„Eigentlich ist die Sprache ein Ausdrucksmittel. Leider wird sie aber sehr oft als Eindrucks- und sogar als Druckmittel mißbraucht.
(Ernst Ferstl, *1955)“
Ist Ihnen auch aufgefallen, daß heute bei den sprachlichen Fehlern zwei Arten vorherrschen: die Fehler, die auf peinlicher Unkenntnis der Grundregeln der Muttersprache beruhen, und diejenigen, durch die mit Hilfe der Sprache die Wichtigkeit der eigenen Person ausgedrückt werden soll? Und daß gerade sogenannte gebildete Personen diese Fehler hervorbringen und weiterverbreiten? Ein Fernsehgerät habe ich zum Glück schon seit zehn Jahren nicht mehr (die kaum verhüllte Gleichschaltungs- und Entmündigungskampagne durch Wirtschaft und Politik war nicht mehr zu ertragen), aber wenn ich Radiosendungen höre und erst recht beim Zeitunglesen wird mir übel. Heutzutage wird von Journalisten offensichtlich nicht mehr verlangt, daß sie ihre Muttersprache wenigstens einigermaßen gut beherrschen – bei den meisten Wirtschafts- und Sportjournalisten muß man zweifeln, ob sie jemals eine Schule besucht haben. Vertreter aus Wirtschaft und Politik merken nicht mehr, wie lächerlich sie sich machen: Sie fordern gründliche Schulbildung und können selbst kaum einen grammatikalisch korrekten und vor allem keinen stilistisch ansprechend formulierten Satz bilden. Sie möchten die Universitäten in Berufsausbildungszentren umfunktionieren, an denen die Studenten in möglichst kurzer Zeit möglichst viel stupide auswendiglernen und von eigenständigem Denken und eigenverantwortlichem Handeln möglichst abgehalten werden sollen, und legen durch Formulierung und Inhalt ihrer Reden gleich den Grund hierfür bloß – die Bemühungen von Schulen und Hochschulen, ihren Verstand und Charakter zu bilden, haben offenbar ebensowenig Spuren hinterlassen wie Farbe auf verrottetem Holz. Eine Zeitlang habe ich relativ viele Examensarbeiten aus verschiedenen Fachbereichen gelesen. Unweigerlich schockierend waren die Arbeiten aus den Fachbereichen, deren Absolventen mit besonders ausgeprägtem ... Selbstbewußtsein gesegnet sind: Betriebswirtschaft, Jura, Medizin, Informatik. Es ist keine Übertreibung, daß 80 % der von dieser selbsternannten Elite produzierten Sätze zwei und mehr Deutschfehler enthielten, und dies obwohl diese Arbeiten, in denen die Autoren eigentlich ihre Befähigung zu wissenschaftlicher Analyse und Schlußfolgerung unter Beweis stellen sollten, zu neunzig Prozent aus Zitaten bestanden (keine Leistung, die ein Studium erfordert).
„Ich darf nicht mit ins Kino, weil ich bin zu jung.“
Dies ist einer der Fehler, bei denen ich mich frage, wie sie sich derart massenhaft in die Sprache einschleichen können. Denn niemand wird jemals irgendwo einen Satz mit dieser falschen Satzstellung gelesen haben. Noch vor einigen Jahren mußte man schon beinahe ein Analphabet sein, um nicht zu wissen, daß „weil“ eine Inversion nach sich zieht, oder diese Inversion automatisch vorzunehmen, ohne von der Grammatikregel wissen. Unverständlich ist auch, wieso sich die Falschsprecher ausgerechnet das „weil“ herausgepickt haben. Schließlich wird die Syntax nicht nur in allen Kausalsätzen, sondern überhaupt in einem Großteil der mit Konjunktionen eingeleiteten Nebensätze umgekehrt. Aber niemand sagt „obwohl ich bin zu jung“ oder „damit ich bin zu jung“.
„Das Lied, wo ich gestern gesungen habe.“
„Die Minute, wo ich es verstanden habe.“
Sind die Relativpronomina „der“, „die“, „das“ und ihre Deklinationen wirklich so entsetzlich schwer im Gedächntnis zu behalten, daß man sie durch ein völlig deplaziertes „wo“ ersetzen muß? Klingt dieses Adverb doch schon bei den meisten Ortsangaben sehr ungeschliffen (das Haus, wo ich wohne – das Haus, in dem ich wohne), ist es hier einfach nur falsch.
