Reform??

Ich habe nichts dagegen, wenn im Frieden Schwachköpfe in den hohen Ämtern sitzen. Aber im Krieg sollte man zum Kriegsminister nur einen Mann bestellen, der eine Landkarte von einem Teppichmuster unterscheiden kann. (Lion Feuchtwanger)

Dieser Artikel entstand 2002. Mittlerweile wurden viele der neuen Regeln wieder zurückgenommen, zum Beispiel ein Großteil der unsinnigen Regeln über die Zusammen- oder Getrenntschreibung. Aber der Schaden ist angerichtet. Die Zahl derjenigen Deutschen, die – egal nach welcher Regelung – richtig schreiben können, ist von der überwiegenden Mehrheit auf einen verschwindend kleinen Bruchteil gesunken. Die Erfinder dieser Dekulturalisierungsstrategie haben sich ein wahrhaft unvergeßliches (und unverzeihliches) Denkmal gesetzt.

Also, für mich ist der Duden ja schon seit ungefähr 1990 eine Propagandaschrift zur Förderung des Analphabetentums, spätestens seit er beschloß, man könne ab sofort statt „als“ auch „wie“ als Vergleichspartikel verwenden. Im Gegensatz zu den Duden-Gewaltigen gehe ich jedenfalls grundsätzlich davon aus, daß es sich beim Menschen um ein intelligentes Lebewesen handelt – intelligent genug jedenfalls, um den Unterschied zwischen „als“ und „wie“ zu begreifen. Nach welchem Prinzip die „Fachleute“ in der Rechtschreibkommission ausgewählt wurden, ist mir schleierhaft, denn sprachliche Fachkenntnis ist hier weit und breit nicht zu sehen.

Schon der Begriff „Rechtschreibreform“ ist etwas hochgegriffen, handelt es sich doch ausschließlich um eine Schulschreibreform. Denn laut Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom Juli '98 ist die Rechtsverbindlichkeit der Neuregelung ausdrücklich auf den Bereich der Schulen beschränkt, während die Rechtschreibung davon nicht betroffen ist. Nur den Kindern soll also ihr natürliches Sprachgefühl ausgetrieben und dafür eingetrichtert werden, sich statt an Logik und gesundem Menschenverstand an staatlichen Dogmen zu orientieren. Auch von einer „Reform“ kann nicht die Rede sein. Ein Regierungsdekret, das sowohl die Grundlagen der Sprache als auch den tatsächlichen Sprachgebrauch mit unglaublicher Arroganz und Ignoranz als unerheblich abtut, hat mit einer Reform nicht das geringste gemein. Bis 1998 war die rechte Schreibung das, was von den Schreibenden und Sprechenden mehrheitlich akzeptiert und praktiziert und in der Folge in Form allgemeingültiger Regeln festgehalten wurde. Wird diese Reihenfolge umgekehrt, kann es sich nur um eine Sprachvergewaltigung handeln, um eine amtliche Falschschreibung. Die einzige „Rechtschreibreform“ dieser Art, die jemals versucht und erfolgreich durchgesetzt wurde, fand 1917 in Rußland statt – die Nichteinhaltung der Neuregelung wurde als konterrevolutionärer Akt betrachtet und entsprechend geahndet.

Die „Reform“ macht die Sprache einfacher.

Für alle Leser, die die Phase des Buchstabierens hinter sich gelassen haben, dürfte eher das Gegenteil zutreffen. Sie erfassen Wörter und Sätze als Einheiten, was die neue „Rechtschreibung“ jedoch häufig verhindert. Durch die geänderte Schreibweise (groß/klein, getrennt/zusammen, Silbentrennung) ist der Sinn der Wörter oft nicht mehr unmittelbar erkennbar, und durch die neuen Kommaregeln ist der Satz nicht mehr in logische Teile gegliedert. Die „Reformer“ behaupten, ihre „Reformen“ änderten den Sinn von Wörtern und Sätzen nicht. Aber gerade das trifft eben nicht zu.
„Der Vater empfahl dem Lehrer nicht zu widersprechen.“ Was heißt das nun? Der Vater empfahl, dem Lehrer nicht zu widersprechen? Oder: Der Vater empfahl dem Lehrer, nicht zu widersprechen? Oder: Der Vater empfahl dem Lehrer nicht, zu widersprechen?

Der Lesefluß wird gehemmt, der Verstand ist mit Wort- und Satzbauerkennung beschäftigt, statt sich um den Inhalt und dessen Bedeutung zu kümmern. Je mehr wir beim Schreiben weglassen und (vermeintlich) vereinfachen, desto mehr müssen wir uns beim Lesen anstrengen, wobei diese Mühe nun oft genug sogar vergeblich bleibt, weil dem Text kein eindeutiger Sinn mehr zu entlocken ist.

Die „Reform“ erleichtert den Kindern das Schreibenlernen.

Was für ein Mumpitz. Für diese Aussage kann es nur zwei Gründe geben, und keinen von beiden sollten wir akzeptieren: Entweder die Verantwortlichen halten unsere Kinder für so dumm, daß man ihnen die Rechtschreibung nicht beibringen kann, oder sie wollen sie so dumm machen, daß sie die korrekte Rechtschreibung nicht mehr begreifen können. Vielleicht sollten die Herren Minister und Verleger doch besser nicht von sich auf andere schließen. Möglicherweise gehören sie jedoch auch selbst zu der Sorte Eltern, die lieber nicht mit ihren Kindern belastet werden möchte, die den Kindern lieber den Fernseher als die Hausaufgaben erklärt und sie lieber nicht erzieht, um alle Auseinandersetzungen zu vermeiden. Natürlich gibt es faule Kinder, aber sollte man die wirklich zum Maßstab machen? Wissen wir nicht alle, daß es die Kinder, die nie gefordert wurden, sind, die später ihre Eltern und Erzieher verfluchen? Woher sollen die Kinder Erfahrung, Denkvermögen, Charakter und Wissen bekommen, wenn Eltern und Erzieher nicht den Mut haben, ihnen etwas beizubringen?

Richtiges Schreiben ist keineswegs allein eine Frage des Deutschunterrichtes. Voraussetzung sind Allgemeinbildung, Weltoffenheit und sehr viel Lesen. Hat ein Kind einmal ein spannendes Buch über Känguruhs oder den Tolpatsch gelesen, so wird es nie wieder vergessen, wie diese Substantive geschrieben werden. Eine gewaltsame Änderung der Schreibweise wird demnach niemandes Fähigkeit, richtig zu schreiben, erhöhen. Dies kann nur durch eine Anhebung des allgemeinen kulturellen Niveaus und Bewußtseins geschehen.

Die Schreibung der englischen Sprache ist um einiges komplizierter als die der deutschen, und trotzdem erlernen die Kinder sie dank guten Unterrichts. Die Schreibung der amerikanischen Sprache wurde auf das allereinfachste Niveau reduziert, und trotzdem sind 30 Prozent der amerikanischen Abiturienten (!) quasi Analphabeten. Sollte dies auch das Ziel unserer Politiker sein?

Und was den Inhalt der „Reform“ selbst angeht: Bisher konnte mir noch niemand überzeugend erklären, inwiefern eine Schreibung, die im Widerspruch zu Grammatik, Phonetik, Etymologie und nicht zuletzt Logik steht, leichter zu erlernen sein soll als eine in sich logische und harmonisch in das sprachliche Gesamtsystem eingebettete Schreibung, in der die Sprachentwicklung zwar einige Ungereimtheiten hinterlassen hat, die sich aber durch die weitere Sprachentwicklung auf ganz natürliche Art von selbst auflösen werden.

Wie rechtfertigt man, was nicht zu rechtfertigen ist?

Haben Sie ein wenig mitverfolgt, was so alles in die amtlichen Erlasse und Urteile zur „Rechtschreibreform“ hineingeschrieben wurde? Es ist schon recht unterhaltsam, wie hier krampfhaft nach Erklärungen für Unerklärliches gesucht wird. Einige Beispiele ...

