Mit etwa einer Million Menschen (1992) sind die Tschetschenen (čečency), die sich selbst Nochtschen
(nochči, manchmal auch nachy) nennen, die größte Bevölkerungsgruppe des Nordkaukasus.
Ethnogenetisch sind sie eng mit ihren Nachbarn, den Inguschen (inguši) verwandt. Beide Völker werden daher auch
gemeinsam als die Vajnachen (vajnachy) bezeichnet. Ihre Sprache ist das Nachische (nachskij), das zur nordkaukasischen Gruppe der iberokaukasischen Sprachfamilie gehört. Die Religion der Tschetschenen ist der sunnitische Islam.
Tschetschenien erstreckt sich über gut 19.000 km². Es liegt im zentralen Teil des Nordhangs
des Großen Kaukasus und umfaßt neben den Berggebieten die tschetschenische Ebene und das Tersko-Kumsker
Tiefland.
Die Hauptstadt Groznyj ist etwa 2000 km von Moskau entfernt. Mit 4.493 Metern ist der Tebulomsta der
höchste Berg Tschetscheniens. Grob gesagt, besteht das Land aus einer Berg- und einer Talhälfte.
Die Pflanzen- und Tiervielfalt ist wirklich außergewöhnlich; so sind hier zum Beispiel noch
Braunbär und Wolf heimisch.
Zur Anzahl der Einwohner läßt sich heute naturgemäß keine genaue Angabe machen. 1991 waren es etwa 1,3 Millionen, davon 58 % Tschetschenen, 23 % Russen, 13 % Inguschen, und ein paar Prozent Angehörige anderer Kaukasusvölker. 1998 gab www.regions.ru noch knapp 800.000 Einwohner an, mittlerweile dürften es noch einige weniger sein; einige Quellen sagen, Tschetschenien habe seit 1992 gut 700.000 Einwohner verloren, die meisten davon Nicht-Tschetschenen.
Bei der Suche nach einer ausführlichen Geschichte der Tschetschenen ist man im wesentlichen auf
tschetschenische Quellen angewiesen. Westeuropäische Darstellungen setzen meist urplötzlich im 19.
Jahrhundert ein, als die Tschetschenen schon so einiges hinter sich hatten. Zudem sind sie meist
extrem einseitig antirussisch und erinnern bedenklich an ideologische Propagandaschriften.
Problematisch an den zugänglichen tschetschenischen Quellen ist ebenfalls, daß sie, vorsichtig ausgedrückt, zwar großen Unterhaltungswert haben, sich jedoch nicht allzusehr durch Objektivität auszeichnen und sich außerdem nicht übermäßig mit konkreten Daten belasten. Praktisch jede Zusammenfassung der tschetschenischen Geschichte beginnt mit einem Satz wie diesem: „Die Geschichte Tschetscheniens ist der unablässige Kampf gegen äußere Feinde um Freiheit und Unabhängigkeit, der Wechsel von Zeiten eines geordneten Staatsverbandes und Zeiten des Zusammenbruchs der Staatlichkeit und des Versuchs ihrer Wiederherstellung.“ (Dieses Beispiel stammt von der recht guten Website www.chechnyafree.ru.)
Schön und gut. Das trifft aber auch auf alle anderen Völker und Staaten zu, die Staatenbildung, Feudalismus, Streben um den Nationalstaat sowie Imperialismus durchlebt haben, also schon ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel haben. Die meisten haben in diesen Jahrhunderten jedoch auch die Konzepte „Frieden“ und „Koexistenz“ enwickelt.
Die Ursprünge der Vajnachen, d. h. der Tschetschenen und Inguschen, liegen in der frühen vorderasiatischen Zivilisation. In Mesopotamien (zwischen Euphrat und Tigris), in Anatolien, im Hochland von Syrien und Armenien, im Transkaukasus und an den Ufern des Mittelmeeres finden sich noch heute Spuren der hurritischen Besiedelung aus dem vierten bis ersten vorchristlichen Jahrtausend. Die Hurriten, die einst einen Großteil der sumerischen Gesellschaft bildeten, werden heute als die frühesten Ahnen der nachischen Völker (Čečenen, Ingušen und Cova-Tušinen) erachtet.