„Das Thema, was wir besprochen haben.“
Das neutrale Relativpronomen heißt „das“ und nicht anders. Nur Wichtigsprecher wissen nicht, daß „was“ ein Frage- und kein Relativpronomen ist.
„Ich bin größer wie er.“
„Mache das so schnell als möglich.“
Und noch einer dieser Fehler, die man nirgends lesen oder hören sollte. Als Vergleichspartikel bezieht sich „wie" ausschließlich auf gleichrangige Gegenstände. Für den Komparativ ist „als“ zuständig.
„Ich muß überlegen, wieviel Material daß ich brauche.“
Noch so ein Fehler, den man früher höchstens von Menschen ohne Zugang zu ordentlicher Bildung gehört hat. Heute hört man ihn besonders häufig von Managern.
„Ich bin der einzigste“
„In keinster Weise“
Logischerweise kann man absolute Konzepte nicht steigern. „Der einzigste“ ist ebenso unsinnig wie etwa „der nulltere“
oder „die allesten“.
In dieselbe Kategorie gehört auch die Mode-Formulierung „das ist mehr als ...“,
die zwar manchmal paßt, meist aber nicht. So ist zum Beispiel „mehr als eindeutig“ völliger Unsinn
– entweder eindeutig oder nicht, aber was soll mehr als eindeutig sein? Zweideutig? Vieldeutig?
„In 1999“
Entweder „im Jahre 1999“ oder einfach „1999“, aber doch nicht „in 1999“. Das klingt wieder einmal nach einer dieser Konstruktionen, die ohne Sinn und Verstand aus dem Englischen übernommen wurden.
„Kann ich Sie helfen?“
„Ich muß sie etwas geben.“
„Ich gehe mit meine Kinder in die Stadt.“
„Wem sein Buch ist das?“
„Wegen dem Regen konnte ich nicht kommen.“
„Gib mir ein Kuß.“
Ich weiß, so sagt man in bestimmten Regionen. Aber mittlerweile ist die Unfähigkeit, zu deklinieren, derart weitverbreitet, daß sie mit Dialekten nicht mehr zu erklären ist – zumal die meisten dieser Falschsprecher keineswegs einen Dialekt sprechen.
„Gib noch ein Fisch bei die anderen.“
Noch schlimmer wird es, wenn zur Deklinierunfähigkeit auch noch eine Unkenntnis der Präpositionen kommt.
„Er käuft ein Buch.“
Unwahrscheinlich. Wer mit Büchern vertraut ist, „käuft“ nicht, sondern er „kauft“.
„Die Ausgabe von den Büchern“
„Von“ verwendet man nur dann anstelle des Genitivs, wenn es sich um ein unbestimmtes Substantiv im Plural (Bücher – die Ausgabe von Büchern) handelt, nie aber bei einzelnen unbestimmten Substantiven im Singular (ein Buch – die Ausgabe eines Buches); bei einzelnen bestimmten Substantiven ohnehin nicht (das Buch/die Bücher – die Ausgabe des Buches/der Bücher).
„Das Erdbeben kostete vielen das Leben.“
„Das wird ihm den Kopf kosten.“
„Das kommt dir teuer zu stehen.“
Nach dem Genitiv soll nun also auch noch der Akkusativ abgeschafft werden. Wenn das so weitergeht, gibt es bald nur noch den Nominativ.
„Das Fenster ist auf.“
„Offen“ oder „geöffnet“, aber doch nicht „auf“. Auf was soll es denn sein?
„Dort befindet sich ein Haus und ein Baum.“
„Eine große Menge Menschen standen an der Ecke.“
Zumindest zwischen Singular und Plural sollte ein denkender Mensch doch unterscheiden können.
„Glauben Sie, ob das funktionieren wird?“
Eine beliebte Journalistenfrage, bei der mir immer die Antwort auf der Zunge liegt: „Ich glaube, daß Ihnen ein Deutschkurs nicht schaden würde.“
„Ich und meine Kollegen“
Egozentrik statt grundlegender Höflichkeit.
„Er sagte, er hat Hunger.“
In der gesprochenen Umgangssprache mag dies durchaus akzeptabel sein, aber doch nicht in der Schriftsprache (er habe Hunger).