„Die Neuregelung der Rechtschreibung orientiert sich vor allem an den Bedürfnissen von Schülerinnen und Schülern und hat insgesamt den 'Normalbürger' im Blick.“
Welche Bedürfnisse haben Schüler? Haben alle Schüler dieselben Bedürfnisse? Nein, natürlich nicht. Um die Bedürfnisse welcher Schüler soll es also gehen? Und was haben wir unter einem „Normalbürger“ zu verstehen?
„Künstler können auch in Zukunft wie bisher selbstverständlich frei mit der Sprache umgehen und sie im Zuge ihres literarischen Schreibens individuell gebrauchen. Sie brauchen sich dabei um Orthographieregeln wie bisher nicht zu kümmern.“
Wieso dürfen oder können nur Künstler frei mit der Sprache umgehen? Wieso dürfen oder können nur Künstler die Sprache individuell gebrauchen? Haben wir also eine Zweiklassengesellschaft aus „Normalbürgern“ und „Künstlern“? Wer ist überhaupt ein Künstler? Wer hat beschlossen, daß sich Künstler nicht um Orthographieregeln zu kümmern haben? Ich zumindest kenne niemanden, der bewußter mit Orthographieregeln umgeht als ein guter Schriftsteller. Sind Schriftsteller demnach keine Künstler? Und ist das nun die oft zitierte Lernerleichterung für Kinder, daß sie in Schulbüchern die eine und in literarischen Büchern die andere Schreibweise lesen?
„Tatsächlich betrifft die geplante Neuregelung ausschließlich das Schreiben in Behörden und Schulen.“
Ach so, die zwei Klassen sind nun also doch nicht Normalbürger und Künstler, sondern Beamte und Schüler einerseits und alle anderen Menschen andererseits. Oder heißt das jetzt, daß alle Menschen, die weder Beamte noch Schüler sind, automatisch zu den Künstlern gehören?

Vandalismus

Da wir schon bei den Künstlern sind, kann ich es mir nicht verkneifen, einen Punkt zu erwähnen, der mich nun schon mehrmals bewogen hat, ein Buch wütend zuzuklappen und von bestimmten Verlagen nichts mehr zu kaufen. Dieser Punkt ist die unglaubliche Anmaßung, mit der einige besonders schlaue Lektoren selbstherrliche Eingriffe in literarische Werke vornehmen. Willkürlich entledigen sie Thomas Manns wohlüberlegte Sätze aller Kommata, ändern in Goethes Gedichten ganze Wörter ... und machen damit aus diesen Autoren Stümper, die keines differenzierten Sprachgebrauchs mächtig sind. Was in dieser Hinsicht im Internet kursiert, spottet ohnehin jeder Beschreibung. Wenn jemand Gedichte veröffentlicht und dabei willkürlich und nach eigenem Gutdünken an der Sprache der Dichter herumbastelt, gibt er sich dadurch unmißverständlich als ein Mensch zu erkennen, der nicht das mindeste Gefühl für Dichtung und keinerlei Achtung vor dem Werk des Dichters empfindet.

Mein Fazit zur „Rechtschreibreform“.

Offensichtlich versuchten die Verantwortlichen hier, ihre eigenen Rechtschreibschwächen und die der Erstkläßler als Rechtschreibregeln festzulegen. Was sie nicht können, darf auch sonst niemand richtig machen. Da es zu mühsam ist, zu überlegen, warum so viele Kinder nicht mehr richtig schreiben und formulieren, sich sprachlich nicht mehr ausdrücken können, versuchten die Verantwortlichen, die Fehler einfach wegzulegalisieren. Sie bestreichen die Wunde dick mit Salbe, lassen aber die Blutvergiftung munter weiterwandern, und werden ihre Hände in Unschuld waschen, wenn der Patient stirbt.

Da die Verantwortlichen zu sehr mit der eigenen Wichtigkeit beschäftigt sind, um ihrer Verantwortung nachzukommen, erklären sie einfach alle Kinder zu Idioten, die sowieso nichts verstehen, und die man deshalb besser gleich auf Analphabetenniveau festnagelt.

Die unsinnigste Behauptung der „Reformer“ ist wohl die, die neue „Rechtschreibung“ sei logisch und befinde sich in vollständigem Einklang mit der deutschen Grammatik. Sehen wir uns einige dieser Regeln einmal genauer an.

Die Regeln

Das Stammprinzip

Hier zeigt sich die Berechtigung der oben aufgestellten Behauptung, die „Reformer“ erklärten lediglich ihre eigenen Bildungsmängel und mangelnde Denkfähigkeit zur Norm, am deutlichsten. Das Stammprinzip solle „jetzt noch mehr beachtet werden“, sagen sie: Wörter mit gleichem Stamm sollen möglichst einheitlich geschrieben werden, allerdings sollen geschichtliche Herkunft und sprachliche Verwandtschaft zweier Wörter dabei keine Rolle spielen. Sie stutzen? Gut! Sie denken also noch logisch. Man kann die Herkunft eines Wortes nicht gleichzeitig zum allgemeingültigen Prinzip und zur Nebensächlichkeit erklären. Vielleicht ist diese Lächerlichkeit der Grund für den Zusatz, wichtig sei nun vor allem, was man mit einem Wort in Verbindung bringe. Das heißt: Wir haben genau dieselben und ausschließlich dieselben Gedankenverbindungen zu haben wie die Herren Reformer. Wenn deren Bildung einigermaßen umfassend und zuverlässig wäre, könnte man diese Selbstgerechtigkeit eventuell augenzwinkernd akzeptieren. Wie die Dinge jedoch liegen, ist daran nichts akzeptables. Ich verbinde mit dem Tolpatsch keinen tollen Patsch, sondern den Tolpatsch. Was auch sonst? Muß ich Bildungsmangel vortäuschen, nur weil die großen Herren den Tolpatsch nicht kennen? „Belemmert“ ist vom niederdeutschen Verb „belemmeren“ abgeleitet, was „behindern, hemmen“ bedeutet. Jetzt soll es in „belämmert“ umbenannt werden, nur weil irgendjemand dabei wohl an ein Lamm gedacht hat. Aber erstens verbindet wohl kein normaler Mensch „belemmert“ mit einem Lamm und zweitens bedeutet be-lämm-ert für jeden Menschen, der mit der Bedeutung der deutschen Vorsilben und Partizipien vertraut ist, mit einem Lamm versehen zu sein. Es gibt noch zahlreiche andere Beispiele dafür, daß hier eine Konnotation an den Haaren herbeigezogen wurde, weil die „Experten“ die tatsächliche Herkunft des Wortes nicht kannten: „Quentchen“ kommt von „quintus“ (der fünfte Teil), nicht von „Quantum“, „einbleuen“ von „bleuen“ (mit dem Bleuel schlagen) und nicht von „blau“, „Stengel“ vom althochdeutschen „stengil“, nicht von „Stange“ (im Gegensatz zu den „Reformern“ weiß doch jeder denkende Mensch, daß ein lebender Stengel nichts mit einer toten Stange zu tun hat).

Daß hier jemand nicht wußte, was er tat, zeigt sich auch an der Willkür der Regel: Wir sollen zwar „aufwändig“, aber nicht „aufwänden“ schreiben. Wollen uns die Reformer hier weismachen, daß zwar „aufwändig“, nicht aber „aufwenden“ von „Aufwand“ abgeleitet ist (tatsächlich ist beides von „wenden“ abgeleitet, wobei der „Aufwand“ einfach dieselbe Lautverschiebung durchgemacht hat wie das Partizip „aufgewandt“)? Oder ist das ein Beispiel für die Klausel, derzufolge nur die Konnotation zählt, und wir dürfen bei „aufwändig“ nur noch an das Substantiv denken und müssen die zeit-, nerven- und herzblutraubende Tätigkeit des Aufwendens vergessen? Dahinter könnte eine interessante, wenn auch keineswegs attraktive Philosophie stecken, denn zumindest den Politikern wäre das sicher nur allzu recht. Ich glaube allerdings, daß sich hier nur die schiere Dummheit zu verstecken versucht.

Aus „plazieren“ soll „platzieren“ werden, weil das Verb vom Substantiv abgeleitet sei. Dem widerspricht das Stammprinzip: Der Stamm beider Wörter ist das mittelhochdeutsche „plaz“. Dem widerspricht auch die Phonetik: Das t in „Platz“ hat sich hier irgendwann einmal eingeschlichen, ist aber völlig überflüssig, da das deutsche z ja bereits eine Zusammenziehung von t und s ist und ein weiteres davorgesetztes t daher ohnehin nicht ausgesprochen werden kann – außer man trennt die Aussprache künstlich zu „Plat-z“.

