List Verlag, 2002.
Übersetzung: Hans M. Herzog
„Raus damit“, murmelte der Alte Mann diskret. „Ganz im Gegensatz zu deinen üblichen Sprüchen kam dein
letzter Vorwurf, als wir unsere Zimmer verließen, so sehr von Herzen, daß ich gerührt war. Ich
möchte nicht, daß du leidest, ganz gleich, was du denkst.“
Als Mr. Smith lachte, klang das eher unangenehm als ironisch. Dann wurde er wieder ernst, hatte aber offenbar gewissen
Schwierigkeiten, mit der Sprache herauszurücken.
„Dein Motiv fand ich immer besonders durchschaubar und verletzend“, brachte er endlich hervor.
„Hast du das schon einmal zu mir gesagt, oder ist es was Neues?“
„Also, wie könnte ich mich daran erinnern“, rief Mr. Smith. „Wir haben uns seit Jahrhunderten nicht gesehen!
Vielleicht habe ich es mal angedeutet, aber eigentlich halte ich es für einen sehr alten Vorwurf, den ich noch
nie geäußert habe.“
Der alte Mann versuchte, ihm zu helfen. „Ich erinnere mich an deinen entsetzlichen Schrei, als du über Bord
gegangen bist. Dieser Schrei sollte mich noch viele Jahre lang verfolgen.“
„Jahre...“, wiederholte Mr. Smith. „Ja..., ja..., das war schlimm genug. Ich drehte dir den Rücken zu, schaute
gerade über den Rand einer Kumuluswolke, und plötzlich, ohne Vorwarnung, dieser grobe Stoß und der
entsetzliche Fall. In den Worten der Sterblichen war es Mord.“
„Du bist doch hier.“
„Wenn man menschliche Worte benutzt, sagte ich.“
„Ich entschuldige mich“, sagte der Alte Mann in der offenkundigen Erwartung, damit sei die Angelegenheit erledigt.
„Entschuldigen?“ gackerte Mr. Smith erstaunt.
„Hatte ich denn früher schon mal die Gelegenheit?“ fragte der alte mann.
„Vergiß das“, fuhr Mr. Smith fort. „Es geht mir nicht um die Tatsache meiner Vertreibung. Damit muß ich
leben, und wahrscheinlich wäre ich früher oder später von allein gegangen. Mir geht's um das Motiv!
Du mußtest ein schlimmes Versehen bei der ansonsten kompetent durchgeführten Schöpfung korrigieren.“
„Ein Versehen?“ erkundigte sich der Alte Mann und ließ beinahe so etwas wie Nervosität erkennen.
„Ja. Wenn alle weiß waren, wie konnte man dich als das sehen, was du bist?“
„Was soll das heißen?“ Der Alte Mann leckte sich die Lippen.
„Weiß braucht Schwarz, um als das erkannt zu werden, was es ist“, stellte Mr. Smith mit eisiger Präzision
und ohne sein übliches Gewese fest. „Wenn alles weiß ist, gibt es kein Weiß. Du mußtest mich
verstoßen, um selbst erkannt zu werden. Dein Motiv dafür war... Eitelkeit.“
„Nein!“ protestierte der Alte Mann. Dann ergänzte er: „Oh, hoffentlich nicht!“
„Deine Dankesschuld mir gegenüber ist so groß, daß sie noch soviel Reue nie wieder abtragen kann.
Bis zu meiner Vertreibung verstand dich niemand, nicht einmal die Engel, oder verpürte die Wärme deines
Glanzes. Erst als ich den dunklen Hintergrund, den Kontrast, abgab, wurdest du als der sichtbar, der du warst und
immer noch bist.“
„Wir sind hier auf Erden, um herauszufinden, ob ich es noch bin, ob wir es noch sind.“
„Ohne mein Opfer... ohne mich bist du unsichtbar!“ fauchte Mr. Smith.
„Ich bin bereit zu glauben, daß dies teilweise wahr ist“, sagte der Alte Mann, der sich wieder gefaßt hatte,
„aber tu doch nicht so, als hättest du es nicht genossen, zumindest am Anfang. Vor einem Moment sagtest du
liebenswürdiger- und zutreffenderweise, hätte ich dich nicht rausgeschmissen, wärest du wahrscheinlich
früher oder später von allein gegangen. Das bedeutet, die Anlagen waren vorhanden. Ich habe dem richtigen
Engel den Schubs gegeben.“
„Das bestreite ich gar nicht. Die Kollegen, die du für mich schufst, waren ohne jeden Charakter, möglicherweise
mit Ausnahme von Gabriel, der sich immer freiwillig für schwierige Aufgaben meldete und bereit war, komplizierte
Nachrichten über lange Entfernungen zu überbringen. Und weißt du, warum? Er langweilte sich. Er litt
genauso an Langeweile wie ich.“
„Das hat er sich nie anmerken lassen.“
„Du wüßtest doch nicht einmal, wie Langeweile aussieht.“
„Heute wüßte ich es. Heute wüßte ich es. Aber ich gebe zu, daß damals, als die Welt
noch nach frisch gelüfteter Wäsche duftete...“
„Ah. Eine richtige kleine Schönheit!“ rief Mr. Smith, als er das Fernsehgerät aus seiner Wiege hob und
genauer betrachtete. “Es heißt Feder. Hergestellt von der Matsuyama-Firmengruppe. Mit den federleichten Bedienungselementen von Matsuyama. Da kommt einem ja gleich das Kotzen.“
„Für unsere Überlegungen könnte es kein besseres Thema geben, hab' ich recht? In einem einzigen
Satz bist du von uneingeschränktem Entzücken zu tiefster Abscheu gelangt. Nichts ist so, wie es zu sein
scheint.“
Mr. Smith überlegte kurz.
