
„Wenn ich bei dir wäre, wenn du zu weinen anfängst, würde ich deine Tränen mit meinen Lippen
wegwischen“, flüsterte er in das Telefon.
Ich war eigenartig gerührt von diesem Bild. „Das hat noch niemand gemacht“, sagte ich und es war wieder die
Wahrheit.
„Gibt es noch andere Dinge, die noch niemand mit dir gemacht hat und die ich machen soll?“
Bill nahm in meinem Kopf Gestalt an. Nicht als Gesicht, sondern als Eindrücke, Farben. Er war dunkelblauer
Samt. Dicke Creme. Ein großer Vogel, der über einen mondlosen Himmel flog.
„Ja. Gibt es auch Dinge, die noch niemand mit dir gemacht hat?“
„Nein, ich möchte über dich sprechen“, antwortete er schnell.
Ich hatte wohl einen falschen Schritt getan.
„Was möchtest du, was dir dein Freund nicht geben kann?“ Er rückte mich wieder in den Mittelpunkt.
Ein Moment verging. Mir fiel nichts ein, was ich sagen konnte.
„Alice?“ hakte er nach, und sie reagierte an meiner Stelle.
„Er liebt mich nie lang genug“, antwortete ich schließlich.
„Ich werde es machen“, sagte er. „Womit fange ich an?“
Wenn er nur wieder über seine Phantasie sprechen würde. Das hier fiel mir sehr schwer. Und dann wurde
mir klar, daß genau das seine Phantasie war: Einer Frau – mir – Freude zu bereiten. Danach wurde es einfacher.
„Wir wären beide vollkommen angezogen und würden auf der Couch sitzen. Nur ein Licht wäre an. Und
du würdest mich küssen. Hör nicht auf, mich zu küssen.“ „So daß du von dem Kuß fast kommst?“ fragte er.
„Ja“, flüsterte ich, überrascht, daß nichts an dieser Phantasieunterhaltung abstoßend oder
beängstigend war. Ich war in meinem Kopf wie schon so oft, nur gab es diesmal in meiner Phantasie noch eine
weitere Stimme.
„Alice, bist du schon einmal von einem Kuß gekommen?“
„Nein.“
„Das werde ich jetzt mit dir machen. Ich werde dafür sorgen, daß du von meinem Kuß kommst.
Würde dir das gefallen?“ fragte Bill.
„Wenn du mich derart lange küßt, werden deine Lippen wund sein.“
„Macht nichts. Ich möchte meine Lippen an deinen reiben. Naß und schlüpfrig. Und so wunderbar
weich. Kannst du es spüren?“
„Ja“, sagte ich und es stimmte.
„Ich knöpfe deine Bluse auf und ziehe sie von deinen Schultern, damit ich deine Brüste küssen kann.
Damit ich an deinen Knospen saugen kann“, sagte er.
„Deine Lippen sind wie Federn auf meiner Haut. Bill, bist du hart?“ Man hatte mir beigebracht, diese Frage oft zu
stellen, damit ich einschätzen konnte, ob das Telefonat wirkte; wenn ein Mann nicht nach ein paar Minuten hart
wurde, lief etwas nicht richtig.
„Ich bin sehr hart“, sagte er, und ich ging zur nächsten Stufe der Unterhaltung über.
„Faßt du dich selbst an, Bill?“
„Ja, ich reibe mich selbst, während ich mir vorstelle, dich zu küssen. Ich möchte dich
weiterküssen. Alice, sag mir, wie es sich anfühlt.“
„Herrlich. Unsere Lippen sind so feucht, daß sie aneinandergleiten.“
„Hm-hm“, murmelte er.
„Und deine Zunge schnellt heraus – oh – sie ist hart – wie dein Schwanz.“ Es war meine Stimme, aber die
Wörter kamen von Alice.
„Oh...“ Er atmete jetzt anders. Von den Bändern, die mir Candy vorgespielt hatte, war mir diese Änderung
bereits vertraut. An einem gewissen Punkt, normalerweise wenige Minuten vor dem Orgasmus, ändert sich die Atmung eines Mannes und seine Antworten werden kürzer und unzusammenhängender.
„Deine Zunge teilt meine Lippen und gleitet in meinen Mund, in dem es warm und feucht ist. Aber gerade, als ich an deiner Zunge zu saugen beginne, ziehst du dich zurück“, sagte ich.
„Aber... du kommst mir nach...“ wies er mich an.
„Ja... Ich ergreife deine Zunge mit meinen Zähnen und ziehe sie wieder in meinen Mund. Deine Zunge füllt
meinen ganzen Mund.“
„Sauge daran... sauge... an meiner Zunge“, bat er.
„Ja... Ich sauge daran, bewege mich an deiner Zunge auf und ab. Sie füllt meinen ganzen Mund. Ich lasse dich
fast ganz herausgleiten und sauge dich dann wieder hinein. Oh Gott, ich wünschte, deine Zunge könnte kommen,
jetzt, in meinem Mund“, flüsterte ich.
„Ohh... Gott...“
Es war das erstemal, daß ich wirklich zuhörte, wie ein Mann kam. Ihn nicht sah und spürte, sondern
seine Erleichterung durch die Geräusche, die er machte, hörte.
„War es in Ordnung?“ fragte ich, auf einmal schüchtern.
Bill klang zufrieden. „Ja... ja, es war wunderbar, aber beim nächstenmal möchte ich dafür sorgen,
daß auch du kommst. In Ordnung, Alice?“
Er hatte mich aus dem Gleichgewicht gebracht.
„Jaa. In Ordnung. Ciao, Bill„, ich schauderte und legte den Hörer auf.