Als ob dies noch nicht des Unsinns genug wäre, wird diesem diffusen Stammprinzip nun auch noch die Phonetik geopfert. Gämse statt Gemse, Quäntchen statt Quentchen, Wechte statt Wächte ... Falls die Reformer ein ä nicht anders aussprechen als ein e, sollten sie dringend einen Sprachlehrer aufsuchen. Falls sie hingegen allen Ernstes erwarten, daß sich die jahrhundertealte deutsche Phonetik ihren kindischen Launen unterordnet, sollten sie dringend einen Psychiater aufsuchen.

Eine Lieblingsthese der zwanghaften Neuerer ist die Vereinfachung durch die „Rechtschreibreform“. Wir sollen demnach glauben, eine Fülle widersprüchlicher, vollkommen unlogischer und nur hie und da angewandter Regeln (sonst müßte es ja auch „einsätzen“, „Geläge“, „dänken“ usw. heißen) sei leichter zu erlernen als einige wenige Wörter mit etwas ungewöhnlicher Schreibweise. Aha.

Haben die „Reformer“ daran gedacht, jede Form von Etymologie aus den Lehrplänen der Schulen zu streichen? Ich kann mich erinnern, daß im Deutschunterricht Themen wie z.B. Wortfamilien immer wieder auf dem Stundenplan standen, und die meisten Deutschlehrer bereitwillig Fragen nach Herkunft und Bedeutung von Wörtern beantworteten. Dies müssen die Politiker den Lehrern in Zukunft untersagen, wollen sie vor den Schülern nicht bloßgestellt werden.

Konnotation und Analogie

Beim Stammprinzip haben wir schon gesehen, daß der Konnotation, der gedanklichen Verbindung, eine wichtige Rolle zukommen soll: Beim Tolpatsch sollen wir an „toll“ denken – als würde die Mehrheit der Schüler heute noch die ursprüngliche Bedeutung von „toll“ kennen. Woran denken Sie bei „Känguruh“? An Afrika und Australien, Beutel für den Transport von Jungen, gewaltige Sprünge in weiten Ebenen? Falsch! Sie haben an das Gnu und den Kakadu zu denken, damit Sie nicht vergessen, das h am Ende zu vergessen. Wenn das 'mal nicht völlig logisch und eingängig und auch außerordentlich leicht zu merken ist! Hier kommt zur Schein-Konnotation also noch die Schein-Analogie hinzu. Denn was hat das Gnu mit dem Känguruh zu tun? Nach der hier verordneten Analogie fällt auch das h am Ende von „rauh“ weg. Na gut, aber wieso bleibt es bei „zäh“? Hier hat man es im Substantiv sogar verdoppelt und aus „Zäheit“ „Zähheit“ gemacht. Auch „roh“ darf das h behalten. Warum?

ß

„Folgt einem betonten kurzen Vokal ein stimmloser s-Laut, schreibt man ss; folgt einem betonten langen Vokal oder einem Diphthong ein stimmloser s-Laut, schreibt man ß“; Ausnahme: „... wenn im Wortstamm kein weiterer Konsonant folgt.“

Diese Regel klingt zunächst sehr einfach und folgt den „Reformern“ zufolge zudem einem allgemeinen Prinzip. Nur leider gibt es dieses allgemeine Prinzip nicht. Es stimmt nun einmal nicht, daß Konsonanten nach kurzem Vokal generell verdoppelt werden. Und wenn wir nun parallel zu „müssen“ auch „muss“ schreiben sollen, wieso dann nicht auch „hatt“ statt „hat“? Wieso soll nun ausgerechnet bei diesem einen Buchstaben durchgängig eine Verdoppelung eingeführt werden? Aber Verdoppelung stimmt ja gar nicht ... Wir sollen nicht „Kußß“ schreiben, sondern „Kuss“. Auch das verrät wieder eine gewisse Unkenntnis. Das ß ist keineswegs ein doppeltes s. In der deutschen Schrift wurde das stimmlose End-s rund und das stimmhafte Binnen-s lang geschrieben, ähnlich dem f. Verdoppelt werden kann naturgemäß nur ein Binnen-s, das logischerweise auch immer als doppeltes s geschrieben wurde. Durch die optische Zusammenziehung (Ligatur) dieser beiden Buchstaben, des langen Binnen-s und des runden End-s, hat sich das Schriftbild des sogenannten „scharfen s“ (fälschlicherweise auch „Esszett“ genannt) ergeben, das in genau drei Fällen angewandt wurde: 1. Inlautend nach langem Vokal oder Zwielaut („Füße“, „heißen“); 2. Wenn der Inlaut durch Verkürzung zum Auslaut wird, also wenn ein e ausfällt, der Ausfall jedoch nicht durch ein Auslassungszeichen angezeigt wird („laß“ statt „lasse“); 3. Als harter, stimmloser Auslaut („Mißbrauch“). Die orthographische Bedeutung des ß war demanch immer mit einem Abschluß, mit Untrennbarkeit verbunden. Seine phonetische Bedeutung ist die des harten, stimmlosen s. Seine Herkunft und Funktion weichen weit des normalen doppelten s ab.

Jetzt muß der Schreibende jedesmal überlegen, ob er es mit einem kurzen oder langen Vokal zu tun hat und ob im Wortstamm vielleicht noch ein weiterer Konsonant folgt. Und dann muß er erst einmal im Duden nachsehen, was genau zum Wortstamm gehört. Natürlich gab es bisher Ausnahmen: „Atlas“, „Globus“, „Ergebnis“, „Zeugnis“, „bis“, „aus“ sind nur einige Beispiele. Aber diese Ausnahmen bestehen auch weiterhin! Statt sich um die Ausnahmen zu kümmern, haben die Herren „Reformer“ also einfach eine neue Regelung eingeführt, die weitere Ausnahmen hinzufügt. Vielleicht um die ungelösten alten in der Masse der neuen untergehen zu lassen? Oder sind die Herrschaften einfach zu wichtig, um sich um derartige Lappalien zu kümmern?

Bisher mußte man sich beim Schluß-s nur zwischen ß und s entscheiden. Nun gibt es gleich drei Möglichkeiten: „Gas“, „vergaß“, „Fass“.

Auch die Länge des Vokals ist ein recht zweifelhaftes Kriterium. Man achtet beim Hören und Sprechen nicht bewußt darauf und weiß daher nicht intuitiv, um welche Vokalart es sich handelt. Zudem gibt es hier starke regionale Schwankungen: Ist das O von Oma und Opa kurz oder lang? Das kommt darauf an, wo Sie wohnen.

Ein weiteres Argument ist die Leserfreundlichkeit. Endet das erste Element eines Kompositums nun auf ss und das zweite beginnt mit s, so müssen sich Augen und Gehirn des Lesers irritiert durch drei s quälen.

Dann kommen noch die vielen nun mißverständlichen Wörter hinzu, vom „Messergebnis“ (Was ist ein Messer-Gebnis?) bis zum „Schlossinnenhof“ (Was sind Schlossinnen?).

Und noch ein letztes Argument gegen diese künstliche Komplizierung. Kennen Sie das interessante Phänomen der englischen Sprache, daß es zwar nur vier Wörter gibt, bei denen das Anfangs-h nicht ausgesprochen wird, die „ungebildeten Schichten“ das h aber aus Angst, es an der falschen Stelle auszusprechen, gleich überall weglassen? Genau dasselbe passiert bei uns schon jetzt mit dem Doppel-s. Da viele Schreibende nun verwirrt sind, wann ß, wann ss und wann s zu schreiben ist, kommt es ganz automatisch zur Überanpassung. Das heißt, das neue ss wird einfach überall geschrieben, wo man es anbringen kann. So sieht man jetzt schon regelmäßig „Grüsse“, „Fuss“, „heisst“ usw.

