München 1993.
Übersetzung: Elfriede Peschel
Sie hielten mich für verrückt. Manchmal machte ich mir Sorgen, ob ich es nicht wirklich sei, doch das war ein
gutes Zeichen, denn Leute, die wirklich verrückt sind, denken nicht, daß sie verrückt sind, sie glauben
bloß,
Napoleon zu sein.
„Ein Wunder, daß du überhaupt Freunde hast“, sagte Mutter immer, als ich noch welche hatte. „Du bist
anscheinend ein anderer Mensch, wenn du dieses Haus verläßt. Jekyll und Maggie.“
In Wirklichkeit bestand ich aus sechs verschiedenen Persönlichkeiten, doch das würde ich ihr nie erzählen.
Für sie war ich ja schon verrückt, und sie warteten nur noch auf eine Gelegenheit, mich loszuwerden. Hätte ich
ihnen erzählt, daß ich aus sechs verschiedenen Teilen bestand, zusätzlich zu dem einen Teil, der gar nicht zu mir
gehörte, hätten sie mich schneller ins Irrenhaus verfrachtet, als man „Klapsmühle“ sagen kann.
Ich verwahrte alle in einer imaginären Kommode. Von außen war es eine wunderschön lackierte Kommode mit zwei großen Türen, bemalt mit goldenen und blauen Blumen. Hinter den Türen gab es sechs Schubladen, in denen meine Persönlichkeiten lebten, wenn sie nicht bei mir waren. Maggie war ich, mein wirkliches Ich, das Ich, das höchstens meine besten Freunde kennenlernten. Für mich gab es keine Schublade, denn ich war immer vorhanden, und deshalb vermute ich, daß ich die Kommode war. Katrina war der Teil von mir, der glaubte, adoptiert worden zu sein. Sie war ein kleines Mädchen, und als ich klein war, lief sie andauernd in der Gegend herum und erzählte allen Nachbarn, daß man sie auf dem Treppenabsatz der Pittsfields ausgesetzt habe und ihre wirkliche Mutter eine holländische Prostituierte sei.
Trixie hatte ich das spitzbübische Ich genannt, das verspielte Ich voller Leben und Albernheit. Trixie war diejenige, die in der McKinley-Talentshow „I'm gonna wash that man right outta my hair“ sang und auf Partys in einem Bastrock aufkreuzte und sich einfach alles traute. Sie war überall beliebt, konnte jeden nachahmen und brachte Daddy so sehr zum Lachen, daß ihm die Tränen kamen, wenn sie im Wohnzimmer herumstolzierte und Großmutter imitierte.
Margaret war die Schlimme, wie in „Margaret Sweet Pittsfield“. Sie war das Luder, die Fiese, die ihren Freunden eine Colaflasche über den Kopf knallte, wenn man ihr nicht freie Bahn ließ; diejenige, die Komplotte schmiedete, über andere herzog und in den Klassenbüchern schreckliche Dinge sagte. Sie hatte eine schmutzige Phantasie und war diejenige, die mit ihren Freunden immer Sexspiele machen wollte. Sie hatte auch Anfälle, aber keine epileptischen, sondern Wutanfälle. Sie war schuld, daß ich wie eine Verrückte wirkte. Wenn Margaret am Ruder war, hatte keiner eine Chance, nicht einmal ich – ich mußte zusehen, wie sie wild wurde und alles und jeden angriff, der sich ihr näherte. „Faß mich bloß nicht an!“ knurrte sie, und daran erkannte ich, daß es losging. „Faß mich bloß nicht an!“ fauchte sie und unterstrich es noch, indem wie wie eine Schlange zischte. „Wag es bloß nicht, mich anzufassen!“
Dann gab es noch Sarah. Das war vielleicht eine Heulsuse. Huhuhu. Sie war auch der liebe Teil, der Teil, den Mutter am liebsten mochte, doch ich haßte sie. Sie war schwach und kleinlaut und ein fleißiges Bienchen, so was wie eine zwölfjährige Melanie Hamilton. Schwäche war etwas, was um jeden Preis vermieden werden mußte, und wenn ich mich sarahmäßig fühlte, rannte ich hurtiger als ein über den See flitzendes Schnellboot hinunter zum Strand. Ich flog hinunter zur Brandungsmauer und kletterte hinüber und ließ Sarahs dummem Geheule freien Lauf.
Ich hatte nur einen männlichen Teil, und das war Cotton Mather. Nicht der wirkliche Cotton Mather, bloß ein Junge, den ich so nannte, weil er so ein Puritaner und so rechtschaffen war. Cotton Mather war für die Moral verantwortlich. Cotton Mather behauptete, daß alles, was geschah, mein Fehler sei und mir keine schlimmen Dinge passiert wären, wenn ich brav gewesen wäre. „Es geschieht dir recht“, sagte er immer.
In der obersten Schublade wohnte Peggy. Peggy war nicht wirklich ein Teil von mir, sie war nur dieses kleine Mädchen, das sich in meiner Geheimkommode versteckte. Sie kam nie heraus, sie starrte mich nur aus der Schublade heraus an, und alles, was ich je von ihr gesehen hatte, waren ihre Augen. Ich wußte nicht, zu wem sie gehörte. Sie war das Kind von jemand anderem, das verstoßen worden und in meiner Schublade gelandet war.
Manchmal, wenn ich mich oben unter der Dachschräge versteckte, stellte ich mir die Kommode vor und öffnete die Türen, und da war sie dann, nichts als Augen, die zu mir herausstarrten. Sie hatte Angst, doch ich ließ sie in Ruhe. Ich ließ sie sich einfach da drinnen verstecken, und ich stellte mir vor, daß sie eines Tages herauskommen und mir sagen werde, wer sie ist. Margaret haßte sie. Margaret haßte jeden, doch ganz besonders haßte sie Peggy. Jedesmal, wenn ihre Augen verstohlen herausgucken wollten, kam Margaret wie ein Panzer angerumpelt. „Was für ein Schnuckelchen!“ sagte sie dann verächtlich. „Was fehlt ihr denn?“ Ich glaube, man hat sie gequält. Ich glaube, sie wurde als kleines Mädchen mißhandelt und mußte fliehen und landete in meiner Kommode. „So ein elender Quatsch“, entgegnete Margaret. „Man muß jemand schon über Jahre quälen, bis er zu einem Paar flatternder Augen verkommt.“ Aber das stimmt nicht. Einmal reichte schon. Bei Erwachsenen reichte schon ein einziges Mal – als Mrs. Greenwell auf dem Parkplatz von Eastland von einem Mann überfallen wurde und schließlich im Pflegeheim landete, sagte keiner: „Was fehlt ihr denn? Sie ist doch nur einmal vergewaltigt worden!“ – „Bei Kindern ist das etwas anderes“, behauptete Margaret hartnäckig, „sie vergessen schnell.“ Das taten sie aber nicht. Jedenfalls Peggy nicht. Und sie tat mir leid, daß sie im Leben von jemand anderem leben mußte.
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