Im ersten Jahrtausend v. Chr. siedelten die Hurriten in ganz Kleinasien: vom Kaukasus im Norden bis nach Ägypten im Süden, von Indien im Osten bis nach Palästina im Westen. Ein Großteil der hurritischen Volksstämme wurde im Laufe der Zeit von neu zugewanderten Stämmen semitischer, assyrischer, persischer und türkischer Nomaden assimiliert. Ein anderer Teil wanderte nach Nordwesten bis in den Nordkaukasus, d. h. in das Gebiet des heutigen Tschetschenien (Čečnja), Inguschien (Ingušetija) und Georgien (Georgija).
In den Tälern des Kaukasus trafen die Hurriten auf dessen Ureinwohner, deren Spuren im
Zentralgebiet des Kaukasischen Gebirgsrückens 40.000 Jahre zurückreichen. In diesen schwer
zugänglichen Gebieten haben sich die stummen Zeugen der Geschichte der Vajnachen bis heute erhalten:
aus einem Fels geschlagene Götterstatuen, Kurgane, frühe Siedlungen. Das Gebiet, in das die Vorfahren der Vajnachen wanderten, war das Verbreitungsgebiet der sogenannten Koban-Kultur (kobanische und kajakentsko-charačojkische archäologische Kultur). Sie betrieben Ackerbau und Viehzucht, waren aber zu Beginn des ersten vorchristlichen Jahrtausends auch schon in der Lage, Eisen zu schmelzen und zu bearbeiten. Hier entwickelten sich die Vajnachen im Laufe des Mittelalters zu zwei Völkern mit gemeinsamer materieller und geistiger Kultur: den
Tschetschenen und den Inguschen.
Die Ausgangssituation war einer Staatenbildung nicht förderlich. Vom 4. bis zum 12. Jahrhundert bestand auf den Territorien des heutigen Tschetschenien und Dagestan das Königreich Serir, in der Ebene und den nördlichen Ausläufern des Kaukasus formierte sich der frühfeudale und multiethnische Staat der Alanen, die Steppen des heutigen Tschetschenien gehörten zum Chazarenreich. Hinzu kamen in diesem Zeitraum Expansionsbestrebungen Roms, des sasanidischen Iran, des arabischen Kalifats und der Chazaren sowie zunehmende Angriffe der Nomaden. Entsprechend bauten die Vajnachen in gefährlichen Zeiten unzugängliche befestige Siedlungen in den Bergen, dehnten ihre Siedlungsgebiete in friedlicheren Zeiten hingegen in die Ebene nördlich des Kaukasus aus. Viele der mittelalterlichen Siedlungen in den Bergen wurden leider im 20. Jahrhundert zerstört. Ihr besonderes Merkmal sind die zahlreichen Türme, von denen es drei Arten gab: Wohntürme, Wachtürme und Befestigungstürme. Häufig stehen die Verteidigungstürme auf hohen Felswänden oder auf Klippen entlang der Bergflüsse, so daß sie von Angreifern auf keinen Fall eingenommen werden können.
Sowohl mit ihren Nachbarn als auch mit den Nomadenvölkern (z. B. den Skythen) unterhielten die
Vajnachen Handels- und diplomatische Beziehungen. Intensive Kontakte bestanden auch zu hochentwickelten
Kulturen, vor allem zu Byzanz und dem Chazarenreich. So führten vom 8. bis zum 11. Jahrhundert
Hauptkarawanenwege von der Chazarenstadt Semender (in Dagestan) zum Schwarzen Meer einerseits und in die
europäischen Länder andererseits durch tschetschenisches Gebiet. Ein weiterer wichtiger Handelsweg
verband die Tschetschenen mit Georgien und den Ländern Vorderasiens. Trotz dieser Handelsbeziehungen traten die Vajnachen im Kampf der Kiever Fürsten gegen die Chazaren dann jedoch auf die Seite der Russen.
Zu Beginn des Mittelalters formierten sich im ebenen Vorland des Nordkaukasus aus verschiedenen Volksstämmen die Alanen. Diesem frühfeudalen Staatssystem mit hohem kulturellen Niveau schlossen sich auch die in dieser Ebene siedelnden Nochtschen an – oder wurden assimiliert. Schließlich erlangten die Steppennomaden die Herrschaft über die Tschetschenen, übernahmen deren Siedlungsweise und gründeten an den Flüssen Terek und Sunža zahlreiche befestigte Siedlungen, die von riesigen Kurganen (Hügelgräbern) umgeben waren. Allerdings blieben die Alanen nicht auf Dauer seßhaft; nachdem sie von den Hunnen geschlagen worden waren, schlossen sie sich diesen im Kampf gegen die Ostgoten an.