„Ich denke, er wird es schaffen.“
„Wird er heute kommen?“ „Ich denke, ja.“
Diese Betonung des Denkens wäre ja gut und schön, wenn damit tatsächlich ein allgemeines Denken einherginge. Aber meist ist mit „ich denke" ja kein Denken gemeint, sondern ein Vermuten, Glauben oder Annehmen. Amüsant ist es natürlich, wenn jemand die eigentlich zutreffende Antwort „ich nehme es an“ oder „das vermute ich“ durch ein simples „Ich denke.“ ersetzt. Wie beruhigend. Besonders schön ist es auch, wenn der Sprecher die Einmaligkeit des Ereignisses hervorhebt: „Ich denke jetzt 'mal.“ Oder wenn er gar den Irrealis verwendet: „Ich würde jetzt einmal denken“.
„Ich habe das Bild aufgehangen.“
„Das Bild hat an der Wand gehängt.“
Zustandsverb: hängen – hing – gehangen. (Es hat an der Wand gehangen.) Vorgangsverb: hängen – hängte – gehängt. (Ich habe es an die Wand gehängt.) Das ist doch wirklich nicht schwierig, oder?
„Ich habe mich erschreckt“
„Ich habe mich erschrocken“
Kann ich mich selbst erschrecken? Nein, im Normalfall nicht. Ich kann nur erschrecken. Ich erschrecke –
ich erschrak – ich bin erschrocken.
Nur ein anderer kann mich erschrecken. Er erschreckt mich – er erschreckte mich – er hat mich erschreckt.
Der simple Unterschied zwischen einem transitiven (mit Akkusativobjekt) und einem intransitiven Verb (ohne
Akkusativobjekt) dürfte mit logischem Denkvermögen nicht allzu schwer zu begreifen sein.
„Ich war schon einmal in Berlin gewesen.“
„Gestern hatte ich ein Buch gelesen.“
Im Deutschen gibt es eine einzige zulässige Verwendung des Plusquamperfekts: als Vorvergangenheit zu Präteritum oder Perfekt. „Gleich nachdem ich beim Arzt gewesen war, bekam ich einen Schnupfen.“ „Ich hatte gerade einen neuen Stift gekauft, als ich den alten wiederfand.“ Für alles andere sind Präteritum und Perfekt zuständig.
„Das macht Sinn.“
Entweder es hat Sinn – sonst ist es sinnlos – oder es ergibt Sinn – sonst ist es unsinnig –, aber Sinn kann man nicht machen.
„Schule kann das nicht leisten.“
„Von Politik kann man das nicht erwarten.“
Neuerdings ist immer häufiger zu hören, daß diejenigen, die sich und ihr Thema für ganz außerordentlich wichtig halten, die Artikel weglassen. Aber „Schule“ ohne Artikel ist ein Eigenname. Wer sind die Personen namens Schule und Politik, von denen man etwas nicht erwarten kann?
„Das ist eine ganz spannende Geschichte.“
„Diese Geschichte wird noch ein Nachspiel haben.“
Nein, der Sprecher meint damit nicht eine Erzählung oder ein Buch, sondern schlicht und ergreifend eine Angelegenheit. Kürzlich habe ich eine besonders absurde Anwendung dieses Modewortes gehört: „Abends ziehen die Männer gerne ihre Krawatten- und Anzuggeschichten aus.“ Was ist eine Krawattengeschichte? Und wie zieht man eine Geschichte aus?
„Wir sind hingegangen und haben es anders gemacht.“
Liegt Ihnen dabei auch immer die Frage auf der Zunge: „Wo sind Sie hingegangen?“ In Nichtwichtigsprecher-Deutsch heißt dieser Satz ganz einfach: „Wir haben es anders gemacht.“
„Ich habe mich schlau gemacht“
Hier ist wohl der Wunsch der Vater des Ausdrucks. Schlau ist man oder man ist es eben nicht. Aber niemand kann sich selbst schlau machen. Zudem bezeichnet dieser Ausdruck meist das bloße Sammeln von Informationen – was nun beim besten Willen nichts mit Schläue zu tun hat.