Die Ersetzung von ß durch ss wurde von Anfang an als ein Kernpunkt der „Reform“ dargestellt. Die Auswirkungen zeigen, daß sie kein einziges Problem gelöst, aber viele neue geschaffen hat. ß war offenbar doch wesentlich einprägsamer und daher leichter zu erlernen als ss, vor allem wenn dann noch die absurden neuen Doppelkonsonantenregeln hinzukommen. Texte aller Art belegen, daß sich das Kernproblem lediglich verlagert hat. Früher kamen einige Schreibende mit dem Unterschied zwischen der Konjunktion „daß“ und dem Artikel bzw. Pronomen „das“ nicht zurecht. Nun können viele nicht mehr zwischen „dass“ und „das“ unterscheiden, wissen nicht, ob sie „Kenntnis“ oder „Kenntniss“, „bißchen“, „bisschen“ oder „bischen“, „hast“ oder „hasst“, „heisse“ oder „heise“ oder vielleicht doch noch „heiße“ zu schreiben haben. Auch des Bedeutungsunterschiedes, der sich sich aus verschiedenen Schreibweisen häufig ergibt, scheinen sie sich nicht mehr bewußt zu sein („hast“, „hasst“).

Um bei ß, ss und s nach der Neuregelung keine Fehler zu machen, muß man im Grunde wissen, ob das Wort bisher mit ß, ss oder s geschrieben wurde. Die einzige sinnvolle Lösung ist also, diesen aufschlußreichen Buchstaben ß auch wie bisher zu verwenden (oder natürlich alles bis auf das einfache s abzuschaffen).

Doppelkonsonanten?

Im Mittelpunkt steht hier ein angebliches Lautprinzip: Nach kurzem Vokal folgt ein Doppelkonsonant. Das ist völliger Unsinn, wie jeder weiß, der sich einmal mit Phonetik beschäftigt hat: Der kurze Vokal ist es, der die Aussprache des danach folgenden Konsonanten ändert; dieser Konsonant selbst hat damit nichts zu tun. Ob wir ihn einmal oder fünfmal hinschreiben, hat keinerlei Auswirkung auf die Aussprache. Phonetisch betrachtet ist der Doppelkonsonant also überflüssig, da der Vokal den Konsonanten beeinflußt und nicht der Konsonant den Vokal. Die Reformer pochen hier auf ein einziges und allgemeingültiges Prinzip, das nur in ihrer Phantasie existiert. Natürlich gibt es Wörter, die nach einem kurzen Vokal einen Doppelkonsonanten enthalten. Aber allgemeingültig ist dies keineswegs: Viele einsilbige und alle mehrsilbigen Wörter enthalten eine Silbe mit kurzem Vokal und nach jedem Vokal folgt zwangsläufig ein Konsonant. Wollte man den „Reformern“ Glauben schenken, müßten alle diese Wörter mindestens einen Doppelkonsonanten enthalten. Was für ein Humbug.

In vielen anderen Wörtern kennzeichnet der Vokal selbst die kurze oder lange Aussprache: liegen, Saal, Meer. Wieder andere fügen ein h ein: Lehre, Gefühl. Bei einer konsequenten Durchführung der neuen Regelung müßten also praktisch alle Wörter der deutschen Sprache geändert werden. Ist das geschehen? Nein. Was bringt die Neuregelung also: Chaos.

Hier spielt auch wieder das angebliche Stammprinzip herein. So soll „numerieren“ mit zwei m geschrieben werden, weil es erstens einen kurzen Vokal enthält und zweitens von „Nummer“ kommt. Unsinn. Es kommt vom lateinischen „numerus“, weshalb es ja auch „Numero eins“, „Numerik“ und „numerisch“ heißt – was übrigens nicht geändert wurde.

Ähnlich ist es mit dem „Tip“, der mit zwei p geschrieben werden soll, weil er erstens einen kurzen Vokal enthält und zweitens von „tippen“ kommt. Auch das ist Unsinn, da die Quelle natürlich der englische „tip“ ist. Außerdem soll zwar der „Tip“ geändert werden, aber zahlreiche Wörter mit ähnlicher Etymologie und ähnlichem Lautbild sollen unverändert beibehalten werden: Flop, Trip, Shop, Top. In Zukunft ist also nichts mehr „tip-top“, nicht einmal „tipp-topp“, sondern „tipp-top“. Sehr einfach, klar und logisch, nicht wahr?

Wieso wurde das „Exposé“ jetzt in „Exposee“ umgewandelt, wenn ein einfacher Vokal doch angeblich genügt, um seine lange Aussprache anzuzeigen? Bei logischer Vorgehensweise müßte es „Expose“ heißen.

Und noch ein nettes Beispiel für die mangelnde Einheitlichkeit der Neuregelung: Wieso heißt es nicht „hatt“ statt „hat“? Hat die „Reformer“ hier der Mut verlassen oder ist ihnen auf einmal aufgefallen, daß ihre Behauptung, ihre Sprachvergewaltigung entspreche in allen Punkten der deutschen Grammatik, nicht stimmt, so daß sie dieses augenfällige Beispiel lieber unter den Tisch wischen wollten? Unnötig: Diesen Bären hätten sie sowieso keinem aufbinden können. Oder um Verwechslungen von Präsens und Präteritum zu vermeiden? Unwahrscheinlich: Um Bedeutung und Eindeutigkeit haben sie sich sonst ja auch nicht gekümmert.

Mit dieser Regelung steht auch eine zweite in Beziehung: Doppelkonsonanten sollen immer als Doppelkonsonanten geschrieben werden, selbst wenn das danach folgende Element eines Kompositums mit demselben Buchstaben beginnt. Kennen Sie irgendeine Sprache, deren Sprecher so schwachsinnig sind, denselben Buchstaben gleich dreimal hintereinander zu setzen? Nun, wir sollen hier den beschämenden Anfang machen: „Flusssand“, „Missstand“, „Kennnummer“, „Nussschale“, „Fallluke“. Vor allem betrifft dies natürlich Wörter, die auch schon unter der Umwandlung des ß in ss zu leiden hatten. Ist die doppelte Schreibung eines immer nur einfach ausgesprochenen Konsonanten schon überflüssig, so ist es die dreifache Schreibung eines doppelt gesprochenen Konsonanten natürlich erst recht. Hier wollten die „Reformer“ wohl die Konsequenz beweisen, die sie anderswo so offensichtlich in den Wind geschrieben haben. Allerdings sind die weit über hundert Wörter, die sie auf diese Art deformiert haben, bei weitem nicht alle, bei denen diese Regel anzuwenden gewesen wäre. Der dritte Teil müßte ein „Dritttel“ sein und die Mitte des Tages der „Mitttag“. Unkenntnis? Mangelnde Logik? Feigheit?

Auseinander oder zusammen?

„Auto fahren“, aber „radfahren“. Das war jahrzehntelang das Argument für die Notwendigkeit einer Reform. Ja, diese unterschiedlichen Schreibweisen sind aus heutiger Sicht unlogisch, aber dieser Mangel hätte ebenfalls schon vor Jahrzehnten mit einem einzigen Federstrich behoben werden können. Stattdessen wurde eine einzige Mücke per Reform nun zu einer ganzen Elefantenherde gemacht. Aus einem kleinen Widerspruch hat die „Reform“ eine Fülle von Widersprüchen herausgepreßt. Vor allem hat sie nicht nur Widersprüche in der Schreibweise hervorgebracht, sondern Widersprüche zwischen Schreibweise und Bedeutung. Ein recht anschauliches Beispiel ist die „Handvoll“. Eine Handvoll Nüsse. Jeder weiß, was gemeint ist – mehr als „einige“, aber weniger als „viele“. Aber eine „Handvoll“ gibt es nicht mehr, sondern nur noch eine „Hand voll“. Eine Hand voll Nüsse. Nur noch der Schreibende weiß, was er meint. Liegt die Betonung auf der Hand, die mit Nüssen gefüllt ist, oder auf den Nüssen, die in der Hand liegen, oder auf der Menge der Nüsse, und ist es dann die genaue Menge oder die ungefähre Mengenangabe? Nun gut, hier kann man den Kontext entscheiden lassen (hoffentlich). Aber: Eine Handvoll Menschen kann an der Ecke stehen. Eine Hand voll Menschen gibt es nicht, stehen kann sie erst recht nicht. Hier bedeutet die „Reform“ also eine Verarmung der Sprache, eine Zerstörung dessen, worin der Reichtum einer Sprache gründet: ihrer Bilder.