Ein weiterer Einflußfaktor des Mittelalters ist die Christianisierung. Sie erfolgte vom 10. bis zum 13. Jahrhundert von Georgien aus. So finden sich auch Kirchen unter den zahlreichen Bauwerken des Mittelalters, die das handwerkliche Können der Vajnachen belegen. Allerdings war das Christentum in Tschetschenien keine dauerhafte Erscheinung; seit dem 16. Jahrhundert gehört die Bevölkerung dem sunnitischen Islam an. Ausnahmen sind lediglich einige Stämme auf georgischem Gebiet.
Einen wesentlichen Einschnitt in der Geschichte der Tschetschenen stellt das Vordringen des mongolisch-tatarischen Reiches im 13. und 14. Jahrhundert dar, dem viele tschetschenische Siedlungen zum Opfer fielen. Im späten 14. Jahrhundert zerschlugen die Mongolen den Staat Serir, woraufhin die Entwicklung der Tschetschenen – wie auch der anderen Völker, die auf der Marschroute der Mongolen lagen – weit zurückgeworfen wurde. Wieder einmal zogen sich die Vajnachen in die Berge zurück.
Der für diesen Kriegszug verantwortliche Mongolenfürst war übrigens Timur (Timur-Leng, Tamerlan), der in puncto Eroberungen nur von Alexander dem Großen übertroffen wird. Von 1370 bis 1405 baute er ein Riesenreich auf und war damit der letzte der großen Nomadenführer. Seine Truppen marschierten von Delhi bis Moskau, von den Tien Shan-Bergen bis zum Taurusgebirge. Seine Hauptstadt war Samarkand im heutigen Uzbekistan; seit dem Zerfall der Sowjetunion wurde er zu einer wichtigen Integrationsfigur der Uzbeken.
Nach dem Zerfall des Timuridenreiches begannen die Tschetschenen die Ebene erneut zu besiedeln. Doch die Kämpfe gegen Expansionsbestrebungen und Fremdherrschaft hatten ihrem „Nationalcharakter“ einen neuen Zug hinzugefügt, der bis heute eine wesentliche Rolle spielt:
Sie gründeten neue Gemeinschaften, die durch das Stammesrecht Adat zwar strengen demokratischen
Regeln unterworfen waren, in denen die absolute persönliche Freiheit jedoch zu einem
Wert an sich wurde. Machtpositionen waren nun nicht mehr erblich. Individualismus und
Freiheitskult waren mittlerweile so stark ausgeprägt, daß sie sich gegen die Menschen selbst wandten, also die Bildung eines einheitlichen, gemeinsamen Staates aller Tschetschenen praktisch unmöglich machten.
Nun begannen
sich die tschetschenischen Stämme gegenseitig zu bekriegen, aus Furcht, einer könnte sich
über die anderen erheben und damit einen erblichen Herrschaftsanspruch geltend machen. Sie
wählten sogar „unparteiische“ Kumyken- oder Kabardinen-Fürsten als Führer, um zu
vermeiden, daß ein Tschetschenenstamm mächtiger werden konnte als die anderen. So hielten
die Tschetschenen zwar gemeinsame Versammlungen ab und alle hatten mehr oder weniger dieselben Gesetze,
aber sie schafften es nie, einen Staat zu bilden und waren – und sind – untereinander alles
andere als einig.
Wenn Sie einen Russen bitten, Tschetschenien zu charakterisieren, werden Sie eine Antwort erhalten,
die sich zuerst einmal nach einem unglaublich chauvinistischen Vorurteil anhört, aber
doch einen Tropfen Wahrheit enthält: „Die Bergtschetschenen leben von Wegelagerei und
Straßenraub, und wenn sie damit reich geworden sind, gehen sie in die Ebene, vertreiben
die Taltschetschenen und betreiben Wirtschaftskriminalität im großen Stil.
Die Vertriebenen gehen in die Berge, leben von Wegelagerei und Straßenraub,
und wenn sie damit reich geworden sind ... Einig werden sie nur, wenn andere ihrem
kriminellen Treiben ein Ende setzen wollen.“ (Bei einem derart emotionsbelasteten
Thema sollte man vielleicht auch einmal die Vorurteile der Konfliktparteien erwähnen. Die der
Tschetschenen sind hinlänglich bekannt; unsere Presse verbreitet sie fleißig als „DIE WAHRHEIT“.)