„Nein, nichts ist so, wie es scheint. Amerika, weißt du noch? Jeder sehnt sich danach, dorthin zu kommen,
ein Vermögen zu machen, die Freiheit zu finden...“
„Stimmt das?“ fragte der Alte Mann vorsichtig.
„Warum wolltest du als erstes dorthin?“
Der Alte Mann nickte und schwieg.
„In der Fata Morgana taucht ungeheurer Reichtum auf, Belohnuntg für harte Arbeit. Es gibt keine Fata Morgana,
in der man auch nur andeutungsweise die auf der Straße liegenden Menschen zu sehen bekommt, die drogensüchtig,
betrunken oder tot sind. Nichts ist so, wie es scheint. Fragt man, weshlab die Lage so ist, bekommt man zu hören,
das sei nun mal der Preis der Freiheit. Freiheit streckt ihre Fangarme sogar bis in die Gosse. Die Armen wollen arm sein,
die Obdachlosen wollen keine Unterkunft haben, die Mittellosen haben sich ihren Lebensstil selbst ausgesucht. Freiheit
ist nämlich obligatorisch. Aber wenn Freiheit obligatorisch ist, ist der einzelne nicht mehr frei. Dieser Punkt
geht über ihren Horizont.“
„Du bist wirklich brutal.“
Mr. Smith lächelte gewinnend. „Versteh mich nicht falsch. Von allen Ländern, die wir besucht haben,
möchte ich dort am liebsten leben. Dort könnte ich gedeihen. Nichts gefällt ihnen besser, als in
aller Öffentlichkeit, im Fernsehen, schmutzige Wäsche zu waschen. Und sollte nicht genug schmutzige
Wäsche vorhanden sein, um das nationale Bedürfnis zu befriedigen, erfinden sie welche, in köstlich
widerwärtigen Serien über die Verderbtheit der Reichen, ein Vorbild für alle. Freiheit gibt es zuhauf,
aber manchmal in strikt kontrollierten, regulierten Teilen.“
Und hier ließ Mr. Smith seiner Gabe zur Imitation privilegierter Amerikaner angelsächsischer herkunft
freien Lauf. „‚Würden Sie, Mr. Tumblemore, in den verbleibenden dreißig Sekunden genau berichten, wie
Ihnen der Arzt die Neuigkeit beibrachte, daß Sie todkrank sind?‘ Oder: ‚Es bleiben nur zwanzig Sekunden Zeit,
Mr. Außenminister. Wie sollte in dieser Sendezeite unsere Botschaft an die fundamentalistischen Terroristen
lauten?‘“
Der Alte Mann begann fröhlich zu lachen, wieder ganz der alte.
„Der hundertjährige Japaner hatte übrigens recht. In einer Gesellschaft selbsternannter Sieger ist
Effizienz von überragender Bedeutung, aber wenn nur zwanzig Minuten Ziet bleiben, in denen der Außenminister
eine Botschaft formulieren muß, die jede Nachrichtenagentur auf der Welt übernehmen wird, bleibt diese
Effizienz auf der Strecke. Effizienz lautet das Credo, aber die Praxis stekct voller liebenswerter Schnitzer,
Nachlässigkeiten und Zugeständnisse an die pure Hektik, als beschleunigte ein Polizist durch Pfeifen
auf seiner unangenehmen Trillerpfeife und Armwedeln ständig den Straßenverkehr. Freiheit heißt
auch Kichern nach der Frühstückspause, Freiheit heißt das Recht, ineffizient zu sein.“
„Und auch, die Konsequenzen zu tragen?“
„Natürlich, Freiheit in Reinkultur führt geradewegs auf die Parkbank. Oder zur Anhäufung unerhörter
Reichtümer. Das ist der Haken und die Verlockung. Ein Verbrecher hat die Freiheit zu betrügen, zu veruntreuen,
die Bücher zu fälschen, bis er geschnappt wird...“
„Nicht sehr taktvoll, diese letzte Feststellung...“
„Hör mal, wenn du die Welt neu erschaffen würdest, weil sie dir nicht mehr gefiele, würde dich das FBI
zweifellos wegen Fälschung der alten anklagen.“
„Aber warum gibt es deiner Meinung nach so viel Elend in einem im Prinzip so reichen Land, in dem aus ererbtem Reichtum
oft so brillant Kapital geschlagen wird?“
„Man hat dort ein fortgeschrittenes Gefühl persönlichen Heils, dank des Bedürfnisses nach spirituellen
Elementen in einer Zivilisation, der sie normalerweise völlig fehlen, und in der Kultur ein für Schwule und
Pazifisten reserviertes Schimpfwort ist. Es fehlt nicht an Freiwillitgen für die Arbeit,die das ziel jeder
anständigen Regierung sein müßte. Andererseits ist Regierung ebenfalls ein Schimpfwort, und was
die Mehrheit der so denkenden Leute angeht, man ist nicht verpflichtet, den Dschungel um sich herum zu erkennen.
Es bleibt immer die Freiheit, nicht zu sehen, was einen stört.“
Wer mehr lesen möchte, findet bei amazon zum Beispiel:
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| Peter Ustinov, Gott und die Staatlichen Eisenbahnen. | Peter Ustinov, Der alte Mann und Mr. Smith. | Peter Ustinov, Der Verlierer. |