München 1986.
Übersetzung: Walter Widmer
Candide hielt sich nur gerade so lange in Bordeaux auf, wie nötig war, um ein paar Kieselsteine aus dem Dorado
zu verkaufen und sich einen guten zweisitzigen Wagen anzuschaffen. Ohne Martin, seinen Philosophen, konnte er
einfach nicht mehr leben. Es tat ihm nur ungemein leid, daß er sich von seinem Hammel trennen mußte. Er
vermachte ihn der Akademie der Wissenschaften zu Bordeaux, und die stellte als diesjährige Preisaufgabe
die Frage, warum die Wolle des Hammels rot sei. Der Preis wurde einem Gelehrten aus dem Norden zugesprochen,
der mit a plus b minus c geteilt durch z bewies, daß der Hammel zwangsläufig rot sein und an den Schafpocken
eingehen müsse.
Nun sagten aber alle Reisenden, die Candide in den Wirtshäusern unterwegs antraf: „Wir fahren nach Paris.“
Dieses allseitige eilfertige Hasten und Drängen machte ihm schließlich auch Lust, sich die Hauptstadt
anzusehen. Es bedeutete ja keinen großen Umweg für ihn.
Er betrat Paris durch die Vorstadt Saint-Varceau und glaubte sich in das schmutzigste Nest Westfalens
versetzt.
Kaum war Candide in seiner Herberge, so wurde er von einem leichten Unwohlsein, einer Folge der
Überanstrengung, befallen. Da er einen riesigen Diamanten am Finger trug und man in seinem Wagen eine
erstaunlich schwere Kassette bemerkt hatte, standen alsbald an seinem Lager zwei Ärzte, die er nicht
herbestellt hatte, etliche vertraute Freunde, die nicht von seiner Seite wichen, und zwei Betschwestern, die
ihm sein Süppchen warm hielten. Martin sagte: „Ich weiß noch gut, daß ich auf meiner ersten Reise in Paris
gleichfalls erkrankte. Ich war damals bettelarm, und so fand ich weder Freunde noch Betschwestern noch
Ärzte, und dennoch genas ich.“
Indessen wurde Candide vor lauter Tränklein und Aderlässen ernstlich krank. Da erschien ein Kaplan, der
in diesem Viertel atmete, bei ihm und bat ihn salbungsvoll um einen Wechsel aufs Jenseits, zahlbar an den
Inhaber. Candide aber wollte nichts davon wissen. Da versicherten ihm die Betschwestern, so sei es neuerdings
Brauch. Candide hielt ihnen entgegen, er sei kein Anhänger neuer Bräuche. Martin wollte den Kaplan zum Fenster
hinauswerfen. Da schwor der Pfaffe, man werde Candide nicht beerdigen. Martin wiederum schwor, er werde
den Pfaffen einscharren, wenn er sie weiter belästige. Der Streit wurde hitzig, Martin packte ihn beim Kragen
und warf ihn grob zur Tür hinaus. Das gab einen gewaltigen Skandal, und ein gerichtliches Protokoll wurde
aufgenommen.
Candide genas. Während seiner Genesungszeit fand sich stets eine sehr gute Gesellschaft abends an seinem
Tisch ein. Man spielte um hohe Einsätze. Candide wunderte sich über die Maßen, daß er nie ein As bekam.
Martin jedoch wunderte sich nicht darüber.
Unter den Leuten, die ihn mit den Eigenheiten und Bräuchen der Stadt bekannt machten, war auch ein
kleiner Abbé aus Périgord, einer von den sattsam bekannten scharwenzelnden, immerzu betriebsamen und
quecksilbrigen, diensteifrigen, ausgeschämten, zutunlichen und liebedienerischen, schmieg- und fügsamen
Hansdampfen, die den durchreisenden Fremden auflauern, ihnen allen Stadtklatsch und sämtliche Skandalgeschichten
auftischen und ihnen um jeden Preis Vergnügen und Lustbarkeiten bieten wollen. Zunächst führte er Candide und
Martin in die Komödie. Man spielte gerade ein neues Trauerspiel. Candide kam neben einige Schöngeister zu
sitzen, doch das hielt ihn nicht ab, bei mehreren meisterlich gespielten Szenen zu weinen. Einer der Klugschwätzer
ringsum sagte während einer Spielpause zu ihm: „Sie hätten nicht weinen sollen. Die Schauspielerin spielt
erbärmlich schlecht, und ihr Mitspieler womöglich noch schlechter. Der Autor kann kein Wort Arabisch, und
dennoch spielt das Stück in Arabien, und zudem glaubt der Wicht nicht an angeborne Ideen. Morgen bringe ich
Ihnen zwanzig Traktätchen mit, die alle gegen ihn geschrieben wurden.“
„Herr Abbé, wie viele Theaterstücke haben Sie eigentlich in Frankreich?“ fragte Candide. Der Abbé
antwortete: „Fünf- bis sechstausend.“ – „Das ist nicht wenig,“ meinte Candide. „Wieviel gute sind darunter?“ –
„Fünfzehn, vielleicht auch sechzehn“, versetzte der Abbé. – „Das ist viel“, meinte Martin.