Einen für die Zeit typischen Feudalstaat gab es in Tschetschenien also nicht, sondern fast alle Angelegenheiten wurden auf lokaler Ebene durch den Stammesrat gelöst. Für gemeinsame Angelegenheiten war der Landesrat, der Mechka Kchel zuständig, der bei Bedarf einen temporären militärischen Führer wählte. Jede Form von Autokratie wurde abgelehnt. Vielmehr zählen die Tschetschenen zu den Werten, auf die sie besonderen Wert legen, Gerechtigkeit, Gleichheit und Kollektivität.
Neben dem Stammesrecht Adat wurde seit der Bekehrung zum Islam die Sharia (Šariat) zur zweiten Rechtssäule. Durch die Timuridenherrschaft und die Islamisierung kamen die wesentlichen kulturellen Einflüsse bis zum 18. Jahrhundert vor allem aus dem tatarisch-türkischen Kulturbereich.
Die russischen Fürstentümer standen zwei Jahrhunderte lang unter mongolischer Oberhoheit. Nach dem Ende der Fremdherrschaft im Jahr 1503 gründeten sie ein einheitliches Reich mit einem autokratischen Zaren, der sein Reich nach Feudalherrenart auch prompt zu erweitern suchte, sobald er es einigermaßen organisiert hatte. Dabei fiel sein Blick natürlich auch auf den geopolitisch wichtigen Kaukasus. (Da dies keine Geschichte Rußlands werden soll, muß das genügen.)
Zunächst, von der Mitte des 16. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts, versuchte Moskau, durch politische und wirtschaftliche Mittel in der Region Einfluß zu gewinnen. Ivan Groznyj („der Gestrenge“, 1533-1584) hatte 1552 und 1556 bereits die Khanate Kazan' und Astrachan erobert und erbaute 1559 die Festung Tarki als Stützpunkt russischer Kosaken. 1587 stationierte er das erste Kosakenheer in der Region, in dessen Gefolge auch die ersten russischen Siedler kamen. Aber noch war der Kaukasus militärisch nicht einzunehmen, nicht zuletzt, weil das unter osmanischem Schutz stehende Krim-Khanat, das häufig Raubzüge bis tief ins moskovitische Hinterland führte, als Puffer wirkte. Außerdem hatte Moskau im Moment noch ganz andere Probleme. Und so blieben die russisch-tschetschenischen Beziehungen in dieser Phase auf den politisch-ökonomischen Bereich beschränkt. Diese Strategie war erfolgreich und die tschetschenischen Stammesoberhäupter erkannten die Oberhoheit des Moskauer Staates freiwillig an. Sie wurden somit zu einer Art Vasallen-Verbündete der Zaren.
Als Peter I. zur Jahrhundertwende die Bühne betrat, änderte sich die Strategie jedoch. Er war entschlossen, aus dem Moskoviterreich einen modernen großrussischen Staat nach westlichem Vorbild zu machen (dieses Vorbild war gerade stark damit beschäftigt, sich mit allen Mitteln fremde Staatsgebiete anzueignen), und läutete damit die militärische Eroberung des Kaukasus ein. Die Grundlage hierfür schuf zuerst die Zurückdrängung des osmanischen Einflußgebietes, zu dem auch der Kaukasus gehörte, und die Eroberung des Volga-Raumes. Als Katharina II. dann 1783 das Krim-Khanat eroberte, stand der Weg nach Süden endgültig offen.
Zwar hatten die Tschetschenen 1781 noch freiwillig Treueeide geschworen, doch schon 1785
formierte sich eine Widerstandsbewegung unter Scheich Mansur. Er war der erste, der den
Versuch machte, die Völker des Nordkaukasus zu einem einzigen islamischen Staat zu
vereinigen. Sein gazavat (Verteidigungskrieg oder Heiliger Krieg) blieb wegen der Uneinigkeit
der Tschetschenen jedoch erfolglos. Ihm schlossen sich vor allem die unteren sozialen Schichten an, in erster Linie die armen Bergbauern.
Die reichen Tschetschenen versuchten zunächst, mit Hilfe der
Widerstandsbewegung ihre Macht in den Berggemeinschaften zu festigen und sicherzustellen,
daß sie die Art ihrer Beziehungen zu Moskau auch künftig selbst bestimmen konnten.
Als sie damit die Bauern gegen sich aufgebracht hatten, ohne ansonsten viel zu erreichen,
kehrten sie Mansur den Rücken. Nicht wenige traten in die russische Armee ein, um die
rebellierenden tschetschenischen Bauern niederzuschlagen. Mansurs Kampf dauerte bis 1791,
als er gefangengenommen wurde und in der Festung Schlüsselburg starb.