An dieser Stelle frage ich mich wieder einmal, wie jemand zum Sprachexperten ernannt werden kann, der seine Muttersprache derart schlecht beherrscht. Sicher kennen Sie den Unterschied zwischen den folgenden Wörtern:
richtigstellen – richtig stellen
maßhalten – Maß halten
schlechtmachen – schlecht machen
wiederfinden – wieder finden
zusammenknüllen – zusammen knüllen
wiederwählen – wieder wählen
blaugrau – blau-grau
nichtssagend – nichts sagend
wohlbekannt – wohl bekannt
heimlichtun – heimlich tun
selbstgemacht – selbst gemacht

Wer etwas „richtigstellt“, klärt seinen Inhalt. Wer etwas „richtig stellt“, ordnet es physisch richtig an. Wer „maßhält“, mäßigt sich. Wer ein „Maß hält“, orientiert sich bei einer Tätigkeit an konkreten Grenzen. Wer etwas „schlechtmacht“, setzt es herab. Wer etwas „schlecht macht“, erledigt seine Aufgabe unzulänglich. Wer etwas „wiederfindet“, hat es zuvor verloren. Wer etwas „wieder findet“, hat es schon zuvor mindestens einmal gefunden. Ist etwas „zusammengeknüllt“, so hat eine Person es zu einem Knäuel zusammengedrückt. Wurde etwas „zusammen geknüllt“, so haben mindestens zwei Personen zusammengearbeitet, um es zu zerknittern. Wer jemanden „wiederwählt“, bestätigt ihn in seinem Amt. Wer jemanden „wieder wählt“, hat ihn zuvor schon einmal in irgendeine Funktion gewählt. Ein „blaugraues“ Kleid ist ein Kleid in bläulichem Grau. Ein „blau-graues“ Kleid ist blau und grau gemustert. Ein „nichtssagender“ Mensch ist ein Langweiler ohne besondere Merkmale, ein „nichts sagender“ Mensch spricht nicht. Was „wohlbekannt“ ist, ist bestens bekannt. Was „wohl bekannt“ ist, ist vermutlich oder durchaus bekannt. Wer „heimlichtut“, zeigt deutlich, daß er ein großes Geheimnis hütet. Wer etwas „heimlich tut“, macht es unbemerkt. Ein „selbstgemachter“ Tisch ist nicht maschinell gefertigt. Ein „selbst gemachter“ Tisch wurde vom Sprecher gefertigt.

Alle diese doch sehr wesentlichen Bedeutungsunterschiede werden nun nicht mehr in einem Wort ausgedrückt, sondern müssen in einem zusätzlichen Satz erklärt werden. Werden die neuen Regeln konsequent angewandt, können manche Bedeutungen schriftlich überhaupt nicht mehr ausgedrückt werden. Besonders trifft dies hier beim letzten Beispiel zu, bei dem nun nicht mehr zu erkennen ist, ob „selbst“ den Sprecher oder sein Objekt hervorhebt: Dieser Tisch ist selbstgemacht, handgefertigt, nicht mit irgendeiner Maschine produziert. – Diesen Tisch habe ich selbst gemacht, ich allein, ganz ohne fremde Hilfe.

Eher lächerlich als problematisch ist die Zusammenschreibung von Lehnwörtern. Von „Bluejeans“ bis „Standingovations“ ... man muß schon zwanghaft „modern“ sein wollen, um das mitzumachen.

In einigen wenigen Fällen war eine Änderung der Schreibweise zweifellos notwendig (radfahren – Rad fahren), in anderen Fällen ist sie akzeptabel, wenn auch keineswegs wesentlich (helleuchtend – hell leuchtend), aber in den allermeisten Fällen ist sie fatal. Sie radiert inhaltliche Nuancen aus, zerstört lebendige Bilder und macht die Sprache dadurch oberflächlich und arm.

Groß oder klein?

Die Kritik an der Änderung der Groß- und Kleinschreibung stimmt im wesentlichen mit der an der Auseinander- und Zusammenschreibung überein: Auch hier haben die „Reformer“ die Semantik, die Wortbedeutung, vollständig ignoriert.
leid tun – Leid tun.
Schon die unterschiedliche Wortform zeigt mit ausreichender Deutlichkeit, daß es sich hier um zwei Ausdrücke mit unterschiedlicher Bedeutung handelt. Das aus dem Althochdeutschen („leid“ = „betrüblich, unangenehm, wiederwärtig“) abgeleitete Adverb „leid“ bedeutet, etwas zu bedauern, es schmerzlich zu empfinden. Das „Leid“, das man jemandem (an)tut, stammt zwar ebenfalls aus dem Althochdeutschen, allerdings mit der Bedeutung „Schande, Beleidigung“. Wollen es uns die „Reformer“ durch diese Verwandlung von „bedauern“ in „beleidigen“ etwa unmöglich machen, Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen? Soll uns beigebracht werden, andere zu verletzten, statt ihre Verletzungen wie unsere zu empfinden?

Lehnwörter

Lehnwörter sollen an deutsche Wörter angepaßt und dadurch vereinfacht werden. Politiker sprechen gerne von der europäischen Familie, der europäischen Kultur, aber wenn es um europäische Kulturkompetenz geht, ziehen sie doch die Germanisierung vor. Wenn man alles außer Germania für vernachlässigbar hält, ist die Eindeutschung von Lehnwörtern einigermaßen logisch. Allerdings sollte man erstens wissen, was ein Lehnwort ist, zweitens einheitlich vorgehen und drittens die Lehnwörter an die tatsächliche deutsche Sprache und nicht an ein Phantasiekonstrukt anpassen.

Hinsichtlich des ersten Punktes hat sich gezeigt, daß die „Experten“ den Unterschied zwischen Lehn- und Fremdwörtern nicht kennen. Auch den zweiten Punkt haben sie nicht erfüllt, da sie manchmal eine deutsche (schick) und manchmal die fremdsprachige Schreibweise (Charme) gewählt haben. Die witzigsten Ergebnisse findet man naturgemäß, wenn man den dritten Punkt prüft. So sollen wir zum Beispiel statt „Ketchup“ nun „Ketschup“ schreiben, aber bei der Aussprache dem deutschen „tsch“ ein englisches „up“ folgen lassen. Wenn die Schreibweise ausschlaggebend ist, müßten wir eigentlich „Ketschup“ sagen, wenn hingegen die Aussprache entscheidend ist, „Ketschap“ (nach den neuen Regeln „Ketschapp“) schreiben. So aber ist das Wort nur noch lächerlich. Haben Sie schon einmal versucht, gleichzeitig mit einem Fuß nach vorne und mit dem anderen nach hinten zu gehen? Eine schmerzhafte Erfahrung, die ihnen vom Zuschauer überdies eine Mischung aus verächtlichem Mitleid und spöttischem Gelächter einbringt.

Hinzu kommen die zulässigen Nebenschreibweisen, wobei manchmal eine germanisierte und manchmal die fremdsprachliche Schreibweise die Nebenvariante ist. Creme ist Standard, Krem und Kreme sind zulässig; Fotografie ist das Soll, Photographie das Darf. Hier scheint nun doch zumindest teilweise die Erkenntnis bis zu den „Reformern“ durchgedrungen zu sein, daß sich eine Sprachreform an den Sprechenden orientieren muß. Anders gesagt: Eine Creme benutzt jeder und die meisten dieser Benutzer wissen nicht, daß es sich dabei nicht um ein deutsches Wort handelt. Und wenn sie es für ein deutsches Wort halten, wieso sollten sie es dann nicht auch so schreiben? Eine Bibliographie verwendet hingegen nur jemand, der die Herkunft des Wortes kennt und (meist) auch auf eine niveauvolle Sprache Wert legt. Einen solchen Menschen wird man nicht zwingen können, stattdessen „Bibliografie“ zu schreiben. Es geht nicht. Man kann einen kultivierten Menschen zwar in einen Schweinestall stecken, aber man kann ihn nicht zwingen, das Grunzen der Schweine für menschliche Sprache zu halten. Gerade bei diesem Wort kommen uns auch die Ungereimtheiten der „Reform“ selbst zu Hilfe: Orthographie, aber Pornografie, die Grafik, aber der Graph. Wer selbst derart willkürlich vorgeht, büßt das Recht ein, anderen feste Vorschriften aufzuzwingen.
Ein weiteres schönes Beispiel ist das desktop publishing – neu Desktoppublishing. Dieses Wort ist natürlich kein Lehn-, sondern ein Fremdwort, noch dazu einer der zahllosen überflüssigen und dadurch lächerlichen Anglizismen, da es dafür auch ein älteres und klareres deutsches Wort gibt. Die Großschreibung ist gewöhnungsbedürftig, aber immerhin akzeptabel. Aber was soll die Zusammenschreibung? Die neue Regel lautet, daß Lehnwörter groß- und zusammengeschrieben werden, wenn der zweite Teil ein Substantiv ist. Deswegen soll das schon eingebürgerte „Layout“ nun in „Lay-out“ umgewandelt werden (weil der zweite Teil eben kein Substantiv ist) und aus „desktop publishing“ soll eben „Desktoppublishing“ werden. Man darf es aber auch mit Bindestrich schreiben. Wie nett. Wieder einmal eine Ausnahme. Gehören Sie auch zu den Menschen, die auf die Anglizismenfülle der letzten Jahre allergisch reagieren? Gut, dann werden Sie das folgende Argument gut verstehen: Die meisten Benutzer dieser Anglizismen kennen deren ursprüngliche Bedeutung nicht und wissen meist nicht, um welche Wortart es sich dabei handelt (viele halten doch sogar „Handy“ für ein englisches Substantiv). Die Kinder, für die diese neuen Regeln in erster Linie gedacht sind, wissen es erst recht nicht. Wie sollen sie also entscheiden, ob der letzte Teil ein Substantiv ist?

