München 1991.
Übersetzung: Gisela Stege
Soraya, Haruns Mutter, war mit Mr. Sengupta durchgebrannt.
Soraya hatte einen Brief zurückgelassen, in dem sie all die schlimmen Sachen aufzählte, die Mr. Sengupta
über Raschid zu sagen pflegte: „Du interessierst Dich nur für Dein Vergnügen, aber ein richtiger Mann muß wissen, daß das Leben eine ernste Angelegenheit ist. Dein Kopf ist so mit Phantastereien vollgestopft, daß kein Platz mehr für Tatsachen übrigbleibt. Mr. Sengupta dagegen hat überhaupt keine Phantasie, und eben das gefällt mir an ihm besonders.“
Außerdem stand da noch ein Postskriptum: „Sag Harun, daß ich ihn liebe, daß
ich aber nicht anders kann. Ich muß dies jetzt ganz einfach tun.“
Aus Haruns Haaren tropfte Regenwasser auf den Brief.
„Was soll ich tun, mein Sohn?“ flehte Raschid mitleiderregend. „Geschichtenerzählen ist die einzige Arbeit, auf die ich mich verstehe.“
Als er den Vater so verzweifelt sah, verlor Harun die Selbstbeherrschung und schrie: „Was hat das alle für einen Sinn? Wozu sind Geschichten gut, die nicht einmal wahr sind?“
Raschid barg das Gesicht in den Händen und weinte.
Am liebsten hätte Harun seine Worte zurückgenommen, sie aus den Ohren des Vaters herausgezogen und sich
in den Mund zurückgestopft, aber das ging natürlich nicht. Deswegen gab er sich auch die Schuld, als bald darauf und unter Umständen, wie man sie sich peinlicher nicht ausmalen kann, etwas Unvorstellbares geschah:
Raschid Khalifa, das legendäre Genie der Phantasie, der fabelhafte Schah von Bla, erhob sich im Angesicht
einer riesigen Zuschauermenge, machte den Mund auf und erkannte, daß er keine Geschichten mehr erzählen konnte.
Unter den Truppentransportvögeln schien ein Streit ausgebrochen zu sein. Ihr Lärmen wehte über das Wasser
herüber: „Ich sage euch, das wird ein Metzgergang, wenn wir Batcheat retten wollen!“ – „Jawohl, und wie ein Metzger sieht sie auch aus.“ – „Wie kannst du's wagen, Sirrah? Schließlich handelt es sich um unsere allseits geliebte Prinzessin, die zukünftige holde Braut unseres verehrten Prinzen Bolo!“ – „Hold? Hast du vielleicht ihre Stimme vergessen, ihre Nase und ihre Zähne...?“ – „Okay, okay. Hören wir auf.“
Wie Harun feststellte, eilte der alte General Kitab persönlich auf einem mechanischen Flügelpferd, ähnlich dem Bolos, von einem Truppentransportvogel zum anderen, um den Anschluß an die verschiedenen Diskussionen nicht zu verpassen; und so groß war die Freiheit, derer sich die Buchseiten und alle übrigen Bürger von Gup zu erfreuen schienen, daß es den alten General nicht im geringsten störte, sich diese beleidigenden und aufrührerischen Tiraden anzuhören, ja, er zuckte nicht mal mit der Wimper. Es schien Harun sogar, als provoziere der General gelegentlich derartige Diskussionen, an denen er dann voller Begeisterung teilnahm, wobei er mal die eine, dann jedoch wieder (aus purer Lust am Widerspruch) genau die gegenteilige Meinung vertrat.
„Was für eine Armee“, sinnierte Harun laut. „Wenn sich die Soldaten auf der Erde so verhielten, kämen sie vors Kriegsgericht.“
„Aber, aber, aber es hat doch keinen Sinn, den Leuten Redefreiheit zu gewähren“, wandte Aber der Wiedehopf ein, „wenn man ihnen anschließend verbietet, Gebrauch davon zu machen! Und ist nicht die Macht der Sprache die größte Macht? Also muß sie doch wohl in vollem Umfang ausgeübt werden, nicht wahr?“
„Dann wird sie heute aber ganz schön weitgehend ausgeübt“, gab Harun zurück. „Ich glaube, ihr Guppees könntet nicht mal ein Geheimnis bewahren, wen's dabei um euer Leben ginge.“
„Aber wir können Geheimnisse verraten, wenn's um unser Leben geht“, erklärte Wenn. „Ich zum Beispiel kenne eine Menge höchst interessanter und pikanter Geheimnisse.“
„Ich ebenfalls“, sage Aber der Wiedehopf, ohne den Schnabel zu bewegen. „Fangen wir an?“
„O nein“, lehnte Harun rundheraus ab, „wir werden nicht anfangen.“ Raschid, sein Vater, bog sich vor Lachen.