„unterprivilegiert“
Ein Privileg ist ein Vorrecht, ein Unterprivileg demnach ein Vorrecht in einer Hierarchie von Vorrechten unterschiedlichen Ausmaßes. Da gibt es kein Deuteln und kein „man kann das verschieden verstehen“: Ein unterprivilegierter Mensch ist ein Mensch, der gewisse Vorteile und Rechte genießt, auf die andere keinen Anspruch haben. In der Regel meint ein Sprecher mit diesem Wort jedoch keineswegs einen seiner Sonderrechte wegen beneidenswerten Menschen (unter-privilegiert), noch nicht einmal einen Menschen ohne Sonderrechte (un-privilegiert), sondern einen übel benachteiligten oder vernachlässigten Menschen (unter-un-privilegiert). Er möchte es lediglich, aus welchen Motiven auch immer, vermeiden, ein Unrecht ein Unrecht zu nennen.
„Das ist eben Murphy's Law“
Zugegeben: Diese Kritik ist nicht eigentlich sprachlicher, sondern inhaltlicher Natur (obschon ich bei vielen, die diesen Begriff verwenden, bezweifle, daß sie ihn korrekt schreiben könnten). Doch sie beruht auf demselben Phänomen wie viele hier genannte sprachliche Aspekte, nämlich dem blöden Nachplappern leerer Phrasen ohne Kenntnis der tatsächlichen Bedeutung. Oder wissen Sie, wer Edward A. Murphy ist? Aus welchem Anlaß er dieses Gesetz formulierte und wie es genau lautet? Und wenn Sie nicht wissen, wie das von Murphy formulierte Gesetz tatsächlich lautet, wie können Sie dann behaupten, daß ein Ereignis diesem Gesetz folgt?
„Ein Fremdwort ist wie ein unscharfes Photo.
Karl Heinrich Waggerl, 1897–1973)“
Haben Sie schon einmal folgendes ausprobiert: Wenn jemand einen vor Fremd- und Lehnwörtern strotzenden Satz von sich gibt, bitten Sie ihn einfach, dasselbe noch einmal auf Deutsch zu sagen oder zumindest kurz und knapp zu erklären, was er meint. In den allermeisten Fällen werden Sie feststellen, daß er weder das eine noch das andere kann. Abgesehen von einigen wenigen Fremdwörtern der Fachsprachen ersetzen Fremdwörter ein allgemeinverständliches, meist auch wesentlich treffenderes und anschaulicheres deutsches Wort. Treffender ist es nicht wegen irgendeiner angeblichen größeren Exaktheit der deutschen Sprache, sondern schlicht, weil es sich in seiner Form und Bedeutung im Zusammenhang der deutschen Sprache und des deutschen Denkens entwickelt hat und sich daher naturgemäß besser in diesen Zusammenhang einfügt als Wörter aus anderen kulturellen Zusammenhängen. Wer auf Bedeutung statt modernistischen Klang Wert legt, kennt diese deutschen Wörter auch. Hinzu kommt, daß die meisten Menschen, wenn sie Fremdwörter verwenden, mit deren genauer Bedeutung nicht vertraut sind. Sie haben sie irgendwo gelesen oder gehört, als wohl- und wichtigklingend empfunden und übernommen, ohne sie wirklich zu verstehen oder sich um den Zusammenhang zu kümmern.
inkludieren
präferieren
sich fokussieren
allozieren
Applikation (im Computerbereich)
Zirkulation
kontaktieren
artifiziell
Cerealien
Cellulite
Friktion
Methodologie
Nur einige Beispiele für Fremdwörter, mit denen sich deutsche Autoren/Sprecher gerne lächerlich machen. Bei einem Großteil der neudeutschen Fremdwörter ist deutlich zu erkennen, daß sie unter völliger Unkenntnis der deutschen Sprache aus englischen Wörtern abgeleitet wurden. (In der germano-romanischen Mischsprache Englisch sind diese Wörter hingegen durchaus keine Fremdwörter, sondern Teil des romanischstämmigen Sprachbestandes. Das macht ihre Verwendung im Deutschen als dem Deutschen fremde Wörter erst recht lächerlich.) Einige der Wörter sind zudem nicht einfach nur lächerlich, sondern schlichtweg falsch, „sich fokussieren“ etwa. Denn „fokussieren“ bedeutet, etwas auf einen Zielpunkt auszurichten, eine reflexive Form dieses Verbs gibt es naturgemäß nicht. Die neudeutschen Wichtigsprecher meinen damit hingegen etwas völlig anderes, nämlich „sich konzentrieren“.
downloaden – gedownloadet/downgeloadet
upgraden – geupgradet/upgegradet
Assessment
Background
Benchmark
Checkliste
Service Point
Ticket Counter
Lounge
Postage Point
Customer Service
Drink
Body
Dealer
toppen
Flyer
Nur einige Beispiele für Anglizismen, mit denen sich deutsche Autoren/Sprecher gerne lächerlich machen.