Haben sich die Wörterbuchverlage hier ganz raffiniert eine neue Einnahmequelle gesichert? Denn die Sprache nimmt fortwährend neue Wörter auf, die nach der durch die neuen Regeln festgeschriebenen Germanisierungstendenz ebenso fortwährend eingedeutscht werden müssen. Wer auf dem laufenden bleiben möchte, muß sich also jede neue Wörterbuchausgabe kaufen. Wie praktisch.

Einen festen Platz haben die Fremd- und Lehnwörter in der Wissenschaft, und zumindest die auf Kultur und Niveau bedachten Geisteswissenschaften werden die Deutschtümelei der „Reformer“ sicher nicht mitmachen, sondern weiterhin ihre sinnvolle Methode anwenden: Nichtdeutsche Wörter werden auch als solche geschrieben, also in der Ausgangssprache und durch Kursivschrift hervorgehoben. Einfach und logisch.

Silbentrennung

st

Jeder hat es in der Schule gelernt: „Trenne nie st, denn es tut ihm weh“. Wer seine Sprache bewußt wahrnimmt und verwendet, hat das schon immer als irritierend empfunden, da s und t nicht immer zusammengehören. Natürlich ist das Gestammel ein „Ge-stammel“, aber die Weste ist keine „We-ste“, sondern eine „Wes-te“.
Entstanden ist dieses Problem mit dem Verbot der deutschen Schrift. Durch die orthographische Unterscheidung zwischen dem Binnen- und dem End-s war immer klar, zu welcher Silbe ein s gehörte. Als die lateinische Schrift vorgeschrieben wurde, glaubte man aus irgendeinem Grund, ausgerechnet beim st die Logik der Silbentrennung außer Kraft setzen zu müssen. Die st-Regel versuchte der Tatsache Rechnung zu tragen, daß das st häufig aus der Verkürzung einer Silbe entstanden ist, also quasi eine Silbe in sich darstellt. Und innerhalb einer Silbe darf bekanntlich und sinnvollerweise nicht getrennt werden. Die „Reform“ fällt nun ins andere Extrem und orientiert sich an den Fällen, in denen dies nicht zutrifft, und s und t einfach die am Ende der einen bzw. am Anfang der folgenden Silbe stehenden Buchstaben sind. Infolgedessen spricht dasselbe Argument gegen die neue wie gegen die alte Vorschrift: Beide sehen nur jeweils eine Seite der Medaille. Doch es ist gleichermaßen unlogisch, keines und jedes st zu trennen. Man sollte den Sprechenden und Schreibenden schon ein wenig Intelligenz und die Fähigkeit zutrauen, die Regeln der Silbentrennung auch beim st richtig anzuwenden: Getrennt wird zwischen Silben. Was eine Silbe ist, kann jeder erkennen, wenn er das Wort ausspricht. Dann wird er weder „Re-ste“ (alt) noch „Falls-teg“ (neu) schreiben.

ck

Um ihre logische Vorgehensweise zu demonstrieren, gingen die „Reformer“ bei ck genau den umgekehrten Weg. Jeder, der schon einmal ein ck getrennt hat, weiß doch, daß es nur eine etwas unregelmäßige Schreibung des Doppelkonsonanten kk ist. Und jeder, der das Wort „Bäcker“ schon einmal ausgesprochen hat, weiß, daß die Silbengrenze genau zwischen die beiden k fällt. In Zukunft soll jedoch nicht mehr „Bäk-ker“ getrennt werden, sondern „Bä-cker“. Wieso wird hier nun also eingeführt, was bei st gerade abgeschafft wurde, nämlich die Trennung innerhalb einer Silbe statt an der Silbenscheide? Kann man den Kindern wirklich nicht die einfache Tatsache zumuten, daß ein ck eigentlich ein Doppel-k ist? Da wäre es sogar noch sinnvoller gewesen, das ck analog zu allen anderen Doppelkonsonanten einfach durch kk zu ersetzen.

Einzelbuchstaben

Jeder, der für Schule, Studium oder Beruf schreibt, kennt die Grundregel, daß man dem Leser das Lesen durch das Schriftbild nach Möglichkeit erleichtern, auf keinen Fall aber erschweren soll. Diese Grundregel betrifft auch die Silbentrennung: Trotz der Trennung sollte ein Wort immer unmittelbar, ohne Verzögerung erkannt werden können. So sollte man zum Beispiel nicht „Drucker-zeugnis“ trennen, wenn man „Druck-erzeugnis“ meint. Aus demselben Grund sollte ein abgetrennter Wortteil nie aus weniger als drei Buchstaben bestehen, wünschenswert wären mindestens fünf Buchstaben. Um ein problemloses Lesen zu ermöglichen, sollte man also grundsätzlich nur lange Wörter trennen, die auch durch enges Schreiben nicht mehr in die eine Zeile passen und unschöne Lücken hinterlassen, wenn sie vollständig in die nächste Zeile versetzt werden. Dem widerspricht die „Reform“. Sie läßt so unsinnige Trennungen wie etwa „A-bend“ und „o-der“ zu. Das bringt so gut wie keine Platzersparnis, da nur ein Buchstabe plus Bindestrich abgetrennt wird. Und es erschwert das Lesen, da mit dem Einzelbuchstaben keinerlei Bedeutung verbunden ist. Besonders ärgerlich wird es, wenn ein solchermaßen getrenntes Wort Bestandteil eines Kompositums ist: „Wintera-bend“, „Etatü-berschreitung“, „Kachelo-fen“, „Winde-nergie“. Dann muß man wirklich jedes getrennte Wort dreimal lesen, um es zu verstehen.

Eine weitere neue Regel, die dem Grundprinzip der Silbentrennung widerspricht, lautet, daß ein einzelner Konsonant zwischen zwei Vokalen auf die nächste Zeile gesetzt wird, während von mehreren Konsonanten nur der letzte abgetrennt wird. Sprechen Sie sich einfach einmal ein paar Wörter in dieser Trennung vor und Sie werden ihre Unsinnigkeit erkennen. Das Verb „beobachten“ besteht zum Beispiel aus vier Silben: „be-ob-ach-ten“. Schreiben müssen wir aber nun „beo-bach-ten“. Was für ein Wort soll das sein? Was bedeutet „beo“? Wie konnte aus der „Obacht“ auf einmal ein „Bach“ werden? Was soll das Wort „inf-rarot“ bedeuten? Auch hier wird also nicht zwischen den Silben getrennt, sondern in den Silben, d. h. Bedeutungseinheiten werden zerschnitten und büßen damit jeden Sinn ein. Zudem wird die gerade abgeschaffte st-Regel hier teilweise wieder eingeführt, da ja nicht mehr nach Silben, sondern nach Konsonantenzahl getrennt werden soll: „de-monst-rieren“. (Von Monstern befreien?)