„Nun sieh einer an, der junge Harun Khalifa“, kicherte er. „Ein paar verflixt komische Freunde hast du dir da
zugelegt.“
„Seht nach unten!“ fiel ihnen der Wasser-Dschinn ins Wort. „Seht nach unten, ins Meer hinab!“
Das dicke, dunkle Gift hatte sich inzwischen überallhin verbreitet und löschte die Farben der
Geschichtenströme so gründlich aus, daß Harun die einzelnen Stränge nicht mehr unterscheiden konnte. Ein eisigklammes Gefühl stieg von dem Wasser auf, das nahe am Gefrierpunkt war. Kalt wie der Tod, dachte Harun
unwillkürlich. Nun konnte sich Wenn vor Kummer nicht mehr zurückhalten. „Es ist unsere eigene Schuld“, klagte er. „Wir sind die Hüter des Meeres, aber wir haben es nicht gehütet. Seht es euch an, das Meer, seht es euch an! Die ältesten Geschichten, die es je gab, und seht sie euch jetzt an! Sie verrotten, und wir haben nichts dagegen getan! Wir haben sie im Stich gelassen – schon lange bevor die Vergiftung einsetzte. Wir haben die Verbindung zu unseren Ursprüngen verloren, zu unseren Wurzeln, unserem Urquell, unserer Quelle. Uninteressant, haben wir gesagt, will keiner mehr hören, Angebot größer als Nachfrage. Und nun – seht doch nur, seht! Keine Farbe, kein Leben, überhaupt nichts. Tot. Aus und vorbei.“
Wie ihr gewiß erraten habt, erzählte Raschid seinen Zuhörern im Park genau dieselbe Geschichte, wie ich sie euch soeben erzählt habe. Nach den Geschehnissen, bei denen er nicht persönlich anwesend war, muß der Vater wohl Wenn und die anderen gefragt haben, vermutete Harun, denn sein Bericht war äußerst genau.
Und es war nicht zu übersehen, daß bei ihm alles wieder in Ordnung und seine Gabe der Beredsamkeit
zurückgekehrt war, denn er hatte das Publikum fest im Griff. Als er Malis Lied sang, stimmten sie alle ein:
„Man hackt auch Computer, nur mich hackt man nicht“, und als er Batcheats Lied zum besten gab, flehten sie allesamt um Gnade.
Jedesmal, wenn Raschid von Khattam-Shud und seinen Häschern aus dem Club der Versiegelten Lippen erzählte, warfen die Leute finstere Blicke zu dem hochnäsigen Mr. Abergutt und seinen Leibwächtern hinüber, die hinter Raschid auf dem Podium saßen und deren Mienen immer unzufriedener wurden, je weiter die Geschichte fortschritt. Und als Raschid dem Publikum schilderte, wie sehr die Chupwalas den Kultmeister die ganze Zeit gehaßt, daß sie aber niemals den Mut gehabt hatten, das offen auszusprechen, lief ein deutlich hörbares Gemurmel des Mitgefühls für die Chupwalas durch die Reihen der Zuhörer. Jawohl, grollten die Leute, wir kennen dieses Gefühl ebenfalls. Und nach dem Sturz der beiden Khattam-Shuds in Raschids Geschichte stimmte auf einmal jemand den Spruch an: „Weg mit Mr. Abergutt, verschwinden soll er, khattam-shud!“ Woraufhin die Zuhörer allesamt in den Spruch einstimmten. Als der hochnäsige Abergutt das hörte, wußte er, daß er ausgespielt hatte, und schlich sich gesenkten Hauptes mit seinen Leibwächtern vom Podium. Die Menge ließ ihn beinahe ungestört abziehen, bombardierte ihn lediglich begeistert mit faulem Gemüse. Fortan hat man von Mr. Abergutt im K-Tal nie wieder etwas gesehen oder gehört, und die Talbewohner konnten endlich in freien Wahlen jene Männer bestimmen, die sie auch wirklich haben wollten.
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| Salman Rushdie, Shalimar der Narr. | Salman Rushdie, Harun und das Meer der Geschichten. | Salman Rushdie, Des Mauren letzer Seufzer. |