Rusalka? Nixe?

Lassen Sie mich zunächst einmal ein häufiges Mißverständnis ausräumen: Antonín Dvořak nannte seine Oper über die kleine Meerjungfrau zwar Rusalka, doch nur in Ermangelung eines eigenen tschechischen Wortes für „Meerjungfrau“. Seine Oper beruht auf dem Mythos von Undine, der Meerjungfrau, die sich in einen Menschen verliebt und für diese Liebe stirbt – also auf einem bekannten Motiv der westeuropäischen Mythologie.

Die germanische/romanische Meerjungfrau oder Nixe gehört einem eigenständigen Volk an, das im Meer oder in großen Flüssen lebt. Sowohl die verführerische Macht der Nixe als auch ihre Gefährlichkeit gründen darin, daß sie außerhalb der menschlichen Gesellschaft existiert. Nixen sehen fast aus wie Menschen und sprechen wie Menschen, halten sich jedoch nicht an menschliche Verhaltensregeln und Gesetze. Sie verkörpern ein aus menschlicher Sicht unberechenbares und unkontrollierbares Element und werden daher in Mythologie und Märchen in aller Regel als ebenso attraktiv wie tödlich dargestellt.

Diese Meerjungfrauen gibt es in der slavischen Mythologie nicht.
Die rusalki der ostslavischen Mythologie zählen zu den Vila, den Töchtern von Mutter Erde, die für die Todesriten und die Führung der Seelen Verstorbener zuständig sind. Die rusalka ist die Verkörperung der Seele eines jungen (unglücklich verliebten, verlassenen, unverheirateten) Mädchens, das in der Nähe eines Teiches umgekommen ist. Daher wohnen die rusalki auch nicht in großen, offenen Gewässern, sondern in versteckten Waldteichen und abgelegenen Weihern. Mit ihrem unwiderstehlichen Tanz und Gesang und ihrem tödlichen Lachen locken sie Wanderer in ihr Gewässer. Besonders gefährlich sind die rusalki an der Wende vom Frühjahr zum Sommer (in der Pfingstwoche, die im Russischen auch „Rusalkawoche“ heißt), wenn sie ihr Gewässer für Tanz und Spiel verlassen. Wer sie im Mondlicht tanzen sieht, ist rettungslos verloren. Andererseits gedeiht alles Natürliche dort, wo die Töchter der Erde tanzen, wesentlich besser.

Andersens „Kleine Seejungfrau“ gehört zwar zu meinen Lieblingsmärchen, allerdings nicht weil es „so schön“ ist, sondern weil es eine hervorragende Verbildlichung einer rein patriarchalischen Gesellschaft ist: Das Mädchen gibt alles auf, was seine Persönlichkeit, seine Besonderheit ausmacht, um das zu werden, was der Mann erwartet, und in seine begrenzten Denkschubladen zu passen. Die Seejungfrau verliert ihre Sprache, ihre Leichtigkeit, alles Wertvolle, leidet bei jedem Schritt, nur um dann zuzusehen, daß eine andere Kandidatin den Zuschlag bekommt. Und natürlich opfert sie sich am Schluß für den Mann. Damit ist die Meerjungfrau zwar sicher das Idol vieler Männer, aber ganz sicher keine Figur, die sich Mädchen zum Vorbild nehmen sollten.