Bislang war die deutsche Silbentrennung sehr einfach – auch den Kindern einfach beizubringen: Sprich dir das Wort langsam vor und trenne es da, wo du beim Sprechen Pausen machst. Die einzige Ausnahme ist das st, das du nie trennen darfst. Jetzt muß man erklären: Trenne das Wort da, wo du beim Sprechen Pausen machst. Dann trennst du jedes st in der Mitte. Dann trennst du vor jedem ck. Dann zählst du die Konsonanten: Ist es nur einer, kommt er zur nächsten Silbe. Sind es mehrere, kommt der letzte zur nächsten Silbe. Dabei fügst du das st, das du gerade getrennt hast, wieder zusammen. Und wenn der erste Buchstabe ein einzelner Vokal ist, trennst du auch den noch ab. Ist das die versprochene Vereinfachung? Kein Wunder, daß sich viele Lehrer die st-Regel zurückwünschen. Sie war zwar unschlüssig, aber unendlich einfacher als dieses Chaos. Man kann nur jedem raten, seine Texte nicht mehr von einem Textverarbeitungsprogramm automatisch trennen zu lassen – das Ergebnis ist grauenhaft.

Die Silbentrennung wurde doch nicht willkürlich eingeführt. Ihr Sinn liegt darin, daß Silben im Gegensatz zu einzelnen Buchstaben bedeutungstragend sind. Die Silbentrennung zerlegt das Wort also in Bedeutungseinheiten. Wenn man sie im Sinne der „Reformer“ außer Kraft setzt, nimmt man den Sprachlernenden diese einfache Möglichkeit, Sinnstrukturen zu erkennen, zu verstehen und in neue Zusammenhänge umzusetzen – was bekanntlich die Grundlage sinnvollen Lernens ist. Die neuen Regeln verlangen stupides Auswendiglernen – was bekanntlich das Gegenteil sinnvollen Lernens ist.

Das Komma

Bisher waren die deutschen Kommaregeln sehr einfach. Sie widersprechen? Haben Sie sich schon einmal bewußt angesehen, wo Kommata gesetzt werden? Ein typischer Satz hat die Reihenfolge Subjekt – Prädikat – Objekt. Wird diese Ordnung in irgendeiner Form gestört, so setzt man ein Komma. Man kann es auch noch eingängiger formulieren: Kommata grenzen Sinneinheiten voneinander ab. Deshalb steht zum Beispiel zwischen „sowohl ... als auch“ und „entweder ... oder“ kein Komma: Es sind in sich geschlossene Sinneinheiten. Hat man dieses Grundprinzip erst einmal begriffen, dann sind auch die feineren Regeln keine unüberwindbare Hürde mehr. Diese Faustregel ist natürlich alles andere als wissenschaftlich und steht in keinem Regelwerk. Aber sie sagt meiner Meinung nach das wichtigste aus. Kommata setzt man ja nicht, um irgendwelchen Regeln zu entsprechen, sondern um dem Leser das schnelle und genaue Verstehen des Textes zu ermöglichen. Wenn ich einen Text schreibe, möchte ich, daß der Leser ihn genau so versteht, wie ich ihn meine. Und dafür ist eine exakte Kommasetzung ebenso unentbehrlich wie eine exakte Wortwahl. Daß die „Reform“ die Hervorhebung von Bedeutungsnuancen durch die Wortwahl extrem erschwert, habe ich schon veranschaulicht. Bei der Interpunktion sieht es nicht anders aus.

Die alte Regel, daß Hauptsätze voneinander zu trennen sind, soll nun nicht mehr gelten. Ein ganz einfaches Beispiel:
Wir gehen heute spazieren und zur Großmutter und ins Theater gehen wir später.
Das sind eindeutig zwei Hauptsätze, aber liegt die Grenze vor dem ersten oder dem zweiten „und“? Hätte ich, wie es bisher vorgeschrieben war, zwischen die beiden Hauptsätze ein Komma gesetzt, gäbe es keinen Zweifel an der Bedeutung des Satzes. So bleibt er jedoch völlig unklar.

Auch der erweiterte Infinitiv (also der Infinitiv mit „zu“) erfordert nun kein Komma mehr. Hierzu habe ich eingangs schon ein Beispiel angeführt:
Der Vater empfahl dem Lehrer nicht zu widersprechen.
Auch dieser Satz ist durch das Fehlen des Kommas völlig unverständlich.

Bei Appositionen braucht man ebenfalls kein Komma mehr zu setzen:
Der Präsident, Dagobert Duck, sagte in seiner Rede ...
Hier ist der Name eine Apposition, die Wiederholung der Information, die durch „der Präsident“ bereits gegeben war. Lasse ich die Kommata hingegen weg, bekommt der Satz eine ganz andere Bedeutung:
Der Präsident Dagobert Duck sagte in seiner Rede ...
Im Text geht es offenbar um mehrere Präsidenten, und nur einer von diesen, nämlich der Präsident Dagobert Duck, wird zitiert.

Eingefügt wird das Komma nun hingegen nach jeder wörtlichen Rede.
„Wirst du mich bald besuchen?“, fragte sie.
Bisher waren viele Schreiber unsicher, wo sie ein Komma am Ende einer wörtlichen Rede setzen sollten – vor oder hinter dem Anführungszeichen. Es gab zwar eine Regel, um die sich aber keiner gekümmert hat. Letztlich hat es jeder gemacht, wie es ihm gefiel. Aber die Frage war immer nur, an welche Stelle ein eventuell vorhandenes Komma gesetzt werden muß. Niemand ist auf die schwachsinnige Idee gekommen, zusätzlich zu einem anderen Satzzeichen auch noch ein Komma zu setzen!

Sicher gibt es Kommata, die man ebensogut weglassen kann. Das gilt zum Beispiel für das erweiterte Partizip am Satzanfang: Die Ruhe genießend(,) ging er durch den Wald. Hierbei ergibt sich der Sinn des Satzes eindeutig aus seinem Aufbau. Die oben genannten Neuregelungen betreffen jedoch Kommata, die entscheidend sind für die Bedeutung und Verständlichkeit des Satzes. Jeder Autor, der sie wegläßt, verbreitet ganz automatisch falsche Informationen, weil der Leser den Text nur noch durch Zufall so verstehen kann, wie der Autor ihn gemeint hat. Doch vielleicht ist dies ein Motiv für die Einführung dieser neuen Regeln? Traditionell hat jeder Schreibende immer den Leser im Blick. Jeder Artikel, jeder Aufsatz, jedes Buch, jeder Brief richtet sich an jemanden. Der Grundzweck jedes Textes (wie überhaupt jeder Aussage) besteht letztlich darin, gelesen und vom Leser verstanden zu werden. Aber derzeit wird von Politik, Wirtschaft und Medien ja die maximale Egozentrik vorgelebt und (unabhängig von ihren schwülstigen Sonntagsreden) zum Maß aller Dinge gemacht. Da spielt der Leser oder Zuhörer natürlich keine Rolle mehr, sondern nur noch die Selbstdarstellung – deren Qualität und Wirkung der Egozentriker naturgemäß nicht realistisch beurteilen kann. „Ich weiß, was ich meine, also ist doch alles klar.“ Sowohl bei Studenten als auch bei Buchautoren und Übersetzern habe ich es in den letzten Jahren oft genugt erlebt, daß sie völlig konfuse und unverständliche Texte produziert haben und dennoch von deren Ausdruckskraft, Logik und Eingängigkeit überzeugt waren.

Fatal an den neuen Kommaregeln ist nicht nur, daß der Sinn des Textes oft bis zur Unverständlichkeit verschleiert wird. Fatal sind sie auch, da exakte Kommasetzung (ebenso wie exakte Wortwahl) exaktes Denken voraussetzt. Nichts fördert analytisches Denken so sehr wie die Notwendigkeit, die eigenen Gedanken detailliert und für den Leser unmißverständlich schriftlich auszuformulieren. Die Gefahr ist also, daß diejenigen, die sich nicht mehr exakt ausdrücken müssen, auch nicht mehr zu exaktem Denken angehalten sind.

Verschiedenes

Die persönliche Anrede „Du“ sollen wir nun kleinschreiben: „Die überbetonte Ehrfurcht des einen vor dem anderen ist nicht mehr im Sinne unserer Zeit.“ In diesem Falle ist „unsere Zeit“ definitiv nicht meine Zeit, denn Höflichkeit gegenüber und Respekt vor anderen Menschen sind für mich nicht „überbetonte Ehrfurcht“, sondern eine Selbstverständlichkeit. Diese Zeit, von der die Herren „Reformer“ hier sprechen, ist eine Zeit ohne Menschenwürde. Ist es wirklich schon soweit?