Post und Bahn haben sich mit ihren kundenfeindlichen pseudoenglischen Bezeichnungen übrigens bereits den Titel der „Sprachpanscher des Jahres“ eingebracht. Viele andere Unternehmen und Personen verdienten ihn ebenfalls. Besonders beliebt sind diese pseudoenglischen Wörter bei Marketing-„Expterten“, die meinen, dadurch besonders dynamisch und modern zu wirken, denen allerdings völlig entgeht, daß sie weder von englischen Muttersprachlern noch von ihrer Zielgruppe verstanden oder auch nur ernstgenommen werden.
„Diese Thematik ist schrecklich kompliziert.“
„Diese Problematik haben wir schon besprochen.“
Natürlich handelt es sich hier um ein Thema und ein Problem. Der Sprecher will sich lediglich wichtigmachen. Die Endung „-ik“ bezeichnet immer ein System, nie einen konkreten Fall.
„Man muß seine Befindlichkeit kennen.“
Man muß vor allem erkennen, daß es eine Befindlichkeit nicht gibt. Es gibt ein Befinden, und eine Sache kann irgendwo befindlich sein. Eine Befindlichkeit wäre also die Abstrahierung der Tatsache, daß sich etwas an einem bestimmten Ort befindet. Absurd. Was das immer häufiger verwendete und in den allermeisten Fällen völlig unsinnige Mode-Suffix „-keit“ in diesem Fall ausdrücken soll, ist die Verfassung eines Menschen oder auch seine Geisteshaltung, eventuell auch seine Ansprüche. Aber um das richtige deutsche Wort zu finden, muß man eben genau unterscheiden und wissen, was man meint und sagen möchte. Da ist ein schwammiges, nichtssagendes Neuwort natürlich viel bequemer. Doch ehe man neue Wörter bildet, sollte man die Regeln der Wortbildung und die Bedeutung der verwendeten Wörter und Silben kennen.
„Man muß sich an den Realitäten orientieren.“
Wie die meisten abstrakten Substantive hat auch die Realität keinen Plural. Er wäre auch absurd.
„Er hat das nicht realisiert.“
Dieser Satz soll bedeuten: „Er hat es nicht begriffen.“ Tatsächlich bedeutet er aber: "Er hat es nicht in die Tat umgesetzt.“ Wenn man Fremd- und Lehnwörter verwendet, sollte man deren Bedeutung kennen. Daß dasselbe Wort zum Beispiel im Englischen die Bedeutung „begreifen“ hat, heißt noch lange nicht, daß es diese Bedeutung auch im Deutschen haben muß. Dafür gibt es zahllose Beispiele: „sympathy“ hat nicht dieselbe Bedeutung wie „Sympathie“, noch mehr gilt das für „sympathetic“; „anticipate“ darf auf keinen Fall mit „antizipieren“ übersetzt werden; „specific“ hat nichts mit „spezifisch“ zu tun; das englische „clever“ hat eine andere Bedeutung als das deutsche; mit „Handy“ als Substantiv kann ein Engländer nichts anfangen, schon gar nicht kann er es als Mobiltelefon identifizieren.
„Er ist ein fürchterlicher Pendant.“
Noch einmal: Wer Fremdwörter und Lehnwörter verwendet, sollte deren Bedeutung kennen. Anderenfalls zieht man anstelle eines Kaninchens leicht einen Fuchs aus dem Hut.
„Wir haben das Meeting gecancelt.“
„Er kann das nicht händeln.“
„Beim Faden des Sounds braucht man viel Feeling.“
Wenn ein Sprecher zahlreiche Anglizismen verwendet, beweist er dadurch dreierlei: Erstens, daß er seine Muttersprache nicht beherrscht. Zweitens, daß er das Englische nicht beherrscht. Drittens, daß er ein zwanghaft „moderner“ Wichtigtuer ist. Natürlich, wenn sich jemand lächerlich machen möchte, ist das seine Angelegenheit (wenn sie es nur merkten!). Fatal ist, daß schon Kinder früh mit diesen falsch geschriebenen und falsch angewandten Wörtern überflutet werden. Wie schwer muß es ihnen dann fallen, in der Schule zuerst dieses Pseudodeutsch und Pseudoenglisch zu ver- und dann korrektes Deutsch und Englisch zu erlernen. Leider leistet der Duden, der ja trotz seiner zahllosen Fehler nach wie vor von vielen Menschen als Referenzwerk erachtet wird, dem sogar noch Vorschub. Eine der Nachdeformausgaben nennt zum Beispiel das weder deutsche noch englische Wort „Payingguest“. Was ein zahlender Gast ist, weiß jeder. Was ist mit diesem allgemeinverständlichen Ausdruck nicht in Ordnung? Wieso muß man ihn durch etwas derart absurdes ersetzen?
