Kazan'

Als ich mich 1989 mit Rußland – damals natürlich noch der Sowjetunion – zu beschäftigen begann, hatte ich nur eine sehr vage Vorstellung von diesem Land. Ich wußte, daß es ein in seinen Dimensionen unvorstellbares Land war: eine riesige Landfläche, zahllose große und kleine Völkerschaften mit noch viel zahlloseren Menschen. Aus der Tagespolitik kannte ich ein Land, das unter Gorbačev gerade die ersten vorsichtigen Schritte auf dem langen Weg des Umbaus unternommen hatte. Und ich hatte den Eindruck, daß es ein Land der Widersprüche und Gegensätze war: Dem einmaligen kulturellen Reichtum der Vergangenheit schien eine völlig kulturlose Gegenwart gegenüberzustehen; die sprichwörtliche „russische Seele“ und das Wort vom „Mütterchen Rußland“ waren so gar nicht mit den armen und von ihren Regierenden von jeher nur als Masse wahrgenommenen Menschen in Einklang zu bringen. Davon, wie es in Rußland wirklich zugeht, vom Leben jenseits der höchst einseitigen und – leider ist sie das heute immer noch – ideologisch und von Vorurteilen geprägten westlichen Berichterstattung wußte ich nichts. Allerdings war alles, was man hierzulande über Rußland zu hören bekam, so einfach, so eindeutig clichéhaft, daß zumindest eines klar war: Mit der Realität konnte es nicht viel zu tun haben. Vielleicht geht es anderen ebenso – und denen möchte ich hier ein wenig von Rußland erzählen.

Westliche Reisende, ob Politiker, Wirtschaftsfunktionäre, Journalisten oder Touristen, beschränken sich bei Rußlandbesuchen meist auf Moskau, das sie zudem häufig nur als glitzernde Metropole kennenlernen, und Petersburg. Schon allein die Tatsache, daß Moskau zu den fünf teuersten Städten der Welt zählt und einige der weltweit reichsten Menschen hier wohnen, deutet darauf hin, daß diese Stadt nichts, aber wirklich gar nichts mit dem eigentlichen Rußland zu tun hat. St. Petersburg ist zwar weniger „unrussisch“ als Moskau, historisch, kulturell, wirtschaftlich und geographisch aber doch eng mit dem Westen verbunden und sehr auf ihn ausgerichtet. Es ist eigentlich eine europäische Stadt, was man von Rußland im allgemeinen sicher nicht behaupten kann. Für meine kleine Erzählung habe ich mir daher Kazan’ ausgesucht.

Sehen wir uns zuerst einmal an, wo wir uns hier befinden:

Kazan

Kazan

Kazan

Kazan


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