„Die Ableitungen von Eigennamen werden in Zukunft klein geschrieben. Wenn die Grundform des Namens betont werden soll, kann man den Namen zwar groß schreiben, muß dann jedoch die Endung mit einem “ ' „ abtrennen.“ Wissen die „Reformer“ nicht, daß ein „ ' “ Apostroph heißt? Wissen sie auch nicht, daß der Apostroph im Deutschen ausschließlich dafür verwendet wird, das Auslassen eines Buchstabens am Wortanfang oder Wortende anzuzeigen? Niemals wird er im Wortinneren verwendet. Und wieso darf ich Eigennamen nicht mehr groß schreiben? Das ist nicht nur eine Stilfrage, sondern durch die Kleinschreibung ginge auch die Information verloren, daß es sich um einen Eigennamen handelt. Der Name des Ohmschen Gesetzes ist zu Ehren seines Erfinders von dessen Namen und nicht zum Beispiel von irgendeinem in Vergessenheit versunkenen klassischen Adjektiv abgeleitet.

Nach Adverbien wie zum Beispiel „heute“ oder „gestern“ werden die Tageszeiten bisher klein geschrieben, weil Adverbien keine Substantive näher bestimmen können. Die Tageszeiten sind also eindeutig ebenfalls Adverbien, die klein geschrieben werden müssen: „früh morgens“ – das Adverb „morgens“ wird durch das Adverb „früh“ näher bestimmt; „heute morgen“ – das Adverb „morgen“ wird durch das Adverb „heute“ näher bestimmt.
Jetzt sollen die Tageszeiten – mit Ausnahme von „früh“ – immer groß geschrieben werden, weil es zufällig auch ein entsprechendes Substantiv gibt, obwohl dieses hier nicht verwendet wird. Nach Wochentagen soll beides sogar zusammengeschrieben werden (Montagmittag). Diese bewußt falsche Großschreibung von Adverbien ist einer der eindeutigsten Belege dafür, daß die Behauptung der „Reformer“, ihr Regelwerk befinde sich im Einklang mit der deutschen Grammatik, schlichtweg nicht wahr ist.

Bei Ordnungszahlen wurde bisher zwischen der Rang- und der Reihenfolge unterschieden. Der „dritte“ in der Reihenfolge, aber der „Dritte“ qualitativ in der Rangfolge. Jetzt soll nach dem Artikel alles grundsätzlich groß geschrieben werden. Ausschlaggebend ist also nicht mehr die Bedeutung, sondern nur noch die Form. Auch hier geht wieder eine Möglichkeit verloren, schriftlich zu differenzieren, obwohl der Unterschied zwischen Qualität und Quantität doch eigentlich wichtig sein sollte. In zivilisierten Gesellschaften zumindest ist er es.
Außerdem wird bei Kardinalzahlen das Prinzip genau umgekehrt: Bisher wurden sie nach Präpositionen und Artikeln groß geschrieben (mit Vierzig), jetzt sollen wir sie klein schreiben.

Praktische Umsetzung

Die Regeln sind in zahlreichen Fällen nicht eindeutig, häufig sogar widersprüchlich. Es wurde zwar eine Wörterliste veröffentlicht, die jedoch bei weitem nicht alle Wörter der deutschen Sprache enthält. Damit ist der Duden entgegen allen Bemühungen nicht mehr der Weisheit letzter Schluß. Wer die Verwendung der neuen „Rechtschreibung“ fordert, muß zugleich angeben, an welches Wörterbuch und welche Ausgabe sich der Schreibende zu halten hat. Denn nicht nur die Wörterbücher verschiedener Verlage weichen in tausenden von Fällen voneinander ab, sondern auch die einzelnen Auflagen ein und desselben Wörterbuches unterscheiden sich stark voneinander. Das gilt insbesondere für die Zusammen- und Getrenntschreibung, da hier, wie erläutert, die Regelung eine derart starke Bedeutungsänderung oder gar Bedeutungsabschaffung zur Folge hat, daß man sie nicht guten Gewissens weitervermitteln kann. Noch einmal ein Beispiel: „wieder“ bedeutet „erneut, noch einmal“ (wieder kommen), in Zusammensetzungen meint es hingegen, daß ein früherer Zustand wiederhergestellt wird (wiederkommen). Das unsinnige neue „halb tot“ anstelle von „halbtot“ etwa habe ich bisher nur im Duden gesehen, bei dessen Lektüre ich mich übrigens halbtot gelacht habe – halb tot bin ich deshalb allerdings nicht.

Der Leser steht vor ähnlichen Problemen. Liest er zum Beispiel die Frage „Müssen wir das Gemüse gar kochen?“, so stehen ihm mehrere Möglichkeiten offen. Entweder hat der Schreibende die richtige Schreibweise verwendet. Dann ist klar, daß „gar“ soviel wie „sogar, auch noch“ bedeutet. Hat der Schreibende aber die neue Schreibweise verwendet, so benötigt der Leser für das, was in der richtigen Schreibweise völlig klar war, nun eine Erklärung: Ist wirklich „gar kochen“ oder vielleicht doch „garkochen“ gemeint.

Ich habe bewußt immer wieder darauf hingewiesen, wie sich die einzelnen Regeln widersprechen und gegenseitig außer Kraft setzten. Natürlich weiß ich, daß in einer lebendigen, aus vielen Quellen schöpfenden und sich ständig weiterentwickelnden Sprache kein Prinzip durchgängig gültig ist. Aber genau das ist einer der ärgerlichsten Aspekte dieser „Reform“. Ständig wird von irgendwelchen allgemeingültigen Prinzipien gesprochen, die angeblich unübertrefflich einfach, logisch, konsequent und konsistent angewandt werden. Damit liegt dem gesamten Regelwerk eine Lüge zugrunde. Gerade weil wir es mit einer Sprache zu tun haben, kann es diese Prinzipien überhaupt nicht geben. Wer die Sprache zu einem simplen Automaten machen möchte, macht sie zu einer Nicht-Sprache. Wer die Sprache per Dekret bestimmten Regeln unterwerfen möchte, macht sie zu einer Nicht-Sprache. Er versucht aus ihr etwas zu machen, was eine Sprache nicht sein kann und auch nicht sein soll und darf. Damit die Sprache das Medium der Sprechenden sein kann, muß sie von den Sprechenden nach ihrem Sein und Bewußtsein weiterentwickelt werden. Der Begriff „Volksetymologie“ besagt, daß das Volk seine Sprache nach seinen Bedürfnissen verwendet, wodurch diese sich automatisch ständig verändert. Was die Politik mit Hilfe ihrer „Experten“ hier festgeschrieben hat, ist eine Staatsetymologie. Beide sind ihrem Wesen nach nicht miteinander vereinbar, weshalb diese Zwangsdeformation auch zum Scheitern verurteilt ist. Natürlich kann man sie nicht ungeschehen machen. Sie wird als ein Beispiel für kaum noch zu übertreffende Arroganz der Mächtigen in die Annalen eingehen. Aber „das Volk“, die Sprechenden und Schreibenden, wird sich wie eh und je ganz nach Bildungsniveau und Sprachbewußtsein das herauspicken, was ihm praktisch erscheint, und den Rest ignorieren. Die für dieses Projekt verschwendeten Milliarden hätte man sinnvoller ausgeben können, zum Beispiel für besser für die heutigen Schulen ausgebildete Lehrer oder die konsequente Anhebung des Unterrichtsniveaus etwa auf den Stand, den Bayern und Baden-Württemberg bis vor zehn Jahren hatten, bevor dieses verhängnisvolle Hinunterzwingen auf das niedrigste mögliche Niveau begann. Wahrscheinlich wäre es sogar noch sinnvoller als diese „Reform“ gewesen, die Milliarden den Wörterbuchverlagen direkt in die Tasche zu schieben. Diese sind schließlich ohnehin die einzigen, die davon profitieren.

Es kursiert das Gerücht, die „Reform“ sei vorgenommen worden, weil der zwar bei weitem nicht beste, aber bekannteste deutsche Wörterbuchverlag kurz vor der Pleite stand. Ob dieses Gerücht stimmt, weiß ich natürlich nicht. Bringt man es jedoch mit dem Umstand zusammen, daß unsere „Volksvertreter“ tagtäglich beweisen, daß sie nichts weiter sind als Hampelmänner der Wirtschaft, so erhält man die bislang einzige Begründung für die „Rechtschreibreform“, die tatsächlich einen Sinn ergibt.