„Höchste Geistes- und Seelenbildung bekundet es, alles in seiner Muttersprache sagen zu können. (G. W. F. Hegel, 1770–1831)“
Je mehr vermeintliche und tatsächliche Kenntnis der deutschen Sprache auseinanderklaffen, desto seltener liest man Sätze mit korrekter Syntax. Ebenso wie bei dem Beharren auf exakter und korrekter Wortwahl geht es mir auch hier nicht um eine schön aufpolierte Oberfläche, sondern um das, was sich unter dieser Oberfläche verbirgt. Die Syntax ist der sprachliche Ausdruck der einem Satz zugrundeliegenden Logik. Wer das, was er sagen möchte, vor dem Sprechen oder Schreiben durchdenkt, verwendet automatisch eine logische Syntax. Ein syntaktischer Bruch spiegelt in aller Regel einen „Knick“ im Denken wider.
„Einzelne Zweige der Hierarchie können erweitert werden, indem Sie darauf klicken.“
Das heißt: Diese Zweige werden nur dann erweitert, wenn Sie darauf klicken. Nur bei Ihnen funktioniert dieses Verfahren, jeder andere Anwender muß zwangsläufig scheitern.
Hier haben wir es mit dem häufigsten neudeutschen Syntaxfehler zu tun, dem syntaktischen Bruch zwischen Hauptsatz (unpersönliche Passivkonstruktion, Subjekt sind die „Zweige“) und Nebensatz (persönliche Aktivkonstruktion, Subjekt ist „Sie“), der ausnahmslos dazu führt, daß der Satz in sich unlogisch ist. Sicher haben auch Sie schon in der Grundschule gelernt, daß der Nebensatz immer dasselbe Subjekt haben muß wie der Hauptsatz. Korrekt wäre entweder „können durch Anklicken erweitert werden“ oder „können Sie erweitern, indem Sie“ oder „kann man erweitern, indem man“.
„Diese Anwendungen können selbständig verwendet werden, um ein vollwertiges Kundenverwaltungssystem zu erhalten.“
In diesem Beispiel wird die beabsichtigte Aussage durch denselben doppelten Syntaxfehler wie im ersten Beispiel verzerrt, denn dieser Satz bedeutet: Diese Anwendungen können so verwendet werden, daß sie selbst ein Kundenverwaltungssystem erhalten. Das ist mit Sicherheit nicht gemeint. Der erste Satzteil ist eine Passivkonstruktion mit den Anwendungen als Subjekt, der zweite eine Aktivkonstruktion, deren Subjekt der Anwender ist. Korrekt wäre also „können Sie verwenden, um zu/damit Sie“.
„Ich lasse ihn in Ruhe, um mit seiner Arbeit fertigzuwerden.“
Dieses Beispiel veranschaulicht auf sehr einfache Art die unzulässige Einführung eines neuen Subjekts in einer „um zu“-Konstruktion. Ebenso wie Nebensätze beziehen sich auch Sätze mit erweitertem Infinitiv naturgemäß immer auf das Subjekt des unmittelbar übergeordneten Satzteils. Sie sind quasi eine Erweiterung des übergeordneten Verbs – wie könnten sie also ein anderes Subjekt haben? Dieser Satz bedeutet demnach: Ich lasse ihn in Ruhe, damit ich mit seiner Arbeit fertig werde. Gemeint ist allerdings: Ich lasse ihn in Ruhe, damit er mit seiner Arbeit fertig wird – und genau so drückt man das in korrektem Deutsch auch aus.
„Die Menschen haben, wie es scheint, die Sprache nicht empfangen, um die Gedanken zu verbergen, sondern um zu verbergen, daß sie keine Gedanken haben.
(Søren Kierkegaard, 1813–1855)“