Alsbald trat er zu ihnen, grüßte sie und lud sie ein, mit ihm in seinen Gasthof zu kommen, bei Makkaroni, lombardischen Rebhühnchen und Störrogen mitzuhalten und eine Flasche Montepulciano, Lacrimae Christi, Zypern- und Samoswein mit ihm zu leeren. Das Mägdlein wurde über und über rot, der Theatinermönch aber nahm die Einladung an, und da ging auch das Mädchen mit. Mit verwunderten und verwirrten Augen, die von Tränen getrübt waren, schaute sie Candide an. Kaum waren sie in Candides Kammer getreten, so sagte sie zu ihm: „Kennen Sie denn Paquette nicht mehr, Herr Candide?“ Candide hatte sie bisher nicht weiter beachtet, weil er immer nur an Kunigunde dachte; jetzt aber sagte er zu ihr: „Ach weh, liebes Kind, Sie haben also den Doktor Pangloß in den netten Zustand versetzt, in dem ich ihn wiedergesehen habe?“ – „Ach, Herr Candide, ich war's“, entgegnete Paquette. „Ich sehe, Sie wissen alles schon. Ich habe erfahren, welch entsetzliches Unheil der ganzen Familie der gnädigen Frau Baronin widerfahren ist und was für ein schreckliches Ende Fräulein Kunigunde genommen hat. Ich schwöre Ihnen, mein Los ist nicht minder traurig gewesen. Als Sie mich kannten, war ich noch ein unschuldiges Ding. Ein Franziskanermönch, mein Beichtvater, verführte mich dann auch ohne große Mühe. Die Folgen meines Fehltritts waren greulich. Ich mußte das Schloß verlassen, nicht lange nachdem Sie der Herr Baron mit kräftigen Fußtritten in den Hintern fortgejagt hatte. Hätte sich nicht ein berühmter Arzt meiner erbarmt, so wäre ich jetzt längst tot. Ich war eine Zeitlang aus lauter Dankbarkeit seine Geliebte. Seine Frau, eine rechte Furie, die rasend eifersüchtig war, prügelte mich unbarmherzig jeden Tag. Dieser Arzt war sündenhäßlich, der garstigste Wicht, den man sich denken kann, und ich war das unglücklichste Geschöpf auf Gottes Erdboden, weil ich mich unaufhörlich wegen eines Mannes mußte prügeln lassen, den ich gar nicht liebte. Aber Sie wissen ja, lieber Herr, wie gefährlich es für ein zänkisches Weib ist, die Ehefrau eines Arztes zu sein. Eines Tages gab er ihr, weil er nicht mehr aus und ein wußte vor dem Gezeter und den ewigen Szenen, die ihm sein Weib machte, zur Linderung eines unbedeutenden Schnupfens ein so wirksames Tränklein ein, daß sie nach nicht ganz zwei Sunden unter gräßlichen Krämpfen verschied. Ihre Verwandten strengten einen Halsprozeß gegen ihn an, er machte sich schleunig aus dem Staub, und ich wurde ins Gefängnis geworfen. Meine Schuldlosigkeit hätte mich nicht gerettet, wäre ich nicht leidlich hübsch gewesen. Der Richter ließ mich laufen, freilich unter der Bedingung, daß er des Arztes Nachfolger wurde. Bald wurde ich von einer Rivalin ausgestochen und ohne Lohn zum Teufel gejagt. Ich war daher gezwungen, das abscheuliche Handwerk weiterzubetreiben, das euch Männern so vergnüglich vorkommt, das aber für unsereinen nur ein Abgrund bittersten Elends ist. Ich ging nach Venedig, um es hier auszuüben. Ach, Herr, wüßten Sie, was es heißt, mit den erstbesten schlafen zu müssen, bald mit einem alten geilen Handelsmann, dann wieder mit einem Advokaten, einem Mönch, einem Gondoliere oder einem Abbé! Wüßten Sie, wie weh es tut, allen erdenklichen Beschimpfungen und Mißhandlungen ausgesetzt zu sein, oft vor bitterer Armut einen Rock ausborgen zu müssen, nur damit ihn dann irgendein ekelhafter Schmutzfink hochheben kann, von einem um das bestohlen zu werden, was man mit dem andern verdient hat, von den Gerichtsbeamten erpreßt zu werden, und als einzige Aussicht ein grauenvolles Alter vor sich zu haben, das Spittel oder einen Misthaufen, auf dem man verendet, dann kämen Sie zu den Schluß, daß ich eines der unglücklichsten Geschöpfe bin, die Gott erschaffen hat.“
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| Voltaire, Candide oder Der Optimismus. | Voltaire, Sämtliche Romane und Erzählungen. | Jean Orieux, Das Leben des Voltaire. |